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Wednesday, January 10th, 2007

Paartanz

Einstweilen lenken aber vorgezogene Frühlingsfeste von den sich entwickelnden Problemen ab. Eine leise Tanzmusik durchweht die Fluten, und die Männchen, die man wie beim Menschen an ihren gockelhaft aufgestellen bunten Rückenflossen erkennt, drängen die Weibchen zu Tanz und Tollerei. Augustus und ein namenloser Kollege jagen eine der gestreiften Frauen die Plexiglaswände auf und ab, und sie lässt es sich, soweit sich das sagen lässt, gern gefallen. Jedenfalls öffnet und schliesst sie lüstern und geradezu paarungsbereit den Mund. Oder eben atmend und genervt, oder was, als Mann ist man beim Beobachten von derlei Material ja immer gehandicapt. Das geht auch Augustus und seinem Fischkollegen so. Fast schon reisst das Jagdgeschehen nämlich sich nun ganz von der Fraunsperson los, eine Fischmännerschlägerei droht sich zu entspinnen, ein Wettlauf der Gockel, ein Paradeprachtreiten der Seehengste, aber dann besinnt sich Augustus doch noch eines Besseren, schlägt flink einen unerwarteten Haken und schwimmt wieder wie eine flossige Gentlemanattrappe neben der Frau dahin. Freilich nur sekundenlang, dann hat der Konkurrent den Braten gerochen und rückt erneut zum Schwanzflossenvergleich herbei.
Aufgrund des mechanischen Wesens des Fisches muss das Geschilderte nunmehr in zahlreichen Wiederholungen immer und immer wieder geschehen, ehe dann vielleicht was Neues geschehen kann, und wir wenden unsere Aufmerksamkeit also besser Anderem zu.
Zum Beispiel den beiden kleinen blauen Fischen, die über dem höchsten Schlossturm, Nasengewebe an Nasengewebe einander gegenüberstehend, ein gemeinsames Zentrum oder Gefühl umkreisen, Eskimosküsse im Warmwasserbad, Liebesballett der Kleinwirbler. Es ist nicht recht zu begreifen, was die Fische dabei antreibt und worin der Lohn der Mühe für sie bestehen mag, ein kleines, blaues Wohlgefühl wird es wohl sein, in den kleinen blauen Köpfen, ein Schwingen der Fischneuronen in Einheit und Gleichklang über den tiefen Wassergraben hinweg, der zwischen den Individuen gähnt, die Genugtuung eines vorübergehenden Betrugs am Weltgeist, der Symbole der Einsamkeit in die Fischherzen gemalt hat bei ihrer Erschaffung. Dann trennen die beiden Fische sich wieder und schwimmen ihrer Wege, der eine links ums Schloss, der andere rechts, wo ihm schon Augustus entgegenrast, scharf abbremst, gegenlenkt und der Gestreiften quer und mit quietschenden Flossen den Weg abschneidet.
Komm, Puppe, hüpf rein.

