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Monday, September 21st, 2020

Neues aus dem Traumland

Der Tag, an dem ich eine verwesende Maus im Rucksack fand und mir ein halber Zahn ausfiel, ist mir noch gut im Gedächtnis. Der Zahn ist unterdessen aufgebohrt, gefüllt, wieder aufgebohrt, wurzelbehandelt, gefüllt, wieder aufgebohrt, wurzelverfüllt und verplombt, sowie verbrieft, berechnet und versiegelt. Und tut nur noch wenig und selten weh. Dieser Traum also verblasst nach und nach.
Aufgefrischt wird er aber von erneutem Verwesungsgeruch, der mir immer mal wieder in die Nase steigt oder halluzinatorisch vorgeistert – eine Quelle ist jedenfalls nicht zu finden. Irgendwann aber bemerke ich, dass das Phänomen immer dann auftrit, wenn ich meine Converse-Stoffschuhe trage und sitze, will sagen: die Nase nah am Schuh trage. Und tatsächlich, mein rechter Schuh stinket, dass es Gott erbarm. Buttersäure, schließe ich, muss sich da gebildet haben, und schelte mich innerlich fürs tagelange Tragen derselben Schuhe, wundere mich allerdings auch ein wenig, warums denn nur den rechten traf, und warum so plötzlich ein Gestank einzog. Aber wichtiger als Verstehen ist die Lösung, und so stell ich die Schuhe in den reinigenden Strom der großen UV-Hygienelampe am Himmel auf den Balkon.
Einen Tag später stinkt der Schuh leider unvermindert entsetzlich oder womöglich sogar noch einen Zacken grauenhafter. Beim Rausziehen der Einlegesohle bemerke ich ganz vorn im Schuh ein kleines Büschel verfilzter Haare, sowas passiert in einem Katzenhaushalt, die Haarpest schlüpft überall rein. Aber das Büschel ist nun doch erstaunlich groß. Ich hol es neugierig raus, der Gestank legt schlagartig eine erhebliche Schippe drauf, und bei näherem Hinsehen hat das Haarbündel Beine, die aber schon kaum noch als solche zu erkennen sind, und eine einzelne Made krabbelt in ihm herum. Ein Kopf oder sonstige Körperform ist nicht mehr zu erkennen.
So unglaublich es mir scheint, die unerbittlichen Gesetze der Deduktion zwingen mich zur Einsicht, dass ich tagelang mit einer toten, verwesenden Maus in meiner rechten Schuhspitze unterwegs war, ohne das, abgesehen von gelegentlichen sonderbaren Geruchsattacken, zu bemerken. Ich frage mich, ob beim Verfüllen der Zahnwurzel die Zahnärztin wohl von meinem Schuh der Geruch von Tod und Verderben anwehte, und wenn ja, was sie sich dabei wohl gedacht haben mag.
Is all that we see or seem
But a dream within a dream?
Ich glaube, ja.

Saturday, August 1st, 2020

Von Viren, toten Mäusen und offenen Nasen

Ich bin ein Pionier. Wochen bevor das ganze Land seine Kinder an die Virenfront in die Schulen schickt, um zu sehen, wie die Schlachten wohl ausgehen werden, sind wir im Auftrag des Landes Nordrhein-Westfalen schon mal als kleiner Stoßtrupp unterwegs. Sieben Kinder zwischen 10 und 14 und ich Greis stecken 20 Stunden lang Köpfe und Nasen unter dem Dach eines Sommerprojektes zusammen, um einen Stop-Motion-Film zu produzieren. Die Idee dazu ist über ein Jahr alt, gefällt mir aber immer noch ausgesprochen gut, vor allem, weil ich das selbst noch nie ernstlich ausprobiert habe aber schon immer wollte. Aber acht Leute und zwanzig Stunden, das sind einhundertsechzig Probleme, wenn ich mich an die Mathematik aus dem Grundstudium recht erinnere. Und da ist der imaginäre Teil der Gleichung noch gar nicht ordentlich berücksichtigt.
Meine erste Maßnahme ist deshalb, in den Räumen, in denen wir planen und drehen wollen, alle Fenster weit aufzureißen. Draußen wütet der Halbsommer mit Macht, will sagen: es ist recht kühl, und wenig später ist das dann auch drinnen so und zieht, Hechtsuppe Hilfsausdruck. Aber lieber Jäckchen an als tot, wie Christian Drosten ja immer sagt in seinem Podcast, also, bitte.

