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Thursday, August 25th, 2011

golightly and the big stick

Heute morgen hatte der Rowohlt-Verlag, über seine Facebook-Präsenz, dies mitzuteilen:

Mit einem modernen Klassiker möchten wir heute zum Frühstück an Truman Capote erinnern, der heute vor 27 Jahren verstarb. Seine Romane “Frühstück bei Tiffany” und “Kaltblütig” wurden beide verfilmt und können zu den Klassikern der Filmgeschichte gezählt werden. Das Buch zu “Frühstück bei Tiffany” wird durch drei melancholische Erzählungen ergänzt.

Dran angehängt der Werbetext zu “Frühstück bei Tiffany”

Das von Gin und Rosen umduftete Porträt der charmant verrückten achtzehnjährigen Holly Golightly, die mit entwaffnender Unschuld bekennt: “Ich habe wirklich nicht mehr als elf Liebhaber gehabt.” Verfilmt mit Audrey Hepburn. Dazu drei beschwingt melancholische Erzählungen.

Nun ist Truman Capote zweifellos einer von den Guten, und auch wenn eine Würdigung zum siebenundzwanzigsten Jahrestag ein wenig gezwungen scheint, hat er ja jede Würdigung verdient, und warum also nicht diese?

Aber, ach. In Cold Blood ist kein Roman, es ist “a true account of a multiple murder and its consequences”, die Bücher keine “Klassiker” und schon gar keine “der Filmgeschichte”, Frühstück bei Tiffany nicht das Buch zum Film, “charmant verrückt”, “entwaffnender Unschuld”, “von Gin und Rosen umduftet”, “beschwingt melancholisch”, das alles ist so ungenau, verkitscht und vermatscht, man wünscht sich einen großen Stock zur Hand.

Ich reagierte auf das Rowohlt-Posting mit einem leicht polemischen Kommentar, in dem ich auf die Diskrepanz zwischen der Rolle des Rowohlt-Verlages und ihrer Ausübung im Facebook-Rahmen hinwies. Ich würde ihn gerne hier zitieren, den Kommantar, aber leider war er Minuten nach dem Absetzen auch schon wieder verschwunden.

Und zwar, wie man mir nach einem Folgekommentar mit Beschwerde über die vermeintliche Löschung erklärte, war er im Spam gelandet. Beziehungsweise wohl, in Rowohlt-Sprech: von Frühstücksfleisch umduftet.


Friday, February 25th, 2011

hausbesuch

Sind Zähne,
nicht Sand,
im Getriebe der Welt –

mein Fussboden die Decke des, dessen
Bohrer mich rührt seit Stunden schon.
Vibrationen alten Gesteins,
(siebziger Jahre jedoch, nicht Kreide
und zahnarztgebaut)
finden Resonanz, faulige Wolken
steigen aus mürber Substanz.

Neue Füllung aus der Dose
(plus 13.5% gratis).
Dann gründlich spülen.

Tuesday, January 4th, 2011

Silvester 2010

1
Zwischen dem zu Eis verdichteten Schnee der Laufrinne auf dem Bürgersteig und dem Sattelschlepper liegt eine grau überpuderte Matratze aus feuchtem Schnee und Harsch, in die ich jetzt trete, um den Schaltungskasten mit Grünlandschaft zu fotografieren.

Kaum stehe ich auf, materialisiert eine mittelalter, hagerer Mann neben mir, ich habe ihn nicht kommen sehen oder hören, und fragt übergangslos: Sind Sie von hier? In einem drängenden Tonfall fragt er das, als hinge eine Entscheidung von einigem Gewicht an der Antwort, als ändere sich durch sie noch der Lauf der Dinge, blosse Stunden vor dem Ende der Zeit.

