Search

Berkeley



Friday, January 26th, 2007

Die Eisenhowerlösung

Und es wurde Morgen und es wurde Abend, der dritte Tag. Und zwar der dritte Tag im Kalender des grünen Giftes. Nach zwei Tagen Grünglut, so stehts auf der Flasche, soll man dem Aquarium eine zweite Dosis zusetzen, und also goss ich am Vorabend nochmal siebeneinhalb Mililili ins Filterbecken und beobachtete abermals bass erstaunt, oder vielmehr eher bassbariton erstaunt, wie aus orangefarbenem Gift giftgrünes Wasser wird. Ein Chemiker erklärte mir, dass das Gift unter Lichteinfall angeregt werde und dann fluoresziere, und in hoher Konzentration diese nun ausfluoreszierten sekundären Photonen wieder aufgefangen würden, und also höhere Anregungsgrade erzielt werden können, die dann orange aussehen, oder aber das Fluoreszenzgrün einfach weggefangen wird, und deswegen sieht es dann orange aus, oder wieder ganz anders, ich konnte nicht recht folgen. Ich glaube darum vorsichtshalber kein Wort, und also stattdessen weiterhin an schwarze Magie. Beziehungsweise plutoniumgrüne.
Sieht man sich nun durchs halbgewusste grüne Glimmen hindurch die neuerlich unter Führerattacken leidenden Fische näher an, sieht man zweierlei. Zum einen sind die Tiere noch immer nicht gesund, sondern vom Pilz zernagt und von der Lethargie geplagt, zum anderen aber scheint der unmittelbare Flossenbrand gestoppt, und die weisslichen Ränder in der Abheilung vielleicht begriffen zu sein und also eine Wende vor der Tür zu stehen. Die aber andererseits vom Fischkillerfisch Augustus sofort wieder zunichte gemacht würde.
Muss also doch noch die Todesstrafe verhängt werden über das renitenten Geschöpf? Augustus eingefangen, in eine Plastiktüte mit Wasser gesteckt und ins Gefrierfach getan, damit er sanft in den Kälteschlaf gleiten und im Fischjenseits wieder aufwachen kann, jenseits der grünen Wiese, wo gebratene Geisterschrimpe aus der Luft ins Wasser fallen und zartgliedrige Fischelfen Rumba tanzen? Wo der Fisch des Fisches Freund ist, oder doch zumindest ein unbeteiligter Passant oder Zuschauer, und nicht ein Wolf im Barbenpelz?
Es ist verlockend, einerseits. Aber pah, nix da, Rumba! So weit kommts noch!
So sinnvoll eine solche Hinrichtung im Hinblick auf das Wohlbefinden der Gesamtbevölkerung nämlich auch sein mag, so rational, so ganz im Sinne des Utilitarismus und durch und durch ethisch, ich kann mich zu dergleichen Frivolitäten nicht durchringen – man hat mich ja noch nicht mal in mein Hinrichteramt hineingewählt, sondern ich bin sozusagen selbsternannt – und entscheide mich stattdessen für den diametral entgegengesetzten, und also völlig irrationalen und wahnsinnigen Weg, den der grosse Fischfreund Dwight D. Eisenhower vor geraumer Zeit schon messerscharf vorhersah: wenn man ein Problem nicht lösen kann, orakelte der kluge Mann, dann muss man es vergrössern. Und zwar von 10 auf 29 Gallonen.
Damit nämlich dann in den endlosen Weiten dieser neuen unkartierten Wasserwüste der Fischfaschist Augustus sich rettungslos verlaufe, und niemanden mehr zum Zwacken oder Trietzen finde und so seine Lektion doch noch eingebimst bekomme. Jawohl, so soll es geschehen, ein neues Aquarium muss her.
In den letzten Zügen glimmt jetzt somit grün das alte Becken. Geniesst euer Gift, Fische, bald kommt eine neue Welt.

