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Fischtagebuch



Sunday, March 18th, 2007

Flossenbrand

Zum Glück sieht man es nicht für lange, denn schon einen halben Tag nach dem klärenden Algengenozid hat die grüne Sau sich wieder vervielfältigt und alles sieht wieder genauso aus wie vorher. Ich erinnere mich dunkel, gelesen zu haben, dass manche Trinkwasserversorger Phosphate ins Wasser tun, damit es sauberer ist, oder was, und dass diese Phosphate quasi wie Dünger das genaue Gegenteil von dem bewirken, was man mit Wasserwechseln eigentlich bewirken will. Ich glaube da aber nicht dran, man sieht im Wasser auch keinerlei Phosphate schwimmen, und also wechsle ich jetzt jeden Morgen und Abend 24 Liter Wasser aus, mit allen Algen und sonstigen Sauereien drin. Und wie durch Magie oder Zauberei, oder magische Zauberei, ist dann jeweils am nächsten Morgen oder Abend alles wieder so grün wie vorher.
Unmittelbar nach dem Wassertausch aber kann man jeweils für einen kurzen Moment die Fische sehen, und was ich da sehe, gefällt mir zur Abwechslung mal gar nicht. Augustus, diese Speerspitze bourgeoisen Fischtums, der König der Barben, hat innerhalb der wenigen Tage, die er algenbedingt praktisch unsichtbar war, seine komplette Schwanzflosse eingebüsst und trägt stattdessen eine offene Wunde spazieren. Und auch die anderen Barben sind allesamt angedatscht, driften kopfunter, mit zerrupften Flossen. Mein an Furcht und Elend geschultes Auge erkennt sofort, dass das diesmal kein pilziger, sondern bakterieller Flossenbrand ist, denn die charakteristische Weisskante an den Flossen fehlt in diesem Fall.
Viel Hoffnung für die offenbar komplett verseuchte Fischherde habe ich zwar nicht, aber man muss ja tun, was man vermag, und also wackle ich wieder einmal in die Höhle des Mundgeruchmannes, weil es mir zu PetSmart, am anderen Ende des Universums, nun wirklich zu weit ist. Zudem missfällt mir auch das fortgesetzte Versagen der Wunderwaffe Fenbendazol im Wurmkrieg.
Beim Mundgeruchsmann hole ich Antibiotika, die aber nur gegen gram-negative Bakterien helfen, was zum Teufel auch immer das nun wieder heisst. Die Barben, taumelnd und halbtot, sind schnell eingefangen und landen im alten 10 Gallonen-Becken, das nun für ein Krankenhaus gelten soll. Fünf Tage lang wird die Behandlung dauern, acht kranke Barben treten sie an. Der, ich sage es ungern, Countdown läuft.
Am ersten Morgen treibt Augustus tot in einer Ecke. Noch sieben.

