Man muss hier anmerken, dass Blutwürmer von Haus aus gar keine Würmer sind, sondern Insektenlarven, und dass also die tiefroten, durchaus wurmartig aussehenden Wrackstücke, die bisweilen nach der Zubereitung des Fischabendmahls wegen Zerspritzung des Wurmeises sich in der Küche finden mögen, mitnichten „ekelhafte, scheussliche Würmer“ sind, sondern eben harmlose Larven. Nicht, dass je jemand dergleichen Worte gebraucht hätte, es soll dem Leser nur zur Vorsicht und Erbauung mitgegeben sein.
Andererseits nämlich sieht es im Becken wieder einmal düster aus. Man erinnert sich vielleicht noch meiner berechtigten Empörung, der Kackwürste wegen, die durch den Absaugstutzen aus dem Aquarium taperten. Diese Kackwürste schienen sich zu bewegen, die Enden zeigten eindeutige Zuckspuren, mal hier, mal dahin ruckten sie. Aber bei einem Würstchen, dass nur Millimeter lang und Bruchteile eines Millimeters dick ist, will man nicht gleich zu Schlussfolgerungen kommen und lässt sich einlullen. Die Strömung sei es, legte ich mir zurecht, oder vielmehr ein Strömungsdifferential, ein Druckunterschied, der sich in einem Fliessgeschwindigkeitsgradienten manifestierte, keine Quellen oder Senken können ja innen in so einem Aquarium existieren, von rechts wegen, aber doch komplexe Verwirbelungen mögen vorkommen und also am Kackwürstchen zerren und es sozusagen animieren.
Es war aber alles ein Holzweg, denn die Kackwürstchen sind wahrhaftig am Leben. Es handelt sich bei ihnen vermutlich um eine Art Flachwürmer, und jetzt, da das Tabu gebrochen und die Hinguckscheu gefallen ist, finden sich plötzlich hunderte und hunderte dieser Geschöpfe im Kies. Sie krabbeln herum, werden manchmal von den tatsächlich ja existierenden Strömungen durch die Gegend gezogen und benehmen sich auch sonst, als gehöre ihnen das Becken, und nicht den Fischen – dass ich selber längst nicht mehr der Eigentümer der 40 Liter Raumvolumen auf diesem Müll namens Tisch bin, ist ja unumstritten.
Den Tränen nahe über diese neue Entwicklung laufe ich, wohin sonst, zum Schizo, der mit mahnend erhobener Klaue doziert, Wurmbefall weise üblicherweise auf Überfütterung hin, Fische nämlich hätten ein Verdau-, aber kein Fresslimit, und die Differenz aus Frass und Verdau komme dann eben als Wurmfutter hinten unten aus dem Fisch gefallen und werde Wurm. Also doch Kackwürste, so gesehen.
Ich beginne umgehend eine rigorose Kiesbesaugung, jeden Tag werde ich jetzt ein Fünftel des Wassers und die angefallenen Rohstoffe abziehen, bis der wimmelnden Wurmschar Einhalt geboten ist. Staunend sehe ich da das zappelnde Gewürm im Dutzendpack aufsteigen durch den Absaugschlauch, im Hunderterpack, eine schier endlose Wurmpackparade.
Was es alles gibt.
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