Thursday, January 25th, 2007

Rückkehr und Abschied

Die Menschen sprechen davon, dass morgens die Sonne aufgehe, im Osten, dann aufsteige über das Himmelsrund und schliesslich im Westen wieder untergehe, das alte Stück, um die Welt der finsteren Nacht zu überlassen. Und dann freilich wiederzukehren, für Nachschlag. Epistemologisch wird der Vorgang gerne als Beispiel für die Unmöglichkeit induktiven Schliessens hergenommen, denn nichts kann uns Sicherheit darüber geben, dass der Sonnenlauf auch morgen so sich ereigne und nicht etwa andersrum. Epistemologisch verlässt man sich am Besten auf gar nichts.
Obendrein ist aber diese ganze Darstellung, mit ihren Unter- und Zwischentönen von Hoffnung und Aufbau, von Höhepunkt und von sehnsuchtsvollem Abschied, ein gewaltiger Irrtum. In Wahrheit dreht sich ja die Erde wie ein Brummkreisel um ihren eigenen Nabel, den Nordpol, nichts steigt, nichts sinkt, und der monströse Feuerball Sonne ballert hirnlos Strahlung in die Schwärze, als gäbe es keinen Morgen und keinen Abend, und auch sonst ohne sich um unsere Illusion eines Tagesablaufs zu scheren.
Diese Einschränkungen halte man im Hinterkopf, wenn ich nun erzähle, dass an diesem Morgen die Sonne über einer traurigen, grünglühenden Szene aufging, und einer der gestreiften Fische leblos am Filterstutzen klebte, angesogen von der Strömung, aber vom minderen Druck natürlich nicht durch die Öffnungen gesaugt, blöde Frage. Eine Atmosphäre Überdruck saugt nicht mordlustige Weltraummonsterköniginnen durch ein kleines Loch ins Vakuum, und auch die totgemordeten Opfer eines Fischtyrannen haben Zusammenhalt, und zerstäuben nicht sofort in ihre Bestandteile wenn die Entropie an ihnen zerrt. Stattdessen wird die Fischleiche nun von mir behutsam gepflückt und landet im Müll. Das mag fühllos scheinen, aber Sonne und Universum scheren sich schliesslich auch nicht.
Wie nun erging es unterdessen Augustus? Gab ihm der Tod des unschuldigen Kofisches zu denken, den er doch durch sein Flitzen und Jagen verschuldet hat? Trauert er nun womöglich um den verreckten Gefährten, beklagt dessen gebrochene Augen? Die Schwanzflosse, die nicht mehr schlägt, das stolze Herz, und so weiter? Es ist schwer zu sagen, denn Augustus ist nicht aufzufinden.
Am Vortag hatte ich dem Verbrecher, von seinem angstvollen Verharren wider Willen angerührt, die alte Sonnenbrille in den Schwimmknast geworfen, hinter der Ken immer so keck, so jugendlich dynamisch gewirkt hatte, damit auch Augustus sich nun hinter ihren getönten Gläsern verbergen und aus dieser Sicherheit heraus vielleicht resozialisiert werden könne. Und muss nun also erstmal die Brille rausnehmen, ehe ich glaube, dass der Malefitzfisch tatsächlich ausgebrochen ist, die blöde Sau. Und wirklich, nachdem sich meine Augen wieder ans grüne Glimmen gewöhnt haben, sehe ich ihn putzmunter und kreuzfidel zwischen den kränkelnden Übriggebliebenen auf und ab sausen und zweifellos spitze Bemerkungen streuen und Zwietracht säen. Er muss in einem kecken Anflug von Mut den Sprung gewagt haben über die aufragende Plastikwand und in die Freiheit.
Enttäuscht wende ich mich nach einer Weile vom Schauspiel ab, aus dessen unveränderter Konstellation siecher Opferfische und fröhlicher Täterfische mir keine Freude erwachsen mag. Weil ich zu lange ins Grün gestarrt habe, scheint mir nun die ganze Welt orangerot, als ginge so kurz nach ihrem Aufgang die Sonne auch schon wieder unter, rotfeurig, denn Blut wurde vergossen an diesem Tag.
Das ist aber nur eine Illusion und geht bald vorbei.