Die Kinder verteile ich so weit es geht auf verschiedene Räume und denke, dass unter diesen Umständen die Masken verzichtbar sind. Daran erkennt der Fachmann meine fehlende Erfahrung mit größeren Kindergruppen, denn Abstandhalten ist natürlich, äh, so eine Sache. Die Filmplanung und die Dreharbeiten gehen über die Tage munter voran, die Pausen verbringen wir draußen auf der dreistöckigen Feuerleiter und im Garten, der Wind pfeift durch die Räume, dieweil der Club der Detektivinnen sich mit Batman verbündet, um den bösen Pinguin am Morden zu hindern. General Grievous und Yoda sind auch dabei.

Während des ersten Tages, als wir noch im Nebel nach einer Geschichte stochern, die wir erzählen wollen, habe ich immer wieder leichten Verwesungsgeruch in der Nase, trotz des Durchzugs. “Ist das Erzählen nun also doch gestorben” denke ich nicht, sondern habe, weil ich direkt neben der Spüle sitze, natürlich sofort den Abfluss im Verdacht. Das Haus ist nicht mehr ganz taufrisch, vielleicht liegt ein toter Elefant im Siphon, oder das Wasser da drin ist in den Ferien von einem wandernden Abflussschwämmchen aufgesaugt worden. Was weiß ich, was es alles gibt hier in Norddeutschland.

Nix weiß ich, stellt sich heraus, als ich im Bus, der mich zum Remscheider “Hauptbahnhof” (Eingeweihte verstehen die Anführungszeichen) bringen soll, plötzlich wieder Verwesungsgeruch in der Nase habe. Weit und breit kein Kulturpessismismus oder Siphon zu sehen. Ach, der Gestank kommt aus meinem Rucksack? Oha.

Ich mache auf und gucke rein, sehe aber nichts außer meines des Stinkens unverdächtigen Gerümpels. Nach und nach räume ich vorsichtig den Inhalt meines Herrenhandtäschens beiseite und suche nach der Geruchsquelle, als ich plötzlich etwas Kaltes, Weiches und Pelziges in der Hand habe. Den Reflex, den ganzen Salat quer durch den Bus zu schleudern, kann ich grade noch unterdrücken, und Sekundenbruchteile später weiß ich auch, was ich da in der Hand hatte. Eine tote Maus. Mjam.

Nicht die erste, die Meadow, die Zauberkatze, mir lebend in die Wohnung geschleppt hat. Die meisten erleiden da einen Herzinfarkt und bleiben unangetastet liegen, bis ich sie später entdecke. Das kann je nach Ort des Todes auch mal bedeuten, einer Schmeißfliegenprozession zu folgen. Meadow weiß, wie Töten geht, aber vom Essen versteht sie nichts. Nicht die erste Maus, aber die erste, die es zum Sterben in meinen Rucksack geschaft hat. Chapeau, Micky.

Den Rest der Busfahrt zum “Hauptbahnhof” verbringe ich damit, sehr konzentriert nicht nochmal in meinen Rucksack zu fassen. Dabei male ich mir aus, wie ich die Maus gleich am “Bahnhof” raushole und sodann kilometerweit von mir werfe. Und so kommt es auch, nur die Wurfweite hatte ich beim Vorstellen um mehrere Größenordnungen überschätzt. In vier Metern Entfernung bleibt die Stinkbombe anklagend liegen.
Später am Abend löst sich beim Zähneputzen fast beiläufig ein großes Stück der Flanke eines Backenzahns und ich spiele kurz mit der Theorie, versehentlich in einem Klischeealptraum eingesperrt worden zu sein. Ich warte auf Schmerz, aber der kummt net, stattdessen folgt traumloser Schlaf. “Wie soll man mit dieser abstrusen Realität traumseitig mithalten” fragt sich mein Gehirn vielleicht. Vielleicht fragt es sich das auch nicht, sondern wartet gespannt, was als nächstes Blödsinniges passiert.

