xIch stehe mit der Sonne auf, hellwach und zum Äussersten entschlossen, und mache mich bereit zur Kleinwildjagd.
Was ich damit sagen will, ist, dass als ich aufstehe die Sonne schon scheint, eine ganze Weile sogar, es ist nämlich nach zehn Uhr. Die Angstträume von saugmundbewehrten Tiefseemonstrositäten machten diese vergangene Nacht zu einer der längsten meines Lebens, flüchtig klopfe ich den Körper auf noch anhängende Organismen ab, finde aber natürlich keine. Ich weiss ja selbst, dass es Quatsch ist. Zum Frühstück Nutellabrot – ich brauche jetzt jedes Quäntchen Kraft. Oder Quentchen? Konfusion angesichts der übergrossen Herausforderung.
Der Weg bergauf scheint heute schwerer als sonst, die Pedale sträuben sich. Vielleicht liegt es an der aufs kleinste Ritzel umgesprungenen Kette, vielleicht ist auch Metaphysik im Spiel. Ich wage nicht, abzusteigen und nachzusehen, wer weiss, was geschähe. Der Tod fragt nicht nach Ritzelgrössen.
Bei der Arbeit ein schwebendes Gefühl der Gefahr, als hinge eine Katzenmuräne über meinem Bürostuhl und dräue mit nadelscharfen Zähnen. Schuldbewusst frage ich den vertrockneten Ken um Rat – er liegt seit seinem Suizid auf dem Tisch, weil ich nicht weiss, was man mit einem vertrockneten Fisch tut – aber er hat auch keinen Rat. Programmiere ich eben irgendwas, ohne zu merken, was genau. Angstvolle Leere.
Dann ist es Zeit. Ein taubes Gefühl in den Füssen gehe ich das betonkalte Stiegenhaus hinab, öffne das Fahrradschloss, rolle im Karomusterzickzack bergab, eventuelle Verfolger hätten kaum eine Chance im Dschungel amerikanischer Vorortgeographie. Vor der Fisch-Fascho-Tür halte ich sekundenlang inne. Aber gibt es denn ein Zurück?
Der Fisch-Fascho freut sich über meine Frage, eine perverse, eine obszöne Wendung, schnappt sich ein Netz und macht sich sogleich an die Arbeit, als wäre es nichts. Das Becken, in dem er wildert, ist gross, der Zielfisch klein und wendig, und es dauert wohl fünf Minuten, zehn womöglich sogar, in denen Stück um Stück Pflanzen und Dekorationen aus dem Wasser geräumt werden, ehe die verflixten Fische erlegt und in den Plastikbecher getan sind. Von dort werden sie in eine Tüte umgegossen – aber da geschieht nun unabwendbar die Katastrophe. Rette sich, wer kann!
Die Fische nämlich beissen sich am Plastik fest und hängen nun absurd kopfunter im umgestülpten Behälter, zwei Zentimeter lange Kommas oder Fussnoten. Einzeln nun pflückt der Fisch-Fascho die Tiere mit blosser Hand – neuer Respekt quillt mir für diesen tapferen Mann – und schleudert sie ins Tütenwasser. Der letzte Fisch zappelt nun auch noch und fällt auf den nackten Betonboden. Sicherlich ist er tot, erschlagen, zernichtet.
Es seufzt der Fisch-Fascho, liest das Tier vom Boden wieder auf, schmeisst es in den Sack, schnürt ihn zu und verkauft ihn mir sogleich.
Draussen bewege ich, erleichtert und wie neu erstanden, die Kette aufs korrekte Ritzel zurück. Es ist vollbracht.
Something to say?