Ja, antworte ich, aber noch nicht lange, und unmittelbar ziehen Wolken der Enttäuschung über sein gespanntes Gesicht. Warum fotografieren Sie das? fragt er noch, aber er hat die Hoffnung schon aufgegeben, das ist zu hören, Hoffnung worauf auch immer. Ich mag den Kontrast zwischen dem Schnee und dem schwarzweissen Winter und der blühenden Landschaft auf dem Stromkasten, antworte ich, und höre, wie ein Relais umspringt im Innern des Hageren, ein metallischer Schnappton.

Die Kästen, erzählt er mir, seien im Rahmen eines Schulprojektes bemalt worden, stadtweit, aber niemand sehe die Kunstwerke, beachte sie, und schlimmer noch, Plakatierer schändeten die Kästen und die aufgemalten Werke mit Kleister und Papier. Er habe nun gehofft, dass endlich die Zeitung sich der Sache annehme und ein öffentlicher Aufschrei durch die Lande gehe. Er seufzt. Dann, abrupt, dreht er sich weg, geht schnell davon auf dem Laufeis, als habe er eine Grenze verletzt und fürchte die Folgen. Guten Rutsch, rufe ich ihm nach, er dreht sich halb zurück, murmelt Unverständliches und ist wieder verschwunden.

2
Die Strassen sind beinah leer, selbst das Eis sublimiert oder getaut. Vereinzelt fahren Autos, aber zu Fuss unterwegs scheint ausser mir niemand, nur die gefrorenen Fussspuren zeugen von der Existenz der Menschen. Ich versuche, hinter die dunklen Fensterscheiben zu sehen, ob Vorbereitungen laufen für einen Partybesuch, ob auch andere sich für den Einzelkampf im Raketenkrieg rüsten, aber nichts regt sich im Schwarz hinter den Gardinen. Bei Lidl keine Raketen mehr, dafür eben Prosecco. Warum ich Prosecco kaufe? Weil ich gern, ach, weiss auch nicht.

3
Kurz vor Mitternacht trete ich doch noch hinaus auf die schneefreie Dachpappe, die Vorbotin unangekündigten Rausgeklingeltwerdens im neuen Jahr: Dachdeckerschweine. Rundum eine Nebelwand, vereinzelte Lichtblitze flackern, aber still ist es nicht hier im Auge der Wolke – Wolken haben überall da Augen, wo jemand steht und die Wolke wahrnimmt: verkehrte Welt des Wasserdampfs – still ist es nicht, sondern es knallt entfernt von allen Seiten, im ungefähren Takt der flackernden Lichthöfe. Ohne schöne Bälle und Flammenregen ist das Geräusch aber trist, die entfärbte Freude der Anderen. Ich gehe zurück in die Wärme, zur Katze, die sich vor der Lautstärke der Tristesse unterm Tisch versteckt. Das täte ich auch gerne, aber für mich ist kein Platz mehr, nur für meine Hand noch. Besser als nichts.

Wednesday, September 15th, 2010

Nach Hause

1 Union City
Das Lächeln war ein Duchenne-Lächeln, der Orbicularis Oculi im Co-Kontrakt, aber dennoch rann es wie Sand durch die Engstelle in meinem Hals und auf einen kompakten Haufen in meiner Magengrube, kaum dass sich die Aufzugstüre geschlossen hatte: nichts dauert. Mein letzter Besuch beim Spezialisten war das, Händedruck, freundliche Sprechstundenhilfen, alles Gute in germany, should be an adventure, Neugier in den blanken Augen. Ihr Wohlwollen erinnerte mich an das der Cafeteriaangestellen im Krankenhaus in Münster, wo ich, grade übernächtigt aus dem Flugzeug gefallen, mir das vergessene Rasierzeug ersetzte. Hoffentlich können Sie bald wieder nach Hause, hatte die damals, meinen Einkauf missverstehend, gesagt, und mich kurz aus meinem Tran geworfen damit. Hmja, danke. Nach Hause.
Bei ihr gekauft hatte ich statt Rasierschaum ein Deospray, der Wegwerfrasierer auf der Institutstoilette später kratzte unangenehm, dafür roch ich gut.