Friday, March 16th, 2007

Algenpest

Vorerst und unter selbstverständlich Irrtumsvorbehalt ist die Antwort leider offensichtlich. Eine der beiden Kriegsparteien kniet mit betroffener Miene vor dem Becken und starrt einer Fischfrau hinten drauf, kratzt sich am Kinn und ratlos am Kopf, während die andere in aller Ruhe Blut saugt und hin und wieder den Spitzkopf aus dem Versteck reckt. Ich denke dann jedesmal, Jetzt!, Ha!, Erwischt!, einmal kam das rote Ding einen halben Zentimeter weit aus dem selbst nicht sonderlich langen Fisch, und ich war mir also sicher, der Obszönität jetzt aber endlich chemisch das Lebenslicht ausgepustet zu haben. Aber so rasch der Wurm heraus gekommen war, so flugs verschwand er auch wieder im Fischdunkel. Vermutlich hatte er sich verlaufen.
Ist also der Wurm unbesiegbar? Die kurze Ernüchterung, die diesem Gedanken folgt, macht meine Augen übers Aquarium hinschweifen, und ein kühler Schrecken rinnt mir den Rücken hinab, denn kein anderer Fisch ist mehr zu sehen. Genaugenommen ist auch keine Pflanze mehr zu sehen, und die Rückwand schon zwomal nicht, denn das Becken ist voll von einer trüben, grünlichen Brühe, organische Partikel treiben dicht darin, kleine Algenstädte und Algen-U-Boote tummeln sich, vielleicht findet eine Algenkonferenz statt irgendwo in dem Gewirbel, Algenliebe, Algenzorn, wer kann es wissen. Es ist eine Algenbevölkerungsexplosion im Gang, 7 Billionen Algen wohnen auf engstem Raum, das kann ja nicht gutgehen.
Algen werden angeblich von Pflanzen „locker ausgebremst“ (Aquaristenfachsprache), weil Pflanzen einen Evolutionsvorteil besitzen und Nährstoffe schneller und gründlicher aus dem Wasser klauben als die niedrigen und dummen Algen mit ihren fliehenden Stirnen (zwei pro Alge). Das sagt jedenfalls die Theorie, in der Praxis ist es wieder mal umgekehrt, nämlich zwicken die Algen vom Lichtstrom sich ein beträchtliches Scherflein ab, für ihre eigenen Photosynthesezwecke, und die Pflanzen können sehen, wo sie bleiben: im Dunkeln nämlich. Das mag paradox scheinen, weil auch Pflanzen ja im Dunkeln überhaupt nicht sehen können, und also auch nicht sehen können, wo sie bleiben, sondern nur Schwärze, aber das ist ja auch genau, wo sie bleiben, und so rum stimmts dann wieder.
Um diesen schlimmen Kreislauf zu brechen, müssen wohl die algennährenden Nährstoffe stofflich entzogen werden, zusammen mit dem Gros der Algenpopulation am Besten. Es sind also, mit anderen Worten, Wasserwechsel knallhart durchzuziehen. In den Eimer, den ich dafür angeschafft habe, passen 24 Liter Wasser, denn er ist ein grosser Eimer. Zweimal fülle ich ihn aus dem Aquarium mit grüner Suppe, giesse dann kristallklares Frischwasser zurück ins Becken, und am Ende sieht man tatsächlich wieder was.
Und was sieht man da? Die Barben sind krank.
Zefix.

Thursday, March 15th, 2007

Rebarbarisierung

Wenn die Gebäudesubstanz und die tragenden Balken, von Termiten benagt und vom Moder gebeutelt, zu einem pulvrigen Schleim zerrührt von unten ins Fundament sickern, und von ihrer Feuchtigkeit dann die Kellerwände schimmeln, dann ist es Zeit für einen neuen Anstrich der Fassade und ein paar hübsche Topfpflanzen auf dem Fensterbrett. Was sonst sollen wohl die Nachbarn denken?
Diese atavistische Vortäuschung eines Gedankens, der die Menschen auch die Schere aus Kreditkartenschulden und Repräsentationsautomobil verdanken, bringt mich nun dazu, dem wurmgezwackten Becken statt einer gründlichen Heilung erstmal ein paar neue blitzblanke Fische zu spendieren. Ist das klug? Ist es Verhalten bestimmt vom Mitgefühl mit der Kreatur? Oder närrische Brechstangenreparatur, Ducktapegefummel am brechenden Damm?
Worum es sich auch handelt, eingekauft werden nun zwei neue Barben, die schwindende Herde zu ergänzen, ein Clownspleco, der aber in Wahrheit gar nicht wie ein Clown, sondern mehr wie ein kleiner Leopardenhai aussieht, und ein Schneck, der die unter dem heftigen Lichtgespratzel übel wuchernden Algen in die Schranken weisen soll.
Des weiteren aber kaufe ich, wo ich grade dabei bin, auch noch antiparasitäre Brausetabletten und parasitenfeindliche Futterkrümel.
Der Pleco fühlt sich gleich sehr zuhause bei uns, die Barben aber stehen schräg im Wasser und zappeln unruhig mit den Barbenkörpern, während der Schneck unten die Fühler kurz aus dem Haus streckte, und dann sofort von der Cichlidin attackiert wurde. Jedesmal, wenn das Weichtier jetzt seine harte Schale öffnet, fährt die Fischfrau wie eine Furie hinein und zwackt den Schneck, bis er sich am Ende, verständlicherweise, nicht mehr heraustraut. Die Verschönerung des Krisengebietes, mit anderen Worten, war ein Dreiviertelschlag ins Wasser.
Drei Brausetabletten sprudeln jetzt auch in der Tiefe zwischen den Pflanzen, je eine pro 10 Gallonen, und obenauf schwimmen die vergifteten Futterbrocken. Es herrscht nun also Krieg zwischen mir und dem Wurm. Mal sehen, wer gewinnt.

