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Fischtagebuch



Friday, December 1st, 2006

Saures geben

Als wir wiederkommen, liegen ein Tetra und eine Barbe tot in der Suppe, und die beiden anderen Barben kränkeln waidwund durch die Gegend. Ein infernalischer Fischfuror formt sich in meiner Brust, ein Zorn auf den Gott, der das zulässt, und, noch vage und ungerichtet, auch auf mich, denn ich habe einen nagenden Verdacht, nicht ganz unschuldig am Desaster zu sein. Wenn ich auch nicht recht sagen könnte, woran es denn vermaledeiten Fischen mangeln könnte.
Die beiden kranken Barben werden aus dem Becken in die bewährte Tupperdose verpflanzt, gehen aber natürlich trotzdem über Nacht von uns und ein.
Nur beim Angeln vielleicht gehen Fische schneller kaputt als in unserem Aquarium. Wenn ich’s absichtlich täte, werweiss, wäre sogar ein schönes Preisgeld drin in einem Wettbewerb des amerikanischen Schnellfischtöterverbandes.
Aber ich bin gar kein Mitglied in einem solchen Verband. Vielleicht gibt es ihn gar nicht. Obendrein verspricht eine der grossen hiesigen Krankenkassen grade auf Plakaten eine Senkung des Blutdrucks durch Fischbetrachtung, und ich habe zwar nicht angerufen, vermute aber durchaus, dass weder Fischstäbchen noch Heringsbrötchen, noch selbst ermordete Zierfische denselben Effekt auf den menschlichen Blutkreislauf haben.
Es muss nun also endgültig, und letztlich ja viel zu spät, ernst werden. Ich lese mich also in die Biologie und Chemie eines Aquariums ein, es ist ganz erstaunlich, um wieviele Schraubendrehungen komplizierter selbst klares Wasser ist, als man sich das denkt. Um mein neues Wissen auf die Probe zu stellen, halte ich ein Indikatorstäbchen ins Wasser, und beobachte staunend, und auch ein bisschen schaudernd, wie sich der pH-Anzeiger ins Tiefsaure verschiebt, weit jenseits der Totenköpfe auf der mitgelieferten Skala.
Die vier Fische also wurden weniger in ein neues Zuhause verbracht, als vielmehr in einem rechteckigen Gurkenglas über einige Stunden hinweg sauer eingelegt. Ich bezweifle, dass die Mitarbeiter bei Hengstenberg in Esslingen sich ihrer Gurken wegen ähnlich schlecht fühlen wie ich jetzt, aber wer weiss. Es sind ja auch nur Menschen.

Thursday, November 30th, 2006

Schock

Es geistert durch das Online ein Gerücht, dass nämlich Fische des Lernens nicht mächtig seien, und es, das Lernen, auch nicht vom Menschen lernen könnten, Catch 22, quasi. Das stimmt aber, wie die meisten Dinge, an die jemand glaubt, natürlich nicht. Zuerst nämlich schauen unsere neuen Fische sich ratlos an, als wir den Beutel ins klare, jungfräuliche Wasser hängen, dann, als wir nach und nach Aquarienwasser in die Tüte geben, werden sie zunehmend zutraulicher, und als wir sie dann schliesslich, nach behutsamer Wasserangleichung, in ihr neues Wohnzimmer mitten in unserem Wohnzimmer entlassen, haben sie sich praktisch schon eingelebt und nehmen wie selbstverständlich den ganzen Ramsch in Besitz. Und dergleichen Eingewöhnung will doch schliesslich gelernt sein.
Just in diesem Moment kommen Freunde zu Besuch und hinterlassen Kinokarten für uns und andere Freunde für heute abend, was die Fische zwar nicht weiter interessiert, umgekehrt aber schon. Nach mehrfachen Entzückenslauten freunderseits geht der Besuch dann zuende, und kaum sind sie zur Türe wieder draussen, sause ich zurück, um die neuen Fische noch einmal ordentlich anzubewundern, vor dem Kino.
Und.
Was.
Muss.
Ich.
Da.
Sehen.
Weisse Punkte. Auf den Augen des Tetras, der auch schon, seien wir ehrlich, ein wenig rat- und beinahe lustlos daherpaddelt. Leer starre ich ins Becken. Keine Stunde ist es her, dass wir die Fische hier reinsetzten. Wenn es sich hier um Parasiten handelt, folgere ich messerscharf, dann kommen sie wohl aus dem Andromedanebel, und die gesamte Menschheit ist rettungslos verloren. Kamen nicht die Körperfresser des Sutherland’schen Remakes hier aus der Gegend?
Sind aber keine Parasiten aus dem Weltraum im Spiele, dann stimmt ganz sicherlich und ohne Zweifel mit unserem Aquarium etwas sehr Ernstes nicht.
Andererseits lebten die Goldfische Wochenlang nach dem Auftauchen der weissen Punkte, und womöglich sind weisse Punkte auf Fischaugen ja auch nur ein Zeichen von Stress, wie es das Einwohnen einer neuen Bude und das Umgetopftwerden in neue Brühe ja sicherlich vorstellt.
Zudem rückt der Kinobesuchstermin näher, und wir wissen ohnehin weder Rat noch Hilfe, lassen die Fische also im Becken zurück und gehen, uns einen Kampfkunstfilm anzuschaun.