Am nächsten Tag mehr Legospaß, Zahnarztbesuch, Rumgebohre mit dem üblichen sinnlosen Zusammenzucken bei der kleinsten Andeutung von spürbaren Nervensignalen von unterm Bohrergepfeif her. Ist so, will der Körper so, machste nix. Füllung raus, Karies raus, Nelkenöl rein, vorläufige Füllung drauf, Schnabel könnse zumachen, Wiedersehn.
Am nächsten Morgen finde ich gereizten Rachen vor. Kennt man ja, Narkosespritze, Chemikalien, Bohren, kick knack. Mal trotzdem das dritte Auge drauf richten, ihr wisst schon, das, das hinten oben hinterm Gaumensegel sitzt und Krankheiten kommen sieht, aber vorläufig erstmal weiter das Batmobil animieren.

Am letzten Drehtag ist aus dem gereizten Rachen leichter Halsschmerz geworden und ein unterschwelliger Hustenreiz. Den hab ich wegen Reflux und Speiseröhrensperenzchen auch sonst hin und wieder mal, aber das gibt mir nun doch zu “denken”. Sieben Kinder und ein Greis, in Innenräumen. Kracht uns jetzt die Coronagranate in den Schtzngrrm? Der Film wird fertig, die Tonspur buchstäblich in letzter Sekunde, während die Eltern schon vor der Tür ungeduldig die Brut erwarten. Kurs zuende, Symptome verdichten sich.

Am nächsten Morgen bin ich sicher: es kratzt im Hals, es zwackt in der Lunge. Ein Infekt will mir ans Leder. Anruf bei der Medizinhotline ergibt das fun fact, dass an Wochenenden landesweit nirgendwo mehr auf die Krönchenpest getestet wird. Wochenende haben die Viren frei. Ob das so richtig sinnvoll ist bei einer Krankheit, die womöglich nur ein paar Tage ansteckend und außerhalb der ansteckenden Zeit mit den Tests nicht mehr nachweisbar ist, haben andere, Klügere entschieden. Und zwar offensichtlich falsch. Aber es ist wie es ist und es kommt wie es kommt, wie der weise Rheinländer in seinem kuriosen Dialekt manches Mal zu sagen versucht. Mein Hausarzt ist im Urlaub, erste Testmöglichkeit Montag früh bei der Vertretung, vielleicht, vielleicht auch nicht, Webseite gibts keine. Ob das geht erfahr ich dann eben Montag früh.
In Erwartung einer möglichen Quarantäne zwinge ich mich notgedrungen noch zum Hamsterkauf. Holundersaft ist ausverkauft, guck mal an, das ist ja schlimmer als beim Klopapier damals im Krieg, hat sich wohl rumgesprochen, dass das Zauberbrühe ist. Aber Baked Beans gibts noch, gottlob.

Die Symptome werden derweil schlimmer, die Temperatur steigt, die Verwirrung auch, ich schlafe den halben Tag, schleppe mich die andere Hälfte durch die Wohnung. Irgendwann fällt mir ein, dass Katzen Kroni auch kriegen können und dass unklar ist, ob sie dann ansteckend sind, und ich mache Balkontür und Fenster zu. Tut mir leid, Meadow, meine Unvorsichtigkeit bringt dich jetzt in den Knast. So it goes.
Sonntag ist Nebel, 38.5 Grad, Schweißausbrüche, Fieberwahn. Typische Männergrippe, vorerst nicht mit echter Substanz, aber dabei ganz erstaunliche psychische Qualen. Was _der_ Scheiß wohl soll? Nervt jedenfalls kolossal.

Montag früh Anruf bei der Arztvertretung. Kommse halb Zwölf zur Praxis, bitte klingeln und nicht reinkommen, wir ziehen uns dann den Raumanzug über, duschen mit Sagrotan und stecken Ihnen was in den Hals. Na gut, dann also so.

Um halb zwölf steht niemand vor der Praxis, ich klingle, man bedeutet mir mit Signalflaggen, dass man mich gesehen hat. Sprechanlage ist wohl kaputt, Technik aus dem letzten Jahrtausend. Maskiert stelle ich mich mit Abstand neben den Eingang und warte also. Ein weiterer Testkandidat tritt von bühnenlinks auf, und ist sehr unruhig. Die Maske elegant unter der Nase platziert stellt er sich direkt an den Eingang der Praxis, wo alle, die rein oder rausgehen, an ihm vorbei müssen, aber an der Stelle vergeht die Zeit wohl schneller, und das ist ihm wichtig, denn er blickt immer wieder auf die Armbanduhr, der ganze Wartevorgang offensichtlich eine unzumutbare Belastung für ihn.

