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Miniaturen



Friday, January 19th, 2007

Tod

Es besteht im Kopf des Menschen ein irrationaler Irrtum oder eine verblödete Hoffnung dergestalt, dass die Beseitigung einer bösen Ursache auch sämtliche ihrer unguten Wirkungen auslösche. Nun folgt aber in der Logik aus „wenn P dann Q“ und „nicht P“ keineswegs ja die Negation von Q, sondern vielmehr genau rein gar nichts. Und im wirklichen Leben ist es sogar noch ein bisschen schlimmer, weil aus diesem Nichtfolgen ja umgekehrt die unbedingte Bewahrung von Q qua der Existenzträgheitizität des je Zurhandenen folgt. Sich. Soweit die Philosophie, oder ihre klingelnde Simulation durch den Laienaquaristen.
Unter Wasser bedeutet dieses nutzlose Geschwurbel, dass die Auslagerung von Augustus in ein schlecht gelüftetes und unterkühltes Ersatzaquarium den flossengeschädigten Fischen mit messerscharfer Logik nachweisbar überhaupt nicht hilft. Nach wie vor scheinen pulvrig weiss die sich auflösenden Flossenränder, hängen die Fische Nasengewebe abwärts in den Fluten und wirken auch sonst, als hätte ihr letztes Stündlein soeben angerufen und sich auf einen Besuch angemeldet. Am schlimmsten dran ist eindeutig das ursprüngliche Opfer. Der armen Fischdame fehlt nun tatsächlich die gesamte Schwanzflosse, die sonst fröhlich wedelnden Flossenbeine an der Fischunterseite kleben zusammen, und das Tier selbst ist sichtlich nicht mehr für viel zu begeistern, und kann sich auch gar nicht mehr fortbewegen, sondern wedelt stattdessen unnütz mit dem entflossten Rumpf. Es ist ein jammervoller Jammer.
Der dann am nächsten Morgen wie absehbar endet, mit der toten Fischin an der Wasseroberfläche dümpelnd, und dem Rest der coolen Gang lustlos drunter. Immerhin frassen sie die tote Gefährtin nicht kurz und klein in ihrer Trauer, man muss ja scheinbar diesen Mordbuben für jede kleine Rücksichtnahme dankbar sein, und also bin ich den Kranken auch sorgfältig dankbar, als Hoffnungssplitter in dieser Dunkelheit.
Traurig lese ich das verstorbene Tier aus dem Becken, mache Beweisfotos für die Tribunale, die Augustus demnächst blühen werden, schlage die Leiche sorgfältig und unter Herzweh in Küchenpapier ein und pfeffere sie dann resolut in den Müll. Sie hätte es nicht anders gewollt.
Noch einen Tag warte ich nach diesem Debakel ab, ob die Verlegung des Augustus ins Exil den Fischen die Gesundheit wiederherstellt, es tut sich aber nichts oder vielmehr schreitet der Verfall fort. Wie alle Unglücklichen weltweit wende ich mich also der Chemie zu. Vorerst noch nicht den Giften, sondern noch den Heilsubstanzen, aber der dieser Unterschied ist ja ohnehin nur graduell und nicht im Seinswesen begründet. Verzeihung, Philo-Rückfall.
Eine bunte Auswahl von rätselhaften Substanzen lockt im Medizinregal, gegen Bakterien, gegen Pilze, gegen Kühe, gegen Fische und gegen Würmer stehen je mehrere Fläschchen herum, und ich schliesse schnell die Augen und zeige auf eins davon. Grün. Na, wird schon stimmen.
Im Nebenbecken vegetierte unterdessen Augustus reglos in der Kälte, die Schuppen stumpf und vom verschnupften Schleimüberschuss die kecken Streifen grau verfärbt. Auch Augustus also, der ansonsten sich bester Gesundheit erfreut, wird die gegenwärtige Krise vermutlich nicht überleben. Es sei denn, dass. Und so kaufe ich dann noch ein Schwimmgefängnis, zur Tyrannenrettung. Grau, teurer Fischfreund, ist alle Moral.

