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Neuroscience



Dass ich dem Argument des Cartesius, so weit ich es verstehe – dass das Gedachtwerden des Vorgangs eines Zweifels unbestreitbar ein denkendes Ich voraussetzt, und also an der Existenz dieses Ich nicht zu zweifeln sei – selbst zweifelnd gegenüberstehe, habe ich ja schon mal geschrieben. Ich sehe keinen unbezweifelbaren Grund, aus dem ein System, das “Ich denke” denken kann, auch ein Ich enthalten muss, das den gesamten epistemologischen Reichtum repräsentiert, der mit dem Ich verbunden wird. Kann sein, dass es so ist, kann auch sein, dass ein Zombie “ich denke” denken könnte, aber jedenfalls ist es nicht unbezweifelbar und eignet sich also nicht als Fundament eines Welt- oder Geistgebäudes.

Unbezweifelbar ist aber doch die Existenz des Zweifels selbst. Denn wenn ich bezweifle, dass es den Zweifel gibt, dann bestätige ich ja grade damit seine Existenz. Das klingt jetzt wie ein billiges Wortspiel oder Paradoxon, mir ist es aber ernst.

Der Vorgang des Zweifelns beinhaltet die Existenz einer Alternative: um zu zweifeln muss ein Subjekt der Ansicht sein, eine Reihe von Sinnesdaten habe eine bestimmte Erklärung, aber zugleich gewahr sein, dass auch eine andere Erklärung zutreffen könne. Was mit anderen Worten nicht bezweifelt werden kann, ist, dass mentales Erleben eine metaphysisch nicht fundierbare Konstruktion ist, deren jedes Element immer auch seine mögliche Negation enthält. Jeder mentale Inhalt ist, was er ist, indem er auf das verweist, was er nicht ist.

Ich zweifle, also bin ich. Vielleicht.

Monday, August 9th, 2010

tante suhrkamp lässt erzählen

“Aus der Sicht des Gehirns”, Gerhard Roth, suhrkamp taschenbuch wissenschaft, S. 40ff.:

So haben wir bis zu einer Distanz von ca. 6 Metern ein direktes räumliches (stereoskopisches) Sehen, also eine echte Dreidimensionalität. […] Die stereoskopische Tiefenwahrnehmung ist sehr präzise, und deshalb können wir mit ruhiger Hand fast auf den Millimeter genau nach nahe gelegenen Gegenständen greifen. Das hochpräzise räumliche Sehen ist aber auf den Nahraum beschränkt, was natürlich Sinn macht. Mit zunehmender Entfernung wird die Disparität der beiden retinalen Bilder immer kleiner, und ganz andere Hilfsmittel zur Entfernungsschätzung kommen zum Einsatz, die auch mit einem Auge funktionieren. […] Eines dieser Hilfsmittel heisst Bewegungsparallaxe und nutzt die Tatsache aus, dass bei seitlichen Kopfbewegungen nahe Gegenstände sich stärker bewegen als etwas entferntere, und sich jene vor diesen hin und her zu bewegen scheinen.

Sehen wir mal davon ab, dass hier ein Wissenschaftler Stammeldeutsch schreibt – “was natürlich Sinn macht”, Lektor hin, Kommunikationswille her – dann bleiben immer noch die faktischen Gurken in diesem Kopfsalat: Disparitätswinkel nehmen mit der Entfernung ab, soweit schon richtig, aber das bedeutet nur, dass in grösserer Entfernung grössere Abstandsunterschiede nötig sind, um denselben qualitativen Tiefeneindruck zu gewinnen. Wer schon mal im Wald gestanden hat, weiss, dass binokulares Tiefensehen durchaus nicht auf die nächstgelegenen sechs Meter beschränkt ist; es sei denn, er war vor lauter Bäumen zu abgelenkt, genauer hinzugucken.

Die von Roth zur Behebung des von ihm erfundenen 3D-Notstands dann ins Feld geführte Bewegungsparallaxe ist drolligerweise geometrisch mit Disparitäten vollständig identisch: Ob ich mein Auge sechs Zentimeter seitwärts verschiebe oder mir stattdessen dort einfach ein zweites wachsen lasse, perspektivisch ist das ein und dasselbe.

