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Miniaturen



Thursday, January 4th, 2007

Geographie des neuen Jahres

Die Form des rostroten Flecks auf dem weissen Tuch erinnert mich an die Inseln im Hafen von Toronto, wie sie vom Turm aus im Gegenlicht liegen, filigran und gerundet, und es dauert einige Sekunden, bis mir einfällt, dass ich jetzt wach bin, und nicht in Kanada, sondern in meinem Bett. Ich erinnere mich noch an den Anlass für den übertriebenen Trunk und ans Niederlegen nach dem Taumeln, aber der geologische Zeitraum, in dem diese Blutinseln sich auffalteten und gerannen, liegt im Dunkel. Auch auf meinen Lippen keine Spur mehr davon. Aber auf dem Kissen.

Wednesday, January 3rd, 2007

Der Zucchini-Zwischenfall

Was aber frisst wohl so eine Fischkatze? Braunalge frisst die Fischkatze, soweit ist die Antwort einfach und durch die Fakten bereits gegeben. Wenn ich Fischkatze sage, meine ich übrigens natürlich Otto. Was aber frisst sie sonst?
Das Studium der Anatomie der Fischkatzen gibt hier wenig Aufschluss und bringt eher neue Sorge in eine ohnehin schon geplagte Situation. Der Bauch des Tieres ist eine kleine weissliche Kugel, prall gespannt von den Braunalgenexzessen, aber, so sagt der Schizo, das muss so sein. Otto frisst permanent derartig erkleckliche Mengen organischer Materie in sich hinein, dass der Bauch stets stramm gespannt im Licht blinken muss, andernfalls droht Fischkatzenskorbut und der Hungertod.
Die Mundwerkzeuge, denen man beim Tiger zum Beispiel den mörderischen Impuls ja gleich ansieht, und sich also nicht wundert, wenn die Landkatze die Kiefer um den eigenen Unterlieb schliesst und sich ein Stück abbeisst, in grossen, blutgetränkten Happen, sind beim Otto auch eher rätselhaft. Von langen Reisszähnen oder nadelscharfen, spitzen Dolchen ist da keine Spur zu entdecken. Stattdessen wölbt sich unter dem gesamten Kopf eine lappende Konstruktion aus Riesenlippen auswärts, ein weisslichweicher Sauglippenstutzen, den die Fischkatze unterschiedslos allem überstülpt, dem sie bei ihren Rundgängen im Becken begegnet. Ob sie davon auch einen Nutzen hat, ist nicht zu erkennen, die Kiesel jedenfalls sehen vor und nach der Lippenmassage ganz genau gleich aus.
Mit weichem Organ nährt sich somit die Wasserkatze, und verlangt also wohl nach weicher Nahrung. Knäckebrot zum Beispiel schiede also aus, wenn es sich hier um Landkatzen handelte. Der Aufenthalt der Fischkatze im Wasser aber verkompliziert die Dinge. Knäckebrot würde im Becken einerseits weich, zerfiele aber auch in elementare Knäckepartikel, und taugt also endgültig nicht zur Fütterung. Ein Versuch bestätigt diese theoretische Ableitung dann auch aufs Schönste, oder vielmehr Schleimigste und Widerlichste. Es ist jedenfalls wahr.
Stattdessen sollte es vielleicht Gemüse sein, das die Hungrigen nährt, denn normalerweise leben sie ja immerhin von Algen, dem Gemüse der Tiefsee, oder jedenfalls grünem Zeug, manchmal jedenfalls. Ein Stück Zucchini vielleicht, durch Zerkochen schleimig gemacht, und dann am Beckengrund montiert, erschiene den Katzen hinreichend algenhaft. Gesagt, getan, und schon sinkt der Batzen grundwärts – belagert, betrommelt schon fast von den Barben, denen offenbar alles Futter recht ist. Stundenlang umtanzen die Teufelskarpfen das Gurkenkalb, schieben es hierhin und dahin, und lassen jedenfalls die Ottos nicht ran. Malefitzdreck.