Thursday, January 18th, 2007

Exil

Was aber tut man nun mit einem Völkermörder und Terroristen, einem Diktator, der ohne Rücksicht auf seine eigenen Untergebenen Tod, Verderben und Scheucherei in die Welt trägt und dort mit grauen Stacheldrahtschleifchen festbindet? Eine Statue von Augustus, die man demonstrativ umwerfen könnte, um dem schlimmen Treiben Einhalt zu gebieten, findet sich im Aquarium natürlich nicht, allem Grössenwahn zum Trotz, denn dazu ist so ein Fisch halt nunmal doch zu doof. Und seine sechs geplagten Untertanen hinzuschlachten, um ihm unzweideutig klarzumachen, dass es so nun aber wirklich nicht ginge, hiesse zwar eine gesalzene Lektion aus der Weltgeschichte zu lernen, will mir aber zumindest in der Aquaristik nicht recht einleuchten. Unter Wasser herrschen eben doch vielleicht andere Gesetze als an Land.
Zudem ist die Bevölkerung ja durch die Triezereien ihres Vorgesetzten ohnehin schon schwer lädiert und kränklich, die blaue Fischin hat nun bald schon gar keine Schwanzflosse mehr vorzuweisen, und dieses erkleckliche Elend mitanzusehen, hat Augustus auch nicht zu stoppen vermocht.
Kurz und gut: der Tyrann muss weg. Auf die Hilfe der verschreckt und malad an den Seiten kauernden anderen Fische ist dabei nicht zu rechnen, es kommt also wieder einmal auf meinen Mut und meine Gewitztheit an, ob der Welt der Fische eine Zukunft beschieden ist. Flink ist der Käscher gefunden in der aquaristischen Grabbelkiste, in der sich unterdessen allerhand unsinniges Zeug angesammelt hat, und ebenso flink muss ich einsehen, dass dem Fischmogul mit so einem Netz nicht beizukommen ist. Immer nämlich wenn ich ihn an der einen Stelle einfangen möchte, ist der Fisch längst an eine ganz andere teleportiert, dem Sprungverbot in der Natur zum Trotz. Aber es ist natürlich auch keine richtige Natur, sondern ein Aquarium.
Zudem steht aber ja auch noch allerhand Gerümpel im Weg, ein Schloss, Spinat, ein Stein aus Plastik, in dem der Fisch sich verbergen und ich ihn auch ohne Teleportation seinerseits nicht wegfangen könnte.
Zuletzt komme ich durch gründliches Nachdenken auf die Idee, das Problem durch gründliches Nachdenken zu lösen, und dann ist auch bald schon eine Idee geformt. Das Netz im Zentimeterabstand vor die Acrylglasscheibe gehalten wedle ich mit dem blauen Futterdosendeckel, was, wie immer, die Fischherde herbeilockt. Drollig summen sie nun durcheinander, direkt vor dem Netz, und mein teuflischer Plan wäre ja längst gelungen. Aber Augustus selbst hält sich abseits und lässt die anderen machen. Hat er mich durchschaut? Ist hinter mir eine andere, grössere Falle aufgebaut und schnappt sogleich zu und erledigt mich im Handumdrehen in meinem eigenen Wohnzimmer? Ich blicke mich angstvoll um, es ist aber nichts da.
Dann macht Augustus doch noch einen Fehler, er traut seinen Untergebenen nicht und schwimmt vors Netz, um selber mal nach dem Rechten zu sehen, und ist auf der Stelle einkassiert und rausgefischt. Dachtest, du wärst mir über! Was, Fisch?
Sekunden später findet Augustus sich in Kens Ausweichaquarium wieder, zusammen mit Kens kleinem Schloss und der Sonnenbrille, und weiss ganz hochersichtlich nicht, wie ihm geschah: nämlich recht.