Ich würde ihn auf die von ihm derart aufgebaute Virenfalle hinweisen, bin aber viel zu müde und zu beschäftigt damit, das Spektrum möglicher Folgen durchzugehen. Müssen sieben Remscheider Familien in Quarantäne, wenn ich positiv teste? Wirds in der Zeitung stehen? “Videokurs verseucht das bergische Land”. War ich zu nachlässig mit den Hygieneregeln während des Kurses? Ist normaler Schulunterricht unter diesen Umständen Irrsinn oder Schwachsinn? Verschlimmert Kroni meine Thromboseneigung? Überdrehte Angstbilder von einer Lungenembolie, bei der die Katze zusieht, hatte mir das Fieber ja schon beschert. Danke Hirn, Du geistproduzierende Müllmaschine.

Irgendwann gehts weiter, der Arzt kommt, lässt uns der Reihe nach Schleim hochrotzen (“Machen Sie jetzt mal das, was man nie machen soll”) und klaubt ihn uns dann mit dem Wattestäbchen aus dem Rachen. Mein Name fällt kein einziges Mal und der Arzt hat mich vorher nie gesehen. Dass die Helferin sagt “das ist der Vertretungspatient” muss ja wohl bedeuten, dass da der richtige Name auf dem Röhrchen steht, in das das corpus delicti dann verschoben wird. Right? RIGHT?

Während ich noch ein bisschen nachwürge, steht einen Meter neben mir der Ungeduldige mit weit runtergelassener Maske, Nase und Mund im Fahrtwind, Gefahr ja jetzt vorbei, die Lage ist in der Hand der Medizin, endlich Entspannung, auch die Uhr hat ihren Reiz verloren. Wieder sag ich nix. Menschen, ey.

Der Test ist negativ, die ganze sinnlose Aufregung wegen eines der anderen lustigen Coronitas und einer mittelschweren Erkältung. Ich freu mich schon auf Herbst und Winter, das wird sicher lustig.

Thursday, August 25th, 2011

golightly and the big stick

Heute morgen hatte der Rowohlt-Verlag, über seine Facebook-Präsenz, dies mitzuteilen:

Mit einem modernen Klassiker möchten wir heute zum Frühstück an Truman Capote erinnern, der heute vor 27 Jahren verstarb. Seine Romane “Frühstück bei Tiffany” und “Kaltblütig” wurden beide verfilmt und können zu den Klassikern der Filmgeschichte gezählt werden. Das Buch zu “Frühstück bei Tiffany” wird durch drei melancholische Erzählungen ergänzt.

Dran angehängt der Werbetext zu “Frühstück bei Tiffany”

Das von Gin und Rosen umduftete Porträt der charmant verrückten achtzehnjährigen Holly Golightly, die mit entwaffnender Unschuld bekennt: “Ich habe wirklich nicht mehr als elf Liebhaber gehabt.” Verfilmt mit Audrey Hepburn. Dazu drei beschwingt melancholische Erzählungen.

Nun ist Truman Capote zweifellos einer von den Guten, und auch wenn eine Würdigung zum siebenundzwanzigsten Jahrestag ein wenig gezwungen scheint, hat er ja jede Würdigung verdient, und warum also nicht diese?

Aber, ach. In Cold Blood ist kein Roman, es ist “a true account of a multiple murder and its consequences”, die Bücher keine “Klassiker” und schon gar keine “der Filmgeschichte”, Frühstück bei Tiffany nicht das Buch zum Film, “charmant verrückt”, “entwaffnender Unschuld”, “von Gin und Rosen umduftet”, “beschwingt melancholisch”, das alles ist so ungenau, verkitscht und vermatscht, man wünscht sich einen großen Stock zur Hand.

Ich reagierte auf das Rowohlt-Posting mit einem leicht polemischen Kommentar, in dem ich auf die Diskrepanz zwischen der Rolle des Rowohlt-Verlages und ihrer Ausübung im Facebook-Rahmen hinwies. Ich würde ihn gerne hier zitieren, den Kommantar, aber leider war er Minuten nach dem Absetzen auch schon wieder verschwunden.

Und zwar, wie man mir nach einem Folgekommentar mit Beschwerde über die vermeintliche Löschung erklärte, war er im Spam gelandet. Beziehungsweise wohl, in Rowohlt-Sprech: von Frühstücksfleisch umduftet.