Saturday, December 30th, 2006

Aufräumarbeiten

Zeit für ein paar statistische Daten, die verfahrene Situation in den Griff zu bekommen. Wo zuvor sieben Fische schwammen, schwimmen nun also zehn. Das ist ein Anstieg um beängstigende 42.8%, der eine korrespondierende Reduktion des dem einzelnen Fisch im Durchschnitt zur Verfügung stehenden Schwimmraumes nach sich zieht. Und auch wenn die neuen Fische sich scheu ans Gestein und Geröll schmiegen, und die alten nach kurzem Beschnüffeln von Feindseligkeiten und im Grunde von jeder Beachtung der Ottos absehen, ist hier Vorsicht geboten. Wenn man Tiere zu eng aufeinanderstapelt, entwickelt sich Homosexualität und abnormes Verhalten, und das ist bestimmt verboten, unter Wasser zumal.
Abgesehen aber von dieser Sorge entspringt dem durch Ottos aufgewerteten Becken nichts als ein steter Strom eitler Freude. Zwei Tage brauchen die drei winzigen Saugkatzenfische oder Katzensaugfische, dann ist die Braunalge bis auf den letzten Rest ausgetilgt und weggeputzt. Das Schloss strahlt blank, der Heizstab funkelt verführerisch aus dem Hintergrund. Die Pflanzen, befreit vom schmierigen Braunfilm, atmen auf und mehr gesunden Sauerstoff aus, der wiederum die Ottos beflügelt, eine positive Rückkopplung, die wie ein Wirbelwind durch die Fluten saust, oder wie ein Strudel vielmehr, der alles wegzehrt, was nicht hingehört. Es ist ein kleines Wunder.
Erst als dieses kleine Wunder schon längst vollbracht und die Alge verschwunden ist, fällt mir dann das offensichtliche Problem auf, das sich aus der unerhörten Effektivität der kleinen Fischsaugkatzen ergibt. Was bittesehr nämlich sollen die Fischkatzensäuger, nein, quatsch, so rum geht es nun gar nicht, was bittesehr also sollen die Ottos denn nun essen, wo sie die gesamte Produktion der letzten Wochen in einem nach wenigen Stunden messenden orgiastischen Algenorgasmus verschlungen haben? Sollen die hoffnungsvoll neu angeschafften Tiere denn binnen grimmer Tagesfrist verhungern und verdorren? Sich in Hungersprüngen aus den Aquarienritzen in den Tod katapultieren, womöglich? Und ich stünde daneben, grausam lachend, das Gesicht eine Mörderfratze? Wohl kaum!
Schon sehe ich ja eine Fischkatze pfeilschnell von links unten nach rechts oben zischen, die Wasseroberfläche brechen, und siegreich mit einer Luftblase nach unten zurückkehren. Bevor der Fisch aber noch die Blase essen kann, entweicht sie ihm schon wieder, Fata Morgana der Meere, unfressbares Gas. Aber was verstünde ein Otto von dergleichen?
Hungrig lungern nun die Katzen. Es gilt ihr Leben.