Friday, January 19th, 2007

Plutonium

Man mag vom kleinen Prinzen halten, was man will – nichts, zum Beispiel, oder die Luft an, bis was passiert –, aber in der Frage der Zähmung des Fuchses ist der Kitschexplosion aus dem Niedall nicht viel entgegenzusetzen. Hat man ein Geschöpf gezähmt und also durch Zuwendung in Abhängigkeit gebracht, dann ist man doppelt dafür verantwortlich: moralisch für die Befriedigung der Bedürfnisse dieser Abhängigkeit, emotional, indem die Verschränkung der Schicksale einen Anker ins eigene Herz pflanzte. Eine schwere Kette hängt an diesem Anker, über die die Freuden und Leiden des Geschöpfes wie über ein Dosentelefon übertragen werden, und es lässt sich nichts mehr machen.
Ungut also schlägt mir der Anblick der leidenden Fische zu Buche, sowohl der schwanzlahmen Opfer als auch des Täters Augustus, der depressiv in einer Ecke seines kalten Beckens kauert und die Welt nicht begreift. Das immerhin war auch vorher schon so, aber da schwamm er immerhin noch fröhlich durch die Gegend. Als Mordmaschine, andererseits, aber die Kinderlektion über Moral hatten wir ja letzte Stunde. Jetzt: Chemikalien raus, Gesundungsarbeit.
Aber erst setze ich noch den Schwimmknast ein, eine Plastikwanne mit Auftrieb erzeugenden Henkeln, vergittert, um Strömung zu erlauben, die laut Packungsaufdruck sowohl zur Aufzucht von Junggefisch wie der Züchtigung delinquenter Altfische taugt. Das Becken schwimmt, den lethargischen Tyrannen einzufangen ist ein Kinderspiel, und schon sitzt er wieder im Hauptbecken, von seinen kränkelnden Opfern aber durch ihm unbegreifliches Klarplastik getrennt. Vorerst ist es ihm aber noch egal.
Nun also die Chemie. Im Fläschchen ist drolligerweise trotz der Aufschrift aussen keine grüne Flüssigkeit, sondern eine tieforange, und mir kommen Zweifel. Grün, das hätte mir eingeleuchtet, das wäre in Ordnung gewesen, und hätte sicherlich die Lage verbessert. Orange, andererseits: ein Designfehlgriff. Aber es hilft nun alles nichts, es ist eben nur dieser orange Scheiss im Haus, siebeneinhalb Milliliter, tolles Wort, Millilliliter, Billilleliloter, sind abgemessen und werden in den Filterkasten gegossen – die Aktivkohle vorher entfernt, professionelle Brunnenvergiftung also –, und dann, aber, hallo, he, nanu.
Eine giftig plutoniumgrüne Wolke nämlich schwappt jetzt aus dem Filterauslass ins Becken, glüht fluoreszierend und ist so dicht, dass es nicht aussieht als werde hier Wasser gefärbt, sondern vielmehr als werde es von einem Plutoniumnebelgeschöpf aus dem Weltraum verdrängt. Dagegen ist der kleine Prinz ein Dreck. Das Neonröhrenlicht verblasst merklich, nur ein vages Rechteck scheint noch funzlig durch die Schwaden; stattdessen leuchtet das Becken selbst jetzt wie der Reaktorbrennstab, der dem Mann immer hinten in den Kragen fällt, in dieser Sendung da, ein diffuses, giftgrünes Glimmen. Es scheint gute Medizin zu sein, gute Medizin.
Die Barbenbevölkerung ist zu beschäftigt mit ihren Gebrechen, um Notiz von den veränderten Verhältnissen zu nehmen, Barbenbarbar Augustus sitzt gleichgültig am Zellenboden und kratzt mit den Flossen obszöne Zeichnungen in den Schmierfilm, aber auch die drei Otocincli nehmen die plötzliche Ergrünung einfach hin. Das Glühen ist also wohl fischneutral.
Es sind den Fischen wohl die Flossenpilze, denen diese farbwandelnde Teufelschemikalie zu Leibe rücken soll, von keinerlei emotionalem Interesse. Wäre der Pilz des Fisches Haustier, die Dinge lägen sicherlich anders.