Friday, February 25th, 2011

hausbesuch

Sind Zähne,
nicht Sand,
im Getriebe der Welt –

mein Fussboden die Decke des, dessen
Bohrer mich rührt seit Stunden schon.
Vibrationen alten Gesteins,
(siebziger Jahre jedoch, nicht Kreide
und zahnarztgebaut)
finden Resonanz, faulige Wolken
steigen aus mürber Substanz.

Neue Füllung aus der Dose
(plus 13.5% gratis).
Dann gründlich spülen.

Tuesday, January 4th, 2011

Silvester 2010

1
Zwischen dem zu Eis verdichteten Schnee der Laufrinne auf dem Bürgersteig und dem Sattelschlepper liegt eine grau überpuderte Matratze aus feuchtem Schnee und Harsch, in die ich jetzt trete, um den Schaltungskasten mit Grünlandschaft zu fotografieren.

Kaum stehe ich auf, materialisiert eine mittelalter, hagerer Mann neben mir, ich habe ihn nicht kommen sehen oder hören, und fragt übergangslos: Sind Sie von hier? In einem drängenden Tonfall fragt er das, als hinge eine Entscheidung von einigem Gewicht an der Antwort, als ändere sich durch sie noch der Lauf der Dinge, blosse Stunden vor dem Ende der Zeit.

Ja, antworte ich, aber noch nicht lange, und unmittelbar ziehen Wolken der Enttäuschung über sein gespanntes Gesicht. Warum fotografieren Sie das? fragt er noch, aber er hat die Hoffnung schon aufgegeben, das ist zu hören, Hoffnung worauf auch immer. Ich mag den Kontrast zwischen dem Schnee und dem schwarzweissen Winter und der blühenden Landschaft auf dem Stromkasten, antworte ich, und höre, wie ein Relais umspringt im Innern des Hageren, ein metallischer Schnappton.

Die Kästen, erzählt er mir, seien im Rahmen eines Schulprojektes bemalt worden, stadtweit, aber niemand sehe die Kunstwerke, beachte sie, und schlimmer noch, Plakatierer schändeten die Kästen und die aufgemalten Werke mit Kleister und Papier. Er habe nun gehofft, dass endlich die Zeitung sich der Sache annehme und ein öffentlicher Aufschrei durch die Lande gehe. Er seufzt. Dann, abrupt, dreht er sich weg, geht schnell davon auf dem Laufeis, als habe er eine Grenze verletzt und fürchte die Folgen. Guten Rutsch, rufe ich ihm nach, er dreht sich halb zurück, murmelt Unverständliches und ist wieder verschwunden.

2
Die Strassen sind beinah leer, selbst das Eis sublimiert oder getaut. Vereinzelt fahren Autos, aber zu Fuss unterwegs scheint ausser mir niemand, nur die gefrorenen Fussspuren zeugen von der Existenz der Menschen. Ich versuche, hinter die dunklen Fensterscheiben zu sehen, ob Vorbereitungen laufen für einen Partybesuch, ob auch andere sich für den Einzelkampf im Raketenkrieg rüsten, aber nichts regt sich im Schwarz hinter den Gardinen. Bei Lidl keine Raketen mehr, dafür eben Prosecco. Warum ich Prosecco kaufe? Weil ich gern, ach, weiss auch nicht.

3
Kurz vor Mitternacht trete ich doch noch hinaus auf die schneefreie Dachpappe, die Vorbotin unangekündigten Rausgeklingeltwerdens im neuen Jahr: Dachdeckerschweine. Rundum eine Nebelwand, vereinzelte Lichtblitze flackern, aber still ist es nicht hier im Auge der Wolke – Wolken haben überall da Augen, wo jemand steht und die Wolke wahrnimmt: verkehrte Welt des Wasserdampfs – still ist es nicht, sondern es knallt entfernt von allen Seiten, im ungefähren Takt der flackernden Lichthöfe. Ohne schöne Bälle und Flammenregen ist das Geräusch aber trist, die entfärbte Freude der Anderen. Ich gehe zurück in die Wärme, zur Katze, die sich vor der Lautstärke der Tristesse unterm Tisch versteckt. Das täte ich auch gerne, aber für mich ist kein Platz mehr, nur für meine Hand noch. Besser als nichts.

