Neues aus dem Traumland
Der Tag, an dem ich eine verwesende Maus im Rucksack fand und mir ein halber Zahn ausfiel, ist mir noch gut im Gedächtnis. Der Zahn ist unterdessen aufgebohrt, gefüllt, wieder aufgebohrt, wurzelbehandelt, gefüllt, wieder aufgebohrt, wurzelverfüllt und verplombt, sowie verbrieft, berechnet und versiegelt. Und tut nur noch wenig und selten weh. Dieser Traum also verblasst nach und nach.
Aufgefrischt wird er aber von erneutem Verwesungsgeruch, der mir immer mal wieder in die Nase steigt oder halluzinatorisch vorgeistert – eine Quelle ist jedenfalls nicht zu finden. Irgendwann aber bemerke ich, dass das Phänomen immer dann auftrit, wenn ich meine Converse-Stoffschuhe trage und sitze, will sagen: die Nase nah am Schuh trage. Und tatsächlich, mein rechter Schuh stinket, dass es Gott erbarm. Buttersäure, schließe ich, muss sich da gebildet haben, und schelte mich innerlich fürs tagelange Tragen derselben Schuhe, wundere mich allerdings auch ein wenig, warums denn nur den rechten traf, und warum so plötzlich ein Gestank einzog. Aber wichtiger als Verstehen ist die Lösung, und so stell ich die Schuhe in den reinigenden Strom der großen UV-Hygienelampe am Himmel auf den Balkon.
Einen Tag später stinkt der Schuh leider unvermindert entsetzlich oder womöglich sogar noch einen Zacken grauenhafter. Beim Rausziehen der Einlegesohle bemerke ich ganz vorn im Schuh ein kleines Büschel verfilzter Haare, sowas passiert in einem Katzenhaushalt, die Haarpest schlüpft überall rein. Aber das Büschel ist nun doch erstaunlich groß. Ich hol es neugierig raus, der Gestank legt schlagartig eine erhebliche Schippe drauf, und bei näherem Hinsehen hat das Haarbündel Beine, die aber schon kaum noch als solche zu erkennen sind, und eine einzelne Made krabbelt in ihm herum. Ein Kopf oder sonstige Körperform ist nicht mehr zu erkennen.
So unglaublich es mir scheint, die unerbittlichen Gesetze der Deduktion zwingen mich zur Einsicht, dass ich tagelang mit einer toten, verwesenden Maus in meiner rechten Schuhspitze unterwegs war, ohne das, abgesehen von gelegentlichen sonderbaren Geruchsattacken, zu bemerken. Ich frage mich, ob beim Verfüllen der Zahnwurzel die Zahnärztin wohl von meinem Schuh der Geruch von Tod und Verderben anwehte, und wenn ja, was sie sich dabei wohl gedacht haben mag.
Is all that we see or seem
But a dream within a dream?
Ich glaube, ja.