Wednesday, January 17th, 2007

Von den Ursachen des Siechseins

Es ist die Barbe ein geselliges Wesen und schätzt den Umgang mit ihresgleichen. Das erkennt man wie bei allen sozialen Geschöpfen daran, dass im Gefahrenfalle der Herdentrieb einsetzt, ein Zusammenstehen und Gruppebilden, ein Küngeln und gemeinsames Verstecken. Dies, den Feind einerseits zu verwirren, und andererseits aber auch auf den Fischgenossen aufmerksam zu machen, der ja womöglich schwächer und fangbarer einherschwimmt, und also dem geschätzten Herrn Jäger das Leben und die Mahlzeit erleichterte.
Nun ist leider aber andererseits die Barbe selbst, man hat es ja an der fühllosen Hinschlachtung der Geisterschrimpe sehen müssen, ein Mörder und Menschenfresser, und schrieb sich darüber hinaus aus dem grossen Buch der Natur auch den Irrglauben ab, dass es immer und überall Stärkere geben müsse und Schwächere, ein Alphatier und ein Omegatier. Alphatieren, so der Irrglaube weiter, gehöre die Welt und das Recht, ja, die Pflicht, die Welt von Omegatieren, die sich mutwillig in sie hineinsetzen, zu säubern. Folgerichtig also verfolgt seine Konspezifisten nun Augustus, der vom Schlossbesetzer nach einer vergleichsweise friedlichen Schläferphase jetzt direkt zum Beherrscher der Gläubigen und Herrn der Dinge, mit anderen Worten also zum Aquarieneigentümer aufgerückt ist, und also die anderen sechs Fische durch die Gegend scheucht, dass die Freude selbst reissaus nähme. Beziehungsweise längst nahm.
Die Vertriebenen dümpeln lustlos schräg schnauzab am Acrylglas oder in Kiesnähe, und wagen sie, eine Flosse ins leerstehende und verlockend lachende Beckeninnere zu stecken, werden sie umgehend einmal quer durchs Wasser gejagt und abschliessend in den Fischpo gezwackt. Glaube ich jedenfalls, sehen kann man es nicht richtig, die Fische sind zu schnell.
Dieser Jagdstress nun, gegen den auch das Zusammenstehen nicht mehr recht hilft, weil er ja aus der eigenen Mitte verräterisch ausgelöst und herbeibeschworen wurde, lädiert den Fischen das Immunwesen und die Abwehrbürokratie. Der Flossenbrand oder die Flossenfäule hat nun leichtes Spiel und ist tatsächlich auch schon in die Schwanzregion von drei weiteren Fischen eingefallen, während der ursprünglich und zuerst befallenen Blaufischin Dreiviertel davon nun schon ratzputz fehlen. Wie einst Pest unter mittelalterlichen Dörflern wütet hier also Schlossherr Augustus unter seinen Mitfischen und ruiniert ihnen Leib und Leben. Er selbst sieht dabei blendend aus und besser als je zuvor, die Körpermasse, die während seines Hungerstreiks bedenklich geschwunden war, voll wiederhergestellt.
Vielleicht ist ja letztlich genau dieses Wiederaufblühen der Leibesfülle der Grund für seine neuerstarkten Gebietsansprüche, und also der Blutwurm und ich, sein Futterspender und somit willfähriger Aufrüstungsgehilfe, der eigentliche Grund für die sich nun entfaltende Tragödie. Und nicht vielmehr und weitaus naheliegender die rabiate Dummheit und Gemütsverrohung, die die Fische ein ums andere Mal an den Tag legen.