Wednesday, December 27th, 2006

Akademi, Safari, Otocincli Puff Puff

xIch stehe mit der Sonne auf, hellwach und zum Äussersten entschlossen, und mache mich bereit zur Kleinwildjagd.
Was ich damit sagen will, ist, dass als ich aufstehe die Sonne schon scheint, eine ganze Weile sogar, es ist nämlich nach zehn Uhr. Die Angstträume von saugmundbewehrten Tiefseemonstrositäten machten diese vergangene Nacht zu einer der längsten meines Lebens, flüchtig klopfe ich den Körper auf noch anhängende Organismen ab, finde aber natürlich keine. Ich weiss ja selbst, dass es Quatsch ist. Zum Frühstück Nutellabrot – ich brauche jetzt jedes Quäntchen Kraft. Oder Quentchen? Konfusion angesichts der übergrossen Herausforderung.
Der Weg bergauf scheint heute schwerer als sonst, die Pedale sträuben sich. Vielleicht liegt es an der aufs kleinste Ritzel umgesprungenen Kette, vielleicht ist auch Metaphysik im Spiel. Ich wage nicht, abzusteigen und nachzusehen, wer weiss, was geschähe. Der Tod fragt nicht nach Ritzelgrössen.
Bei der Arbeit ein schwebendes Gefühl der Gefahr, als hinge eine Katzenmuräne über meinem Bürostuhl und dräue mit nadelscharfen Zähnen. Schuldbewusst frage ich den vertrockneten Ken um Rat – er liegt seit seinem Suizid auf dem Tisch, weil ich nicht weiss, was man mit einem vertrockneten Fisch tut – aber er hat auch keinen Rat. Programmiere ich eben irgendwas, ohne zu merken, was genau. Angstvolle Leere.
Dann ist es Zeit. Ein taubes Gefühl in den Füssen gehe ich das betonkalte Stiegenhaus hinab, öffne das Fahrradschloss, rolle im Karomusterzickzack bergab, eventuelle Verfolger hätten kaum eine Chance im Dschungel amerikanischer Vorortgeographie. Vor der Fisch-Fascho-Tür halte ich sekundenlang inne. Aber gibt es denn ein Zurück?
Der Fisch-Fascho freut sich über meine Frage, eine perverse, eine obszöne Wendung, schnappt sich ein Netz und macht sich sogleich an die Arbeit, als wäre es nichts. Das Becken, in dem er wildert, ist gross, der Zielfisch klein und wendig, und es dauert wohl fünf Minuten, zehn womöglich sogar, in denen Stück um Stück Pflanzen und Dekorationen aus dem Wasser geräumt werden, ehe die verflixten Fische erlegt und in den Plastikbecher getan sind. Von dort werden sie in eine Tüte umgegossen – aber da geschieht nun unabwendbar die Katastrophe. Rette sich, wer kann!
Die Fische nämlich beissen sich am Plastik fest und hängen nun absurd kopfunter im umgestülpten Behälter, zwei Zentimeter lange Kommas oder Fussnoten. Einzeln nun pflückt der Fisch-Fascho die Tiere mit blosser Hand – neuer Respekt quillt mir für diesen tapferen Mann – und schleudert sie ins Tütenwasser. Der letzte Fisch zappelt nun auch noch und fällt auf den nackten Betonboden. Sicherlich ist er tot, erschlagen, zernichtet.
Es seufzt der Fisch-Fascho, liest das Tier vom Boden wieder auf, schmeisst es in den Sack, schnürt ihn zu und verkauft ihn mir sogleich.
Draussen bewege ich, erleichtert und wie neu erstanden, die Kette aufs korrekte Ritzel zurück. Es ist vollbracht.

Monday, December 25th, 2006

Autozychlus

Und auch das blanke Glück war leider nur von kurzer Dauer.
Zwar einen Tag lang schien es, als sei das Schloss, seiner unschuldigen weissen Farbe wegen, nunmehr vom Statussymbol zum Mahnmal umgewertet, und ziehe also nicht mehr Hausbesetzer sondern nur noch ihre Notdurft in den architektonischen Winkeln verrichtende Taugenichtse an, aber diese Umwertung aller Wertchen – um den Aquarienmassstab quasi unter dem Deckmantel des Dimunuitivs mit in die Formel einzuschmuggeln – hielt nur wenige Tage an. Denn, zack, sind die Algen wieder da. Nichts aus der Geschichte gelernt.
Um der noch immer tobenden Wurminvasion, oder vielmehr Wurmbesiedlung, denn die Tiere kommen ja nicht von draussen, sondern sind hausgemacht, Einhalt zu gebieten, sauge ich schon jeden Tag wie besessen den Kiesboden blank, Wolke um Wolke von nährstoffreichen Organikbrocken und ganze Wurmbatzen verschwinden auf Nimmerwiedersehen, aber dennoch triumphiert andererseits die Alge und verwandelt den offenbar noch immer beträchtlichen Nährstoffüberschuss in sich selbst, in Alge also.
In meiner Verzweiflung wage ich mich weit vor, beziehungsweise weit fort, nach El Cerrito nämlich, wo im Schatten des namensgebenden Hügels ein weiterer Fischladen nistet. Gegen Algen, sagt man mir dort, gebe es natürlich Plecofische, die aber zu gross würden, und Loachfische, aber da winke ich gleich ab, um den noch frischen Schmerz zu verbergen, und so führt mich denn das Fischmädchen vor den Schautank und zeigt auf die Autozychlusexemplare, so verstehe ich jedenfalls den Namen, die dort für Ordnung sorgen. Und tatsächlich ist das Schauaquarium ja astrein blitzblank gewienert.
Leider kann man mir hier in El Cerrito keine solchen Fische verkaufen, obwohl sie hier doch direkt vor meiner Nase rumschwimmen. Aber diese gehörten zur Familie, und die anderen seien noch nicht gesund genug für den Verkauf und müssten also weiterhin auf dem Dachboden oben hausen und dürften nicht nach draussen kommen. Fischhändler, das wird mir allmählich klar, sind allesamt nicht ganz dicht.
Mein Schizokumpan, den ich nach der Rückkehr gleich um Rat frage, zuckt mal wieder die Achseln, Autozychlus kennt er nicht, und die Schreibvarianten, die mir und Google so einfallen wollen, gleichfalls nicht. Bin ich Opfer eines versteckten Scherzes des Fischmädchens?
Durch Raffinesse finde ich dann aber doch noch heraus, dass die Tiere eigentlich Otocinclus heissen, rufe im Überschwang der Erkenntnis sofort den Fisch-Fascho an, der das Gekrauch auch vorrätig hat und mir drei davon gerne verkaufen will.
Aber vor das Verkaufen hat der Herrgott das Fangen gesetzt. Und vor das Fangen das Finden. Und vor das Finden das Indenladengehen.
Puh, mir wird angst und bang! Morgen dann.