Friday, January 19th, 2007

Tod

Es besteht im Kopf des Menschen ein irrationaler Irrtum oder eine verblödete Hoffnung dergestalt, dass die Beseitigung einer bösen Ursache auch sämtliche ihrer unguten Wirkungen auslösche. Nun folgt aber in der Logik aus „wenn P dann Q“ und „nicht P“ keineswegs ja die Negation von Q, sondern vielmehr genau rein gar nichts. Und im wirklichen Leben ist es sogar noch ein bisschen schlimmer, weil aus diesem Nichtfolgen ja umgekehrt die unbedingte Bewahrung von Q qua der Existenzträgheitizität des je Zurhandenen folgt. Sich. Soweit die Philosophie, oder ihre klingelnde Simulation durch den Laienaquaristen.
Unter Wasser bedeutet dieses nutzlose Geschwurbel, dass die Auslagerung von Augustus in ein schlecht gelüftetes und unterkühltes Ersatzaquarium den flossengeschädigten Fischen mit messerscharfer Logik nachweisbar überhaupt nicht hilft. Nach wie vor scheinen pulvrig weiss die sich auflösenden Flossenränder, hängen die Fische Nasengewebe abwärts in den Fluten und wirken auch sonst, als hätte ihr letztes Stündlein soeben angerufen und sich auf einen Besuch angemeldet. Am schlimmsten dran ist eindeutig das ursprüngliche Opfer. Der armen Fischdame fehlt nun tatsächlich die gesamte Schwanzflosse, die sonst fröhlich wedelnden Flossenbeine an der Fischunterseite kleben zusammen, und das Tier selbst ist sichtlich nicht mehr für viel zu begeistern, und kann sich auch gar nicht mehr fortbewegen, sondern wedelt stattdessen unnütz mit dem entflossten Rumpf. Es ist ein jammervoller Jammer.
Der dann am nächsten Morgen wie absehbar endet, mit der toten Fischin an der Wasseroberfläche dümpelnd, und dem Rest der coolen Gang lustlos drunter. Immerhin frassen sie die tote Gefährtin nicht kurz und klein in ihrer Trauer, man muss ja scheinbar diesen Mordbuben für jede kleine Rücksichtnahme dankbar sein, und also bin ich den Kranken auch sorgfältig dankbar, als Hoffnungssplitter in dieser Dunkelheit.
Traurig lese ich das verstorbene Tier aus dem Becken, mache Beweisfotos für die Tribunale, die Augustus demnächst blühen werden, schlage die Leiche sorgfältig und unter Herzweh in Küchenpapier ein und pfeffere sie dann resolut in den Müll. Sie hätte es nicht anders gewollt.
Noch einen Tag warte ich nach diesem Debakel ab, ob die Verlegung des Augustus ins Exil den Fischen die Gesundheit wiederherstellt, es tut sich aber nichts oder vielmehr schreitet der Verfall fort. Wie alle Unglücklichen weltweit wende ich mich also der Chemie zu. Vorerst noch nicht den Giften, sondern noch den Heilsubstanzen, aber der dieser Unterschied ist ja ohnehin nur graduell und nicht im Seinswesen begründet. Verzeihung, Philo-Rückfall.
Eine bunte Auswahl von rätselhaften Substanzen lockt im Medizinregal, gegen Bakterien, gegen Pilze, gegen Kühe, gegen Fische und gegen Würmer stehen je mehrere Fläschchen herum, und ich schliesse schnell die Augen und zeige auf eins davon. Grün. Na, wird schon stimmen.
Im Nebenbecken vegetierte unterdessen Augustus reglos in der Kälte, die Schuppen stumpf und vom verschnupften Schleimüberschuss die kecken Streifen grau verfärbt. Auch Augustus also, der ansonsten sich bester Gesundheit erfreut, wird die gegenwärtige Krise vermutlich nicht überleben. Es sei denn, dass. Und so kaufe ich dann noch ein Schwimmgefängnis, zur Tyrannenrettung. Grau, teurer Fischfreund, ist alle Moral.

Thursday, January 18th, 2007

Exil

Was aber tut man nun mit einem Völkermörder und Terroristen, einem Diktator, der ohne Rücksicht auf seine eigenen Untergebenen Tod, Verderben und Scheucherei in die Welt trägt und dort mit grauen Stacheldrahtschleifchen festbindet? Eine Statue von Augustus, die man demonstrativ umwerfen könnte, um dem schlimmen Treiben Einhalt zu gebieten, findet sich im Aquarium natürlich nicht, allem Grössenwahn zum Trotz, denn dazu ist so ein Fisch halt nunmal doch zu doof. Und seine sechs geplagten Untertanen hinzuschlachten, um ihm unzweideutig klarzumachen, dass es so nun aber wirklich nicht ginge, hiesse zwar eine gesalzene Lektion aus der Weltgeschichte zu lernen, will mir aber zumindest in der Aquaristik nicht recht einleuchten. Unter Wasser herrschen eben doch vielleicht andere Gesetze als an Land.
Zudem ist die Bevölkerung ja durch die Triezereien ihres Vorgesetzten ohnehin schon schwer lädiert und kränklich, die blaue Fischin hat nun bald schon gar keine Schwanzflosse mehr vorzuweisen, und dieses erkleckliche Elend mitanzusehen, hat Augustus auch nicht zu stoppen vermocht.
Kurz und gut: der Tyrann muss weg. Auf die Hilfe der verschreckt und malad an den Seiten kauernden anderen Fische ist dabei nicht zu rechnen, es kommt also wieder einmal auf meinen Mut und meine Gewitztheit an, ob der Welt der Fische eine Zukunft beschieden ist. Flink ist der Käscher gefunden in der aquaristischen Grabbelkiste, in der sich unterdessen allerhand unsinniges Zeug angesammelt hat, und ebenso flink muss ich einsehen, dass dem Fischmogul mit so einem Netz nicht beizukommen ist. Immer nämlich wenn ich ihn an der einen Stelle einfangen möchte, ist der Fisch längst an eine ganz andere teleportiert, dem Sprungverbot in der Natur zum Trotz. Aber es ist natürlich auch keine richtige Natur, sondern ein Aquarium.
Zudem steht aber ja auch noch allerhand Gerümpel im Weg, ein Schloss, Spinat, ein Stein aus Plastik, in dem der Fisch sich verbergen und ich ihn auch ohne Teleportation seinerseits nicht wegfangen könnte.
Zuletzt komme ich durch gründliches Nachdenken auf die Idee, das Problem durch gründliches Nachdenken zu lösen, und dann ist auch bald schon eine Idee geformt. Das Netz im Zentimeterabstand vor die Acrylglasscheibe gehalten wedle ich mit dem blauen Futterdosendeckel, was, wie immer, die Fischherde herbeilockt. Drollig summen sie nun durcheinander, direkt vor dem Netz, und mein teuflischer Plan wäre ja längst gelungen. Aber Augustus selbst hält sich abseits und lässt die anderen machen. Hat er mich durchschaut? Ist hinter mir eine andere, grössere Falle aufgebaut und schnappt sogleich zu und erledigt mich im Handumdrehen in meinem eigenen Wohnzimmer? Ich blicke mich angstvoll um, es ist aber nichts da.
Dann macht Augustus doch noch einen Fehler, er traut seinen Untergebenen nicht und schwimmt vors Netz, um selber mal nach dem Rechten zu sehen, und ist auf der Stelle einkassiert und rausgefischt. Dachtest, du wärst mir über! Was, Fisch?
Sekunden später findet Augustus sich in Kens Ausweichaquarium wieder, zusammen mit Kens kleinem Schloss und der Sonnenbrille, und weiss ganz hochersichtlich nicht, wie ihm geschah: nämlich recht.

