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Monday, September 21st, 2020

Neues aus dem Traumland

Der Tag, an dem ich eine verwesende Maus im Rucksack fand und mir ein halber Zahn ausfiel, ist mir noch gut im Gedächtnis. Der Zahn ist unterdessen aufgebohrt, gefüllt, wieder aufgebohrt, wurzelbehandelt, gefüllt, wieder aufgebohrt, wurzelverfüllt und verplombt, sowie verbrieft, berechnet und versiegelt. Und tut nur noch wenig und selten weh. Dieser Traum also verblasst nach und nach.
Aufgefrischt wird er aber von erneutem Verwesungsgeruch, der mir immer mal wieder in die Nase steigt oder halluzinatorisch vorgeistert – eine Quelle ist jedenfalls nicht zu finden. Irgendwann aber bemerke ich, dass das Phänomen immer dann auftrit, wenn ich meine Converse-Stoffschuhe trage und sitze, will sagen: die Nase nah am Schuh trage. Und tatsächlich, mein rechter Schuh stinket, dass es Gott erbarm. Buttersäure, schließe ich, muss sich da gebildet haben, und schelte mich innerlich fürs tagelange Tragen derselben Schuhe, wundere mich allerdings auch ein wenig, warums denn nur den rechten traf, und warum so plötzlich ein Gestank einzog. Aber wichtiger als Verstehen ist die Lösung, und so stell ich die Schuhe in den reinigenden Strom der großen UV-Hygienelampe am Himmel auf den Balkon.
Einen Tag später stinkt der Schuh leider unvermindert entsetzlich oder womöglich sogar noch einen Zacken grauenhafter. Beim Rausziehen der Einlegesohle bemerke ich ganz vorn im Schuh ein kleines Büschel verfilzter Haare, sowas passiert in einem Katzenhaushalt, die Haarpest schlüpft überall rein. Aber das Büschel ist nun doch erstaunlich groß. Ich hol es neugierig raus, der Gestank legt schlagartig eine erhebliche Schippe drauf, und bei näherem Hinsehen hat das Haarbündel Beine, die aber schon kaum noch als solche zu erkennen sind, und eine einzelne Made krabbelt in ihm herum. Ein Kopf oder sonstige Körperform ist nicht mehr zu erkennen.
So unglaublich es mir scheint, die unerbittlichen Gesetze der Deduktion zwingen mich zur Einsicht, dass ich tagelang mit einer toten, verwesenden Maus in meiner rechten Schuhspitze unterwegs war, ohne das, abgesehen von gelegentlichen sonderbaren Geruchsattacken, zu bemerken. Ich frage mich, ob beim Verfüllen der Zahnwurzel die Zahnärztin wohl von meinem Schuh der Geruch von Tod und Verderben anwehte, und wenn ja, was sie sich dabei wohl gedacht haben mag.
Is all that we see or seem
But a dream within a dream?
Ich glaube, ja.

Friday, August 16th, 2019

Epsteins Zungenbein im Lichte Bayes

Wir werden im Moment Zeuge, wie ein Mythos geboren wird, der es vermutlich in Verästelung und Langlebigkeit mit den Theorien zu Kennedys Ermordung wird aufnehmen können. Der verurteilte Sexualstraftäter und Multimillionär (verurteilt wurde er allerdings nur wegen einem der beiden Sachverhalte) wurde vor einer Woche in seiner Gefängniszelle unter auffälligen Umständen tot aufgefunden. Tod durch Erhängen, mutmasste Trumps Generalstaatsanwalt.

Aber tatsächlich bekannt ist bislang sehr wenig, insbesondere gibt es noch keinen offiziellen Obduktionsbericht. Aber die erste Untersuchung ergab, dass Epsteins Zungenbein (englisch: Hyoid Bone) gebrochen sei. Ein solcher Zungenbeinbruch sei viel wahrscheinlicher bei einem Mord durch Erwürgen als bei Selbstmord durch Erhängen, ist zu lesen, und deshalb deute dieser Befund auf Mord hin. Tut er das? Und wie sehr?