Und “echte Dreidimensionalität”: auch Quatsch. Selbst mit fünf Augen sähe man nicht hinter die Dinge, und wäre also noch immer von einer einzelnen visuellen Oberfläche unterschiedlichen Abstands umgeben. Und in den Ausnahmefällen, in denen man zwei Dinge hintereinander sehen könnte, im Fall schmaler Objekte etwa, oder bei transparenten Folien, sorgt die Disparitätsgradientenschwelle meist dafür, dass nicht beide gleichzeitig voll sichtbar sein können. Halten Sie doch mal zwei Finger hintereinander, einen nahe, einen weiter weg. Ist der Abstandsunterschied gross genug, sieht zwar jedes Auge beide Finger, aber binokular oder “echt dreidimensional” sieht man nur den, den man direkt ansieht. Der andere Finger wird doppelt gesehen, sein Abstand ist unsicher. David Marr nannte das visuelle Ergebnis deshalb den “two-and-a-half-D sketch”. Zweieinhalb-D, Herr Roth, “echt”.

Ich freu mich schon aufs vollständig überarbeitete Kapitel zum freien Willen. Das wird bestimmt toll.

Saturday, August 7th, 2010

Cheap Dreams

Inception blatantly invites comparisons. The zero-g simulation and the center room of the dream heist evoke the mystery of 2001, the cityscape of Limbo wants to look like Brazil, and the gimmicky plot screams “this is what Matrix 2 and 3 should have been like”. Failed ambition.

If I were in want of stunning visuals lacking in emotional and logical depth, Avatar would be a much better fit than this and do the job much more nicely and honestly, without leaving the tinny taste of being taken for a sucker in the mouth. For all its technical glory, Inception makes almost no sense as story or metaphor, and it’s sad to imagine the movie this could have been, in the hands of a writer/director taking the mind seriously. Diving down into somebodies subconscious ought to be unsettling and intense, but instead there is just stuff being blown up and secret agents shooting blanks: mind as submachine gun. Yawn.

Additionally, the only way Inception can keep you from falling through the cracks in the plot is by keeping everything in frenzied motion. But once the action stops, everything crumbles. The crumbling is pretty to look at, no doubt, but what remains in the end is still only technorubble.

Tuesday, July 13th, 2010

Uniquely Bohring

Der Mensch sehnt sich nach Einmaligkeit, und sogar dieses Sehnen selber ist einmalig im Tierreich. Ebenso wie die Gehirnleistung, diese Rekursivität zu erkennen und sie dann in ein Blog zu schreiben. Die Liste der historisch vorgeschlagenen Einmaligkeiten ist lang, das Niesen stand vielleicht auch mal drauf früher – der Mensch, das einzige Tier, dem der Schneuzgott die Niesfähigkeit gab – gehört aber da gar nicht hin, weil: Katzen, Niesen, kein Problem. Die menschliche Empörung allerdings, wenn das Katzenniesen direkt vor, oder eigentlich quasi in der menschlichen Nase passiert: womöglich einmalig. Das Tier an sich tritt fremdem Schleim in der Regel eher unemporen entgegen.

Auch einmalig menschlich ist die Fähigkeit, sich was in den Kalender zu schreiben, wozu man eigentlich überhaupt keine Lust hat; oder Böcke, wie wir Menschen manchmal sagen. Zum Beispiel, naheliegend, zugegeben, aber man kann es sich ja nicht aussuchen, einen Zahnarzttermin. Wenn dem Bären die Zähne schmerzen, beisst er vielleicht ins Gras, weil er bei Zahnweh einen auf irgendwelchen Grasdrogen basierenden Grasbeissinstinkt hat, aber er setzt sich ganz sicher nicht zum Scheissen in den Wald und ruft von da seinen Zahnarzt an. Bären hassen Zahnärzte.

Menschen natürlich auch, aber trotzdem rufen sie an und gehen dann hin, eine ganz erstaunliche Trennung von unmittelbarem Wohlergehen und seltsamen abstrakten Theorien. Wenn ich mich zwei Stunden lang quälen lasse, dann wird es mir in einem halben Jahr besser gehen als ohne Quälerei, denke ich und setze mich in ein Wartezimmer voller Unterschicht. Derartiges zu denken ist auch eine einmalige Fähigkeit, und zwar genauer gesagt: eine einmalig bescheuerte. Das ahnt man, wenn man aus dem Unterschichtgewimmel in den zerknitterten Behandlungsraum gerufen wird. Diese Ahnung verdichtet sich, wenn der Arzt ohne Vorwarnung mit einer riesigen Spritze mehrmals so tief unter die Zunge sticht, dass man sie hinten am Hals wieder austreten spürt, mit einem funkelnden Lidocaintropfen dran. Ein inneres Auge, die imaginierten Schrecken zu zählen, auch das vielleicht einmalig. Dank dir fein, Schöpfung.