Friday, January 12th, 2007

Wirbelmeditation

Wenn man ein wenig in der Grundsubstanz rührt, auf der alle Existenz ruht, steigen, aufgestört durch dieses Rühren und durcheinanderwirbelnd, Schwaden von sich zersetzenden Partikeln der Vergangenheit auf, Fragmente von Ereignissen und Gelebtem in sich rasch zerteilenden und mischenden Wolken. Die schwereren Brocken sinken sogleich zu Boden und verschwinden wieder, unverdaulich und ungesehen, im Unterbau, aber die leichteren Stücke, schon von organischen und chemischen Kräften angegriffen, bleiben sichtbar und in einem Schwebezustand gehalten. Sie zeigen durch ihre Bewegung und ihre wechselnden Konstellationen die ansonsten unsichtbaren Strömungen und Bewegungen der sie tragenden Gegenwart des Wassers an.
Genug der verkorksten Geschichtsmetaphern, hier ist natürlich die Rede ausschliesslich vom Aquarium, man konnte es sich ja schon denken, und die Brocken sind keine unverarbeiteten Angriffskriege oder Freundesgeheimnisverrat, sondern von Würmern und Bakterien angenagtes Halbverdautes und zerfallende Pflanzenbrocken. Es kommt zwar am Ende sozusagen aufs Gleiche raus, weil man so wie so nicht recht klarsieht, aber da endet die Parallele oder Allegorie auch schon wieder. Sprechen wir nicht mehr davon.
Fast nun ist es schöner, diesen schwebenden Müllflocken beim Schweben und Tanzen zuzusehen, als den sie erzeugenden Fischen beim Schwimmen und Fischsein. Zum einen gibt es viel mehr Flocken als Fische, zum anderen aber besteht ja keinerlei emotionale Bindung an ein Stück Gärschlamm, und das Schicksal des je einzelnen Brockens kann dem Betrachter also völlig piepe sein. Dieses hässliche Wort habe ich übrigens nur gebraucht, um das schiere Ausmass der piepegalen Gleichgültigkeit noch ein bisschen abscheulicher greifbar auszudrücken.
Der Leser fragt sich nun vielleicht, was an einem piepen Rudel Dreck interessant sein soll, und er fragt sich das zu recht, denn das wichtigste Detail des ganzen Arrangements habe ich noch nicht erwähnt: den Filteransaugstutzen, links hinter dem Schloss. Auf etwa zehn Zentimetern befinden sich hier zahlreiche kleine horizontale Schlitze in einem schwarzen Plastikzylinder, durch die stetig Wasser angesaugt und dann durch den Filtersack gepresst wird. Klar kommt das Wasser sodann wieder zurückgeplatscht oder ohne sichtbare Bewohner. Was der Filterstutzen einmal hat, das gibt er nicht wieder her.
In weitem Umkreis um den Stutzen befindet sich das Medium in Turbulenz, und es ist der Kampf der Schwebeteilchen gegen den Sog der Löcher im schwarzen Stutzen, der den Geschehnissen ihre Würze gibt. Wird dieser organische Klumpen von einer aufwärtsführenden Strömung ergriffen noch eine Kreisbahn drehen können, oder fasst ihn überraschend der nahe am Zylinder bestehende abwärtsführende Sog und zieht ihn unaufhaltsam ins Dunkel? Stück um Stück verschwinden die Verunreinigungen in den Öffnungen, es ist ein Freudenfest für die Sinne, vor allem für den Zerstörungssinn und die Lust am Untergang. Wohl zehn Minuten dauert es, bis ein aufgeworfenes Müllgestöber eingefangen und abgesaugt ist, und in diesen zehn Minuten bleibt die Welt stehen und wird Strömung. Paradox, aber wahr.
Danach dann wieder Fisch.

Wednesday, January 10th, 2007

Ei, Ei, Ei

Es gibt in der generativen Grammatik des Tanzes der organischen Materie eine steinalte Phrase, in der zwei der Tänzer sich erst zu nahe kommen, um anschliessend sichtbar und fühlbar verändert wieder auseinanderzugehen. Im vororganischen Zeitalter wurde diese Phrase für die expandierenden Ringe genutzt, die ein Stein verursachte, stürzte er unter Donnern und Blitzen vom Berg ins Meer. Nach Ankunft des Lebens nutzte die Evolution das Muster dann erst für gegenseitiges Anrempeln und Aufessen, später dann auch für die Bildung mikrobiologischer Wohngemeinschaften (Chloroplasten! Mitochondrien! Ratatouille!) und den rückwirkend von uns Sex genannten Vorgang der Chromosomenmischung. Genau genommen führt sogar jede Begegnung zwischen zwei Organismen zu irgendwelchen Folgen, meist zu Unfug, aber dennoch hören natürlich die Organismen nicht auf, einander zu begegnen. Es ist ein sogenannter Trieb.
In diesem speziellen Falle haben das Streifenweibchenjagen und die Unaussprechlichkeiten, die dem gefolgt sein müssen, und die ihre Unaussprechlichkeit ihrer Unbeobachtetheit verdanken, das Fischweib zur Eiablage verführt. So muss es wohl gewesen sein, aber weil die Natur ein grausamer Koch ist, oder vielmehr ein fühlloser Trampel oder mit nochmal anderen Worten eine blinde Ansammlung aufeinander einteufelnder Moleküle, haben die Fische sich umgehend an den Verzehr des unerwarteten Frühstücks gemacht, und vom sicher erklecklichen Eiklecks sind nur noch ein Schleimfaden und ein kleines Eibällchen anklagend vom Schlossturm gehisst, als mir die Malaise zum ersten Mal auffällt. Betroffen gucke ich kurz woanders hin, und schwupp, sind auch die letzten Reste noch vertilgt. Die Evolution frisst ihre Kinder. Ist Quatsch, klingt aber gut.
Das Eifrühstück nun ist natürlich einerseits eines grausame Wahrheit, oder ein ernüchternder Einblick in die Seelen meiner Freunde, wenn sie denn wirklich meine Freunde sind, und nicht vielmehr nur eine Handvoll Fische, andererseits ist es aber gut so, denn aus den Eiern hätten ja leicht ein paar Dutzend neue Fische schlüpfen können, denen man dann wiederum frisch geschlüpfte Urzeitkrebse zum Frass hätte vorwerfen müssen, weil anderweitig in die Mikrofischmäuler nichts reinpasst, und dann wäre irgendwann das Verhältnis von Fisch zu Wasser restlos umgekippt. Kleine Wasserblasen wären dann endlich ziellos durch einen soliden Fischblock gedriftet, unter einer roten, kraftlosen Sonne; ein Universum am Ende seiner Kräfte.
Nein, nein. Ist schon besser so.