Wednesday, January 17th, 2007

Von den Ursachen des Siechseins

Es ist die Barbe ein geselliges Wesen und schätzt den Umgang mit ihresgleichen. Das erkennt man wie bei allen sozialen Geschöpfen daran, dass im Gefahrenfalle der Herdentrieb einsetzt, ein Zusammenstehen und Gruppebilden, ein Küngeln und gemeinsames Verstecken. Dies, den Feind einerseits zu verwirren, und andererseits aber auch auf den Fischgenossen aufmerksam zu machen, der ja womöglich schwächer und fangbarer einherschwimmt, und also dem geschätzten Herrn Jäger das Leben und die Mahlzeit erleichterte.
Nun ist leider aber andererseits die Barbe selbst, man hat es ja an der fühllosen Hinschlachtung der Geisterschrimpe sehen müssen, ein Mörder und Menschenfresser, und schrieb sich darüber hinaus aus dem grossen Buch der Natur auch den Irrglauben ab, dass es immer und überall Stärkere geben müsse und Schwächere, ein Alphatier und ein Omegatier. Alphatieren, so der Irrglaube weiter, gehöre die Welt und das Recht, ja, die Pflicht, die Welt von Omegatieren, die sich mutwillig in sie hineinsetzen, zu säubern. Folgerichtig also verfolgt seine Konspezifisten nun Augustus, der vom Schlossbesetzer nach einer vergleichsweise friedlichen Schläferphase jetzt direkt zum Beherrscher der Gläubigen und Herrn der Dinge, mit anderen Worten also zum Aquarieneigentümer aufgerückt ist, und also die anderen sechs Fische durch die Gegend scheucht, dass die Freude selbst reissaus nähme. Beziehungsweise längst nahm.
Die Vertriebenen dümpeln lustlos schräg schnauzab am Acrylglas oder in Kiesnähe, und wagen sie, eine Flosse ins leerstehende und verlockend lachende Beckeninnere zu stecken, werden sie umgehend einmal quer durchs Wasser gejagt und abschliessend in den Fischpo gezwackt. Glaube ich jedenfalls, sehen kann man es nicht richtig, die Fische sind zu schnell.
Dieser Jagdstress nun, gegen den auch das Zusammenstehen nicht mehr recht hilft, weil er ja aus der eigenen Mitte verräterisch ausgelöst und herbeibeschworen wurde, lädiert den Fischen das Immunwesen und die Abwehrbürokratie. Der Flossenbrand oder die Flossenfäule hat nun leichtes Spiel und ist tatsächlich auch schon in die Schwanzregion von drei weiteren Fischen eingefallen, während der ursprünglich und zuerst befallenen Blaufischin Dreiviertel davon nun schon ratzputz fehlen. Wie einst Pest unter mittelalterlichen Dörflern wütet hier also Schlossherr Augustus unter seinen Mitfischen und ruiniert ihnen Leib und Leben. Er selbst sieht dabei blendend aus und besser als je zuvor, die Körpermasse, die während seines Hungerstreiks bedenklich geschwunden war, voll wiederhergestellt.
Vielleicht ist ja letztlich genau dieses Wiederaufblühen der Leibesfülle der Grund für seine neuerstarkten Gebietsansprüche, und also der Blutwurm und ich, sein Futterspender und somit willfähriger Aufrüstungsgehilfe, der eigentliche Grund für die sich nun entfaltende Tragödie. Und nicht vielmehr und weitaus naheliegender die rabiate Dummheit und Gemütsverrohung, die die Fische ein ums andere Mal an den Tag legen.