Zum Glück gibt es Publikationen wie zum Beispiel Slate, die uns mit ausführlichen Artikeln auf die Sprünge helfen (“Epstein’s Broken Hyoid Bone Doesn’t Tell Us Much”). Der Bruch sagt uns also nicht viel. Mal sehen wie es diesbezüglich und den Slate-Artikel selber steht.

Es handelt sich um ein Wahrnehmungsproblem wie aus dem Lehrbuch für Bayesianisches Schlussfolgern: wie verändern sich die Wahrscheinlichkeiten dafür, dass es Mord beziehungsweise Selbstmord war, wenn wir erfahren, dass das Zungenbein gebrochen ist?

Der Slate-Artikel kümmert sich nun zunächst um die Anfangswahrscheinlichkeiten. Es ist 20 mal so wahrscheinlich, dass bei einer zufällig in den USA aufgefundene Leiche Selbstmord durch Erhängen vorliegt wie Mord durch Erwürgen. Interessant, aber in diesem Fall wurscht, denn Epstein ist ja ungefähr das Gegenteil einer zufällig aufgefundenen Leiche. Er war Gefängnisinsasse in (momentaner, sein Zellengenosse wurde kurz vor Epsteins Tod verlegt) Einzelhaft, die angeführen Wahrscheinlichkeiten haben mit seinem Fall nichts zu tun.

Aber uns interessiert ohnehin mehr, wie sich die unbekannten Grundwahrscheinlichkeiten für Mord und Selbstmord verändern, wenn wir das gebrochene Zungenbein mit berücksichtigen. Bei 25% aller Erhängten, schreibt Slate, komme ein solches gebrochenes Zungenbein vor. Und verschweigt die für die Interpretation wichtige Vergleichszahl für die Mordopfer. Warum ist die relevant? Wenn auch bei 25% der Mordopfer ein Zungenbeinbruch vorläge, sagt uns dieser Bruch überhaupt nichts über die Todesursache. Läge bei gar keinem Mordopfer ein solcher Zungenbeinbruch vor, wäre ein Bruch sogar ein Beweis für Selbstmord. Und liegt die Wahrscheinlichkeit bei Mordopfern für einen Zungenbeinbruch höher als die 25% der Erhängten, dann brauchen wir erstens diese genaue Wahrscheinlichkeit und zweitens Bayes Regel.

Zum Glück gibts die Wikipedia, der wir entnehmen können, dass diese Wahrscheinlichkeit rund doppelt so hoch ist wie bei Selbstmord. Kein großer Unterschied, der sich entsprechend auch nicht dramatisch auswirkt. Bayes Regel besagt, dass das Verhältnis der Wahrscheinlichkeiten sich verdoppelt. War Mord vorher halb so wahrscheinlich wie Selbstmord, sind beide nach der Entdeckung gleich wahrscheinlich. War Mord vor der Entdeckung ein Zehntel so wahrscheinlich, dann ist er hinterher immerhin ein Fünftel so wahrscheinlich geworden wie Selbstmord.

Die Schlussfolgerung des Slate-Artikels, dass der Zungenbeinbruch bei einem zufälligen Mordopfer ein wichtiges Indiz, in Epsteins Fall aber belanglos sei, ist abenteuerlich und ireführend. Denn diese Verdopplung der Wahrscheinlichkeiten tritt unabhängig von allen anderen Umständen ein, dramatisch ist sie also nie und den beschworenen Columbo-Moment gibt es bei derartigen Zahlen niemals.

Der Zungenbeinbruch sagt uns nicht viel. Slate leider auch nicht. The End.

Ach, nein, Moment. Eine Frage noch…

Friday, August 2nd, 2019

Punkt vor Tante Sally

Kennen Sie diese Sorte von Mathematik-Aufgabe aus sozialen Medien? Oft sind es extrem einfache Rechnungen, zum Beispiel:

Was ergibt 8/2*(2+2)?