Und man weiss es aber ganz sicher, nachdem der Arzt einen Eisenring über einen Zahn gezogen und den Mund mit einem Gummituch zugezeltet hat, und Panik aus dem Menschenmagen aufsteigt, und zwar nicht übertragen oder metaphorisch, sondern so richtig. Herzrasen, Hirnschummer, Adrenalin, alles da. Are you all right, fragt der Arzt, aber mehr als ein Brummen ist zur Antwort nicht drin, wegen Gummizelt im Maul. Patient brummt, Herzerl gsund, denkt der Arzt. Und bohrt. Fünfundvierzig Minuten lang.

Und ein paar Stunden später hat man dann natürlich schon wieder alles vergessen und lutscht zur Belohnung am Zucker. Grad als wie die Tiere.

Wednesday, April 28th, 2010

A story about Fodor

And here [Pinker] is on why we like to read fiction: ‘Fictional narratives supply us with a mental catalogue of the fatal conundrums we might face someday and the outcomes of strategies we could deploy in them. What are the options if I were to suspect that my uncle killed my father, took his position, and married my mother?’ Good question. Or what if it turns out that, having just used the ring that I got by kidnapping a dwarf to pay off the giants who built me my new castle, I should discover that it is the very ring that I need in order to continue to be immortal and rule the world? It’s important to think out the options betimes, because a thing like that could happen to anyone and you can never have too much insurance.

Says Jerry Fodor, in his review of Pinker’s How the Mind Works. I am fascinated whenever clever people say stupid things, and this certainly looks like a prime specimen. Can Fodor really think that the above constitutes a valid argument of any kind? That stories, if they are useful as mental sandboxes, must be literal mental sandboxes? That rings must be rings, dwarves must be dwarves and immortals must never die? That, in other words, there is a naively naturalistic mapping for everything mentioned in a story to the identical thing in the world, and allegory and metaphor do not even exist, nor usually carry intentional and ofter moral arguments? Surely that would be ludicrous, but just as surely, the above “argument” seems founded on such ludicrosity.

There certainly are interesting things one could learn from this, about how one’s pet theories bias the mind, or how being too immersed in the dreamy Language of Thought will make one ignore reality. It’s called cognitive dissonance and quite a fascinating phenomenon itself. But I think what I’ll take away is not to read book reviews by people I heartily disagree with and listen to Das Rheingold instead. Wagala weia.

Wednesday, March 31st, 2010

multiple choice

Wenn man sich in zahllosen Diskussionen neurophilosophischer Probleme und Problemchen eine Position zu einigen der prominentesten Argumente der Dualisten erarbeitet hat, zu Jacksons farbenblinder Fantasiegestalt Mary zum Beispiel, und spezieller noch das Argument, dass wenn die farbenblinde Mary alles über die Neurowissenschaft des Farbsehens wisse, sie dann ja wohl auch bei der ersten Begegnung mit einem roten Objekt sich erschliessen können müsste, dass das Objekt eben rot ist, und also die Privatheit dieser Qualität in diesem Szenario plausibel bestritten werden kann, wenn man dieses Argument einer Spezialistin des Themas, nach ihrem Bewerbungsvortrag dazu, dargelegt und sich gefreut hat, dass es ihr neu und interessant war, und wenn man dann aber das Buch Neurophilosophie von Patricia Churchland aus dem Jahr 1986 liest, und da steht das ganz genau so drin, dann, also dann, ja, was eigentlich?

Freut man sich, dass man kluge Dinge selbst herausgefunden hat? Ärgert man sich, weil man wegen Unbelesenheit knapp 25 Jahre hinter dem Stand der Debatte her hinkt, oder wundert man sich, dass es der klassischen Philosophie offenbar ganz genauso geht? Antwort: D) All of the above.

Monday, February 22nd, 2010

metamechanics of driving

Researchers as far back as Leibniz have pointed out that if you looked into the brain with a full knowledge of its physical makeup and nerve cell activities, you would see nothing that described subjective experience. (Libet, Mind Time, p153)

This kind of argument, recurring in philosophy of mind texts, and frequently made by people who otherwise seem to have their wits about them, is quite flabbergasting, and the dogmatic fervor with which it usually is presented hints at its roots in the desire for metaphysics and transcendence. I literally groaned reading this, earning me some sideways glances in the commuter train.

So let’s see. First problem. The statement by itself is not empirical. All it is is a claim that if you looked, you would find nothing. But so far we have hardly looked at all, we barely even know how to frame the image yet. Put differently, Libet says that there is an explanatory gap between the physical and the mental, and that it can not be bridged. This may of course turn out to be true – though I doubt it – but it is not something we have very much evidence for either way. What evidence there is, however, seems to point pretty clearly to a causal relationship between brain physiology and mental processes and thus weaken the possibility of the gap being real.