Tuesday, January 9th, 2007

Von der Existenz der Ordnungsmächte

Schlimm hingegen steht es um eine der Barben, ein Weibchen, wie ich aus Gründen der genauen Beobachtung und des Fischsexualisierungshalbwissens zu wissen glaube. Hinten unten an der Schwanzflosse zeigte sich erst weisslich eine Art Flossenrand oder Ornament, Adoflosse mit der Weisskante, quasi und also möglicherweise eine Aufwertung des Fisches im Hinblick auf einen Weiterverkauf auf Ebay oder in der Fernsehwerbung. Dann aber, wie die Feuerrinde an einem verbrennenden Blatt Papier, frass die Kante sich vorwärts durch die Flosse, und liess nur verbranntes Wasser hinter sich zurück.
Kaum war mir das nun aufgefallen, da fiel noch mehr; nämlich mir auch rückwirkend wieder ein, dass schon seit einer Weile ja diese eine Fischin – die grösste der drei blaugrünen – zerrupft und flossenkarg ausgesehen hatte. Die Knochenstrahlen der ventralen Bauchflossen unverbunden abstehend, auch die Flossenhaut der Analflosse angegriffen, und die der Dorsale mit Lücken zwischen den Flossenstrahlen, deren Aufrichten, herbeigeführt durch eine Kontraktion der Körpermuskulatur in Vermittlung durch die Flossenstrahlträger, kaum zum gewünschten Effekt der Beeindruckens zufälliger Betrachter oder vorüberschwimmender Kobarben, sondern eher zu mitleidigem Abwenden der vorgenannten Bevölkerungsgruppen führt. Sofern der Fisch denn überhaupt des Mitleidens mächtig sei wie der Mensch. Zweifelhaft, aber man weiss es nicht und muss das Beste annehmen und ein Optimist sein auch unter Wasser und den schlimmsten Bedingungen.
Nun aber ist hier ja über das blosse zerfranste Aussehen hinaus ernstlicher Flossenfrass im Gange, und das kann nun freilich selbst unter der wohlwollendsten Lesart nicht angehen. Der Fisch als solcher benötigt zur Fortbewegung die Flosse, und ist ihrer schon um seiner Freizügigkeit willen also nicht zu berauben; zudem und vor allem aber ist die körperliche Unversehrtheit ein Grundrecht auch und grade in Badewannen, alten Blumenkästen und ähnlichen Behältern, und somit der am Fisch entstehende Schaden ein Schaden am moralischen Kode des Universums selbst. Ein Schlag mithin ins Gesicht der gütigen Ordnungsmächte, die womöglich irgendwo da draussen wohnen, und nur das Beste für alles organische Leben im Sinn haben. Oder im lichtschluckenden Monolithen, oder dem Warp-Kern, oder wo die Ordnungsmächte das universelle Beste eben aufbewahren.
Man möchte die Existenz solcher Mächte ja manchmal andererseits durchaus bezweifeln. Eine sofortig durchgezogene Wasserstichprobe nämlich findet keine Mängel, die optische Inspektion von Vegetation und Bebauung gleichfalls zeigt keine Verdachtsmomente und mithin also bietet sich hier kein Ausweg halbnackt und hüftschwingend am Strassenstrich der Geschehnisse an. Nur der Flossenfrass selber zeigt, dass hier nicht alles Fisch und gut ist im Staate Dänemark, sondern manches auch Fleisch ist, und böse. Das dann auch noch unter meinen wachenden Augen langsam zu Gras wird und hinwelkt. Beziehungsweise eben zu Spinat. Dansk Jävlar Ordnungsmacht!
Das lähmende Gefühl der Hilflosigkeit immerhin, das jetzt grade einsetzt, kenne ich schon. Hallo, alter Freund.

Monday, January 8th, 2007

Pizza

Ich wähle das zweite Urinal, links neben mir das Kinderbecken, leicht gelblich und sicherlich vorgewärmt, wie immer, rechts noch zwei für Grownups oder Schlakse. Am Waschbecken, schräg rechts hinter mir, schrubbt sich ein einsamer Angestellter das Popcorn von den Händen. The Departed hat Überlänge, und es ist spät. Von links hinten jetzt eine Stimme, I got Pizza, want some, sagt sie, und ich antworte schon fast, als ich doch noch begreife, dass wohl der am Becken gemeint ist. What pizza, fragt der, Veggie, no thanks.
Der Pizzabote steht jetzt links von mir am niedrigen Urinal, packt aus, wirft einen Blick zu mir her, hält inne, Well, sagt er. Actually, sagt er. Macht die Hose wieder zu und geht zum Pinkeln in eine Kabine.
Der Pizzakarton steht auf dem Mülleimer. Papierhandtücher sind in beiden Maschinen aus, und mit feuchten Händen trete ich ins leere Kinofoyer.