Vor dem verabschiedenden Händedruck stand eine ratlose Diagnose, chronisches Nierenversagen, Ursache unbekannt, und Ausdrucke der Testergebnisse, Konzentrationen. Von hier oben aus sieht man die Hochhäuser von Manhattan wo sich durch die Querstrassen der Blick eröffnet, ich rolle aber ungebremst den Berg hinab, schnaufender Elefant auf meinem Dreirad, schliesse sekundenlang die Augen und spüre den warmen Wind dunkel im Gesicht. Die Dunkelheit ist in Bewegung, Schwarz wirbelt um Schwarz. In der Helligkeit, in die ich nach diesem eitlen Flirt mit dem Dunkel zurückkehre, sieht alles aus wie zuvor. Trotz des Fahrtwindes klebt mir das Hemd feucht im Rücken und Salz rinnt in die Augen. Der Schmerz in der Seite kommt und geht. Vom Körper verraten und verschwitzt. Dumme Sau, Körper.

2 Newark
Vor dem Zaun eines Parkplatzes, an einer Strassenkreuzung, stand vor zwei Wochen noch am Boden ein Aquarium, ein kleines, das nur zehn Gallonen fasst. Darin einige Zentimeter Sand und Nippes, kleine Plastikfiguren, ein winziges Surfbrett, ein Cocktailglas. Am Zaun über dem Aquarium hängt ein wetterfestes Plakat, auf Kunststoff gedruckt, auf dem eine Reihe von Fotos das Strandleben eines jungen Mannes zeigen, Anfang zwanzig, braun gebrannt, ein breites Lächeln im hoffnungsvollen Männchengesicht, Duchenne oder nicht ist schwer zu sagen bei der Auflösung. Über die Todesursache ist nichts zu lesen, Krankheit oder Unfall, aber der junge Mann, der aussieht wie der Feind, dem nicht das Hemd am Rücken klebte beim Surfen, oder wenn, dann sah es gut aus, dieser junge Mann ist tot, und das Aquarium ist ein Altar, den Freunde und Familie ihm hier aufgestellt haben an der räudigen Kreuzung. Wider Willen rührt mich dieses Schicksal, und ich schäme mich für den Neid auf einen, der doch schon tot ist.

Zwei Wochen später steht das Aquarium noch immer unter dem Plakat, die Scheiben zersprungen, der Sand bis auf einen kleinen Rest heraus gewaschen, die Figuren zerstreut, das Cocktailglas zerbrochen.

So it goes.

3 Jersey City
Im Wasser schwimmt unbesehen ein Wels.
Seit Monaten schwimmt er da, alle paar Tage werfe ich mit schlechtem Gewissen Futter dazu, und offenbar ist ihm das genug, dem Fisch ist jedenfalls kein Unwohlsein anzumerken. Das Aquarium hatte ich einst betrieben, um eine Leerstelle zu füllen und hatte es beschrieben, um die Leerstelle zu umschreiben. Die Leerstelle hat nun gewonnen, und das Becken ist verwahrlost und unbesungen. Die Leuchtröhren seit Monaten defekt, der Filterimpeller schlägt in hoher Frequenz gegen den Kunststoff des Gehäuses, rasselnder Maschinenatem eines Fischreichs im Koma.

Um das Becken herum stapeln sich die Fragmente zerfallenden Lebens, die Sedimente von zehn Jahren, nicht mit Pinseln und kleinen Meisseln abgebaut, sondern los gesprengt und in rostigen Loren zur Schmelzgrube verbracht. Der Staub, der sich auf die Schnittkante der Alben gesetzt hat steigt in Wolken auf nur weil ich in seine Richtung atme, und ist schon nicht mehr zu sehen. Ein Kasten voller Mineralienproben, nicht geöffnet seit dem letzten Umzug aus Berkeley, eine selbst gebaute Blumenpresse, Utensilien der Kleinbürger-Hochstapelei, und immer wieder Bücher, alt gewordene Gedanken, die mir plötzlich wie Schuppen aus dem Kopf fallen. Wenig wird bleiben, und dieser ist doch nur der kleine Bruder, ein Erwachen in Westfalen, ein Augenreiben, die Skyline von New York das verblassende Fantasma einer langen Dämmerung.

