Die Menschen sprechen davon, dass morgens die Sonne aufgehe, im Osten, dann aufsteige über das Himmelsrund und schliesslich im Westen wieder untergehe, das alte Stück, um die Welt der finsteren Nacht zu überlassen. Und dann freilich wiederzukehren, für Nachschlag. Epistemologisch wird der Vorgang gerne als Beispiel für die Unmöglichkeit induktiven Schliessens hergenommen, denn nichts kann uns Sicherheit darüber geben, dass der Sonnenlauf auch morgen so sich ereigne und nicht etwa andersrum. Epistemologisch verlässt man sich am Besten auf gar nichts.
Obendrein ist aber diese ganze Darstellung, mit ihren Unter- und Zwischentönen von Hoffnung und Aufbau, von Höhepunkt und von sehnsuchtsvollem Abschied, ein gewaltiger Irrtum. In Wahrheit dreht sich ja die Erde wie ein Brummkreisel um ihren eigenen Nabel, den Nordpol, nichts steigt, nichts sinkt, und der monströse Feuerball Sonne ballert hirnlos Strahlung in die Schwärze, als gäbe es keinen Morgen und keinen Abend, und auch sonst ohne sich um unsere Illusion eines Tagesablaufs zu scheren.
Diese Einschränkungen halte man im Hinterkopf, wenn ich nun erzähle, dass an diesem Morgen die Sonne über einer traurigen, grünglühenden Szene aufging, und einer der gestreiften Fische leblos am Filterstutzen klebte, angesogen von der Strömung, aber vom minderen Druck natürlich nicht durch die Öffnungen gesaugt, blöde Frage. Eine Atmosphäre Überdruck saugt nicht mordlustige Weltraummonsterköniginnen durch ein kleines Loch ins Vakuum, und auch die totgemordeten Opfer eines Fischtyrannen haben Zusammenhalt, und zerstäuben nicht sofort in ihre Bestandteile wenn die Entropie an ihnen zerrt. Stattdessen wird die Fischleiche nun von mir behutsam gepflückt und landet im Müll. Das mag fühllos scheinen, aber Sonne und Universum scheren sich schliesslich auch nicht.
Wie nun erging es unterdessen Augustus? Gab ihm der Tod des unschuldigen Kofisches zu denken, den er doch durch sein Flitzen und Jagen verschuldet hat? Trauert er nun womöglich um den verreckten Gefährten, beklagt dessen gebrochene Augen? Die Schwanzflosse, die nicht mehr schlägt, das stolze Herz, und so weiter? Es ist schwer zu sagen, denn Augustus ist nicht aufzufinden.
Am Vortag hatte ich dem Verbrecher, von seinem angstvollen Verharren wider Willen angerührt, die alte Sonnenbrille in den Schwimmknast geworfen, hinter der Ken immer so keck, so jugendlich dynamisch gewirkt hatte, damit auch Augustus sich nun hinter ihren getönten Gläsern verbergen und aus dieser Sicherheit heraus vielleicht resozialisiert werden könne. Und muss nun also erstmal die Brille rausnehmen, ehe ich glaube, dass der Malefitzfisch tatsächlich ausgebrochen ist, die blöde Sau. Und wirklich, nachdem sich meine Augen wieder ans grüne Glimmen gewöhnt haben, sehe ich ihn putzmunter und kreuzfidel zwischen den kränkelnden Übriggebliebenen auf und ab sausen und zweifellos spitze Bemerkungen streuen und Zwietracht säen. Er muss in einem kecken Anflug von Mut den Sprung gewagt haben über die aufragende Plastikwand und in die Freiheit.
Enttäuscht wende ich mich nach einer Weile vom Schauspiel ab, aus dessen unveränderter Konstellation siecher Opferfische und fröhlicher Täterfische mir keine Freude erwachsen mag. Weil ich zu lange ins Grün gestarrt habe, scheint mir nun die ganze Welt orangerot, als ginge so kurz nach ihrem Aufgang die Sonne auch schon wieder unter, rotfeurig, denn Blut wurde vergossen an diesem Tag.
Das ist aber nur eine Illusion und geht bald vorbei.
Something to say?