Thursday, November 30th, 2006

In die Tropen

Wie junge Katzen um vögelnde Menschen schleichen wir um das Riesenbecken in der Medienzentrale. An den Wänden Dutzende bunter Fernseher, auf denen hochauflösend Fischliveübertragungen zu sehen sind, ein virtueller Fischmarkt. Mit dem ausgestreckten Zeigefinger klickt man den gewünschten Fisch an, und der mufflige und ein bisschen riechende Aquarist – nicht der Fisch-Fascho, denn der hat keine vernünftigen Goldfische, und auf Goldfische sind wir aus, als wir den Laden betreten – lädt die gewünschten Tiere dann erst in ein Netz hinein, und dann aus dem Netz in einen Beutel runter, den Beutel trägt man dann nach Hause und schon kann man die Fische installieren. Praktisch, so ein Netz.
Aber das Überangebot an Fischware lähmt uns komplett, wie in einer sanften Strömung driften wir immer im Kreis um das Schauaquarium, an den ganzen kleinen Bildschirmen vorbei, und werden immer ratloser. Nur wenige der Fernseher zeigen eine Kaltwasserwelt, und was da drin wohnt sieht im Vergleich mit der bunten Tropenwelt karg und undekoriert aus. Aus einem Kaltwasser- ein Warmwasserbecken herzustellen, so erfahren wir auf vorsichtige Nachfrage, sei ganz leicht, man müsse nur seinen Heizstab in der Feuchte versenken, und schon sei der Grund bereitet für Haltung und Zucht des bunten Tropentiers.
Jetzt wird uns freilich ganz schwidnligh, Verzeihung, schwindlig, denn nun stehen uns ja alle Fernseher offen wie weiland Magellan die Nordwestpassage, oder jedenfalls so ähnlich. Barben und Tetras in allen Formen und Farben locken schamlos, und andere Fische mit ganz unaussprechlichen Namen. In einer Ecke lauern ein paar Piranhaartige die geschätzt so gross sind wie unser ganzes Becken und also vermutlich in kürzester Zeit auf Quaderform anwachsen würden und dann auf dem japanischen Markt sicherlich, aber ich schweife ab.
Welche Fische also sollen wir wählen? Schliesslich fasse ich mir ein Herz, nehme meinen Zeigefinger zur Hand und richte ihn rigoros und sehr bestimmt auf Caroline. „Such Du aus“, sage ich. Problem gelöst.
Minuten später tragen wir einen riesigen, mindestens fünf Zentimeter langen Tetrafisch und drei Sumatrabarben nach Hause, sowie einen Heizstab und eine Dose Tropenflocken, den frisch gewonnenen Fischen zur Zehrung.