Und drunter stehen hunderte falscher Antworten.

Das Zeug geistert immer wieder durch Facebook und Twitter, und es erscheint unerklärlich, bei einer doch vermeintlich exakten Lehre wie der Mathematik, dass es da immer wieder so große Meinungsverschiedenheiten geben kann. In diesem Fall berechnen die zwei größten Löse-Lager 16 beziehungsweise 1. Zu welchem der Lager gehören Sie? Was halten Sie von den Rechenkünsten der Leute im anderen Lager? Und wieso sind solche Aufgaben im englischen Sprachraum noch viel beliebter als bei uns?

Klären wir erstmal, wie es überhaupt zur Meinungsverschiedenheit kommen kann. Mathematische Formeln sind ja nichts als aufgeschriebene Rezepte für Berechnungen. Nimm eine 2, pack noch eine 2 dazu, dann multipliziere das Ergebnis mit…, und so weiter, bis zum Ergebnis.

Das funktioniert nur, weil die Übersetzung der Zeichen ins Rezept eindeutig (1) ist. Weil man sich auf Regeln für diese Übersetzung geeinigt hat. Die Faustregel, die Schulkinder bei uns lernen ist: Zuerst Klammen, dann Potenzen, dann Punkt vor Strich, alles von links nach rechts. Das ist die globale Konvention, und mit dieser Konvention berechnet man oben eine 16.

In den USA handelt die entsprechende Eselsbrücke aber nicht von Punkten und Strichen, sondern von der lieben Tante Sally, der man bitte verzeihen soll: Please Excuse My Dear Aunt Sally, PEMDAS. Das steht für: Parentheses, Exponents, Multiplication, Division, Addition, Subtraction. Und erweckt leider den Eindruck, Multiplikation müsste vor der Division ausgeführt werden und die Addition vor der Subtraktion.

Daran wäre gar nichts falsch, das könnte man so machen. Dann würden wir hier eben erst die Klammer berechnen, dann das Ergebnis 4 mit der 2 multiplizieren, und dann die 8 durch dieses Zwischenergebnis 8 teilen. Ergebnis 1.

Ob man es so oder so macht, hat mit Mathematik, und mit richtigem oder falschem Rechnen nichts zu tun. Es handelt sich um reine Konvention. Man kann auch in beiden Konventionen die jeweils andere Berechnung aufschreiben. Man braucht nur zusätzliche Klammern. Also 8/(2*(2+2)) um trotz Punkt-vor-Strich eine 1 zu berechnen, beziehungsweise (8/2)*(2+2), wenn man Tante Sally weiterhin falsch verstehen will und trotzdem 16 als Antwort möchte. Falsches Rechnen wäre, nach 4 mal 4 gefragt zu werden und 15 zu antworten. Hier passiert etwas ganz anderes.

Denn das eigentliche Problem hier ist nicht, dass die Leute im anderen Lager nicht rechnen können (geben Sie ruhig zu, dass sie das oben gedacht haben), sondern dass die Regel der Tante Sally zu diesem Missverständnis einlädt. Das Problem ist eine lausige Eselsbrücke, und der Fehler liegt eigentlich nicht bei dem, der sich da verrechnet, sondern bei dem, der es ihm irreführend beigebracht hat.

Übrigens, wo wir grade beim Thema sind: was ergibt 230-220*0,5?
Sie werdens vermutlich nicht glauben, aber die Antwort ist 5!

(1) Für die Mathe-Freaks: ein-eindeutig ist diese Übersetzung nicht, weil man ja jeder Formel jederzeit noch Klammern zufügen kann, die an den Berechnungen gar nichts ändern.