Friday, January 5th, 2007

Da helfen sicher Tabletten

Wenn man früher krank wurde, also sehr früher, als es noch keine Individuen gab und „man“ noch ganze Spezies bezeichnete, wenn früher also Triceratops einen Schnupfen bekam, dann halfen keine Medizin und kein Arzt, denn die waren noch nicht erfunden, und Hühnersuppe gab es auch nicht, denn auch Hühner waren noch nicht erfunden, und so hiess es denn aussterben für die schniefenden Dinosaurier. Das mag uns heute eine drastische Folge eines einfachen Schnupfens scheinen, aber erstens hatten die Dinosaurier damals riesige Nasen (anders als zum Beispiel, ich erwähnte es, Fische), und zweitens kannte man es damals eben nicht anders.
Heute ist das anders, denn seit uns die Evolution Penicillin, Viagra und Brause geschenkt hat, gibt es für jede kleine Sorge und jedes mickrige Problem eine Tablette. Sogar für dreckiges Geschirr gibt es Tabletten, zumindest wenn man Automaten hat, die dem Geschirr die Tablette einführen, wo hinein auch immer. Man denkt besser nicht drüber nach.
Hat man mal vergessen, eine Hose anzuziehen, bevor man morgens aus dem Haus gegangen und zum Flughafen gefahren ist, wirft man zum Beispiel einfach eine Tablette Ecstasy („X“) ein, und schon ist selbst dieses Problem behoben. Davon hätten die Dinosaurier sich nicht träumen lassen, wie auch, gegen ihre Schlaflosigkeit war ja noch kein Kraut gewachsen. Geschweige denn eine Tablette.
Kein Wunder also, dass es auch gegen hungrige Fische Tabletten gibt. Sie sind grün und ungefähr so gross wie ein Penny. Schwer sind sie auch, weswegen sie sofort auf den Beckengrund purzeln und da liegenbleiben, den Fischen zum Anreiz.
Leider sind es aber natürlich mal wieder die falschen Fische, denen hier angereizt wird, was den Ottos das Leben verlängern soll wird wieder einmal den teuflischen Barben zum Spiel. Bald glaube ich, nichts, was ich hier ins Wasser werfe, entgeht den kleinen Bullies. Natürlich kriegen sie nichts von der Tablette abgekaut, die offenbar auch hart ist wie ein Penny, aber das verdriesst die Tiere nicht und unermüdlich attackieren sie den grünen Knopf, bis er dann schon aus reiner Fischmüdigkeit zusehends verschwindet und verschwunden ist.
Die Ottos unterdessen treiben Sport an der frisch gereinigten Schlossaussenwand. Vielleicht steht es ja doch nicht so schlimm um sie.

Thursday, January 4th, 2007

Der Erbsenkrieg

Der zweite Versuch, durch die Zufuhr zerkochter Gemüsemassen die Ottoernährungslage im Becken aus ihrer Schieflage zu wuchten, scheitert zwar auch, aber auf so unterhaltsame Weise, dass man den Barben diesmal nun wirklich nicht böse sein kann.
Schält man eine gekochte Erbse aus ihrer Erbsenhaut, und zwackt sodann von den sich gefügig teilenden Erbsenhälften je nochmals eine Hälfte ab, so ist das entstehende Erbsviertel trotz aller Zwackerei noch immer zu gross für die Barbenmäuler und auf einen Happs durchaus nicht zu packen. Vielmehr schnappt sich sofort einer der Fische den Erbsbrocken und saust damit wie angestochen durch die Gegend, schlägt Haken, taumelt verwegen. Nicht aus schierer Lebens- oder Erbsenfreude, freilich, sondern in einer Art Futterflucht, weil nämlich die anderen sechs Fische ununterbrochene Attacken gegen den Erbsenträger schwimmen. Unweigerlich verliert der sich in einer erheblichen Minderheit befindende Fisch den Erbs, ein anderer schnappt ihn sich, und das Spiel setzt sich in anderer Besetzung fort.
Dabei ist nicht zu erkennen, dass am Erbs auch genagt würde, dennoch aber schmilzt er Stück um Stück dahin. Es muss wohl im Inneren des Karpfenmauls noch einen weiteren Mund geben, einen zahnstarrenden Innenschlund, der am sorgsam getragenen Erbstrümmerstück knabbert und es dezimiert. Schliesslich passt der Erbs ganz ins Fischmaul, und die kriegerischen Auseinandersetzungen enden, weil die anderen Fische die Trophäe nicht mehr sehen. Interessanterweise begreift der glückliche Eigentümer der Erbse das aber nicht und schiesst nach wie vor wie besessen durch die Fluten, nur jetzt ganz ohne Verfolger. Erst wenn der letzte Erbskrümel im Innenschlund vergangen ist, kehrt Ruhe ein.
Bis ich das nächste Viertel einwerfe. Besser als Fernsehen.

Thursday, January 4th, 2007

Geographie des neuen Jahres

Die Form des rostroten Flecks auf dem weissen Tuch erinnert mich an die Inseln im Hafen von Toronto, wie sie vom Turm aus im Gegenlicht liegen, filigran und gerundet, und es dauert einige Sekunden, bis mir einfällt, dass ich jetzt wach bin, und nicht in Kanada, sondern in meinem Bett. Ich erinnere mich noch an den Anlass für den übertriebenen Trunk und ans Niederlegen nach dem Taumeln, aber der geologische Zeitraum, in dem diese Blutinseln sich auffalteten und gerannen, liegt im Dunkel. Auch auf meinen Lippen keine Spur mehr davon. Aber auf dem Kissen.