Wednesday, November 29th, 2006

Wasserwechsel: Vorabend

Wie sich leider herausstellt, wenn man mit Menschen spricht, die von der Aquaristik mehr als nur eine sehr flüchtige Vorstellung haben, kommt das Wegwerfen eines gut eingefilterten Filtersacks einem Völkermord gleich. Im Sack nämlich wohnen neben den Kohlewichteln, die die bösen und die guten Keime sortieren, auch Nitronella und Nitrierchen, zwei lustige Tierzivilisationen, die aus dieser einen Chemikalie da diese andere da machen undsoweiter. Jetzt sind Nitronella und Nitrierchen aber tot beziehungsweise liegen vertrocknet im Müll, und müssen erst mühsam per Urzeugung wieder aus Fischdreck hergestellt werden. So jedenfalls könnte man den wahren Sachverhalt umschreiben, wenns nicht wirklich darauf ankommt, dass es auch der Wahrheit entspricht.
Zur Rettung der beiden Sacktierchen schneidet der Experte ein Stück aus dem alten Sack heraus und steckt es vor Zufügung der Kohlewichtel in den neuen Sack, aber ich bin ja kein Experte und komme also nochmal so davon. Und nachdem ich ein paar Tage gewartet habe, dass die Nitrotiere wieder Fuss füssen, ist also endlich der Moment gekommen, die jungfräuliche Welt mit Lebenssaat zu beschicken, damit dann in ein paar Millionen Jahren vielleicht ein Wurm mit Beinen herauskrabbelt und uns die Wohnung vollsaut. Neue Fische müssen her, mit anderen Worten.
Bevor aber neue Fische ins Todesbecken gesetzt werden können, muss nochmal gründlich durchgefegt werden. Der Neuzuwachs soll ja einen guten Eindruck bekommen und nicht gleich von Anfang an denken, bei uns werde nicht auf Ordnung gehalten und ein bisschen mehr Dreck schade da wohl kaum. Sonst kriegt man die Biester ja nie stubenrein.
Ich tauche also noch ein Fünftel des Wassers gegen vollständig genauso aussehendes, aber grade erst aus der Leitung gesprudeltes anderes Wasser aus, es mag wie nutzloser Tand scheinen, aber der Fachmann weiss es besser. Denke ich mir jedenfalls.
Morgen dann neue Fische. Aufregend!

Wednesday, November 29th, 2006

Das nackte Becken

Nun also eine nukleare Einöde, oder doch jedenfalls das, was man sich Mitte der achtziger Jahre unter einer nuklearen Einöde vorstellte, trist leblose Kiesgründe ohne einen einzigen Fisch drin, leerstehende Häuser, Plastiksteine. Oder nein, vielmehr eine Neutroneneinöde, denn es schneit ja nicht schwarze Flocken im Aquarium, sondern vielmehr ist einfach alles tot, was drin lebte, ausser natürlich den Ichbazillen, den verfluchten Todesnissen und ihren Kindern oder Eltern, je nach Zeitpfeil, die sich zweifellos im Kies vernistet haben und nur auf neue Fische warten, um sie dann durch Befall hinzuraffen und uns ein Schnippchen zu schlagen.
Aushungern müssen wir nun die Bioteufel. Der Kies ist ja schon durchgekocht, die Möbel geschrubbt, und jetzt also dreht die Filterpumpe hohl, saugt klares Wasser an und speit klares Wasser wieder zurück in den Kreislauf, es hat alles rein gar keinen Sinn, sieht aber gut und schön aus. Die Leute stellen sich ja noch viel grösseren Blödsinn auf ihre Schreibtische, kleine Brunnen und Zengärten, warum also nicht ein leeres Aquarium filtern.
Blickt man in so ein leeres Aquarium, kann man kaum anders als selber auch, stellvertreten durch seine eigene Aufmerksamkeit, erst zum Ansaugstutzen hin, und dann in den Filter hineingesaugt zu werden, und kaum steckt man da drin, wird man auch schon misstrauisch: vielleicht ist ja der Filtersack schuld? Er wurde mit dem Aquarium mitgekauft, wer weiss also, was für infame Schweinereien da dran und drinklebten, um dann bei Nacht und Nebel aus dem Filter auszurücken und die Fische zu würgen. Kaum ist der Gedanke aufgeschienen, ist auch schon der Filtersack entnommen und ein blitzblanker ganz neuer eingebaut. Und es sieht auch schon aus, als sei das Wasser vielleicht noch einen Tick klarer jetzt und fischgesünder. Und ist der Fisch gesund, freut sich die Katze, und damit natürlich dann letztendlich auch der Mensch.