Wednesday, January 10th, 2007

Paartanz

Einstweilen lenken aber vorgezogene Frühlingsfeste von den sich entwickelnden Problemen ab. Eine leise Tanzmusik durchweht die Fluten, und die Männchen, die man wie beim Menschen an ihren gockelhaft aufgestellen bunten Rückenflossen erkennt, drängen die Weibchen zu Tanz und Tollerei. Augustus und ein namenloser Kollege jagen eine der gestreiften Frauen die Plexiglaswände auf und ab, und sie lässt es sich, soweit sich das sagen lässt, gern gefallen. Jedenfalls öffnet und schliesst sie lüstern und geradezu paarungsbereit den Mund. Oder eben atmend und genervt, oder was, als Mann ist man beim Beobachten von derlei Material ja immer gehandicapt. Das geht auch Augustus und seinem Fischkollegen so. Fast schon reisst das Jagdgeschehen nämlich sich nun ganz von der Fraunsperson los, eine Fischmännerschlägerei droht sich zu entspinnen, ein Wettlauf der Gockel, ein Paradeprachtreiten der Seehengste, aber dann besinnt sich Augustus doch noch eines Besseren, schlägt flink einen unerwarteten Haken und schwimmt wieder wie eine flossige Gentlemanattrappe neben der Frau dahin. Freilich nur sekundenlang, dann hat der Konkurrent den Braten gerochen und rückt erneut zum Schwanzflossenvergleich herbei.
Aufgrund des mechanischen Wesens des Fisches muss das Geschilderte nunmehr in zahlreichen Wiederholungen immer und immer wieder geschehen, ehe dann vielleicht was Neues geschehen kann, und wir wenden unsere Aufmerksamkeit also besser Anderem zu.
Zum Beispiel den beiden kleinen blauen Fischen, die über dem höchsten Schlossturm, Nasengewebe an Nasengewebe einander gegenüberstehend, ein gemeinsames Zentrum oder Gefühl umkreisen, Eskimosküsse im Warmwasserbad, Liebesballett der Kleinwirbler. Es ist nicht recht zu begreifen, was die Fische dabei antreibt und worin der Lohn der Mühe für sie bestehen mag, ein kleines, blaues Wohlgefühl wird es wohl sein, in den kleinen blauen Köpfen, ein Schwingen der Fischneuronen in Einheit und Gleichklang über den tiefen Wassergraben hinweg, der zwischen den Individuen gähnt, die Genugtuung eines vorübergehenden Betrugs am Weltgeist, der Symbole der Einsamkeit in die Fischherzen gemalt hat bei ihrer Erschaffung. Dann trennen die beiden Fische sich wieder und schwimmen ihrer Wege, der eine links ums Schloss, der andere rechts, wo ihm schon Augustus entgegenrast, scharf abbremst, gegenlenkt und der Gestreiften quer und mit quietschenden Flossen den Weg abschneidet.
Komm, Puppe, hüpf rein.