Thursday, July 18th, 2019

Harris/Gervais/Hitchens

Tipp für alle, die des Englischen mächtig genug sind, mit einem flott auf Niveau dahergeplauderten Gespräch fertig zu werden. Der Podcast von Sam Harris ist regelmäßig großartig und inspirierend, aber diese Woche schlägt er selbst für seine Verhältnisse besondere Funken. Er hat Ricky Gervais zu Gast (beziehungsweise hat er ihn in London besucht), und das ist für mich nicht nur großartig, weil hier zwei sehr kluge und lustige Köpfe aufeinandertreffen (es klingt nach Buch, Herr Lichtenberg), sondern auch weil ich meine Bewunderung für die beiden Herren bislang in recht unterschiedlichen Schubladen aufbewahrt hatte und jetzt gewissermaßen den Inhalt der einen in die andere schütten kann. Provokanter Humor und besonnene Rationalität, zwei Seiten einer extrem wichtigen Medaille.

Und dann reden sie am Ende auch noch über die Rückkehr von Christopher “Hitch” Hitchens, der auf einem von Richard Dawkins geklonten T-Rex in die Stadt reiten soll, wenn ich das recht verstanden habe.

Den Podcast findet man hier auf der Webseite von Sam Harris.

Saturday, June 15th, 2019

Der liebe Focus und die Wissenschaft

(Quellen stehen unterm Text)

“Forscher warnen vor hohen Emissionen: Salat umweltschädlicher als Bacon. Sind Vegetarier schuld am Klimawandel?” (1) titelt der Focus gewohnt subtil und sachlich. Er übersetzt damit, wie im Online-Journalismus ja leider sehr verbreitet, einfach einen Post auf Science Daily (“Vegetarian and Healthy diets could be more harmful to the environment, experts say” (2)) ins etwas schlichter Tendenziöse und annähernd Deutsche. Dazu Stock-Footage von Leuten montiert, die in Salaten stochern und eine Leierstimme, die es vorliest, fertig ist das Premiumcontent Wissenschaftsvideo. Die Botschaft klingt nicht gut, sondern eher, als müssten selbst die irren Vegetarier sich jetzt mal ein paar Steaks grillen, wenn der Eisberg gerettet und Greta Thunberg nicht weinen soll.

Grundlage der Meldung, die waffenfähigen Schurkengemüse Sellerie, Aubergine und Gurkei seien schlechter fürs Klima als Schweinespeck ist natürlich, wie immer, eine wissenschaftliche Studie. Sie hat den erwartbar sperrigen Titel “Energy use, blue water footprint, and greenhouse gas emissions for current food consumption patterns and dietary recommendations in the US” (3). Das „in the US“ behalten wir direkt mal im Hinterkopf, könnte wichtig werden.

Der Aufsatz beschäftigt sich mit Lösungen für das in den USA weit verbreitete Problem der Fehlernährung, genauer mit zwei Empfehlungen der US-Amerikanischen Gesellschaft für Ernährung, nämlich die Kalorienzufuhr insgesamt zu reduzieren, und auf gesünderes Essen umzusteigen. Die Studie schaut sich nun schlicht an, wie das Anwenden je einer dieser Empfehlungen oder beider zusammen sich auf die Umweltfolgen auswirkt.

Überraschendes Ergebnis: nur bei Reduzierung der Kalorienmenge sinken Wasser- und Energieverbrauch und Treibhausgasemissionen. In den anderen beiden Fällen (gleiche Kalorienmenge, aber gesünder, oder weniger Kalorien und gesünder) werden durch die Änderung mehr Ressourcen verbraucht. Dieser Anstieg ist die Grundlage der Focus-Meldung, Salat sei schlimmer für die Umwelt als Speck. Kurioses Ergebnis, denkt man nun vielleicht und hat womöglich sogar milde Zweifel.