Thursday, November 23rd, 2006

Gefühlsfalle Schneckentod

Der Schnecke indessen geht es gar nicht gut. Sie verfügt über einen Deckel zu ihrem Schneckenhaus, oder eine Tür, und diesen Deckel oder diese Tür hält sie jetzt fest geschlossen, als gelte es ihr Leben. Ratlos stosse ich das reglose Tier einmal täglich mit dem Finger an, noch lebt es wohl, denn manchmal liegt es anderswo im Becken, aber von Rumrennen, von Freudensprüngen und Schlossbesteigungen kann nun keine Rede mehr sein. Vielmehr muss die Rede davon sein, dass die Schnecke siech vor sich hin vegetiert, und folgerichtig geht sie dann auch nach ein paar weiteren Tagen endgültig und unwiderruflich ein.
Es wäre nicht übertrieben, an dieser Stelle von einem Tiefpunkt der Beziehungen zwischen Mensch und Aquaristik zu sprechen. Niemand sieht es gerne, wenn Geschöpfe, deren Obhut auszuüben er sich selbstsüchtig zur eigenen Erbauung angebiedert und aufgedrängt hat, in einem langsamen Siechprozess dahinwelken, und dies obendrein noch aufs rätselhafteste und regelwidrigste.
Denn von welcher Seite man diese Fisch- und Schneckenvernichtung auch beleuchten mag, es gibt ja rein gar keinen Sinn. Parasiten hätten schon Salzbehandla, spätestens aber die Giftgabe nicht am Stück überstehen sollen, und weder Paras noch Iten, um nur zwei der möglichen Bruchstücke hier aufzulisten, sollten einem gestandenen Fischsbild Schaden zufügen können. Und trotzdem verging der Fisch wie von innerem Feuer und äußerer Gepunktetheit verzehrt. Von der Schnecke, in der ein Ich ja schon biophysikalisch gar keinen Fuß fassen könnte, gar nicht zu reden.
Anklagend nun steht also das Aquarium als Mahnmal auf dem Müll namens Tisch, und wir scheuen uns, neue Fische in dieses schlimme Becken zu sperren. Vielleicht schwitzt ja der Dichtungskitt Fischtod aus? Oder es rinnt Todessaft aus dem Filterbeutel? Ist vielleicht die Luft selbst, die das Aquarium durch den Sprudelstein einatmet, ein giftiger Hauch?
Zwischen Todesfugenkitt und der Toilette, die schon vier Fische und einen Schneck verschlang, stehen wir, und wagen keine Bewegung.