Thursday, March 15th, 2007

Fenbendazol

Wenn ich vor dem Becken kniee, dann reicht die wässrige Front mir bis über den Kopf, und aus dieser Nähe ist dann die ganze Welt aus Wasser, genau wie für die Fische, die drin wohnen müssen, ja auch. Man kann aus dieser Perspektive sehr genau sehen, was die einzelnen Tiere so machen, schwimmen nämlich (alle), den Boden durchwühlen (Hunde), die Pflanzen abschlecken (Ottos), kacken (Schwerttträger), beziehungsweise eben Arschlametta spazierenführen (Cichlidin). Und einerseits soll man ja dem Tier nicht vorschreiben wollen, wie es seinen Tag zubringen soll in seiner kleinen Kunstwelt, sonst hat man eh man sichs versieht einen Zirkus im Wohnzimmer und kein Aquarium mehr, und von da ist es nicht weit bis zu roten Nasen, grossen Schuhe und dem Ende der Zivilisation. Andererseits aber kann man ja nun auch nicht tatenlos zusehen, wie im eigenen Wohnzimmer Parasiten umhergetragen werden, die dann auch noch, wenn ich vor dem Becken kniee, sehe ich das ja sehr deutlich, hin und wieder die spitzen, roten Köpfe weit aus dem Rektum recken und vielleicht ein kleines Liedchen pfeifen, die wurmigen Säue. Nein, das kann man gar nicht, es sieht auch nicht gut aus. Das Gewürm muss weg.
Die Schreckensgeschichten aus dem Online empfehlen das Entwurmungsmittel Fenbendazol, alles andere, sagen sie, hilft nicht. Rumtelefoniererei ergibt, dass Fenbendazol vielleicht helfen mag, aber von niemandem geführt wird. Nur PetSmart, am anderen Ende der Welt, hat Tütchen davon rumliegen, zur Hundeentwurmung, steht auf der Packung, und damit sind, man kann es an den Abbildungen sehen, keine dicken, tappsigen Fische gemeint, sondern so richtige Hunde mit so Fell und so.
Die Dosierung ist also völlig unklar – pro zehn Pfund Hund soll man ein Tütchen nehmen, steht auf der Packung, aber ich kann ja die Fischin nicht wiegen, und ausserdem ist sie gar kein Hund, sondern eine Fischin –, und ebenso unklar ist, wie ich dieses Pulvergift in die Fischin kriegen soll. Jedenfalls ist ja der eine Einfüllstutzen mit Wurm verstopft, und das Gift muss also vorne hinein. Als ersten Versuch lege ich Blutwürmer über Nacht in eine Pulverlösung ein und kippe das Ensemble am Morgen komplett ins Wasser. Den Tag über sorge ich mich wegen einer möglichen Überdosierung, und erwarte halb, alle Fische tot an der Oberfläche vorzufinden. Das würde mir eine Lehre gewesen sein, aber wieder einmal lerne ich nichts dazu, denn stattdessen hat sich einfach gar nichts geändert. Den Fischen geht es gut. Den Würmern auch.
Mit dem zweiten Tütchen wiederhole ich das nutzlose Experiment, schon kaum noch hoffnungsfroh, und wirklich hilft auch die zweite und grössere Ladung Blutwürmer, diesmal in doppelter Pulverkonzentration gebadet, rein gar nicht. Und auch Flocken, in Fenbendazol gebadet, sind dem Wurm ein Gelächter und ein Klacks. Ein taffer Wurm, das muss der Neid dem blutsaugenden Gelichter lassen.
Noch schwimmen sie nun alle munter durch die Gegend, frohlockende Fische. Aber wenn in vier Wochen dann rote Köpfe aus allen Ärschen spähen, wird es meine Schuld gewesen sein. Und das kann ja nun niemand wollen.