Friday, January 12th, 2007

Wirbelmeditation

Wenn man ein wenig in der Grundsubstanz rührt, auf der alle Existenz ruht, steigen, aufgestört durch dieses Rühren und durcheinanderwirbelnd, Schwaden von sich zersetzenden Partikeln der Vergangenheit auf, Fragmente von Ereignissen und Gelebtem in sich rasch zerteilenden und mischenden Wolken. Die schwereren Brocken sinken sogleich zu Boden und verschwinden wieder, unverdaulich und ungesehen, im Unterbau, aber die leichteren Stücke, schon von organischen und chemischen Kräften angegriffen, bleiben sichtbar und in einem Schwebezustand gehalten. Sie zeigen durch ihre Bewegung und ihre wechselnden Konstellationen die ansonsten unsichtbaren Strömungen und Bewegungen der sie tragenden Gegenwart des Wassers an.
Genug der verkorksten Geschichtsmetaphern, hier ist natürlich die Rede ausschliesslich vom Aquarium, man konnte es sich ja schon denken, und die Brocken sind keine unverarbeiteten Angriffskriege oder Freundesgeheimnisverrat, sondern von Würmern und Bakterien angenagtes Halbverdautes und zerfallende Pflanzenbrocken. Es kommt zwar am Ende sozusagen aufs Gleiche raus, weil man so wie so nicht recht klarsieht, aber da endet die Parallele oder Allegorie auch schon wieder. Sprechen wir nicht mehr davon.
Fast nun ist es schöner, diesen schwebenden Müllflocken beim Schweben und Tanzen zuzusehen, als den sie erzeugenden Fischen beim Schwimmen und Fischsein. Zum einen gibt es viel mehr Flocken als Fische, zum anderen aber besteht ja keinerlei emotionale Bindung an ein Stück Gärschlamm, und das Schicksal des je einzelnen Brockens kann dem Betrachter also völlig piepe sein. Dieses hässliche Wort habe ich übrigens nur gebraucht, um das schiere Ausmass der piepegalen Gleichgültigkeit noch ein bisschen abscheulicher greifbar auszudrücken.
Der Leser fragt sich nun vielleicht, was an einem piepen Rudel Dreck interessant sein soll, und er fragt sich das zu recht, denn das wichtigste Detail des ganzen Arrangements habe ich noch nicht erwähnt: den Filteransaugstutzen, links hinter dem Schloss. Auf etwa zehn Zentimetern befinden sich hier zahlreiche kleine horizontale Schlitze in einem schwarzen Plastikzylinder, durch die stetig Wasser angesaugt und dann durch den Filtersack gepresst wird. Klar kommt das Wasser sodann wieder zurückgeplatscht oder ohne sichtbare Bewohner. Was der Filterstutzen einmal hat, das gibt er nicht wieder her.
In weitem Umkreis um den Stutzen befindet sich das Medium in Turbulenz, und es ist der Kampf der Schwebeteilchen gegen den Sog der Löcher im schwarzen Stutzen, der den Geschehnissen ihre Würze gibt. Wird dieser organische Klumpen von einer aufwärtsführenden Strömung ergriffen noch eine Kreisbahn drehen können, oder fasst ihn überraschend der nahe am Zylinder bestehende abwärtsführende Sog und zieht ihn unaufhaltsam ins Dunkel? Stück um Stück verschwinden die Verunreinigungen in den Öffnungen, es ist ein Freudenfest für die Sinne, vor allem für den Zerstörungssinn und die Lust am Untergang. Wohl zehn Minuten dauert es, bis ein aufgeworfenes Müllgestöber eingefangen und abgesaugt ist, und in diesen zehn Minuten bleibt die Welt stehen und wird Strömung. Paradox, aber wahr.
Danach dann wieder Fisch.