Wednesday, November 22nd, 2006

Unterdessen anderswo: Ken

Letzte Hoffnung? Nein! Ein von einem unbeugsamen Loach bewohntes Plastikbecken hört nicht auf, dem Schnitter Widerstand zu leisten. Hoffnung lebt bekanntlich in der kleinsten Hütte, oder so ähnlich, und eine kleine Hütte steht Ken, dem Loach ja tatsächlich zu Gebote. Triumph des Lebens. Und das kam so:
Den Goldfischen, das konnte der Fischexperte mühelos erkennen, war Ken nicht grün. Dem Laien mögen die wilden Angriffe und Verfolgungsjagden entgehen, er mag die Besatzermentalität des Immobiliengrabschers für Niedlichkeit halten, aber der Kenner nickt wissend und formuliert einen schlimmen Verdacht. Der Loach also musste weg. Zum Glück ist so ein Loach recht klein, und passt zum Beispiel in eine Plastiktüte, in der man ihn dann, samt Plastikaquarium, Kieselsteinen und Belüfterpumpe erst einen Berg hinauf tragen, und dann den ganzen Bausatz auf einem Schreibtisch zusammenschrauben kann. Man gibt erst Kiesel ins Aquarium, dann schon fast ganz sinnlos eine Wegwerf-Sonnenbrille, die man gerade vor der Augenklinik auf dem Boden gefunden hat, und die man zuvor von allen Keimen und Widerlichkeiten sorgfältig gereinigt hat, und zuletzt füllt man obendrauf Wasser, dem man mit einem Aloe-Vera-Präparat die böse Energie entzogen hat. Und gibt dann den Fisch in die Brühe.
Nun sieht man auch gleich, wozu da eine Sonnenbrille im Rezept steht. Der Loach nämlich ist ans Besetzen gewöhnt, nimmt nun zuallererst die Sonnenbrille in einem militärischen Coup für sich ein, und errichtet das Loachäquivalent einer Marionettenregierung hinter ihren getönten Scheiben. Als es dann noch Futterflocken auf den Eroberer regnet, beginnt auf meinem Schreibtisch ein Zeitalter des Friedens und des Wohlstandes.
Schon bald errichtet der Fischfürst, mit meiner Hilfe, ein kleines Schloss neben seinem Brillenhauptquartier, und wird von jetzt an, dem Kaiser gleich, von Brillenpfalz zu Schlosspfalz ziehen, und am jeweiligen Ort je ein Weilchen residieren, bis sich ein neuer Gedanke in seinem Fischkopf bildet und alles von vorn beginnt.
Zwischendurch macht Ken durch das kraftvolle Abschwimmen komplexer Lissajousfiguren klar, dass die Macht- und Wissensverhältnisse eindeutig geregelt seien, und ich signalisiere durch den regelmässigen Abwurf von Flockenfutter umgekehrt dasselbe.
Nach wenigen Tagen schon haben sich die Rituale verfestigt, man kann schon von einer Fischkultur sprechen, die wir beiden Despoten wie aus dem Nichts hier geschaffen haben. Erst öffne ich den Deckel des Beckens, längst ragt Kens Nase erwartungsfroh oben aus dem Schlossturm heraus, die eingeweichten Flocken wehen um die Architektur, und lebensfroh und quietschfidel sammelt der Loach sie ein. Stecke ich den Finger ins Wasser, versucht er, mich zu beissen.
Der Racker.

Tuesday, November 21st, 2006

Klick, Klack

Er führt nicht. Noch immer tragen die Fische im Paartagesabstand weisse Punkte im Gesicht und am Gesäß, und allmählich pfeifen die Flankenatmer auf der letzten Kieme. Die Fancies schwimmen noch ein gutes Stück mühsamer und ratloser als es sowieso schon ihre fehlgezüchtete Art ist durch die Gegend, aber auch der genreine Urgoldfisch sieht schwer urlaubsreif aus.
Dann hängt Klick eines Abends am Einsaugstutzen des Filters fest, wedelt hilflos mit der Flosse, und das Mass ist voll. Behutsam wird der Fisch aus dem Maelstrom gepflückt, und mit seinem Kollegen Klack zur Schnecke in die Aquarienaussenstelle verfrachtet, denn zu einem Überleben im Grossstadtdschungel Kleinaquarium fehlt den beiden Fischbällchen offenbar im Augenblick die nötige Verve oder Chuzpe oder Aquarität oder was. Wir geben nochmal ein paar Tropfen blaues Malachitgrün ins Hauptbecken, fühlen uns aber im Ganzen sowohl von den Fischen als auch vom aquaristisch-industriellen Komplex und seinen Giften, der ja ohne Zweifel hinter der ganzen Misere steckt und Milliardenbeträge an Gewinn aus dem Elend unserer Goldfische zieht, und diese Leidgewinne dann sicherlich zu noch wesentlichen finstereren Zwecken verwendet, ungut verschaukelt, respektive nicht ernst genommen. Eilig zu Rate gezogene aquarienerfahrene Freunde können da auch nur ratlos mit den Schultern zucken.
Am Morgen nach ihrer Ausquartierung schwimmen dann sowohl Klick als auch Klack kieloben, und eine Tristessetapete kleistert sich selbst in unsere muffigen Oberstuben. Weh, als ahne er das nahende Ende, driftet auch der Urfisch durch seine blaue Suppe, weisse Punkte an der Flosse, sogar mitten auf jedem müden Auge befindet sich so ein weisser Punkt.
Laus! Höhnst Du uns? Ha, wie unrecht!

