Es ist die Barbe ein geselliges Wesen und schätzt den Umgang mit ihresgleichen. Das erkennt man wie bei allen sozialen Geschöpfen daran, dass im Gefahrenfalle der Herdentrieb einsetzt, ein Zusammenstehen und Gruppebilden, ein Küngeln und gemeinsames Verstecken. Dies, den Feind einerseits zu verwirren, und andererseits aber auch auf den Fischgenossen aufmerksam zu machen, der ja womöglich schwächer und fangbarer einherschwimmt, und also dem geschätzten Herrn Jäger das Leben und die Mahlzeit erleichterte.
Nun ist leider aber andererseits die Barbe selbst, man hat es ja an der fühllosen Hinschlachtung der Geisterschrimpe sehen müssen, ein Mörder und Menschenfresser, und schrieb sich darüber hinaus aus dem grossen Buch der Natur auch den Irrglauben ab, dass es immer und überall Stärkere geben müsse und Schwächere, ein Alphatier und ein Omegatier. Alphatieren, so der Irrglaube weiter, gehöre die Welt und das Recht, ja, die Pflicht, die Welt von Omegatieren, die sich mutwillig in sie hineinsetzen, zu säubern. Folgerichtig also verfolgt seine Konspezifisten nun Augustus, der vom Schlossbesetzer nach einer vergleichsweise friedlichen Schläferphase jetzt direkt zum Beherrscher der Gläubigen und Herrn der Dinge, mit anderen Worten also zum Aquarieneigentümer aufgerückt ist, und also die anderen sechs Fische durch die Gegend scheucht, dass die Freude selbst reissaus nähme. Beziehungsweise längst nahm.
Die Vertriebenen dümpeln lustlos schräg schnauzab am Acrylglas oder in Kiesnähe, und wagen sie, eine Flosse ins leerstehende und verlockend lachende Beckeninnere zu stecken, werden sie umgehend einmal quer durchs Wasser gejagt und abschliessend in den Fischpo gezwackt. Glaube ich jedenfalls, sehen kann man es nicht richtig, die Fische sind zu schnell.
Dieser Jagdstress nun, gegen den auch das Zusammenstehen nicht mehr recht hilft, weil er ja aus der eigenen Mitte verräterisch ausgelöst und herbeibeschworen wurde, lädiert den Fischen das Immunwesen und die Abwehrbürokratie. Der Flossenbrand oder die Flossenfäule hat nun leichtes Spiel und ist tatsächlich auch schon in die Schwanzregion von drei weiteren Fischen eingefallen, während der ursprünglich und zuerst befallenen Blaufischin Dreiviertel davon nun schon ratzputz fehlen. Wie einst Pest unter mittelalterlichen Dörflern wütet hier also Schlossherr Augustus unter seinen Mitfischen und ruiniert ihnen Leib und Leben. Er selbst sieht dabei blendend aus und besser als je zuvor, die Körpermasse, die während seines Hungerstreiks bedenklich geschwunden war, voll wiederhergestellt.
Vielleicht ist ja letztlich genau dieses Wiederaufblühen der Leibesfülle der Grund für seine neuerstarkten Gebietsansprüche, und also der Blutwurm und ich, sein Futterspender und somit willfähriger Aufrüstungsgehilfe, der eigentliche Grund für die sich nun entfaltende Tragödie. Und nicht vielmehr und weitaus naheliegender die rabiate Dummheit und Gemütsverrohung, die die Fische ein ums andere Mal an den Tag legen.
Something to say?