Tod
Es besteht im Kopf des Menschen ein irrationaler Irrtum oder eine verblödete Hoffnung dergestalt, dass die Beseitigung einer bösen Ursache auch sämtliche ihrer unguten Wirkungen auslösche. Nun folgt aber in der Logik aus „wenn P dann Q“ und „nicht P“ keineswegs ja die Negation von Q, sondern vielmehr genau rein gar nichts. Und im wirklichen Leben ist es sogar noch ein bisschen schlimmer, weil aus diesem Nichtfolgen ja umgekehrt die unbedingte Bewahrung von Q qua der Existenzträgheitizität des je Zurhandenen folgt. Sich. Soweit die Philosophie, oder ihre klingelnde Simulation durch den Laienaquaristen.
Unter Wasser bedeutet dieses nutzlose Geschwurbel, dass die Auslagerung von Augustus in ein schlecht gelüftetes und unterkühltes Ersatzaquarium den flossengeschädigten Fischen mit messerscharfer Logik nachweisbar überhaupt nicht hilft. Nach wie vor scheinen pulvrig weiss die sich auflösenden Flossenränder, hängen die Fische Nasengewebe abwärts in den Fluten und wirken auch sonst, als hätte ihr letztes Stündlein soeben angerufen und sich auf einen Besuch angemeldet. Am schlimmsten dran ist eindeutig das ursprüngliche Opfer. Der armen Fischdame fehlt nun tatsächlich die gesamte Schwanzflosse, die sonst fröhlich wedelnden Flossenbeine an der Fischunterseite kleben zusammen, und das Tier selbst ist sichtlich nicht mehr für viel zu begeistern, und kann sich auch gar nicht mehr fortbewegen, sondern wedelt stattdessen unnütz mit dem entflossten Rumpf. Es ist ein jammervoller Jammer.
Der dann am nächsten Morgen wie absehbar endet, mit der toten Fischin an der Wasseroberfläche dümpelnd, und dem Rest der coolen Gang lustlos drunter. Immerhin frassen sie die tote Gefährtin nicht kurz und klein in ihrer Trauer, man muss ja scheinbar diesen Mordbuben für jede kleine Rücksichtnahme dankbar sein, und also bin ich den Kranken auch sorgfältig dankbar, als Hoffnungssplitter in dieser Dunkelheit.
Traurig lese ich das verstorbene Tier aus dem Becken, mache Beweisfotos für die Tribunale, die Augustus demnächst blühen werden, schlage die Leiche sorgfältig und unter Herzweh in Küchenpapier ein und pfeffere sie dann resolut in den Müll. Sie hätte es nicht anders gewollt.
Noch einen Tag warte ich nach diesem Debakel ab, ob die Verlegung des Augustus ins Exil den Fischen die Gesundheit wiederherstellt, es tut sich aber nichts oder vielmehr schreitet der Verfall fort. Wie alle Unglücklichen weltweit wende ich mich also der Chemie zu. Vorerst noch nicht den Giften, sondern noch den Heilsubstanzen, aber der dieser Unterschied ist ja ohnehin nur graduell und nicht im Seinswesen begründet. Verzeihung, Philo-Rückfall.
Eine bunte Auswahl von rätselhaften Substanzen lockt im Medizinregal, gegen Bakterien, gegen Pilze, gegen Kühe, gegen Fische und gegen Würmer stehen je mehrere Fläschchen herum, und ich schliesse schnell die Augen und zeige auf eins davon. Grün. Na, wird schon stimmen.
Im Nebenbecken vegetierte unterdessen Augustus reglos in der Kälte, die Schuppen stumpf und vom verschnupften Schleimüberschuss die kecken Streifen grau verfärbt. Auch Augustus also, der ansonsten sich bester Gesundheit erfreut, wird die gegenwärtige Krise vermutlich nicht überleben. Es sei denn, dass. Und so kaufe ich dann noch ein Schwimmgefängnis, zur Tyrannenrettung. Grau, teurer Fischfreund, ist alle Moral.