Friday, March 9th, 2007

Das Brettchen

Na gut, es ist versprochen, und versprochen ist ja versprochen, und also muss ich nun erklären, was das für ein Brettchen ist, auf dem die toten Fische jetzt trocknen. Fünf sind es nun schon, aber das ist sicher nicht das Ende der Trauerfahnenstange, dafür wird Camillanus schon sorgen, oder irgendein anderer verpilztes Mistwurmvirusbakteriumsmonster.
Das Brettchen also.
Wer schon mal renoviert hat, oder das Zimmer aufgeräumt, oder im Kühlschrank einen sehr alten Käse vorgefunden, der weiss, dass nicht immer alles im Leben ohne Mäander und Verwicklungen vor sich geht und manchmal ein Durcheinander entstehen kann. Genaugenommen ist es sogar so, dass nichts ohne Mäander und Verwicklungen vor sich geht und überall erhebliches Durcheinander herrscht. Ein beinahe endloses Mäandern und Verwickeln könnte man das Leben nennen, und ein enormes Durcheinander, wenn das nicht so umständlich und verwickelt wäre. „Leben“ ist kürzer.
Ständig findet man in diesem Leben Fragmente alter Dinge, nicht Fertiggestelltes, abgelegte Möglichkeiten, verlorene Hoffnungen. Man findet sie an den unmöglichsten Orten, und nie wenn man sie erwartet. Umgekehrt verlaufen Pläne, die man sich aus Ideen mühsam zusammenschmiedet hat, in den seltensten Fällen so aus, wie man sich das mal vorgestellt hat. Rube Goldbergs Maschinen, die einfache Vorgänge auf unerhört komplexe Weise erledigen, sind eine hübsche Metapher, aber grottenfalsch, weil nämlich so eine Goldberg-Maschine in Wirklichkeit niemals funktionieren würde. Irgendwas würde sich verklemmen, irgendwas abbrechen, und Zack, liegt wieder so ein Fragment im Kühlschrank, oder im Sockenhängeregister von Ikea, und wartet darauf, dass man es irgendwann entdeckt und sich an die kaputte Maschine erinnert, und seufzt.
Das war jetzt ein wenig viel Mäandern und Verwickeln für das eigentlich ganz kurz hinzuschreibende Eingeständnis, dass der hübsche und beinahe perfekt zugeschnitte Acrylglasdeckel nicht der erste Versuch war, das Aquarium obenrum zu verbessern. Denn zwar hätte man die Leuchteinheit zuerst einfach so quer übers Becken legen können, aber sie ist nur ziemlich genau einen Zentimeter länger als das Becken selbst, und würde also womöglich reinfallen, wenn man dagegenatmet zum Beispiel. Also sägte ich aus einem Bruchstück Sperrholz, das als Fragment von etwas Vergessenem im Werkzeugkarton gewohnt hatte und nun sterben musste, zwei schmale Brettchen aus, die dann quer zur Lichtrichtung überm Becken lagen, den Enden nahe, und so die Lampe stützten und sazusagen Festland simulierten.
Nun ist es wahr, dass der Acryl-Deckel zugeschnitten wurde, um den Fischen das Springen unmöglich zu machen. Es ist aber auch wahr, dass die naheliegende Befürchtung, eine lose auf zwei kleinen Brettchen liegende und durchaus ans Stromnetz angeschlossene Lampe werde dann eben schon mal von diesen Brettchen rutschen und ins Becken purzeln, nicht deshalb naheliegt, weil der Mensch zum Unken neigt – was er tut –, sondern, weil sowas tatsächlich passieren könnte. Oder kann. Oder vielleicht sogar passiert ist. Wenn, dann aber mit der nichtstromführenden Seite voran, was natürlich für alle Beteiligten ganz ungefährlich war und sogar im Grunde eher lustig als beängstigend. Und das Licht ging auch nur ganz kurz ein kleines bisschen aus. Sowas kann jetzt mit dem Acrylglasdeckel natürlich fast gar nicht mehr passieren.
Das Brettchen jedenfalls wohnt jetzt im Bücherregal und sammelt tote Fische. Auch ein Hobby.