Monday, November 20th, 2006

Formalin und Malachitgrün

Die Fischlaus mit den tausend Jungen (Iä! und abermals Iä!) ist zwar, wenn am Fisch angebracht oder in der Kapsel aufbewahrt, unerreichbar für konventionelle, chemische, biologische und atomare Sprengköpfe. Aber wenn die Lausekinder schwärmen, kann man dem Ich die Suppe versalzen. Ins Aquarienwasser gegeben sorgt Salz nämlich auf biologisch abbaubare und umweltfreundliche Weise dafür, dass Wirbellosen der Saft entzogen wird, als leblose Hülle falle Ich dann zu Boden, sagt das Internet, und schon nach zwei versalzenen Lebensyklen, einer Woche also, sei alles wieder in schöner Ordnung. Die einzige Komplikation, die Tatsache nämlich, dass ja auch die Rennschnecke als ordentlich Wirbellose unter den Auswirkungen einer Einsalzung zu leiden hätte, wird durch ein Ausquartieren des Schleimrasers in eine handelsübliche Küchentupperdose elegant umschifft. Die Dose ist aber natürlich nicht wirklich von Tupper, es ist einfach irgendeine Plastikdose. Das nur für die Puristen.
Die Schnecke wohnt nun also in der Schüssel, derweil die drei Fischstooges mit Argusaugen beworfen werden und unter der ungewohnten Aufmerksamkeit mal hierhin und mal dahin schwimmen. Die Tage ziehen salzig ins Land, die Schnecke dreht Kreise in der Schüssel, die Fische haben mal Weisspunktausschlag, mal haben sie keinen – ein unter Parasitologen sicherlich als Ichschwankung bekanntes Phänomen – und es geht ihnen jedenfalls mit jedem Tag ein bisschen schlechter. Salz an lebende Fische zu geben, führt offensichtlich zu rein gar nichts, und die Ökobehandlung wird abgebrochen.
Stattdessen kaufen wir beim Fisch-Fascho, wie wir unseren bärtigen und mürrischen Aquaristen liebevoll nennen, ein Riesenfass einer Mischung aus Malachitgrün und Formalin, die man ohne zu übertreiben als Giftcocktail bezeichnen kann, und geben nach Anleitung ein paar winzige Tropfen des Teufelszeugs ins Wasser. Malachitgrün färbt putzigerweise alles, womit es in Berührung kommt, und das durch diesen Kontakt nicht auf der Stelle eingeht oder zerfällt, blau. Daher wohl der Name, Malachitgrün. Chemikerhumor, lustig. Aber führt Chemikerhumor zuverlässig zum Ichzerfall?

Monday, November 20th, 2006

Ichpinzettenbedarf

Ein Gespenst geht um im Aquarium, das Gespenst der Beulenpest. Über Nacht nämlich haben sich auf allen Fischen weise Flecken gebildet, mitten auf dem Auge bei einem der Goldfische, entlang der Flossenkante und an der Fischflanke.
Kleine weisse Punkte, so belehrt uns das Internet, sind ein Parasit namens Ichthyophthirius multifilis, übersetzt also „die Fischlaus mit den tausend Kindern“, Iä, Iä! Kurz sagt der Lausekenner dem kleinen Tierchen „Ich“, das spricht sich im englischen aus wie ein vom schönen Wort icky abgeleiteter Ekligkeitsausruf, und sieht im Deutschen aus, als wäre man selbst es, der die Fische plagt: Gesamtkunstwerk Laus.
Ich ist ein schlimmer Geselle, hat einen ungefähr drei Tage langen Lebenszyklus, in dem er erst sich nährend am Fisch nuckelt, dann in eine selbstgebaute Rettungskapsel steigt und sich absprengt, und schliesslich im Inneren der auf dem Aquariengrund liegenden Kapsel mittels Lausporno und Spucke die im Namen erwähnten tausend Kinder zeugt. Dann geht die Kapsel auf, die Brut befällt die Fische wie ein Kindergartenausflug den Streichelzoo, und der ganze Jammer beginnt von vorne. Mal tausend.
Unsere drei Goldfische tragen vorerst ihre Ichs noch mit Würde spazieren, aber bald schon, das ist offensichtlich und unvermeidlich, wird die Ichlast die harmlosen Tiere in die Flossen zwingen und dem Fischlachen ein Ende bereiten, denn unbehandelt, da sind sich die rechtschreibkreativen Onlinefischexperten einig, gibt es zur Laus nur eine simple, grausame Wahrheit: Ich tötet.