Im Artikel selbst weisen die Autoren darauf hin, dass es eine entsprechende Studie auch für Deutschland gibt, Titel „Environmental Impacts of Dietary Recommendations and Dietary Styles: Germany As an Example” (4). Ergebnis? Das glatte Gegenteil der amerikanischen Studie. Hält man sich an die Empfehlungen der Deutschen Gesellschaft für Ernährung, geht die Belastung für die Umwelt bei der Herstellung des Essens zurück. Na sowas. Wie kommts denn wohl zu diesem Unterschied, lieber Focus? Wisst Ihr nicht? Lasst es Euch erklären.

Steht sogar in der Studie, die ihr da zitiert. Deren Autoren führen es einerseits auf das andere Profil der deutschen Ernährungsempfehlungen zurück, die weniger Milchprodukte und Fisch und mehr Nüsse vorschreiben, andererseits darauf, dass die Produktion von Früchten und Gemüse in den USA überwiegend in Kalifornien passiert. Und Kalifornien eignet sich für die Landwirtschaft ohne immensen Energie- und Bewässerungsaufwand halt leider gar nicht. Die blühenden Gärten dort wären ohne diesen Aufwand Wüsten. Ja aber, haben die USA denn nicht auch Gegenden, in denen man Gemüße ohne großen Aufwand anbauen könnte? Haben sie. Was aber bauen sie dort an? Futtermittel für die Fleischindustrie, zum Beispiel im großen Maßstab Soja und Mais. Ziemlich fairer Vergleich, so insgesamt.

Also: eine Umstellung auf die jeweils empfohlene gesündere Ernährung reduziert in Deutschland die Umweltkosten dieser Ernährung, in den USA erhöht sie diese Kosten. Die Gründe liegen in der erstaunlich unterschiedlichen Auffassung davon, was eine gesunde Ernährung eigentlich ist, und darin, dass es große regionale Unterschiede in der Landwirtschaft gibt. Um Vegetarier oder Veganer geht es übrigens in keiner der beiden Studien, alle betrachteten Ernährungsempfehlungen enthalten Fisch, Fleisch und Milchprodukte. Am Ende der Studie erwähnen die Autoren allerdings noch, dass etliche Studien belegt haben, dass eine vegetarische Lebensweise besser für die Umwelt ist, aber Schwamm drüber.

Denn all das wirft für den Focus halt zwangsläufig die Frage auf: „sind Vegetarier schuld am Klimawandel?“ Und bei allen anderen: „Ist der Focus schuld an der Propaganda oder einfach nur doof?“

Echt schwer zu sagen.

(1) Focus: “Salat umweltschädlicher als Bacon”: Sind Vegetarier schuld am Klimawandel?
(2) Science Daily: Vegetarian and ‘healthy’ diets could be more harmful to the environment, researchers say
(3) Tom, M.S., Fischbeck, P.S. & Hendrickson, C.T.: Energy use, blue water footprint, and greenhouse gas emissions for current food consumption patterns and dietary recommendations in the US. Environ Syst Decis (2016) 36: 92
(4) Toni Meier and Olaf Christen: Environmental Impacts of Dietary Recommendations and Dietary Styles: Germany As an Example. Environmental Science & Technology 2013 47 (2), 877-888

Wednesday, November 2nd, 2011

monasterienses

1
Ich habe die Wahl. Entweder biege ich nach der Grundstücksausfahrt rechts ab, stadtauswärts, fahre dann bis zur Ampel an der Tankstelle und umkreise dort, Ampel für Ampel, die Kreuzung, oder ich biege links ab und fahre dann, illegal und gegen die Fahrtrichtung neben dem Radweg, hundert Meter stadteinwärts bis zur Fußgängerampel, quere und kehre dort in die Legalität zurück, die ich um den Preis einiger ersparter Warteminuten leichtfertig verlassen haben würde, sollte ich mich für diese Möglichkeit entschieden haben. Und ich würde so entschieden haben.