Wednesday, March 7th, 2007

Camillanus

Während nun die frisch gestorbenen Fische trocknen, auf dem kleinen Brettchen im Bücherregal – seine Geschichte erzähle ich später – ist die Gelegenheit günstig für ein wenig Reflektion. In der letzten Folge ging ich leichthin drüber hinweg, aber zuletzt ist es doch beunruhigend, dass die Empathie für die kleinen Flitzer so sehr abgenommen haben soll.
Zwar war natürlich andererseits das Heulen und Wehklagen über eines Fisches Tod, während vielleicht im Hintergrund grade ein Rindersteak in der Pfanne schmurgelt, auch weder angemessen noch würdevoll, aber die fast schon gleichgültige Akzeptanz der Sterberei kann als anderes Extrem nun auch wieder nicht gutgeheissen werden. Verroht die Aquaristik ihre Betreiber?
Verwunderlich wärs nicht, denn zuletzt ist die Mischung aus Allmachtsphantasie des Schöpfungsverwalters Mensch, die ja in jedem Haustier von neuem sich ihrer Relevanz versichert, und fühllosem Wesen der Natur, die in diesen Becken auch nichts anderes tut als was sie draussen vor den Fenstern rund um die Uhr praktiziert, ja durchaus eine tragische. Denn so sehr die Einrichtung, Bepflanzung, Befischung und Bewunderung eines Aquariums das Gefühl vermitteln mag, man habe nun Schnitter Tod und Schubser Krankheit ein Schnippchen geschlagen, und qua Zivilisationsprozess den Ausgang aus dem langen, feuchten Tunnel Evolution gefunden, so kurzsichtig sind dergleichen Vorstellungen andererseits. Man kann sich noch so viele Fläschchen und Pulver unter den Tisch schieben, in einem eckigen Weidenkorb, am Ende wird doch der Löffel abgegeben und krepiert, und dann trocknet man auf dem Brettchen, seine Geschichte kennt ihr ja schon. Oder beziehungsweise eben noch nicht.
Und obwohl also am Ende der Tod lauert, stimmt natürlich auch, dass zwischen dem Schlüpfen und dem Krepieren ein ganzes Fischleben liegt. Mir wäre Rumschwimmen und Sachen Fressen zu wenig auf Dauer, aber den Fischen ist es offenbar genug, sie kennen nichts anderes, und wenn auch am Ende dieses verflixte Brettchen wartet, muss man den Tieren die Zeit bis dahin so gut wie möglich einrichten.
Und also Ursachenforschung betreiben. Es begab sich nämlich, dass schon zu der Zeit als die Prachtbarsche noch ganz nagelneu waren, mir sonderbare rote Dornen oder Fussel auffielen, die aus dem Barscharsch ragten und sich gelegentlich, wie von eigenem Leben erfüllt, bewegten. Das Internet wusste dazu nichts, weder, ob Prachtbarsche über Arschlametta verfügen, noch wusste es von Parasiten, die hinten raus gucken, und ich liess die Fussel auf sich beruhen.
Nun, um einen toten Fisch reicher, trage ich die Lamettabeobachtung erst zu den Fischhändlern, die sich zu einer munteren Dreiergruppe voll Kompetenz und Wissen zusammenrotten, und dann gemeinsam den Tanz der Ratlosigkeit tanzen, und dann zurück ins Internetz, in dem doch angeblich alles drinstehen soll. Und als habe der Tod des Tiers das vermaledeite Netz gefügig gemacht, gibt es die geforderte Information nun tatsächlich doch noch her. Camillanus heissen die Würmer perverserweise, sie fürchten sich vor Fenbendazol und fressen die Fische von innen her auf. Und das Prachtbarschmädchen trägt sie mit sich herum.
Hört das denn nie auf?