Wednesday, January 10th, 2007

Ei, Ei, Ei

Es gibt in der generativen Grammatik des Tanzes der organischen Materie eine steinalte Phrase, in der zwei der Tänzer sich erst zu nahe kommen, um anschliessend sichtbar und fühlbar verändert wieder auseinanderzugehen. Im vororganischen Zeitalter wurde diese Phrase für die expandierenden Ringe genutzt, die ein Stein verursachte, stürzte er unter Donnern und Blitzen vom Berg ins Meer. Nach Ankunft des Lebens nutzte die Evolution das Muster dann erst für gegenseitiges Anrempeln und Aufessen, später dann auch für die Bildung mikrobiologischer Wohngemeinschaften (Chloroplasten! Mitochondrien! Ratatouille!) und den rückwirkend von uns Sex genannten Vorgang der Chromosomenmischung. Genau genommen führt sogar jede Begegnung zwischen zwei Organismen zu irgendwelchen Folgen, meist zu Unfug, aber dennoch hören natürlich die Organismen nicht auf, einander zu begegnen. Es ist ein sogenannter Trieb.
In diesem speziellen Falle haben das Streifenweibchenjagen und die Unaussprechlichkeiten, die dem gefolgt sein müssen, und die ihre Unaussprechlichkeit ihrer Unbeobachtetheit verdanken, das Fischweib zur Eiablage verführt. So muss es wohl gewesen sein, aber weil die Natur ein grausamer Koch ist, oder vielmehr ein fühlloser Trampel oder mit nochmal anderen Worten eine blinde Ansammlung aufeinander einteufelnder Moleküle, haben die Fische sich umgehend an den Verzehr des unerwarteten Frühstücks gemacht, und vom sicher erklecklichen Eiklecks sind nur noch ein Schleimfaden und ein kleines Eibällchen anklagend vom Schlossturm gehisst, als mir die Malaise zum ersten Mal auffällt. Betroffen gucke ich kurz woanders hin, und schwupp, sind auch die letzten Reste noch vertilgt. Die Evolution frisst ihre Kinder. Ist Quatsch, klingt aber gut.
Das Eifrühstück nun ist natürlich einerseits eines grausame Wahrheit, oder ein ernüchternder Einblick in die Seelen meiner Freunde, wenn sie denn wirklich meine Freunde sind, und nicht vielmehr nur eine Handvoll Fische, andererseits ist es aber gut so, denn aus den Eiern hätten ja leicht ein paar Dutzend neue Fische schlüpfen können, denen man dann wiederum frisch geschlüpfte Urzeitkrebse zum Frass hätte vorwerfen müssen, weil anderweitig in die Mikrofischmäuler nichts reinpasst, und dann wäre irgendwann das Verhältnis von Fisch zu Wasser restlos umgekippt. Kleine Wasserblasen wären dann endlich ziellos durch einen soliden Fischblock gedriftet, unter einer roten, kraftlosen Sonne; ein Universum am Ende seiner Kräfte.
Nein, nein. Ist schon besser so.

Wednesday, January 10th, 2007

Paartanz

Einstweilen lenken aber vorgezogene Frühlingsfeste von den sich entwickelnden Problemen ab. Eine leise Tanzmusik durchweht die Fluten, und die Männchen, die man wie beim Menschen an ihren gockelhaft aufgestellen bunten Rückenflossen erkennt, drängen die Weibchen zu Tanz und Tollerei. Augustus und ein namenloser Kollege jagen eine der gestreiften Frauen die Plexiglaswände auf und ab, und sie lässt es sich, soweit sich das sagen lässt, gern gefallen. Jedenfalls öffnet und schliesst sie lüstern und geradezu paarungsbereit den Mund. Oder eben atmend und genervt, oder was, als Mann ist man beim Beobachten von derlei Material ja immer gehandicapt. Das geht auch Augustus und seinem Fischkollegen so. Fast schon reisst das Jagdgeschehen nämlich sich nun ganz von der Fraunsperson los, eine Fischmännerschlägerei droht sich zu entspinnen, ein Wettlauf der Gockel, ein Paradeprachtreiten der Seehengste, aber dann besinnt sich Augustus doch noch eines Besseren, schlägt flink einen unerwarteten Haken und schwimmt wieder wie eine flossige Gentlemanattrappe neben der Frau dahin. Freilich nur sekundenlang, dann hat der Konkurrent den Braten gerochen und rückt erneut zum Schwanzflossenvergleich herbei.
Aufgrund des mechanischen Wesens des Fisches muss das Geschilderte nunmehr in zahlreichen Wiederholungen immer und immer wieder geschehen, ehe dann vielleicht was Neues geschehen kann, und wir wenden unsere Aufmerksamkeit also besser Anderem zu.
Zum Beispiel den beiden kleinen blauen Fischen, die über dem höchsten Schlossturm, Nasengewebe an Nasengewebe einander gegenüberstehend, ein gemeinsames Zentrum oder Gefühl umkreisen, Eskimosküsse im Warmwasserbad, Liebesballett der Kleinwirbler. Es ist nicht recht zu begreifen, was die Fische dabei antreibt und worin der Lohn der Mühe für sie bestehen mag, ein kleines, blaues Wohlgefühl wird es wohl sein, in den kleinen blauen Köpfen, ein Schwingen der Fischneuronen in Einheit und Gleichklang über den tiefen Wassergraben hinweg, der zwischen den Individuen gähnt, die Genugtuung eines vorübergehenden Betrugs am Weltgeist, der Symbole der Einsamkeit in die Fischherzen gemalt hat bei ihrer Erschaffung. Dann trennen die beiden Fische sich wieder und schwimmen ihrer Wege, der eine links ums Schloss, der andere rechts, wo ihm schon Augustus entgegenrast, scharf abbremst, gegenlenkt und der Gestreiften quer und mit quietschenden Flossen den Weg abschneidet.
Komm, Puppe, hüpf rein.