Es gibt auf diesen hundert Metern eine einzige, sehr schmale Hofeinfahrt. Als das Auto daraus hervor rollt, ist das kein Problem, weil ich so langsam und eigentlich schon gar nicht mehr langsam, sondern in diskreten, wohlgesetzten infinitesimalen Schrittchen fahre, dass ein Antippen der Bremse, ach was, ein Anhauchen des Bremshebels, mich zum sofortigen Stehen bringen sollte. Stattdessen blockieren die Räder nach dem Hauchen, der Gehweg ist wohl feucht, es muss wohl ausnahmsweise geregnet haben, und ich rutsche gradewegs und ungebremst ins gleichfalls ungebremst weiterrollende Auto. Ein sehr kleines Geräusch entsteht, als die Stoßstange und mein Rad sich begegnen, dann stehen beide Fahrzeuge für einen kurzen Moment inert und gleichberechtigt da und mein Herz sagt Hoppla. Die Fahrerin kurbelt die Scheibe runter. “Nichts passiert”, sage ich ihr und mir, aber “schnapp”, sagt die Empathiefalle dazu, denn das wollte ja gar niemand wissen. “Gegen die Fahrtrichtung!” bellt sie empört, kurbelt wieder hoch und gewinnt aus dem nun folgenden Kopfschütteln soviel Antriebsenergie, dass sie noch eine halbe Stunde später keinen Tropfen Benzin verbraucht.

2
Die Fußgängergruppe geht, wie Fußgängergruppen das tun, wenn sie auf die Fremden vergessen, die ihren mit tollen Gesprächen tapezierten Gruppenraum teilen, wegbreit dahin, und es ist also an dieser Engstelle kein Vorbeikommen. Auch kommt noch jemand entgegen, ein Knäuel aus Leibern verstopft die Verkehrsader, aber ich habe es nicht eilig, rolle im Gehtempo hinter ihnen her und warte auf die Entspannung der Lage, die mir gleich das Vorbeirollen ermöglichen wird. Stattdessen bemerkt mich aber die hinterste der Personen und ruft “Lasst doch mal das Rad vorbei” in den Gruppenraum. Eine andere ruft “der könnte doch auch mal klingeln!” vorwurfsvoll und mit gezücktem Handschuh, eine dritte steuert “Klingel ist wohl kaputt” noch bei. “Ruhig bleiben”, sage ich, “ich habs ja nicht eilig”, und ärgere mich, dass auch ich jetzt ziemlich klinge, als wolle ich mich streiten. Will ich doch gar nicht, Herrgott. Idioten.

3
Der Rentner fixiert mich, die Lippen gepresst gegen den schalen Geschmack in seinem Mund, und dreht als wir aneinander vorbeirollen den Kopf mir zu, Blick an meinen Blick geschweißt und Verbotsschilder in den Augen, eine Regelüberwachmaschine in beiger, wetterfester Verpackung. Das Zurückschnellen des Rentnerkopfes nach vorne, und die zufrieden vorschießende Reptilzunge sehe ich nicht, weil ich ja nach vorne gucke, dahin, wo das Auto neulich rausrollte. Ich bin ja schließlich nicht blöd und lerne dazu.

Wednesday, April 13th, 2011

Der Jüngling und die Sache

Raum ist in der kleinsten Stätte
Zum Verschlampen allen Seins.
Und wieviel Wesen ich auch hätte,
Brauch ich eines: find ich keins.

Monday, March 28th, 2011

Pina

Ich bin spät gekommen, deshalb haben alle jetzt zu große Köpfe. Sie gehen um eine Kalkgrube herum, ich nehme jedenfalls an, dass das eine Kalkgrube ist. “Toll” hat eine Dame neben mir gesagt, allerdings während des Abspanns, nicht als die Menschen mit den großen Köpfen um die Kalkgrube gingen. Obwohl das auch toll war. Zuerst hatte ich “ältere Dame” geschrieben, aber das steckt ja sozusagen schon drin in der Dame, das Alter. Auch für die Dame hatten die Tänzer alle große Köpfe, vielleicht wollte ich deshalb ihr Urteil zu meinem machen: die Gemeinschaft der Schrägvonuntengucker der ersten Reihe, Club der Zuletztgekommenen.