Wednesday, January 3rd, 2007

Der Zucchini-Zwischenfall

Was aber frisst wohl so eine Fischkatze? Braunalge frisst die Fischkatze, soweit ist die Antwort einfach und durch die Fakten bereits gegeben. Wenn ich Fischkatze sage, meine ich übrigens natürlich Otto. Was aber frisst sie sonst?
Das Studium der Anatomie der Fischkatzen gibt hier wenig Aufschluss und bringt eher neue Sorge in eine ohnehin schon geplagte Situation. Der Bauch des Tieres ist eine kleine weissliche Kugel, prall gespannt von den Braunalgenexzessen, aber, so sagt der Schizo, das muss so sein. Otto frisst permanent derartig erkleckliche Mengen organischer Materie in sich hinein, dass der Bauch stets stramm gespannt im Licht blinken muss, andernfalls droht Fischkatzenskorbut und der Hungertod.
Die Mundwerkzeuge, denen man beim Tiger zum Beispiel den mörderischen Impuls ja gleich ansieht, und sich also nicht wundert, wenn die Landkatze die Kiefer um den eigenen Unterlieb schliesst und sich ein Stück abbeisst, in grossen, blutgetränkten Happen, sind beim Otto auch eher rätselhaft. Von langen Reisszähnen oder nadelscharfen, spitzen Dolchen ist da keine Spur zu entdecken. Stattdessen wölbt sich unter dem gesamten Kopf eine lappende Konstruktion aus Riesenlippen auswärts, ein weisslichweicher Sauglippenstutzen, den die Fischkatze unterschiedslos allem überstülpt, dem sie bei ihren Rundgängen im Becken begegnet. Ob sie davon auch einen Nutzen hat, ist nicht zu erkennen, die Kiesel jedenfalls sehen vor und nach der Lippenmassage ganz genau gleich aus.
Mit weichem Organ nährt sich somit die Wasserkatze, und verlangt also wohl nach weicher Nahrung. Knäckebrot zum Beispiel schiede also aus, wenn es sich hier um Landkatzen handelte. Der Aufenthalt der Fischkatze im Wasser aber verkompliziert die Dinge. Knäckebrot würde im Becken einerseits weich, zerfiele aber auch in elementare Knäckepartikel, und taugt also endgültig nicht zur Fütterung. Ein Versuch bestätigt diese theoretische Ableitung dann auch aufs Schönste, oder vielmehr Schleimigste und Widerlichste. Es ist jedenfalls wahr.
Stattdessen sollte es vielleicht Gemüse sein, das die Hungrigen nährt, denn normalerweise leben sie ja immerhin von Algen, dem Gemüse der Tiefsee, oder jedenfalls grünem Zeug, manchmal jedenfalls. Ein Stück Zucchini vielleicht, durch Zerkochen schleimig gemacht, und dann am Beckengrund montiert, erschiene den Katzen hinreichend algenhaft. Gesagt, getan, und schon sinkt der Batzen grundwärts – belagert, betrommelt schon fast von den Barben, denen offenbar alles Futter recht ist. Stundenlang umtanzen die Teufelskarpfen das Gurkenkalb, schieben es hierhin und dahin, und lassen jedenfalls die Ottos nicht ran. Malefitzdreck.