Hoffentlich kann ich bald nach Hause. Doof hier.

Dass ich dem Argument des Cartesius, so weit ich es verstehe – dass das Gedachtwerden des Vorgangs eines Zweifels unbestreitbar ein denkendes Ich voraussetzt, und also an der Existenz dieses Ich nicht zu zweifeln sei – selbst zweifelnd gegenüberstehe, habe ich ja schon mal geschrieben. Ich sehe keinen unbezweifelbaren Grund, aus dem ein System, das “Ich denke” denken kann, auch ein Ich enthalten muss, das den gesamten epistemologischen Reichtum repräsentiert, der mit dem Ich verbunden wird. Kann sein, dass es so ist, kann auch sein, dass ein Zombie “ich denke” denken könnte, aber jedenfalls ist es nicht unbezweifelbar und eignet sich also nicht als Fundament eines Welt- oder Geistgebäudes.

Unbezweifelbar ist aber doch die Existenz des Zweifels selbst. Denn wenn ich bezweifle, dass es den Zweifel gibt, dann bestätige ich ja grade damit seine Existenz. Das klingt jetzt wie ein billiges Wortspiel oder Paradoxon, mir ist es aber ernst.

Der Vorgang des Zweifelns beinhaltet die Existenz einer Alternative: um zu zweifeln muss ein Subjekt der Ansicht sein, eine Reihe von Sinnesdaten habe eine bestimmte Erklärung, aber zugleich gewahr sein, dass auch eine andere Erklärung zutreffen könne. Was mit anderen Worten nicht bezweifelt werden kann, ist, dass mentales Erleben eine metaphysisch nicht fundierbare Konstruktion ist, deren jedes Element immer auch seine mögliche Negation enthält. Jeder mentale Inhalt ist, was er ist, indem er auf das verweist, was er nicht ist.

Ich zweifle, also bin ich. Vielleicht.

Monday, August 9th, 2010

tante suhrkamp lässt erzählen

“Aus der Sicht des Gehirns”, Gerhard Roth, suhrkamp taschenbuch wissenschaft, S. 40ff.:

So haben wir bis zu einer Distanz von ca. 6 Metern ein direktes räumliches (stereoskopisches) Sehen, also eine echte Dreidimensionalität. […] Die stereoskopische Tiefenwahrnehmung ist sehr präzise, und deshalb können wir mit ruhiger Hand fast auf den Millimeter genau nach nahe gelegenen Gegenständen greifen. Das hochpräzise räumliche Sehen ist aber auf den Nahraum beschränkt, was natürlich Sinn macht. Mit zunehmender Entfernung wird die Disparität der beiden retinalen Bilder immer kleiner, und ganz andere Hilfsmittel zur Entfernungsschätzung kommen zum Einsatz, die auch mit einem Auge funktionieren. […] Eines dieser Hilfsmittel heisst Bewegungsparallaxe und nutzt die Tatsache aus, dass bei seitlichen Kopfbewegungen nahe Gegenstände sich stärker bewegen als etwas entferntere, und sich jene vor diesen hin und her zu bewegen scheinen.

Sehen wir mal davon ab, dass hier ein Wissenschaftler Stammeldeutsch schreibt – “was natürlich Sinn macht”, Lektor hin, Kommunikationswille her – dann bleiben immer noch die faktischen Gurken in diesem Kopfsalat: Disparitätswinkel nehmen mit der Entfernung ab, soweit schon richtig, aber das bedeutet nur, dass in grösserer Entfernung grössere Abstandsunterschiede nötig sind, um denselben qualitativen Tiefeneindruck zu gewinnen. Wer schon mal im Wald gestanden hat, weiss, dass binokulares Tiefensehen durchaus nicht auf die nächstgelegenen sechs Meter beschränkt ist; es sei denn, er war vor lauter Bäumen zu abgelenkt, genauer hinzugucken.

