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Deutschland



Saturday, August 1st, 2020

Von Viren, toten Mäusen und offenen Nasen

Ich bin ein Pionier. Wochen bevor das ganze Land seine Kinder an die Virenfront in die Schulen schickt, um zu sehen, wie die Schlachten wohl ausgehen werden, sind wir im Auftrag des Landes Nordrhein-Westfalen schon mal als kleiner Stoßtrupp unterwegs. Sieben Kinder zwischen 10 und 14 und ich Greis stecken 20 Stunden lang Köpfe und Nasen unter dem Dach eines Sommerprojektes zusammen, um einen Stop-Motion-Film zu produzieren. Die Idee dazu ist über ein Jahr alt, gefällt mir aber immer noch ausgesprochen gut, vor allem, weil ich das selbst noch nie ernstlich ausprobiert habe aber schon immer wollte. Aber acht Leute und zwanzig Stunden, das sind einhundertsechzig Probleme, wenn ich mich an die Mathematik aus dem Grundstudium recht erinnere. Und da ist der imaginäre Teil der Gleichung noch gar nicht ordentlich berücksichtigt.
Meine erste Maßnahme ist deshalb, in den Räumen, in denen wir planen und drehen wollen, alle Fenster weit aufzureißen. Draußen wütet der Halbsommer mit Macht, will sagen: es ist recht kühl, und wenig später ist das dann auch drinnen so und zieht, Hechtsuppe Hilfsausdruck. Aber lieber Jäckchen an als tot, wie Christian Drosten ja immer sagt in seinem Podcast, also, bitte.

Die Kinder verteile ich so weit es geht auf verschiedene Räume und denke, dass unter diesen Umständen die Masken verzichtbar sind. Daran erkennt der Fachmann meine fehlende Erfahrung mit größeren Kindergruppen, denn Abstandhalten ist natürlich, äh, so eine Sache. Die Filmplanung und die Dreharbeiten gehen über die Tage munter voran, die Pausen verbringen wir draußen auf der dreistöckigen Feuerleiter und im Garten, der Wind pfeift durch die Räume, dieweil der Club der Detektivinnen sich mit Batman verbündet, um den bösen Pinguin am Morden zu hindern. General Grievous und Yoda sind auch dabei.

Während des ersten Tages, als wir noch im Nebel nach einer Geschichte stochern, die wir erzählen wollen, habe ich immer wieder leichten Verwesungsgeruch in der Nase, trotz des Durchzugs. “Ist das Erzählen nun also doch gestorben” denke ich nicht, sondern habe, weil ich direkt neben der Spüle sitze, natürlich sofort den Abfluss im Verdacht. Das Haus ist nicht mehr ganz taufrisch, vielleicht liegt ein toter Elefant im Siphon, oder das Wasser da drin ist in den Ferien von einem wandernden Abflussschwämmchen aufgesaugt worden. Was weiß ich, was es alles gibt hier in Norddeutschland.

Nix weiß ich, stellt sich heraus, als ich im Bus, der mich zum Remscheider “Hauptbahnhof” (Eingeweihte verstehen die Anführungszeichen) bringen soll, plötzlich wieder Verwesungsgeruch in der Nase habe. Weit und breit kein Kulturpessismismus oder Siphon zu sehen. Ach, der Gestank kommt aus meinem Rucksack? Oha.

Ich mache auf und gucke rein, sehe aber nichts außer meines des Stinkens unverdächtigen Gerümpels. Nach und nach räume ich vorsichtig den Inhalt meines Herrenhandtäschens beiseite und suche nach der Geruchsquelle, als ich plötzlich etwas Kaltes, Weiches und Pelziges in der Hand habe. Den Reflex, den ganzen Salat quer durch den Bus zu schleudern, kann ich grade noch unterdrücken, und Sekundenbruchteile später weiß ich auch, was ich da in der Hand hatte. Eine tote Maus. Mjam.

Nicht die erste, die Meadow, die Zauberkatze, mir lebend in die Wohnung geschleppt hat. Die meisten erleiden da einen Herzinfarkt und bleiben unangetastet liegen, bis ich sie später entdecke. Das kann je nach Ort des Todes auch mal bedeuten, einer Schmeißfliegenprozession zu folgen. Meadow weiß, wie Töten geht, aber vom Essen versteht sie nichts. Nicht die erste Maus, aber die erste, die es zum Sterben in meinen Rucksack geschaft hat. Chapeau, Micky.