Wednesday, March 7th, 2007

Negative Bilanz

Aber alles Gute, Schöne, Wahre, so strahlend und funkelnd es auch ins Haus geliefert wird, und so proper es dann auch auf der Fensterbank steht, oder neben dem Kühlschrank, bringt immer auch die Drohung seines eigenen Unterganges mit, und ein eingebautes Verfallsdatum, eingedruckt am Deckelrand oder dem Becherboden. Man muss nicht an Metaphysik oder Vorbestimmtheit glauben, um zu sehen, dass alles, was entsteht, auch wieder zugrundegehen wird, ganz egal, wie wert es uns während seiner allzu kurzen Existenz geworden ist.
Natürlich hilft dieses abstrakte Wissen im Einzelfall einen Dreck, aber man kann sich wenigstens nicht darauf herausreden, von dergleichen nichts gewusst zu haben, als man in böser Vorahnung am Schloss zupfte, weil der Cichlidenmann nicht herauskommen wollte und so aus der Verantwortung stehlen, oder das geprellte Opfer geben. Die Anschaffung von Fischen, soviel ist klar, beinhaltet nicht nur eine bunte Schau und fröhliches Geschwimme, sondern auch deren körperliches Ende, die Entsorgung des Leichnams eines Liebgewonnenen Freundes, ach, nein, das ist nun interessanterweise auch wieder Quatsch.
Denn wo noch vor Monaten jeder tote Fische als kleines, trauriges Wölkchen ins Seelenbecken umsiedelte, ist der dann wie erwartet tatsächlich tot im Schlossinneren driftende Prachtbarsch zwar ein Anlass zur Melancholie, aber tiefe Anteilnahme will sich nicht recht einstellen. Um die anderen Fische nur besorgt sehe ich mich um, durchstöbere im Sturm alle Winkel und Pflanzen, und finde dann leider tatsächlich noch einen weiteren toten Fisch vor, eine Barbe.
Der Rest der Belegschaft erfreut sich bester Gesundheit, und wo die Seele, kalt und grau geworden, sich um die verendeten Hausgenossen nicht mehr Sorgen mag, übernimmt der Verstand die Regie und bemüht sich um einen Kurzfilm über das Fischsterben. Denn, so sagt sich der Verstand, wenn wir nur begreifen und komplett durchleuchten, wie es dazu kommen konnte, dann können wir kommende Generation vor dem Schlimmsten bewahren. Ein derartiger Idiot nämlich ist der Verstand.
Die Barbe, das ist immerhin schnell ermittelt, ist eine aus der ursprünglichen Besatzung, und also ein Augustusopfer. Mit angegriffenen Flossen und eingefallenen Flanken sah der Fisch seit Tagen schon mehr tot als lebendig aus. Hier also ist nichts weiter zu befürchten, individuelle Siechheit ist nämlich nicht ansteckend, zumindest stelle ich mir das so vor.
Der Purpurprachtbarsch andererseits erfreute sich bester Gesundheit, ein Purpurprachtkerl von einem Fisch war das, und nun, weh, ist er tot. Weshalb aber? Ein furchtbarer Verdacht schlüpft aus winzigen Eiern und nistet sich ein; aber ich greife vor, und das soll man nicht.
Wo wir aber grade von Eiern reden: einige der Pflanzen hatten wohl wirklich Eier draufgepappt, denn wie aristotelisch aus dem Urschlamm herausgezeugt krabbelt nun zielstrebig ein winziger und noch ganz neuer Schneck übers Gemüse hin, ein Hoffnungsschimmer, ein Zukunftsfunke. Oder was.