Die von Roth zur Behebung des von ihm erfundenen 3D-Notstands dann ins Feld geführte Bewegungsparallaxe ist drolligerweise geometrisch mit Disparitäten vollständig identisch: Ob ich mein Auge sechs Zentimeter seitwärts verschiebe oder mir stattdessen dort einfach ein zweites wachsen lasse, perspektivisch ist das ein und dasselbe.

Und “echte Dreidimensionalität”: auch Quatsch. Selbst mit fünf Augen sähe man nicht hinter die Dinge, und wäre also noch immer von einer einzelnen visuellen Oberfläche unterschiedlichen Abstands umgeben. Und in den Ausnahmefällen, in denen man zwei Dinge hintereinander sehen könnte, im Fall schmaler Objekte etwa, oder bei transparenten Folien, sorgt die Disparitätsgradientenschwelle meist dafür, dass nicht beide gleichzeitig voll sichtbar sein können. Halten Sie doch mal zwei Finger hintereinander, einen nahe, einen weiter weg. Ist der Abstandsunterschied gross genug, sieht zwar jedes Auge beide Finger, aber binokular oder “echt dreidimensional” sieht man nur den, den man direkt ansieht. Der andere Finger wird doppelt gesehen, sein Abstand ist unsicher. David Marr nannte das visuelle Ergebnis deshalb den “two-and-a-half-D sketch”. Zweieinhalb-D, Herr Roth, “echt”.

Ich freu mich schon aufs vollständig überarbeitete Kapitel zum freien Willen. Das wird bestimmt toll.

Saturday, August 7th, 2010

life in the folding lane

“Nice ride”, ruft einer der Jungs in weissen T-Shirts von gegenüber als ich den Lenker verschraube. Vier sinds, und aus dieser Entfernung sind sie nicht zu unterscheiden, which is the point, no doubt, you feel me? Ich steige auf, 40 Minuten zu spät für meinen Termin, “how fast does it go” ruft jetzt ein anderer, im Wegradeln drehe ich mich um, “going fast enough” und biege um die Ecke. White boy on the run, that’s me.

Saturday, August 7th, 2010

Chocolate Muffin Matters

Alles sieht gleich unverdaulich aus und ist gleich unappetitlich verpackt und also nehme ich am Ende des zweiten Suchduchgangs ein Chocolate Chip Muffin, nicht weil es gesünder aussähe als der Rest, sondern des Namens wegen: klingt immerhin wie ein Nahrungsmittel. Ich zerreisse die Plastikfolie und esse auf dem Fahrrad, mit Blick auf White Castle, das Fort des guten Geschmacks, und beobachte die Blechbüffel auf der Asphaltprärie in great plain Jersey. Bei der Abfahrt werfe ich die Hälfte des Gebäckfaksimiles in den Müll.

Mir fällt auf dass mein Abschiedsscherz von vorhin, im Labor, “I’ll be back in two months for a Trippler renal ultrasound” für die Dame, die mich auskultierte, vermutlich unverständlich war, Doppler und double, die Verbindung liegt nicht nahe. Sie hatte mich aber wiedererkannt, als ich rein kam, und mir am Ende die Bohnenform meiner Niere gezeigt, da hatte ich sicher einen Brösel Kryptonit gut.

Oder das Fahrrad. Wahrscheinlich das Fahrrad.

Mittags sitze ich in der Waschküche vor der Bücherei, niemand klebt ausser mir hier in der Hitze, und beende Everything Matters! Ein Tropfen fällt auf den Umschlag, könnte eine Träne sein oder Öl vom Chicken Saltimboca, oder vielleicht Kondenswasser von der Eisteeflasche. Ich wische ihn mit der Serviette ab und gehe aus der Schwüle zurück nach drinnen, wo es viel zu kalt ist.