Den Rest der Busfahrt zum “Hauptbahnhof” verbringe ich damit, sehr konzentriert nicht nochmal in meinen Rucksack zu fassen. Dabei male ich mir aus, wie ich die Maus gleich am “Bahnhof” raushole und sodann kilometerweit von mir werfe. Und so kommt es auch, nur die Wurfweite hatte ich beim Vorstellen um mehrere Größenordnungen überschätzt. In vier Metern Entfernung bleibt die Stinkbombe anklagend liegen.
Später am Abend löst sich beim Zähneputzen fast beiläufig ein großes Stück der Flanke eines Backenzahns und ich spiele kurz mit der Theorie, versehentlich in einem Klischeealptraum eingesperrt worden zu sein. Ich warte auf Schmerz, aber der kummt net, stattdessen folgt traumloser Schlaf. “Wie soll man mit dieser abstrusen Realität traumseitig mithalten” fragt sich mein Gehirn vielleicht. Vielleicht fragt es sich das auch nicht, sondern wartet gespannt, was als nächstes Blödsinniges passiert.

Am nächsten Tag mehr Legospaß, Zahnarztbesuch, Rumgebohre mit dem üblichen sinnlosen Zusammenzucken bei der kleinsten Andeutung von spürbaren Nervensignalen von unterm Bohrergepfeif her. Ist so, will der Körper so, machste nix. Füllung raus, Karies raus, Nelkenöl rein, vorläufige Füllung drauf, Schnabel könnse zumachen, Wiedersehn.
Am nächsten Morgen finde ich gereizten Rachen vor. Kennt man ja, Narkosespritze, Chemikalien, Bohren, kick knack. Mal trotzdem das dritte Auge drauf richten, ihr wisst schon, das, das hinten oben hinterm Gaumensegel sitzt und Krankheiten kommen sieht, aber vorläufig erstmal weiter das Batmobil animieren.

Am letzten Drehtag ist aus dem gereizten Rachen leichter Halsschmerz geworden und ein unterschwelliger Hustenreiz. Den hab ich wegen Reflux und Speiseröhrensperenzchen auch sonst hin und wieder mal, aber das gibt mir nun doch zu “denken”. Sieben Kinder und ein Greis, in Innenräumen. Kracht uns jetzt die Coronagranate in den Schtzngrrm? Der Film wird fertig, die Tonspur buchstäblich in letzter Sekunde, während die Eltern schon vor der Tür ungeduldig die Brut erwarten. Kurs zuende, Symptome verdichten sich.

Am nächsten Morgen bin ich sicher: es kratzt im Hals, es zwackt in der Lunge. Ein Infekt will mir ans Leder. Anruf bei der Medizinhotline ergibt das fun fact, dass an Wochenenden landesweit nirgendwo mehr auf die Krönchenpest getestet wird. Wochenende haben die Viren frei. Ob das so richtig sinnvoll ist bei einer Krankheit, die womöglich nur ein paar Tage ansteckend und außerhalb der ansteckenden Zeit mit den Tests nicht mehr nachweisbar ist, haben andere, Klügere entschieden. Und zwar offensichtlich falsch. Aber es ist wie es ist und es kommt wie es kommt, wie der weise Rheinländer in seinem kuriosen Dialekt manches Mal zu sagen versucht. Mein Hausarzt ist im Urlaub, erste Testmöglichkeit Montag früh bei der Vertretung, vielleicht, vielleicht auch nicht, Webseite gibts keine. Ob das geht erfahr ich dann eben Montag früh.
In Erwartung einer möglichen Quarantäne zwinge ich mich notgedrungen noch zum Hamsterkauf. Holundersaft ist ausverkauft, guck mal an, das ist ja schlimmer als beim Klopapier damals im Krieg, hat sich wohl rumgesprochen, dass das Zauberbrühe ist. Aber Baked Beans gibts noch, gottlob.

Die Symptome werden derweil schlimmer, die Temperatur steigt, die Verwirrung auch, ich schlafe den halben Tag, schleppe mich die andere Hälfte durch die Wohnung. Irgendwann fällt mir ein, dass Katzen Kroni auch kriegen können und dass unklar ist, ob sie dann ansteckend sind, und ich mache Balkontür und Fenster zu. Tut mir leid, Meadow, meine Unvorsichtigkeit bringt dich jetzt in den Knast. So it goes.
Sonntag ist Nebel, 38.5 Grad, Schweißausbrüche, Fieberwahn. Typische Männergrippe, vorerst nicht mit echter Substanz, aber dabei ganz erstaunliche psychische Qualen. Was _der_ Scheiß wohl soll? Nervt jedenfalls kolossal.

Montag früh Anruf bei der Arztvertretung. Kommse halb Zwölf zur Praxis, bitte klingeln und nicht reinkommen, wir ziehen uns dann den Raumanzug über, duschen mit Sagrotan und stecken Ihnen was in den Hals. Na gut, dann also so.