Die Dame setzt sich eine Pelzmütze auf, jetzt hat sie auch einen zu großen Kopf. Ich hole die Dose mit dem WD-40 unter meinem Sitz hervor. Das Plastikrohr, das das Versprühen von Ölschaum in enge Winkel erlaubt, ist mal wieder abgefallen und nicht zu sehen. Es fällt dauernd ab, ist nur mit einem Streifen Klebeband aussen an die Dose geklebt, so hab ichs gekauft, und noch nicht geschafft, mir eine bessere Befestigung auszudenken. Jetzt fällt es halt dauernd ab. “Fehlt Ihnen etwas”, fragt die Frau mit der riesigen Pelzmütze. “Ein kleiner, roter Schlauch”, sage ich, und ärgere mich sofort, weil das Wort Schlauch Biegsamkeit suggeriert, die das gesuchte Stück Plastik gar nicht hat. Wie soll sie denn ein Röhrchen finden, wenn sie einen Schlauch sucht?

“Ich sehe nichts”, sagt sie deshalb, und ich sehe aber auch nichts. “Weg ist weg”, sagt die Dame leichthin und heiter, und ich nicke, gucke aber trotzdem nochmal unter den Polstersitz, denn nochmal geguckt ist halt auch nochmal geguckt. Der Weg nach draußen ist voller Schuhe und Hosenbeine, und ohne Röhren oder Schläuche, aber vorm Kino liegt es dann zwischen nach Hause tanzenden Füßen. Ich hebe es auf und warte noch einen Moment, um der Dame mit dem großen Kopf das Ende der spannenden Geschichte vom Röhrchen zu erzählen. “Haben sies gefunden?”, fragt sie beim Rauskommen. Ich mache eine improvisierte Geste, die “ja, es lag hier” ausdrückt, sags sicherheitshalber aber auch noch, ich kann ja schließlich gar nicht tanzen. Sie lächelt. Gemeinsam haben wir ein kleines Stück Zerfall besiegt, die Bürgersdame und ich. Und gleich steigt sie jetzt in ihre Autolimousine und lässt sich von ihrem Butler nach Hause fahren, und ich gehe zu meinem Rad und radle nach Hause.

Aus dem Augenwinkel sehe ich einen Moment später wie sie und ihr Mann ihre Fahrräder aufschließen, der große Pelzkopf hüpft ein wenig, als sie aufsteigt. Mein Euphorietöpfchen kocht schlagartig über, und beim Wegrollen steige ich auf meinem Rad auf die Pedale, ich schwebe, ich fliege, strecke mich, drei Meter groß, und kichere aus dieser enormen Höhe hinab auf Asphalt und Steine und all die anderen Dinge mit Gewicht.

Monday, May 4th, 2009

sattelschubser

Der Fluss der Automobile ist, wie üblich um diese Zeit, in einem Zustand der Auflösung. Auf der rechten Spur steht warnblinkend verteilt die Lunchbrigade und blockiert. Wir restlichen Rollenden umfliessen zäh die aufragenden Ichkisten mit ihren sandwichhoffenden Fahrern. Ein Sattelschlepper schlängelt sich durch die Blockade, und ich schlängele ihm nach, bis er auf der Rechtsabbiegespur an der Ampel zu stehen kommt. Rechts steht er zu eng am Bordstein, ich richte also die Radnase nach links, die Fahrerin des dort nachkommenden Wagens bremst und winkt mich in die Lücke. Aus dem Augenwinkel aber sehe ich die riesigen Reifen des Schleppers sich drehen, das Monster rollt rückwärts und schräg verschwindet mein Rad unter ihm. Hey, rufe ich, asshole, what are you doing, springe ab und ziehe das Rad nach, aber unerbittlich schiebt sich der Verbrecher hinterher. Hey, ruft es nun auch vom Gehweg, there are people behind you, pay attention. Endlich hält das Vieh, schafhaft guckt ein Fahrerkopf aus der Kabine. You OK fragt es von da oben, und schon wieder sage ich, anstatt einem Bereicherungsprozess den Weg zu bereiten, I am, and I think the bike is, too. Schiebe das Rad zum Beiweis kurz nach vorne und wieder zurück, überrolle dabei eine schimpfende Ameise, und radle davon.