Monday, March 5th, 2007

Deckelbau und Viehzucht

Die meiste Zeit des Tages, und vermutlich auch die halbe Nacht, sind die Schwertträger damit beschäftigt, grünen Schmadder von Pflanzen, Scheiben und Fischen zu zupfen, im Schwertträgerinneren atomar zu verdichten, und sodann als Weltbaustoff und Grundsubstrat allen Seins wieder auszupressen. Man möchte eine Werbekampagne unter Wasser schalten, auf der dann ein grünbewölkter Erdball zu sehen wäre, mit der Bildunterschrift „Hoffentlich ist es Schwertträgerscheisse“, dieser selben Welt zur Mahnung und Warnung, käme eine solche Kampagne nicht andererseits gründlich zu spät. Hochgerechnet auf die Grösse der Welt lässt nämlich die Beobachtung der Kackwurstzahl aus nur drei winzigen Schwertträgerhintern kaum Spielraum für Alternativtheorien. Das Periodensystem wird umgearbeitet und schwer vereinfacht werden müssen, das einzig verbleibende Rätsel dieser Elementwissenschaft der Zukunft wird sein, woraus denn eigentlich die Sonne gemacht ist. Aber vermutlich leben da oben halt auch Schwertträger und kacken Licht.
Hin und wieder nehmen die Fische aber eine Auszeit vom Dauerkack, und dann stehen sie schräg im Strömungstrichter, obwohl gar keine Tubifexschleuder installiert ist, wedeln ein bisschen mit den Schwänzen und schwimmen offenbar in Gedanken stromaufwärts. Gegen den Strom schwimmen, sagt das Internet, ist eine Lieblingsbeschäftigung des Schwertträgers, gegen den ewigen Strom des Nichts setzt er daher zum Beispiel einen Strom grüner Würstchen. Und hin und wieder, das sagt das Internet auch, springt der Schwertträger aus dem einen Fluss, um dann in einen anderen zurückzufallen (Heraklit), oder beziehungsweise auf den Wohnzimmerteppich, in unserem Fall. Das kommt natürlich nicht in Frage, und es muss also ein Deckel auf den Fischtopf, ehe ein Unglück geschieht.
Der Fisch-Fascho führt, wie sich herausstellt, keine Deckel, und beim Mundgeruchmann soll ein Deckel mit eingebautem Licht doppelt soviel kosten, wie „Jason“ fürs Becken selbst verlangt hatte. Das ist ja nun Quatsch, Herrschaften.
Stattdessen lasse ich vom Chinesen ein Stück Acrylglas zuschneiden, säge mit meinen eigenen Sägehänden zwei Öffnungen für Futter und Filter hinein, ein Klappdeckel wird elegant mit Duck-Tape in einer der Öffnungen festgeklebt, fertig.
Duct-Tape, so die populäre Mär, eignet sich für beinahe alle Verrichtungen des täglichen Lebens, und für beinahe alle denkbaren Reparaturfälle besser als andere Mittel und Wege. Warzen zum Beispiel gehen mit Duct-Tape besser weg als mit Medikamenten oder nächtlichen Ritualen. Nur zur Reparatur von Leitungsrohren, wovon das Zeug seinen Namen hat, eignet es sich angeblich gar nicht.
Ob die ein wenig billigere Nachbauvariante, die ich aus Versehen vor Jahren gekauft habe, und die ich seitdem wie einen Aukapfel oder etwas anderes sehr kotsbares hüte, sich also zur Reparatur von allem ausser Enten eignet, wer verfügte über die Weisheit, diesem Gedanken hinterher zu gründeln. Aquariendeckel jedenfalls, und darauf kommt es doch an im Leben, sind fürs Entenband kein Problem.
Und die Fische wieder mal gerettet. Das war knapp.