Um halb zwölf steht niemand vor der Praxis, ich klingle, man bedeutet mir mit Signalflaggen, dass man mich gesehen hat. Sprechanlage ist wohl kaputt, Technik aus dem letzten Jahrtausend. Maskiert stelle ich mich mit Abstand neben den Eingang und warte also. Ein weiterer Testkandidat tritt von bühnenlinks auf, und ist sehr unruhig. Die Maske elegant unter der Nase platziert stellt er sich direkt an den Eingang der Praxis, wo alle, die rein oder rausgehen, an ihm vorbei müssen, aber an der Stelle vergeht die Zeit wohl schneller, und das ist ihm wichtig, denn er blickt immer wieder auf die Armbanduhr, der ganze Wartevorgang offensichtlich eine unzumutbare Belastung für ihn.

Ich würde ihn auf die von ihm derart aufgebaute Virenfalle hinweisen, bin aber viel zu müde und zu beschäftigt damit, das Spektrum möglicher Folgen durchzugehen. Müssen sieben Remscheider Familien in Quarantäne, wenn ich positiv teste? Wirds in der Zeitung stehen? “Videokurs verseucht das bergische Land”. War ich zu nachlässig mit den Hygieneregeln während des Kurses? Ist normaler Schulunterricht unter diesen Umständen Irrsinn oder Schwachsinn? Verschlimmert Kroni meine Thromboseneigung? Überdrehte Angstbilder von einer Lungenembolie, bei der die Katze zusieht, hatte mir das Fieber ja schon beschert. Danke Hirn, Du geistproduzierende Müllmaschine.

Irgendwann gehts weiter, der Arzt kommt, lässt uns der Reihe nach Schleim hochrotzen (“Machen Sie jetzt mal das, was man nie machen soll”) und klaubt ihn uns dann mit dem Wattestäbchen aus dem Rachen. Mein Name fällt kein einziges Mal und der Arzt hat mich vorher nie gesehen. Dass die Helferin sagt “das ist der Vertretungspatient” muss ja wohl bedeuten, dass da der richtige Name auf dem Röhrchen steht, in das das corpus delicti dann verschoben wird. Right? RIGHT?

Während ich noch ein bisschen nachwürge, steht einen Meter neben mir der Ungeduldige mit weit runtergelassener Maske, Nase und Mund im Fahrtwind, Gefahr ja jetzt vorbei, die Lage ist in der Hand der Medizin, endlich Entspannung, auch die Uhr hat ihren Reiz verloren. Wieder sag ich nix. Menschen, ey.

Der Test ist negativ, die ganze sinnlose Aufregung wegen eines der anderen lustigen Coronitas und einer mittelschweren Erkältung. Ich freu mich schon auf Herbst und Winter, das wird sicher lustig.

Wednesday, July 18th, 2007

W.G. Sebald – Luftkrieg und Literatur (1)

sebald.jpg When the Apocalypse caused by Germany came back to engulf it in its fire and destruction, there must have been immeasurable suffering and trauma, yet, as Sebald points out, almost none of it made it into the story of life as set down by the writers. Sebalds exploration of the reasons for this omission, are both deeply touching for his compassion even with those who caused the very desasters that struck them, and illuminating for their original and provocative view on the narrative of Germany.

Tuesday, August 1st, 2006

Miroslav Sasek – München / Munich (2)

munich.jpg This book evokes memories of the seventies, when I was a little boy in school, and many textbooks had illustrations in a style similar to Sasek’s. These are lovely and slightly odd renderings of everyday life in Munich several decades ago, and the slight mismatch between the english and german versions of the text, and the terseness in general, only add to this piece of nostalgia. And I don’t even like Munich all that much.

peterlicht.jpg I am not sure how this album will go over for somebody who does not understand the lyrics, as to me much of the appeal of Licht’s music rests in the relationship between the clash of childish naivete and intellectualism in his words and the innocent music he chooses to sing them to. I am also not sure how the lyrics would work on their own, I suspect they’d be shallow novelty poetry, but the combination is just delicious. If you know German, or intend to learn it, give this a spin.

kollektive_unschuld.jpg For years I had suspected that the historic truth is being stretched and bended, possibly even mutilated, in order to make Dresden into the innocent symbol of allied war atrocities dominating the German discourse of the bombings. Now, having read Schubert’s book on the subject, I am better equipped to dispel the myths, and predictably find my inferences confirmed. No liquid phosphor rained down, the city was not full of fugitives or innocents any more than any of the other cities inhabited by Nazis was, and the local industry was neither insignificant nor unimportant for the war. Dresden has turned into a monumental tool for relativists, for whom the outcome – the destruction of human life and property – is the only determinant of the morality of an action, and for whom dead Nazis and their dead victims form one soppy canvas to paint a kitschy portrait of their nationalism disguised as benevolent peacefulness upon.
It’s a sad state of affairs that books like this are so few and far between.