Tuesday, January 9th, 2007

Von der Existenz der Ordnungsmächte

Schlimm hingegen steht es um eine der Barben, ein Weibchen, wie ich aus Gründen der genauen Beobachtung und des Fischsexualisierungshalbwissens zu wissen glaube. Hinten unten an der Schwanzflosse zeigte sich erst weisslich eine Art Flossenrand oder Ornament, Adoflosse mit der Weisskante, quasi und also möglicherweise eine Aufwertung des Fisches im Hinblick auf einen Weiterverkauf auf Ebay oder in der Fernsehwerbung. Dann aber, wie die Feuerrinde an einem verbrennenden Blatt Papier, frass die Kante sich vorwärts durch die Flosse, und liess nur verbranntes Wasser hinter sich zurück.
Kaum war mir das nun aufgefallen, da fiel noch mehr; nämlich mir auch rückwirkend wieder ein, dass schon seit einer Weile ja diese eine Fischin – die grösste der drei blaugrünen – zerrupft und flossenkarg ausgesehen hatte. Die Knochenstrahlen der ventralen Bauchflossen unverbunden abstehend, auch die Flossenhaut der Analflosse angegriffen, und die der Dorsale mit Lücken zwischen den Flossenstrahlen, deren Aufrichten, herbeigeführt durch eine Kontraktion der Körpermuskulatur in Vermittlung durch die Flossenstrahlträger, kaum zum gewünschten Effekt der Beeindruckens zufälliger Betrachter oder vorüberschwimmender Kobarben, sondern eher zu mitleidigem Abwenden der vorgenannten Bevölkerungsgruppen führt. Sofern der Fisch denn überhaupt des Mitleidens mächtig sei wie der Mensch. Zweifelhaft, aber man weiss es nicht und muss das Beste annehmen und ein Optimist sein auch unter Wasser und den schlimmsten Bedingungen.
Nun aber ist hier ja über das blosse zerfranste Aussehen hinaus ernstlicher Flossenfrass im Gange, und das kann nun freilich selbst unter der wohlwollendsten Lesart nicht angehen. Der Fisch als solcher benötigt zur Fortbewegung die Flosse, und ist ihrer schon um seiner Freizügigkeit willen also nicht zu berauben; zudem und vor allem aber ist die körperliche Unversehrtheit ein Grundrecht auch und grade in Badewannen, alten Blumenkästen und ähnlichen Behältern, und somit der am Fisch entstehende Schaden ein Schaden am moralischen Kode des Universums selbst. Ein Schlag mithin ins Gesicht der gütigen Ordnungsmächte, die womöglich irgendwo da draussen wohnen, und nur das Beste für alles organische Leben im Sinn haben. Oder im lichtschluckenden Monolithen, oder dem Warp-Kern, oder wo die Ordnungsmächte das universelle Beste eben aufbewahren.
Man möchte die Existenz solcher Mächte ja manchmal andererseits durchaus bezweifeln. Eine sofortig durchgezogene Wasserstichprobe nämlich findet keine Mängel, die optische Inspektion von Vegetation und Bebauung gleichfalls zeigt keine Verdachtsmomente und mithin also bietet sich hier kein Ausweg halbnackt und hüftschwingend am Strassenstrich der Geschehnisse an. Nur der Flossenfrass selber zeigt, dass hier nicht alles Fisch und gut ist im Staate Dänemark, sondern manches auch Fleisch ist, und böse. Das dann auch noch unter meinen wachenden Augen langsam zu Gras wird und hinwelkt. Beziehungsweise eben zu Spinat. Dansk Jävlar Ordnungsmacht!
Das lähmende Gefühl der Hilflosigkeit immerhin, das jetzt grade einsetzt, kenne ich schon. Hallo, alter Freund.