Saturday, December 30th, 2006

Aufräumarbeiten

Zeit für ein paar statistische Daten, die verfahrene Situation in den Griff zu bekommen. Wo zuvor sieben Fische schwammen, schwimmen nun also zehn. Das ist ein Anstieg um beängstigende 42.8%, der eine korrespondierende Reduktion des dem einzelnen Fisch im Durchschnitt zur Verfügung stehenden Schwimmraumes nach sich zieht. Und auch wenn die neuen Fische sich scheu ans Gestein und Geröll schmiegen, und die alten nach kurzem Beschnüffeln von Feindseligkeiten und im Grunde von jeder Beachtung der Ottos absehen, ist hier Vorsicht geboten. Wenn man Tiere zu eng aufeinanderstapelt, entwickelt sich Homosexualität und abnormes Verhalten, und das ist bestimmt verboten, unter Wasser zumal.
Abgesehen aber von dieser Sorge entspringt dem durch Ottos aufgewerteten Becken nichts als ein steter Strom eitler Freude. Zwei Tage brauchen die drei winzigen Saugkatzenfische oder Katzensaugfische, dann ist die Braunalge bis auf den letzten Rest ausgetilgt und weggeputzt. Das Schloss strahlt blank, der Heizstab funkelt verführerisch aus dem Hintergrund. Die Pflanzen, befreit vom schmierigen Braunfilm, atmen auf und mehr gesunden Sauerstoff aus, der wiederum die Ottos beflügelt, eine positive Rückkopplung, die wie ein Wirbelwind durch die Fluten saust, oder wie ein Strudel vielmehr, der alles wegzehrt, was nicht hingehört. Es ist ein kleines Wunder.
Erst als dieses kleine Wunder schon längst vollbracht und die Alge verschwunden ist, fällt mir dann das offensichtliche Problem auf, das sich aus der unerhörten Effektivität der kleinen Fischsaugkatzen ergibt. Was bittesehr nämlich sollen die Fischkatzensäuger, nein, quatsch, so rum geht es nun gar nicht, was bittesehr also sollen die Ottos denn nun essen, wo sie die gesamte Produktion der letzten Wochen in einem nach wenigen Stunden messenden orgiastischen Algenorgasmus verschlungen haben? Sollen die hoffnungsvoll neu angeschafften Tiere denn binnen grimmer Tagesfrist verhungern und verdorren? Sich in Hungersprüngen aus den Aquarienritzen in den Tod katapultieren, womöglich? Und ich stünde daneben, grausam lachend, das Gesicht eine Mörderfratze? Wohl kaum!
Schon sehe ich ja eine Fischkatze pfeilschnell von links unten nach rechts oben zischen, die Wasseroberfläche brechen, und siegreich mit einer Luftblase nach unten zurückkehren. Bevor der Fisch aber noch die Blase essen kann, entweicht sie ihm schon wieder, Fata Morgana der Meere, unfressbares Gas. Aber was verstünde ein Otto von dergleichen?
Hungrig lungern nun die Katzen. Es gilt ihr Leben.

Wednesday, December 27th, 2006

Akademi, Safari, Otocincli Puff Puff

xIch stehe mit der Sonne auf, hellwach und zum Äussersten entschlossen, und mache mich bereit zur Kleinwildjagd.
Was ich damit sagen will, ist, dass als ich aufstehe die Sonne schon scheint, eine ganze Weile sogar, es ist nämlich nach zehn Uhr. Die Angstträume von saugmundbewehrten Tiefseemonstrositäten machten diese vergangene Nacht zu einer der längsten meines Lebens, flüchtig klopfe ich den Körper auf noch anhängende Organismen ab, finde aber natürlich keine. Ich weiss ja selbst, dass es Quatsch ist. Zum Frühstück Nutellabrot – ich brauche jetzt jedes Quäntchen Kraft. Oder Quentchen? Konfusion angesichts der übergrossen Herausforderung.
Der Weg bergauf scheint heute schwerer als sonst, die Pedale sträuben sich. Vielleicht liegt es an der aufs kleinste Ritzel umgesprungenen Kette, vielleicht ist auch Metaphysik im Spiel. Ich wage nicht, abzusteigen und nachzusehen, wer weiss, was geschähe. Der Tod fragt nicht nach Ritzelgrössen.
Bei der Arbeit ein schwebendes Gefühl der Gefahr, als hinge eine Katzenmuräne über meinem Bürostuhl und dräue mit nadelscharfen Zähnen. Schuldbewusst frage ich den vertrockneten Ken um Rat – er liegt seit seinem Suizid auf dem Tisch, weil ich nicht weiss, was man mit einem vertrockneten Fisch tut – aber er hat auch keinen Rat. Programmiere ich eben irgendwas, ohne zu merken, was genau. Angstvolle Leere.
Dann ist es Zeit. Ein taubes Gefühl in den Füssen gehe ich das betonkalte Stiegenhaus hinab, öffne das Fahrradschloss, rolle im Karomusterzickzack bergab, eventuelle Verfolger hätten kaum eine Chance im Dschungel amerikanischer Vorortgeographie. Vor der Fisch-Fascho-Tür halte ich sekundenlang inne. Aber gibt es denn ein Zurück?
Der Fisch-Fascho freut sich über meine Frage, eine perverse, eine obszöne Wendung, schnappt sich ein Netz und macht sich sogleich an die Arbeit, als wäre es nichts. Das Becken, in dem er wildert, ist gross, der Zielfisch klein und wendig, und es dauert wohl fünf Minuten, zehn womöglich sogar, in denen Stück um Stück Pflanzen und Dekorationen aus dem Wasser geräumt werden, ehe die verflixten Fische erlegt und in den Plastikbecher getan sind. Von dort werden sie in eine Tüte umgegossen – aber da geschieht nun unabwendbar die Katastrophe. Rette sich, wer kann!
Die Fische nämlich beissen sich am Plastik fest und hängen nun absurd kopfunter im umgestülpten Behälter, zwei Zentimeter lange Kommas oder Fussnoten. Einzeln nun pflückt der Fisch-Fascho die Tiere mit blosser Hand – neuer Respekt quillt mir für diesen tapferen Mann – und schleudert sie ins Tütenwasser. Der letzte Fisch zappelt nun auch noch und fällt auf den nackten Betonboden. Sicherlich ist er tot, erschlagen, zernichtet.
Es seufzt der Fisch-Fascho, liest das Tier vom Boden wieder auf, schmeisst es in den Sack, schnürt ihn zu und verkauft ihn mir sogleich.
Draussen bewege ich, erleichtert und wie neu erstanden, die Kette aufs korrekte Ritzel zurück. Es ist vollbracht.