Monday, March 16th, 2009

Journal Square, 11:30

Vor dem Bahnhof tummeln sich ungewohnt viele Menschen, schwer, mit dem Rad durchzukommen, ohne dass sich wer bedroht fühlt, und je näher ich der Treppe komme, desto dichter wird der Menschenauflauf. St. Patricks trinkt demonstrativ ein Erklärungsbier in meinem Kopf, aber sein Tag ist ja erst morgen, und betrunken oder grün ist hier auch keiner. Alle fünf Rolltreppen funktionieren, ein statistischer Ausreisser, der nur durch einen grösseren Defekt anderswo nicht zu einem Ungleichgewicht im Gefüge der Natur führen kann, und so weiss ich dann auch schon bevor ich es den dicken Mann in der Uniform sagen höre, dass keine Züge fahren. Wie lange es dauert, kann niemand sagen, eine halbe Stunde aber mindestens. Na gut, geh ich halt was essen.

Hinter dem Bahnhof, an der Brücke über die Gleise, noch ein Auflauf, Menschen auf Zehenspitzen diesmal. Die gaffen wohl kaputte Züge, denke ich augenrollend, gleite noch ein paar Meter würdevoll am Gafferspalier vorbei, knicke ein, steige ab und gaffe mit. This will happen a lot more, sagt einer, with the way the economy is going. Zwei Züge stehen ausserhalb des Bahnhofs rum, Gleisarbeiter dazwischen, es ist kein Problem zu sehen. From the bridge? fragt jemand. No, from the other train, sagt jemand anders, und langsam verwandelt sich das technische Problem unter mir in einen Selbstmord. Clear the wall, ruft ein weiterer dicker Mann in Uniform, eine schwarze Limousine mit Blaulicht hält am Strassenrand. Ich stehe noch einen Moment, ein undefinierbares Gefühl im Bauch. Vielleicht Hunger.

Die Salatbar im Deli um die Ecke ist erstaunlich gut sortiert, der Essbereich schäbig, fensterlos und überheizt. Auf dem unvermeidlichen Fernsehschirm schreien sich drei Männer an. Einer, der sich bisher für den Vater seiner beiden Kinder hielt, zwei andere, die auch in Frage kommen, zwischen ihnen die weinende Mutter und ein dicker Moderator mit Glatze. Nach jedem emotionalen Ausfall, jedem Geschrei, applaudiert das Publikum höflich und zivilisiert, dann ist der nächste dran. Schliesslich verliest der dicke Moderator mit dramatischen Pausen die Ergebnisse des Vaterschaftstests. Schnitt auf die weinende Mutter, den fassungslosen Nichtvater, den ausdruckslosen Jetztvater. Applaus.

Die Züge fahren eine halbe Stunde später immer noch nicht, der einzige Bus ist überfüllt, bleibt nur, mit dem Fahrrad quer durch den Sumpf und über ein Gewirr aus Zubringern und Schrottbrücken zu fahren, über Russhaufen gespickt mit Unfallscherben. Wie ein gejagtes Kaninchen hopple ich über die Autobahnauffahrt, als sich zwischen den Sattelschleppern kurz eine Lücke öffnet, und dann vorbei an zerbröselnden Fabriken, nach Newark und zwischen seinen Banktürmen hindurch zu unserem kleinen Campus. Ich komme exakt rechtzeitig.