Monday, June 26th, 2006

Peter Singer – Hegel (1)

hegelpastmasters.jpg I came across this book on one of the shelving carts in the main UC Berkeley library while searching for a completely different one that had gone missing (and sadly hasn’t been located since). Its author, briefness and subject matter immediately commanded my attention, and after having read it, I’m happy I stumbled upon it. This brief treatment of Hegel’s work is a small miracle, capturing his theory of history, dialectics and the master/slave dichotomy rising from his theory of Selbstbewusstsein, and in turn giving rise later to Marx’ alienated labor. A wonderful introduction, and a solid argument for libraries where books are accessible rather than being ordered from closed stacks through a catalogue.

Tuesday, June 20th, 2006

James Moll – The Last Days (1)

last days.jpg Watching movies about the holocaust, even – or especially – ones that are as well made as this one, is exhausting and disturbing, and I’m not entirely sure why I keep doing it again and again. Partly it’s the general feeling that an evil forgotten is one likely to be repeated, but there also is the irrational, yet very compelling obligation to understand the monstrosity which seems to stem from my being a member of the culture that committed this singular crime. These matters aside, this particular documentary, drawn from material collected for Spielberg’s Visual History Foundation, is masterfully composed and edited, and should be seen by many, including you.

armsstrangers.jpg If anyone were following the reviews on this blog, a pattern of Nazi movie obsession in recent weeks would become apparent. This is partly due to an unchecked adding frenzy to our Netflix queue quite a while ago, and I’m growing a bit tired of it. So this probably explains in part why this documentary of the Kindertransporte, humanitarian efforts in the late 1930s saving tens of thousands of German Jewish children from certain death by sending them to host families in England, didn’t quite manage to grip my attention. It’s a heartwarming story, even if the host families were often struggling with the stressed out children they were receiving, but somehow the movie doesn’t manage to make it stick together. Maybe its the lack of historical commentary and an overarching message of the movie, maybe its just uninspired editing, and dragging interviews. Or maybe it’s just me – the Oscar this movie won in 2001 would suggest that, if I believed awards like the Oscars to be a genuine mark of quality.

swabianneighbors.jpg There is mythological evidence from the middle ages, suggesting the Swabians were a jolly, lively people then, full of vigour and joy. You wouldn’t think it today, and the introductory section of this book, meant to show Swabians in the best possible light and endowed with a preface by Cleverle Späth, is a case in point. The most salient features of the Swabian mind, his thriftyness, his shrewdness, his xenophobia, take some stretching to be made into qualities, and with some, most notably the Kehrwoche, even Larson’s well meaning prose fails to create any appeal or sense. The anecdote of Larson interacting with Willy Reichert, Arnulf Klett and the likes are positively painful, but admittedly that might be just to me, and just because they hit too close to home.
Much more interesting and entertaining are his broad sweeps through Swabian history, overloaded in places with genealogical details of the Dukes, or obscure military history of possible interest to his American military audience, but quite boring to me. The book is valuable for its benevolent outsider’s view on my home, that contrasts interestingly with my malevolent insider’s perspective.
Most interesting, however, was this response to the infamous Lied der Schwaben, which, though reviled by true Swabians for its unflattering depiction of local customs, I remember being hung on a plate in our home when I was a kid. I never thought the Lied der Schwaben problematic, in fact considered it quite accurate and liked it for its candidness, if not literary quality. The response, on the other hand, in its attempt to restore Swabian honor is quite utterly horrible. So here you go:

Das “Lied der Schwaben”? –
Der dies ausgebrütet,
aus welchem and`ren deutschen Stamm er sei.
Wo Roheit in der Gossensprache wütet,
sind Art und Herkunft weltweit einerlei!

Humor? –
Der Schwabe liebt ihn tiefer, leiser;
als Geistesfunke stillvergnügter Welt.
Die Leute leben hierzulande weiser
als grobe Torheit grölend dargestellt.

Das Lied der Schwaben:
Uhland hat`s gesungen!
Es schwingt im Fleiß, in Daseinsheiterkeit!
In Schiller, Mörike ist`s aufgeklungen –
und in Motoren dröhnt es erdenweit!

Das Kraftzitat des Götz von Berlichingen
ist menschheitsalter Allgemeinbesitz, –
drum hört man`s auch im Schwabenland erklingen:
zum Beispiel für “Poeten” ohne Witz!

ComedianHarmonists.jpg With a subject as intriguing as the history of the beloved vocalist combo, and their struggle with the rising Third Reich, and a freebie soundtrack treasurechest, it is hard to see how a movie could fail even as much as this one does. A stale and wooden script, endless repetitions of one single song (Veronica, der Lenz ist da) instead of a representative collection of the Harmonists’ work, and a simplistic notion both of human character and historic processes make this a less than splendid experience – especially when compared to Aimee and Jaguar, which is a entirely different league on a fairly similar subject.