Sunday, December 24th, 2006

Flachwurm

Man muss hier anmerken, dass Blutwürmer von Haus aus gar keine Würmer sind, sondern Insektenlarven, und dass also die tiefroten, durchaus wurmartig aussehenden Wrackstücke, die bisweilen nach der Zubereitung des Fischabendmahls wegen Zerspritzung des Wurmeises sich in der Küche finden mögen, mitnichten „ekelhafte, scheussliche Würmer“ sind, sondern eben harmlose Larven. Nicht, dass je jemand dergleichen Worte gebraucht hätte, es soll dem Leser nur zur Vorsicht und Erbauung mitgegeben sein.
Andererseits nämlich sieht es im Becken wieder einmal düster aus. Man erinnert sich vielleicht noch meiner berechtigten Empörung, der Kackwürste wegen, die durch den Absaugstutzen aus dem Aquarium taperten. Diese Kackwürste schienen sich zu bewegen, die Enden zeigten eindeutige Zuckspuren, mal hier, mal dahin ruckten sie. Aber bei einem Würstchen, dass nur Millimeter lang und Bruchteile eines Millimeters dick ist, will man nicht gleich zu Schlussfolgerungen kommen und lässt sich einlullen. Die Strömung sei es, legte ich mir zurecht, oder vielmehr ein Strömungsdifferential, ein Druckunterschied, der sich in einem Fliessgeschwindigkeitsgradienten manifestierte, keine Quellen oder Senken können ja innen in so einem Aquarium existieren, von rechts wegen, aber doch komplexe Verwirbelungen mögen vorkommen und also am Kackwürstchen zerren und es sozusagen animieren.
Es war aber alles ein Holzweg, denn die Kackwürstchen sind wahrhaftig am Leben. Es handelt sich bei ihnen vermutlich um eine Art Flachwürmer, und jetzt, da das Tabu gebrochen und die Hinguckscheu gefallen ist, finden sich plötzlich hunderte und hunderte dieser Geschöpfe im Kies. Sie krabbeln herum, werden manchmal von den tatsächlich ja existierenden Strömungen durch die Gegend gezogen und benehmen sich auch sonst, als gehöre ihnen das Becken, und nicht den Fischen – dass ich selber längst nicht mehr der Eigentümer der 40 Liter Raumvolumen auf diesem Müll namens Tisch bin, ist ja unumstritten.
Den Tränen nahe über diese neue Entwicklung laufe ich, wohin sonst, zum Schizo, der mit mahnend erhobener Klaue doziert, Wurmbefall weise üblicherweise auf Überfütterung hin, Fische nämlich hätten ein Verdau-, aber kein Fresslimit, und die Differenz aus Frass und Verdau komme dann eben als Wurmfutter hinten unten aus dem Fisch gefallen und werde Wurm. Also doch Kackwürste, so gesehen.
Ich beginne umgehend eine rigorose Kiesbesaugung, jeden Tag werde ich jetzt ein Fünftel des Wassers und die angefallenen Rohstoffe abziehen, bis der wimmelnden Wurmschar Einhalt geboten ist. Staunend sehe ich da das zappelnde Gewürm im Dutzendpack aufsteigen durch den Absaugschlauch, im Hunderterpack, eine schier endlose Wurmpackparade.
Was es alles gibt.