Tuesday, January 9th, 2007

Von der Existenz der Ordnungsmächte

Schlimm hingegen steht es um eine der Barben, ein Weibchen, wie ich aus Gründen der genauen Beobachtung und des Fischsexualisierungshalbwissens zu wissen glaube. Hinten unten an der Schwanzflosse zeigte sich erst weisslich eine Art Flossenrand oder Ornament, Adoflosse mit der Weisskante, quasi und also möglicherweise eine Aufwertung des Fisches im Hinblick auf einen Weiterverkauf auf Ebay oder in der Fernsehwerbung. Dann aber, wie die Feuerrinde an einem verbrennenden Blatt Papier, frass die Kante sich vorwärts durch die Flosse, und liess nur verbranntes Wasser hinter sich zurück.
Kaum war mir das nun aufgefallen, da fiel noch mehr; nämlich mir auch rückwirkend wieder ein, dass schon seit einer Weile ja diese eine Fischin – die grösste der drei blaugrünen – zerrupft und flossenkarg ausgesehen hatte. Die Knochenstrahlen der ventralen Bauchflossen unverbunden abstehend, auch die Flossenhaut der Analflosse angegriffen, und die der Dorsale mit Lücken zwischen den Flossenstrahlen, deren Aufrichten, herbeigeführt durch eine Kontraktion der Körpermuskulatur in Vermittlung durch die Flossenstrahlträger, kaum zum gewünschten Effekt der Beeindruckens zufälliger Betrachter oder vorüberschwimmender Kobarben, sondern eher zu mitleidigem Abwenden der vorgenannten Bevölkerungsgruppen führt. Sofern der Fisch denn überhaupt des Mitleidens mächtig sei wie der Mensch. Zweifelhaft, aber man weiss es nicht und muss das Beste annehmen und ein Optimist sein auch unter Wasser und den schlimmsten Bedingungen.
Nun aber ist hier ja über das blosse zerfranste Aussehen hinaus ernstlicher Flossenfrass im Gange, und das kann nun freilich selbst unter der wohlwollendsten Lesart nicht angehen. Der Fisch als solcher benötigt zur Fortbewegung die Flosse, und ist ihrer schon um seiner Freizügigkeit willen also nicht zu berauben; zudem und vor allem aber ist die körperliche Unversehrtheit ein Grundrecht auch und grade in Badewannen, alten Blumenkästen und ähnlichen Behältern, und somit der am Fisch entstehende Schaden ein Schaden am moralischen Kode des Universums selbst. Ein Schlag mithin ins Gesicht der gütigen Ordnungsmächte, die womöglich irgendwo da draussen wohnen, und nur das Beste für alles organische Leben im Sinn haben. Oder im lichtschluckenden Monolithen, oder dem Warp-Kern, oder wo die Ordnungsmächte das universelle Beste eben aufbewahren.
Man möchte die Existenz solcher Mächte ja manchmal andererseits durchaus bezweifeln. Eine sofortig durchgezogene Wasserstichprobe nämlich findet keine Mängel, die optische Inspektion von Vegetation und Bebauung gleichfalls zeigt keine Verdachtsmomente und mithin also bietet sich hier kein Ausweg halbnackt und hüftschwingend am Strassenstrich der Geschehnisse an. Nur der Flossenfrass selber zeigt, dass hier nicht alles Fisch und gut ist im Staate Dänemark, sondern manches auch Fleisch ist, und böse. Das dann auch noch unter meinen wachenden Augen langsam zu Gras wird und hinwelkt. Beziehungsweise eben zu Spinat. Dansk Jävlar Ordnungsmacht!
Das lähmende Gefühl der Hilflosigkeit immerhin, das jetzt grade einsetzt, kenne ich schon. Hallo, alter Freund.

Monday, January 8th, 2007

Pizza

Ich wähle das zweite Urinal, links neben mir das Kinderbecken, leicht gelblich und sicherlich vorgewärmt, wie immer, rechts noch zwei für Grownups oder Schlakse. Am Waschbecken, schräg rechts hinter mir, schrubbt sich ein einsamer Angestellter das Popcorn von den Händen. The Departed hat Überlänge, und es ist spät. Von links hinten jetzt eine Stimme, I got Pizza, want some, sagt sie, und ich antworte schon fast, als ich doch noch begreife, dass wohl der am Becken gemeint ist. What pizza, fragt der, Veggie, no thanks.
Der Pizzabote steht jetzt links von mir am niedrigen Urinal, packt aus, wirft einen Blick zu mir her, hält inne, Well, sagt er. Actually, sagt er. Macht die Hose wieder zu und geht zum Pinkeln in eine Kabine.
Der Pizzakarton steht auf dem Mülleimer. Papierhandtücher sind in beiden Maschinen aus, und mit feuchten Händen trete ich ins leere Kinofoyer.

