Nach diesem Völkermord ist nun natürlich Schluss mit Appeasement, falls dieser abermalige und nun aber durch die Geschehnisse vollständig gerechtfertigte martialische Vergleich historisch gestattet sein sollte. Zwar machen Umfang und Vehemenz des stattgefundenen Massakers eine heftig brennende Sorge um meine eigene Unversehrtheit praktisch unvermeidlich, da ich doch meine verschiedenen Körperteile dauernd ohne jede Schutzkleidung in die feindliche Umwelt entsende. Aber andererseits will ich mich ja nicht von sieben kleinen Fischen einschüchtern und in die Schranken weisen lassen.
Unter Feuerschutz also dringe ich jetzt ins Wasser vor – oder ehrlich gesagt ist mehr das Wasser selbst ein Feuerschutz, beziehungsweise ein Schutz vor Feuer, ein Wortspiel also eher als eine minutiös taktisch ausgebuffte Kampfoperation –, reisse das Schloss aus dem Fundament und führe es himmelwärts. Mögen sie religiöse Mythen formen, die Insekten, und ihre keimende Zivilisation somit auf einen Irrweg führen, mir ist schon alles ganz egal. Ich kann nicht zugleich den sich abzeichnenden Bürgerkrieg im Zaum halten und die bedrohte Rationalität der Kombatanten zu schützen versuchen. Lieber lebende Fische, die an die Himmelfahrt des Plastikschlosses glauben, als tote Fische mit Kenntnis der Hydrodynamik und Abonnement der wasserfesten Ausgabe des Sceptical Inquirer. Werweiss ging es dem echten Gott mit uns seinerzeit ganz genauso, und die Existenz der menschlichen Religionen wäre demnach nur ein Beleg göttlicher Überforderung.
Dem Schloss rücke ich sodann mit Finger und Küchenpapier zu Leibe, rubble die schmierige Algenschicht runter, die im Glühlicht der Küchenlampe plötzlich nicht mehr modisch braungrün, sondern faulschwarz aussieht. Meine Hand ein klärender Kärcherstrahl vor diesem Unrat.
Und wo ich grade dabei bin, zücke ich auch noch den Plastikabsauger und ziehe einen Teil des Aquarienwassers und mit ihm den im Kiesgrund angesammelten organischen Müll aus dem Becken. In dicken Wolken steigen verwesende Futterbrocken und sich zersetzende und in der Saugströmung sonderbar sich verwickelnde Kackwürste aus dem Kies und verschwinden im Schlauch wie die amerikanische Unterschicht im UFO. Kackwürste! In unserem Wohnzimmer! Es ist unerhört.
Kurz erwäge ich, von der Brutalität seiner Bewohner und der Widerwärtigkeit der organischen Vorgänge auf Schlossoberfläche und im Kies desillusioniert und innerlich verhärmt, die Neutronenbombe auf das ganze verderbte Sodom zu werfen und einen Schlussstrich zu ziehen. Ein neuer Urknall, vielleicht, würde das Unrecht richten.
Aber schon tummeln die Sieben sich wieder an der Frontscheibe und beobachten aufmerksam und fast schon wohlwollend mein Tun. Sie hoffen wohl auf neue Krabbenopfer und huldigen mir deshalb, und erweichen mich wie einen Stein.
Statt der Bombe werfe ich also das blankgewischte Schloss wieder in die Fluten, eine beinahe weisse Anklageschrift immerhin, die die Fische auch sofort ausgiebig studieren und sich schuldbewusst zu eigen machen, vor allem Augustus.
Lebt also womöglich doch ein Gerechter unter ihnen?
Something to say?