Friday, December 22nd, 2006

Blutwurm

Immerhin ein Gutes hatte die Mordeskapade, der böse Ausflug ins Killertal der Tränen, denn nun habe ich es quasi verbrieft und besiegelt, dass der Fischbrut nach anderer Nahrung dürstet. Oder hungert. Flocken, wiewohl ja in deren irreführend papierner Trockenheit auch Schrimpe und Fische verarbeitet schlafend liegen, sind dem Pack nicht mehr gut genug.
Und was tut der verantwortungsvolle Fischeigner, wenn dem Pack das Bedürfnis keimt? Er geht zum Fisch-Fascho. Der sich aber wiederum feig in seinen Katakomben verbirgt und den Rastaneger voranschickt, mich abzufertigen. Vielleicht ist ihm doch noch ein schlechtes Gewissen gewachsen, der Geisterschrimpe wegen, und er brächte es nicht übers Herz, mir unverwandt ins Auge zu blicken.
Und kaum habe ich nun meine Frage nach Zufutter ausgesprochen, schon geht der Rastamann zum Kühlschrankgebirge, hackt es flinken Fingers auf, und zieht eine Blisterpackung voll roter Würfel raus. Blutwürmer, sagt er, seien das, besser als die Tubifexe, die mir mein schizophrener Freund empfohlen habe, wer das überhaupt sei, und warum ich ihm nach all den Enttäuschungen noch traue. Dies letzte freilich ist eine Bemerkung, die sich nur in meinem Kopf entfaltet und hier auf dem Papier, nicht aber im Fischfascholaden selber.
Misstrauisch beäuge ich die nach Hause verbrachten Blutwürfel dann. einen Zentimeter lang sind sie wohl, zweidrittel breit und hoch, und also immerhin vier neuntel Kubick. Ein ganzer Würfel scheint mir ein bisschen viel Blut für sieben kleine Fische, Blutdurst hin oder her, und ich nehme also das Gemüsemesser zur Hand und schneide den eisigen, dunkelroten Würfel rasch in zwei Stücke, als C. nicht hinsieht. Blutwurmflecken bilden sich auf der Unterlage, hier muss am Verfahren noch optimiert werden.
Den gewonnenen Halbwürfel Blutwurm gebe ich sodann, einem aus dem Stand herbeiimprovisierten Kochrezept folgend, in einen Eierbecher, träufle aus dem Wasserhahn etwas laue Brühe drauf, halt, zu schnell, also öffne ich den Hahn im Wahn noch weiter, und betrachte staunend, wie der nun erstarkte Strahl den Blutwürfel über die Arbeitsfläche katapultiert. Oho.
Zum Glück ist der Wurmsalat ja weitgehend eisig gefroren und also rasch fast vollzählig wieder eingesammelt, der Eierbecher noch wasservoll steht schon bereit, und nach kurzer Auftauphase kann die Wurmware, wumm, ins Becken gekippt werden, wo die Welse dann durcheinanderwuseln, des Gewimmels habhaft zu werden.
Eine Erfolgsstory des Fischbekochens, zweifellos. Die verstreuten Würmer in der Küche aber fängt das Küchenpapier, zweilagig gesteppt. Alles tiptop.