But the more fundamental fallacy is that this view confuses the explained, that is, mental life, with the explanation, which is neurophysiological chatter of cells. Of course one does not look like the other. If they did we wouldn’t need a theory, for there would be nothing to explain. This is rather like opening the hood of your car, marveling at the pistons and the crankshaft and spark plugs and exclaiming “Why, there is nothing in here at all that resembles movement of a vehicle, there is just metal parts and gasoline mixture exploding! That there is such vehicular movement can not ever be explainable from these parts, because the two are so very different. There must therefore be an automotive substance in addition to the material one, and it is not governed by the laws of mechanics or physics. When cars die, they live on in their motion.” And so on.

Incidentally: what is it like to be a moving car? Mr. Nagel?



leghand = [leghand; newline];

vox.confusion = zeros(length(vox.nvox),vox.ncond,vox.ncond);

vox.dist.l1(n) = fminbnd(@(a) abs(interp1(tmpbins, vox.dist.cum{n},a)-.95), min(tmpbins),max(tmpbins));

% leave motion in
set(handles.RegMot,'Value',0); drawnow;
DoAnalyze_Callback(handles.DoAnalyze, eventdata, handles);

wgt = cat(3, mwgt, dwgt, wgt-handles.vox.wgt, wgt, handles.vox.wgt, mw_m, handles.vox.mw(:,:,1,:));

Thursday, November 20th, 2008

Anfang und Ende

Am Ende, wenn es von den Stühlen klatscht und aus den Gängen fragt, stehen immer ein paar auf und gehen, schnell, und ohne zurück zu blicken, woandershin, wo es interessanter ist. Manchmal kommt auch jemand, setzt sich einen Vortrag lang, steht auf, geht wieder. Der Laserpointer wird warm und feucht, der Punkt möchte ein Diagramm entlangwandern auf der Leinwand oder auf der Stirn der Moderatorin funkeln einen anarchischen Moment lang, aber ich lass ihn nicht. Jetzt hat jemand Gesichtern den Mund übermalt, durch einen verwaschenen hautfarbenen Fleck, und gleichzeitig noch die Stimmen verrauscht. Wenn man sich das ansieht, sagt er, als Film, dann guckt man den Gesichtern mit dem Mundfleck und den verrauschten Stimmen direkt unter die Nasenspitze – und wirklich wachsen da abwechselnd blaue Bällchen in den Nasenlöchern – weil man die Lippenbewegungen noch ein bisschen sehen kann zwischen Nase und Mundfleck. Ich höre aber kaum hin, gleich bin ich selber dran, es klatscht, es fragt, ich gehe die drei Treppen nach oben und überblicke meine Untertanen. Zwanzig sind noch da, nein, achtzehn, grade gehen noch zwei. Ich drücke auf das Slideshowsymbol und hebe den Pointer, der jetzt kühl ist und trocken. „This”, sage ich, “is what we wanted to tell you about today.” And so it begins.

Wednesday, November 19th, 2008

Memento

Wie das wäre, wenn man nicht wüsste, wie es gestern war, hat man ja ganz gut in diesem Film da gesehen: man liefe mit Tätowierungen durch die Gegend und wäre an allem selbst schuld (vereinfacht dargestellt). So ging es dem Patienten N.M. in den fünfziger Jahren, nachdem das Rauszupfen des hinteren Teils seines Temporallappens die Epilepsie nicht heilte und das Doktorenteam dann auch noch den Hippocampus, das sogenannte Seepferdchengehirn, rauszupfte. Das Seepferdchengehirn ist wichtig fürs Erinnern, und N.M. konnte von diesem Moment ab keine neuen Erinnerungen mehr anlegen. Das ist vermutlich ungefähr so furchtbar, wie es klingt, zum Beispiel, weil er sich Preisänderungen nicht merken konnte, und die Inflation ihm vermutlich bei jedem Einkauf von neuem das Gefühl gab, fürchterlich betrogen zu werden. Immerhin sind die endlosen Versuche, die mit ihm unternommen wurden, sicher besser zu ertragen, wenn jeder Tag der erste ist. Ganz schön ausserdem die kleine Geschichte, in der N.M. über Tage hinweg lernte, einen Stern im Spiegel nachzuzeichnen. Er habe erwartet, sagte er nach drei Tagen üben, dass dieses Spiegelzeichnen schwieriger sei – er erinnerte sich nicht mehr, das gelernt zu haben.