Wednesday, September 15th, 2010

Nach Hause

1 Union City
Das Lächeln war ein Duchenne-Lächeln, der Orbicularis Oculi im Co-Kontrakt, aber dennoch rann es wie Sand durch die Engstelle in meinem Hals und auf einen kompakten Haufen in meiner Magengrube, kaum dass sich die Aufzugstüre geschlossen hatte: nichts dauert. Mein letzter Besuch beim Spezialisten war das, Händedruck, freundliche Sprechstundenhilfen, alles Gute in germany, should be an adventure, Neugier in den blanken Augen. Ihr Wohlwollen erinnerte mich an das der Cafeteriaangestellen im Krankenhaus in Münster, wo ich, grade übernächtigt aus dem Flugzeug gefallen, mir das vergessene Rasierzeug ersetzte. Hoffentlich können Sie bald wieder nach Hause, hatte die damals, meinen Einkauf missverstehend, gesagt, und mich kurz aus meinem Tran geworfen damit. Hmja, danke. Nach Hause.
Bei ihr gekauft hatte ich statt Rasierschaum ein Deospray, der Wegwerfrasierer auf der Institutstoilette später kratzte unangenehm, dafür roch ich gut.

Vor dem verabschiedenden Händedruck stand eine ratlose Diagnose, chronisches Nierenversagen, Ursache unbekannt, und Ausdrucke der Testergebnisse, Konzentrationen. Von hier oben aus sieht man die Hochhäuser von Manhattan wo sich durch die Querstrassen der Blick eröffnet, ich rolle aber ungebremst den Berg hinab, schnaufender Elefant auf meinem Dreirad, schliesse sekundenlang die Augen und spüre den warmen Wind dunkel im Gesicht. Die Dunkelheit ist in Bewegung, Schwarz wirbelt um Schwarz. In der Helligkeit, in die ich nach diesem eitlen Flirt mit dem Dunkel zurückkehre, sieht alles aus wie zuvor. Trotz des Fahrtwindes klebt mir das Hemd feucht im Rücken und Salz rinnt in die Augen. Der Schmerz in der Seite kommt und geht. Vom Körper verraten und verschwitzt. Dumme Sau, Körper.

2 Newark
Vor dem Zaun eines Parkplatzes, an einer Strassenkreuzung, stand vor zwei Wochen noch am Boden ein Aquarium, ein kleines, das nur zehn Gallonen fasst. Darin einige Zentimeter Sand und Nippes, kleine Plastikfiguren, ein winziges Surfbrett, ein Cocktailglas. Am Zaun über dem Aquarium hängt ein wetterfestes Plakat, auf Kunststoff gedruckt, auf dem eine Reihe von Fotos das Strandleben eines jungen Mannes zeigen, Anfang zwanzig, braun gebrannt, ein breites Lächeln im hoffnungsvollen Männchengesicht, Duchenne oder nicht ist schwer zu sagen bei der Auflösung. Über die Todesursache ist nichts zu lesen, Krankheit oder Unfall, aber der junge Mann, der aussieht wie der Feind, dem nicht das Hemd am Rücken klebte beim Surfen, oder wenn, dann sah es gut aus, dieser junge Mann ist tot, und das Aquarium ist ein Altar, den Freunde und Familie ihm hier aufgestellt haben an der räudigen Kreuzung. Wider Willen rührt mich dieses Schicksal, und ich schäme mich für den Neid auf einen, der doch schon tot ist.

Zwei Wochen später steht das Aquarium noch immer unter dem Plakat, die Scheiben zersprungen, der Sand bis auf einen kleinen Rest heraus gewaschen, die Figuren zerstreut, das Cocktailglas zerbrochen.

So it goes.

3 Jersey City
Im Wasser schwimmt unbesehen ein Wels.
Seit Monaten schwimmt er da, alle paar Tage werfe ich mit schlechtem Gewissen Futter dazu, und offenbar ist ihm das genug, dem Fisch ist jedenfalls kein Unwohlsein anzumerken. Das Aquarium hatte ich einst betrieben, um eine Leerstelle zu füllen und hatte es beschrieben, um die Leerstelle zu umschreiben. Die Leerstelle hat nun gewonnen, und das Becken ist verwahrlost und unbesungen. Die Leuchtröhren seit Monaten defekt, der Filterimpeller schlägt in hoher Frequenz gegen den Kunststoff des Gehäuses, rasselnder Maschinenatem eines Fischreichs im Koma.