Thursday, December 21st, 2006

Handgekärchert

Nach diesem Völkermord ist nun natürlich Schluss mit Appeasement, falls dieser abermalige und nun aber durch die Geschehnisse vollständig gerechtfertigte martialische Vergleich historisch gestattet sein sollte. Zwar machen Umfang und Vehemenz des stattgefundenen Massakers eine heftig brennende Sorge um meine eigene Unversehrtheit praktisch unvermeidlich, da ich doch meine verschiedenen Körperteile dauernd ohne jede Schutzkleidung in die feindliche Umwelt entsende. Aber andererseits will ich mich ja nicht von sieben kleinen Fischen einschüchtern und in die Schranken weisen lassen.
Unter Feuerschutz also dringe ich jetzt ins Wasser vor – oder ehrlich gesagt ist mehr das Wasser selbst ein Feuerschutz, beziehungsweise ein Schutz vor Feuer, ein Wortspiel also eher als eine minutiös taktisch ausgebuffte Kampfoperation –, reisse das Schloss aus dem Fundament und führe es himmelwärts. Mögen sie religiöse Mythen formen, die Insekten, und ihre keimende Zivilisation somit auf einen Irrweg führen, mir ist schon alles ganz egal. Ich kann nicht zugleich den sich abzeichnenden Bürgerkrieg im Zaum halten und die bedrohte Rationalität der Kombatanten zu schützen versuchen. Lieber lebende Fische, die an die Himmelfahrt des Plastikschlosses glauben, als tote Fische mit Kenntnis der Hydrodynamik und Abonnement der wasserfesten Ausgabe des Sceptical Inquirer. Werweiss ging es dem echten Gott mit uns seinerzeit ganz genauso, und die Existenz der menschlichen Religionen wäre demnach nur ein Beleg göttlicher Überforderung.
Dem Schloss rücke ich sodann mit Finger und Küchenpapier zu Leibe, rubble die schmierige Algenschicht runter, die im Glühlicht der Küchenlampe plötzlich nicht mehr modisch braungrün, sondern faulschwarz aussieht. Meine Hand ein klärender Kärcherstrahl vor diesem Unrat.
Und wo ich grade dabei bin, zücke ich auch noch den Plastikabsauger und ziehe einen Teil des Aquarienwassers und mit ihm den im Kiesgrund angesammelten organischen Müll aus dem Becken. In dicken Wolken steigen verwesende Futterbrocken und sich zersetzende und in der Saugströmung sonderbar sich verwickelnde Kackwürste aus dem Kies und verschwinden im Schlauch wie die amerikanische Unterschicht im UFO. Kackwürste! In unserem Wohnzimmer! Es ist unerhört.
Kurz erwäge ich, von der Brutalität seiner Bewohner und der Widerwärtigkeit der organischen Vorgänge auf Schlossoberfläche und im Kies desillusioniert und innerlich verhärmt, die Neutronenbombe auf das ganze verderbte Sodom zu werfen und einen Schlussstrich zu ziehen. Ein neuer Urknall, vielleicht, würde das Unrecht richten.
Aber schon tummeln die Sieben sich wieder an der Frontscheibe und beobachten aufmerksam und fast schon wohlwollend mein Tun. Sie hoffen wohl auf neue Krabbenopfer und huldigen mir deshalb, und erweichen mich wie einen Stein.
Statt der Bombe werfe ich also das blankgewischte Schloss wieder in die Fluten, eine beinahe weisse Anklageschrift immerhin, die die Fische auch sofort ausgiebig studieren und sich schuldbewusst zu eigen machen, vor allem Augustus.
Lebt also womöglich doch ein Gerechter unter ihnen?

Wednesday, December 20th, 2006

Geisterschrimpe, vol II und Schluss

Und wie sie nämlich „Hallo“ sagen.
Es dauert um die fünf Sekunden, bis das Signal aus dem Barbenauge im Barbenkopf angekommen ist, und in diesen fünf Sekunden weht wie ein ätherischer Hauch noch die Hoffnung einer friedlichen Koexistenz durch die Welt. Die Barbe, friedfertig und klein, gibt noch den gastfreundlichen Hausherrn in diesem nassen Gebäude, und die Schrimpe, jung und unbedarft, sitzen neugierig auf dem weiten Kiesfeld und wissen noch nicht, wie das Leben geht.
Dann sind die fünf Sekunden um, und die Barben gehen, zu siebt und ohne jedes Mitgefühl, gegen die Schrimpe vor. Zuerst denke ich noch, hier herrsche nur das Recht des Zuerstgekommenen und ein eiserner Wille zur Einschüchterung, aber bald schon wird die ganze grause Wahrheit offenbar. Der Schrimp, mein neues Haustier, ist den gierigen Barben nur ein Zufutter aus Eiweiss und Knusperkeks. Erbarmungslos gehetzt und quer durch die Fluten gejagt, geht vor allem den kleinsten Shrimps bald die Kraft zur Neige, und sie finden ihre Beine, ihre Antennen und letztlich ihr kleines Leben aufs Gröbste fortgenommen.
Schrimp und Barben, es lohnt sich wohl, das an dieser Stelle nochmals nachdenklich zu erwähnen, sind ja von ungefähr gleicher Körperlänge, und wiewohl die Barbe vertikal weiter ausgedehnt ist, ist ja ihr Barbenmund vergleichsweise klein. Jedenfalls, und hier staune selbst ich erfahrener und ausgebuffter Barbenbesitzer, solange die Frassmonster nicht ihre Kiefer ausklinken und den Kopf origamiartig zu einem gähnenden Schlund ausfalten, in dem dann auch, man möchte sich ungläubig die Augen reiben, müsste man nicht befürchten, dabei das Drama ganz zu verpassen, ein kompletter Schrimp unaufhaltsam und am Stück verschwindet. Langsam zwar, und während der Fisch harmlos Kreise zieht als geschähe nicht zeitgleich in seinem Mundraum ein schlimmes Verbrechen, aber doch Zug um Zug wird der aus dem Fisch ragende Schrimpbalken in den Fisch hinein gezogen, bis am Ende nur noch die Schwanzflosse rausguckt. Als befände man sich in einem Zeichentrickfilm und nicht vor meinem Aquarium.
Nun auch wird mir klar, weswegen der Fisch-Fascho auf meine zudringlichen Fragen so mürrisch reagiert hat, und weshalb der Schrimp im Aquarienhandel nicht den einem Haustier von rechts wegen zustehenden angemessenen Kaufpreis erzielt. Ein ausgewachsenes Spektakel andererseits, völlig unerwartet und hochdramatisch, selbst ohne die eigentlich zugehörige Grzimek-Tonspur, entfaltet sich hier für einen lumpigen Dollar. Es klage darüber, wer will.
Zwei der Schrimpe überstehen den Abend durch kluges Verbergen der eigenen Person am dunklen Ort, und tun über Nacht dann tatsächlich, was das Internet ihnen nachsagte: etliche winzige Fleckchen am Schloss sind am folgenden Abend kreisrund algenfrei.
Und die Schrimpe natürlich spurlos weg. Natur!