Wednesday, July 21st, 2010

Fallen durch Decken

Der Aufzug sackt seit Wochen beim Schliessen der Türe ein paar Zentimeter durch, geht dann nochmal auf, dann wieder zu und dann fällt er aber doch noch hydraulisch nach unten durch die Tunneldecke in die Felsenkammer der PATH-Station. Das ist hübsch, das hydraulische Fallen, weil man polierten Stangen dabei zusehen kann, wie sie sich ölig in dickere polierte Stangen schieben während man aus der Decke fällt, und das ist ein schöner Zeitvertreib.

Heute aber sackt der Aufzug nicht, und er muckt auch nicht, die Tür schliesst sich sauber und schnell, und geht auch nicht mehr auf. Auch sonst passiert nichts. Das heisst, nach einer kleinen Weile dann schon. Die Tür geht wieder auf. Und man ist aber durch keine Decke gefallen, vollkommen aufzugszweckwidrig. Das mache ich viermal mit, oder lass es ruhig fünf sein, dann habe ich genug von sich schliessenden Türen. Der Aufzug aber befindet sich in einer Sackgasse hinter einer Zahlschranke, meine Monatskarte ist nach jeder Benutzung für 18 Minuten gesperrt, und deswegen kann ich jetzt also nicht die Treppe nehmen, sondern muss auf einen roten Knopf drücken. Es hupt melodisch. Es knarzt. Und dann redet eine Stimme aus dem Nichts mit mir. Nein, sagt die Stimme während ich wie ein Schwein im Weltall um mich zu sehen vorgebe, von einem Aufzugsproblem sei nichts bekannt, ich solle doch noch ein bisschen probieren. Und legt wieder auf, noch bevor ich sie auf den informationstheoretischen Fehler hinweisen kann, den sie da begeht. Andererseits muss ich ja zugeben: gute Strategie. Müsste aber eigentlich trotzdem gleich nochmal anrufen.

Weil ich so schlecht mit dem Bein ans Ohr komme, drücke ich stattdessen noch ein bisschen auf Knöpfen rum und sehe der Tür beim Auf- und Zugehen zu, und hoffe auf eine erlösende Uniform. Es kommt auch gleich einer, der Aufzug geht nicht, sage ich, er guckt mich stumm an als sei ich nicht bei Trost, geht in den Aufzug und drückt den Schliessknopf. Tür zu, Aufzug steht. Tür auf. Er murmelt unverständlich Fremdsprachiges, rüttelt an der Tür, greift sich in die Hose, zieht einen Schlüsselbund – der Aufzugsresetbuttonrettungsschlüssel! Oh süsse Engelstöne! – und kratzt mit dem Schlüssel den Passagierschmutz aus der Türspalte. Die Tür schliesst sich. Durch das Türfenster sehe ich das Gesicht des PATH-Mitarbeiters, während er durch den Boden fällt. Von drinnen guckt es ein bisschen schuldbewusst zurück.

Der Aufzug kommt wieder, als ich ihn rufe. Ich steige ein, murmle unverständlich Fremdsprachiges (man weiss ja nie) und drücke den zuständigen Knopf. Nichts. Die Tür öffnet sich wieder. Ich zücke meinen Hausschlüssel und grüble in der nun schon fast ganz dreckfreien Türspalte rum. Knopf. Nichts. Tür. Ich rüttle erbost am Aufzug. Knopf. Nichts. Tür. Ich murmle profan Fremdsprachiges und wiederhole es nochmal, aus Langeweile.

Aber keine Bange, da kommt schon das nächste PATH-Männchen. Aufzug kaputt sage ich. Er guckt mich an, als sei ich bei Trost, dreht um und geht, noch bevor ich von meinem Ticketproblem erzählen kann durch die Bezahlschranke nach draussen, und zum anderen Aufzug. Durch dessen Bezahlschranke er sich quetscht, wärhend er mit seinem PATH-Ausweis in Kameras wedelt. Good for you, fuckhead, sage ich nicht, denke es aber.