Um das Becken herum stapeln sich die Fragmente zerfallenden Lebens, die Sedimente von zehn Jahren, nicht mit Pinseln und kleinen Meisseln abgebaut, sondern los gesprengt und in rostigen Loren zur Schmelzgrube verbracht. Der Staub, der sich auf die Schnittkante der Alben gesetzt hat steigt in Wolken auf nur weil ich in seine Richtung atme, und ist schon nicht mehr zu sehen. Ein Kasten voller Mineralienproben, nicht geöffnet seit dem letzten Umzug aus Berkeley, eine selbst gebaute Blumenpresse, Utensilien der Kleinbürger-Hochstapelei, und immer wieder Bücher, alt gewordene Gedanken, die mir plötzlich wie Schuppen aus dem Kopf fallen. Wenig wird bleiben, und dieser ist doch nur der kleine Bruder, ein Erwachen in Westfalen, ein Augenreiben, die Skyline von New York das verblassende Fantasma einer langen Dämmerung.

Hoffentlich kann ich bald nach Hause. Doof hier.

Dass ich dem Argument des Cartesius, so weit ich es verstehe – dass das Gedachtwerden des Vorgangs eines Zweifels unbestreitbar ein denkendes Ich voraussetzt, und also an der Existenz dieses Ich nicht zu zweifeln sei – selbst zweifelnd gegenüberstehe, habe ich ja schon mal geschrieben. Ich sehe keinen unbezweifelbaren Grund, aus dem ein System, das “Ich denke” denken kann, auch ein Ich enthalten muss, das den gesamten epistemologischen Reichtum repräsentiert, der mit dem Ich verbunden wird. Kann sein, dass es so ist, kann auch sein, dass ein Zombie “ich denke” denken könnte, aber jedenfalls ist es nicht unbezweifelbar und eignet sich also nicht als Fundament eines Welt- oder Geistgebäudes.

Unbezweifelbar ist aber doch die Existenz des Zweifels selbst. Denn wenn ich bezweifle, dass es den Zweifel gibt, dann bestätige ich ja grade damit seine Existenz. Das klingt jetzt wie ein billiges Wortspiel oder Paradoxon, mir ist es aber ernst.

Der Vorgang des Zweifelns beinhaltet die Existenz einer Alternative: um zu zweifeln muss ein Subjekt der Ansicht sein, eine Reihe von Sinnesdaten habe eine bestimmte Erklärung, aber zugleich gewahr sein, dass auch eine andere Erklärung zutreffen könne. Was mit anderen Worten nicht bezweifelt werden kann, ist, dass mentales Erleben eine metaphysisch nicht fundierbare Konstruktion ist, deren jedes Element immer auch seine mögliche Negation enthält. Jeder mentale Inhalt ist, was er ist, indem er auf das verweist, was er nicht ist.

Ich zweifle, also bin ich. Vielleicht.

Monday, August 9th, 2010

tante suhrkamp lässt erzählen

“Aus der Sicht des Gehirns”, Gerhard Roth, suhrkamp taschenbuch wissenschaft, S. 40ff.:

So haben wir bis zu einer Distanz von ca. 6 Metern ein direktes räumliches (stereoskopisches) Sehen, also eine echte Dreidimensionalität. […] Die stereoskopische Tiefenwahrnehmung ist sehr präzise, und deshalb können wir mit ruhiger Hand fast auf den Millimeter genau nach nahe gelegenen Gegenständen greifen. Das hochpräzise räumliche Sehen ist aber auf den Nahraum beschränkt, was natürlich Sinn macht. Mit zunehmender Entfernung wird die Disparität der beiden retinalen Bilder immer kleiner, und ganz andere Hilfsmittel zur Entfernungsschätzung kommen zum Einsatz, die auch mit einem Auge funktionieren. […] Eines dieser Hilfsmittel heisst Bewegungsparallaxe und nutzt die Tatsache aus, dass bei seitlichen Kopfbewegungen nahe Gegenstände sich stärker bewegen als etwas entferntere, und sich jene vor diesen hin und her zu bewegen scheinen.