Monday, December 25th, 2006

Autozychlus

Und auch das blanke Glück war leider nur von kurzer Dauer.
Zwar einen Tag lang schien es, als sei das Schloss, seiner unschuldigen weissen Farbe wegen, nunmehr vom Statussymbol zum Mahnmal umgewertet, und ziehe also nicht mehr Hausbesetzer sondern nur noch ihre Notdurft in den architektonischen Winkeln verrichtende Taugenichtse an, aber diese Umwertung aller Wertchen – um den Aquarienmassstab quasi unter dem Deckmantel des Dimunuitivs mit in die Formel einzuschmuggeln – hielt nur wenige Tage an. Denn, zack, sind die Algen wieder da. Nichts aus der Geschichte gelernt.
Um der noch immer tobenden Wurminvasion, oder vielmehr Wurmbesiedlung, denn die Tiere kommen ja nicht von draussen, sondern sind hausgemacht, Einhalt zu gebieten, sauge ich schon jeden Tag wie besessen den Kiesboden blank, Wolke um Wolke von nährstoffreichen Organikbrocken und ganze Wurmbatzen verschwinden auf Nimmerwiedersehen, aber dennoch triumphiert andererseits die Alge und verwandelt den offenbar noch immer beträchtlichen Nährstoffüberschuss in sich selbst, in Alge also.
In meiner Verzweiflung wage ich mich weit vor, beziehungsweise weit fort, nach El Cerrito nämlich, wo im Schatten des namensgebenden Hügels ein weiterer Fischladen nistet. Gegen Algen, sagt man mir dort, gebe es natürlich Plecofische, die aber zu gross würden, und Loachfische, aber da winke ich gleich ab, um den noch frischen Schmerz zu verbergen, und so führt mich denn das Fischmädchen vor den Schautank und zeigt auf die Autozychlusexemplare, so verstehe ich jedenfalls den Namen, die dort für Ordnung sorgen. Und tatsächlich ist das Schauaquarium ja astrein blitzblank gewienert.
Leider kann man mir hier in El Cerrito keine solchen Fische verkaufen, obwohl sie hier doch direkt vor meiner Nase rumschwimmen. Aber diese gehörten zur Familie, und die anderen seien noch nicht gesund genug für den Verkauf und müssten also weiterhin auf dem Dachboden oben hausen und dürften nicht nach draussen kommen. Fischhändler, das wird mir allmählich klar, sind allesamt nicht ganz dicht.
Mein Schizokumpan, den ich nach der Rückkehr gleich um Rat frage, zuckt mal wieder die Achseln, Autozychlus kennt er nicht, und die Schreibvarianten, die mir und Google so einfallen wollen, gleichfalls nicht. Bin ich Opfer eines versteckten Scherzes des Fischmädchens?
Durch Raffinesse finde ich dann aber doch noch heraus, dass die Tiere eigentlich Otocinclus heissen, rufe im Überschwang der Erkenntnis sofort den Fisch-Fascho an, der das Gekrauch auch vorrätig hat und mir drei davon gerne verkaufen will.
Aber vor das Verkaufen hat der Herrgott das Fangen gesetzt. Und vor das Fangen das Finden. Und vor das Finden das Indenladengehen.
Puh, mir wird angst und bang! Morgen dann.