Tuesday, December 19th, 2006

Geisterschrimpe, vol I

Aber natürlich mache ich mir nicht selbst die Finger schmutzig beim Versuch, die Schlossarchitektur zu demokratisieren. Das wäre zweifellos auch gefährlich, denn Barben sind doof genug, die Hand zu beissen, die sie füttert, und Augustus eine reissende, ach, jetzt ist es vielleicht auch genug mit der Dramatisierung der armen Kreatur.
Seien wir ehrlich: es sind sieben winzige, harmlose Geschöpfe, die sich da im Becken tummeln, und ein paar mickrige Pflanzen wachsen dazu zögerlich im Kies heran. Nichts davon muss Angst erregen, nichts davon rechtfertigt die Kampf- und Kriegsmetaphern, die ich hier grosszügig streue wie eine Splittergra…, nein, wirklich jetzt, Schluss mit der Martialisierung des Idylls.
Der schizophrene Irre, daran erinnere ich mich gut, schrieb, dass ein williger und gutmütiger Algenvernichter im Ghost Shrimp gefunden sei, einem winzigen, fast durchsichtigen Krustentier, das in nächtger Müh, müde nie, unerwünschtes Wachstum einsammelt und in harmlosen Krabbenkot verwandelt.
Und so steht also nun ein weiterer Besuch beim Fisch-Fascho an. Niemand ist zu sehen, als ich das tropfsteinhöhlenartig sich ausdehnende Beckenlabyrinth betrete, ich finde ihn dann aber doch, vor irgendwelchen Bizarrofischen stehend und in unaussprechliche Tätigkeiten verwickelt. Wieviel, so frage ich schnell, denn wohl so ein Ghost Shrimp mich kosten wollte, und spanne klug die Bauchmuskeln an, um den sicherlich heftigen Anschlag auf meine Finanzen gleich besser wegstecken zu können.
Einen Dollar, sagt der Fisch-Fascho, müsse man dafür schon hinblättern und investieren, pro fünf Schrimpe. Und dreht sich von mir weg. Scherzt der Mann mit mir? Grausames Spiel!
Wieviele er denn dann zur Anschaffung empfehle, ein Aquarium von zehn Gallonen Fassungsvermögen nenne ich mein eigen, sieben Barben hausten aber schon drin, unterrichte ich ihn. Er dreht sich nicht mal mehr um, aber seine Stimme prallt an der Glasfront der Aquarien ab und erreicht mich so, trotzdem ich hinter ihm stehe, gut hörbar. Fünf, sagt er, gehen schon klar. Es ist ihm aber in Wahrheit, das merke ich schlau, ganz egal. Enttäuschendes Verhalten, Fisch-Fascho.
Beim Rastaneger kaufe ich dann die fünf Schrimpen, trage sie freudig erregt nach Hause, und führe den Akklimatisationstanz auf. Lustig sehen sie aus, wie tierförmige Gelatine mit Augenstielchen, und Träume von ballettanzenden Wirbellosen lachen in meinem Kopf. Dann ist der schöne Moment gekommen, ich nehme das Netz zur Hand, und Barbe und Schrimp begegnen einander zu ersten Mal.
Sagt „Hallo“, Barben.