Friday, January 5th, 2007

Da helfen sicher Tabletten

Wenn man früher krank wurde, also sehr früher, als es noch keine Individuen gab und „man“ noch ganze Spezies bezeichnete, wenn früher also Triceratops einen Schnupfen bekam, dann halfen keine Medizin und kein Arzt, denn die waren noch nicht erfunden, und Hühnersuppe gab es auch nicht, denn auch Hühner waren noch nicht erfunden, und so hiess es denn aussterben für die schniefenden Dinosaurier. Das mag uns heute eine drastische Folge eines einfachen Schnupfens scheinen, aber erstens hatten die Dinosaurier damals riesige Nasen (anders als zum Beispiel, ich erwähnte es, Fische), und zweitens kannte man es damals eben nicht anders.
Heute ist das anders, denn seit uns die Evolution Penicillin, Viagra und Brause geschenkt hat, gibt es für jede kleine Sorge und jedes mickrige Problem eine Tablette. Sogar für dreckiges Geschirr gibt es Tabletten, zumindest wenn man Automaten hat, die dem Geschirr die Tablette einführen, wo hinein auch immer. Man denkt besser nicht drüber nach.
Hat man mal vergessen, eine Hose anzuziehen, bevor man morgens aus dem Haus gegangen und zum Flughafen gefahren ist, wirft man zum Beispiel einfach eine Tablette Ecstasy („X“) ein, und schon ist selbst dieses Problem behoben. Davon hätten die Dinosaurier sich nicht träumen lassen, wie auch, gegen ihre Schlaflosigkeit war ja noch kein Kraut gewachsen. Geschweige denn eine Tablette.
Kein Wunder also, dass es auch gegen hungrige Fische Tabletten gibt. Sie sind grün und ungefähr so gross wie ein Penny. Schwer sind sie auch, weswegen sie sofort auf den Beckengrund purzeln und da liegenbleiben, den Fischen zum Anreiz.
Leider sind es aber natürlich mal wieder die falschen Fische, denen hier angereizt wird, was den Ottos das Leben verlängern soll wird wieder einmal den teuflischen Barben zum Spiel. Bald glaube ich, nichts, was ich hier ins Wasser werfe, entgeht den kleinen Bullies. Natürlich kriegen sie nichts von der Tablette abgekaut, die offenbar auch hart ist wie ein Penny, aber das verdriesst die Tiere nicht und unermüdlich attackieren sie den grünen Knopf, bis er dann schon aus reiner Fischmüdigkeit zusehends verschwindet und verschwunden ist.
Die Ottos unterdessen treiben Sport an der frisch gereinigten Schlossaussenwand. Vielleicht steht es ja doch nicht so schlimm um sie.

Thursday, January 4th, 2007

Der Erbsenkrieg

Der zweite Versuch, durch die Zufuhr zerkochter Gemüsemassen die Ottoernährungslage im Becken aus ihrer Schieflage zu wuchten, scheitert zwar auch, aber auf so unterhaltsame Weise, dass man den Barben diesmal nun wirklich nicht böse sein kann.
Schält man eine gekochte Erbse aus ihrer Erbsenhaut, und zwackt sodann von den sich gefügig teilenden Erbsenhälften je nochmals eine Hälfte ab, so ist das entstehende Erbsviertel trotz aller Zwackerei noch immer zu gross für die Barbenmäuler und auf einen Happs durchaus nicht zu packen. Vielmehr schnappt sich sofort einer der Fische den Erbsbrocken und saust damit wie angestochen durch die Gegend, schlägt Haken, taumelt verwegen. Nicht aus schierer Lebens- oder Erbsenfreude, freilich, sondern in einer Art Futterflucht, weil nämlich die anderen sechs Fische ununterbrochene Attacken gegen den Erbsenträger schwimmen. Unweigerlich verliert der sich in einer erheblichen Minderheit befindende Fisch den Erbs, ein anderer schnappt ihn sich, und das Spiel setzt sich in anderer Besetzung fort.
Dabei ist nicht zu erkennen, dass am Erbs auch genagt würde, dennoch aber schmilzt er Stück um Stück dahin. Es muss wohl im Inneren des Karpfenmauls noch einen weiteren Mund geben, einen zahnstarrenden Innenschlund, der am sorgsam getragenen Erbstrümmerstück knabbert und es dezimiert. Schliesslich passt der Erbs ganz ins Fischmaul, und die kriegerischen Auseinandersetzungen enden, weil die anderen Fische die Trophäe nicht mehr sehen. Interessanterweise begreift der glückliche Eigentümer der Erbse das aber nicht und schiesst nach wie vor wie besessen durch die Fluten, nur jetzt ganz ohne Verfolger. Erst wenn der letzte Erbskrümel im Innenschlund vergangen ist, kehrt Ruhe ein.
Bis ich das nächste Viertel einwerfe. Besser als Fernsehen.