Sehen wir mal davon ab, dass hier ein Wissenschaftler Stammeldeutsch schreibt – “was natürlich Sinn macht”, Lektor hin, Kommunikationswille her – dann bleiben immer noch die faktischen Gurken in diesem Kopfsalat: Disparitätswinkel nehmen mit der Entfernung ab, soweit schon richtig, aber das bedeutet nur, dass in grösserer Entfernung grössere Abstandsunterschiede nötig sind, um denselben qualitativen Tiefeneindruck zu gewinnen. Wer schon mal im Wald gestanden hat, weiss, dass binokulares Tiefensehen durchaus nicht auf die nächstgelegenen sechs Meter beschränkt ist; es sei denn, er war vor lauter Bäumen zu abgelenkt, genauer hinzugucken.

Die von Roth zur Behebung des von ihm erfundenen 3D-Notstands dann ins Feld geführte Bewegungsparallaxe ist drolligerweise geometrisch mit Disparitäten vollständig identisch: Ob ich mein Auge sechs Zentimeter seitwärts verschiebe oder mir stattdessen dort einfach ein zweites wachsen lasse, perspektivisch ist das ein und dasselbe.

Und “echte Dreidimensionalität”: auch Quatsch. Selbst mit fünf Augen sähe man nicht hinter die Dinge, und wäre also noch immer von einer einzelnen visuellen Oberfläche unterschiedlichen Abstands umgeben. Und in den Ausnahmefällen, in denen man zwei Dinge hintereinander sehen könnte, im Fall schmaler Objekte etwa, oder bei transparenten Folien, sorgt die Disparitätsgradientenschwelle meist dafür, dass nicht beide gleichzeitig voll sichtbar sein können. Halten Sie doch mal zwei Finger hintereinander, einen nahe, einen weiter weg. Ist der Abstandsunterschied gross genug, sieht zwar jedes Auge beide Finger, aber binokular oder “echt dreidimensional” sieht man nur den, den man direkt ansieht. Der andere Finger wird doppelt gesehen, sein Abstand ist unsicher. David Marr nannte das visuelle Ergebnis deshalb den “two-and-a-half-D sketch”. Zweieinhalb-D, Herr Roth, “echt”.

Ich freu mich schon aufs vollständig überarbeitete Kapitel zum freien Willen. Das wird bestimmt toll.

Saturday, August 7th, 2010

life in the folding lane

“Nice ride”, ruft einer der Jungs in weissen T-Shirts von gegenüber als ich den Lenker verschraube. Vier sinds, und aus dieser Entfernung sind sie nicht zu unterscheiden, which is the point, no doubt, you feel me? Ich steige auf, 40 Minuten zu spät für meinen Termin, “how fast does it go” ruft jetzt ein anderer, im Wegradeln drehe ich mich um, “going fast enough” und biege um die Ecke. White boy on the run, that’s me.

Saturday, August 7th, 2010

Chocolate Muffin Matters

Alles sieht gleich unverdaulich aus und ist gleich unappetitlich verpackt und also nehme ich am Ende des zweiten Suchduchgangs ein Chocolate Chip Muffin, nicht weil es gesünder aussähe als der Rest, sondern des Namens wegen: klingt immerhin wie ein Nahrungsmittel. Ich zerreisse die Plastikfolie und esse auf dem Fahrrad, mit Blick auf White Castle, das Fort des guten Geschmacks, und beobachte die Blechbüffel auf der Asphaltprärie in great plain Jersey. Bei der Abfahrt werfe ich die Hälfte des Gebäckfaksimiles in den Müll.

Mir fällt auf dass mein Abschiedsscherz von vorhin, im Labor, “I’ll be back in two months for a Trippler renal ultrasound” für die Dame, die mich auskultierte, vermutlich unverständlich war, Doppler und double, die Verbindung liegt nicht nahe. Sie hatte mich aber wiedererkannt, als ich rein kam, und mir am Ende die Bohnenform meiner Niere gezeigt, da hatte ich sicher einen Brösel Kryptonit gut.

Oder das Fahrrad. Wahrscheinlich das Fahrrad.

Mittags sitze ich in der Waschküche vor der Bücherei, niemand klebt ausser mir hier in der Hitze, und beende Everything Matters! Ein Tropfen fällt auf den Umschlag, könnte eine Träne sein oder Öl vom Chicken Saltimboca, oder vielleicht Kondenswasser von der Eisteeflasche. Ich wische ihn mit der Serviette ab und gehe aus der Schwüle zurück nach drinnen, wo es viel zu kalt ist.