Kurz überlege ich, nochmal den Anrufknopf zu drücken und der Zentrale einen hübschen Aufzugsmarsch zu blasen, aber die 18 Minuten sind um und ich nehme stattdessen marschlos die Treppe. Der Bahnsteig unten ist voll, der Zug also nahe, und der Schaden begrenzt. Vor dem Aufzug am Bahnsteig steht eine PATH-Mitarbeiterin und wartet. It’s not going to come, sage ich, it’s broken.
It breaks every six days, sagt sie unbeeindruckt, und geht zur Treppe.

Tuesday, July 13th, 2010

Uniquely Bohring

Der Mensch sehnt sich nach Einmaligkeit, und sogar dieses Sehnen selber ist einmalig im Tierreich. Ebenso wie die Gehirnleistung, diese Rekursivität zu erkennen und sie dann in ein Blog zu schreiben. Die Liste der historisch vorgeschlagenen Einmaligkeiten ist lang, das Niesen stand vielleicht auch mal drauf früher – der Mensch, das einzige Tier, dem der Schneuzgott die Niesfähigkeit gab – gehört aber da gar nicht hin, weil: Katzen, Niesen, kein Problem. Die menschliche Empörung allerdings, wenn das Katzenniesen direkt vor, oder eigentlich quasi in der menschlichen Nase passiert: womöglich einmalig. Das Tier an sich tritt fremdem Schleim in der Regel eher unemporen entgegen.

Auch einmalig menschlich ist die Fähigkeit, sich was in den Kalender zu schreiben, wozu man eigentlich überhaupt keine Lust hat; oder Böcke, wie wir Menschen manchmal sagen. Zum Beispiel, naheliegend, zugegeben, aber man kann es sich ja nicht aussuchen, einen Zahnarzttermin. Wenn dem Bären die Zähne schmerzen, beisst er vielleicht ins Gras, weil er bei Zahnweh einen auf irgendwelchen Grasdrogen basierenden Grasbeissinstinkt hat, aber er setzt sich ganz sicher nicht zum Scheissen in den Wald und ruft von da seinen Zahnarzt an. Bären hassen Zahnärzte.

Menschen natürlich auch, aber trotzdem rufen sie an und gehen dann hin, eine ganz erstaunliche Trennung von unmittelbarem Wohlergehen und seltsamen abstrakten Theorien. Wenn ich mich zwei Stunden lang quälen lasse, dann wird es mir in einem halben Jahr besser gehen als ohne Quälerei, denke ich und setze mich in ein Wartezimmer voller Unterschicht. Derartiges zu denken ist auch eine einmalige Fähigkeit, und zwar genauer gesagt: eine einmalig bescheuerte. Das ahnt man, wenn man aus dem Unterschichtgewimmel in den zerknitterten Behandlungsraum gerufen wird. Diese Ahnung verdichtet sich, wenn der Arzt ohne Vorwarnung mit einer riesigen Spritze mehrmals so tief unter die Zunge sticht, dass man sie hinten am Hals wieder austreten spürt, mit einem funkelnden Lidocaintropfen dran. Ein inneres Auge, die imaginierten Schrecken zu zählen, auch das vielleicht einmalig. Dank dir fein, Schöpfung.

Und man weiss es aber ganz sicher, nachdem der Arzt einen Eisenring über einen Zahn gezogen und den Mund mit einem Gummituch zugezeltet hat, und Panik aus dem Menschenmagen aufsteigt, und zwar nicht übertragen oder metaphorisch, sondern so richtig. Herzrasen, Hirnschummer, Adrenalin, alles da. Are you all right, fragt der Arzt, aber mehr als ein Brummen ist zur Antwort nicht drin, wegen Gummizelt im Maul. Patient brummt, Herzerl gsund, denkt der Arzt. Und bohrt. Fünfundvierzig Minuten lang.

Und ein paar Stunden später hat man dann natürlich schon wieder alles vergessen und lutscht zur Belohnung am Zucker. Grad als wie die Tiere.