Wednesday, February 28th, 2007

Die Zerbrechlichkeit der Ottos

Seit dem sinnlosen Tod der schwangeren Ottofrau ist das Wasser nicht mehr so fröhlich, sind die Pflanzen nicht mehr so grün, ist der Kies nicht mehr so lehmig wie vorher. Oder vielleicht ist das auch Quatsch und findet nur in meinem Kopf statt, jedenfalls aber herrscht ein Missstand und will behoben sein. Auf also zum Fisch-Faschisten. Der mir auch willig zwei Ottos aus dem Wasser klaubt, unter hingeschnaubtem „four bucks a piece“, das soll wohl heissen, dass er es ein bisschen unter seine Würde findet, für Kleingeld sich die Hände nass zu machen. Aber deswegen ist er ja auch Faschist und ich nur Kunde.
Zuhause werden die beiden Ottos dann wie schon gewohnt im Wasser festgeschraubt, springen auch sofort munter durch die Fluten und nagen am Grünzeug. Hin und wieder guckt der Cichlide mit dicken Lippen aus dem Schloss, der Schwertträgermann jagt die Schwertträgerfrauen, die Barben kegeln durcheinander, die Hunde stecken die Schnauzen überall rein, es herrschen also im Ganzen eitel Harmonie und tierische Triebhaftigkeit zugleich, und das alles auch noch unter Wasser und fast ganz ohne Luft.
Fast, weil die mittlerweile zügig anwachsenden Pflanzgebirge jetzt die Photosynthese entdeckt haben, und sich mit ihrer Hilfe sehr nützlich machen. Aus deren Blättern quillt an der Unterseite nämlich aus unsichtbaren Mikrofeinporen eine silbrig schimmernde Substanz in Bläschenform, die nach dem Aufsteigen aus dem Becken von Luft gar nicht mehr zu unterscheiden ist. Diese neuerschlossene Sauerstoffquelle wird die Lebensqualität in nie gekannte Höhen treiben, sowohl innerhalb des Lebensraums Wasserwürfel als auch sicherlich ausserhalb in unserem Wohnzimmer, dem Lebensraum Luftwürfel also. Vielleicht verbrennt das Teelicht, das zur Abendstunde flackernd die Stube erhellt, auch ein Quantum Pflanzenpups und fügt sich also nahtlos in unser Kleinsttadtbiotop ein. Atmen vielleicht auch die Ratten Pflanzenabfall in ihren kleinen Rattennasen? Ein schönes Gedankengebäude.
In das nun aber auch schon wieder der Tod Einzug hält. Einer der neuen Ottofische hat den Umzug nicht überstanden und dümpelt am anderen Morgen demonstrativ verstorben im Gewässer. Dem anderen gehts aber soweit gut, keine Sorge, und der eine da, der schläft auch bloss, ja, lass mal, der schläft nur. Komm, Leser, wir decken ihn schön warm zu. Mit Schweigen.

Tuesday, February 27th, 2007

Die Tubifex-Schleuder

Wenn man sich verantwortlich fühlt für irgendwen oder irgendwas, oder in Zuneigung zugewandt, dann äussert sich das unter anderem darin dass man Gegenstände, denen man während der täglichen Verrichtungen so begegnet, andauernd darauf ableuchtet, ob sie dem Schutzbefohlenen wohl gut zu Gesicht stünden, oder schmeckten, oder ob sie sich in dessen Sammlung kurioser Kleinigkeiten wohl gut ausnähmen.
Nun fragt man sich natürlich auch als Aquarienbesitzer nicht dauernd, ob was man grade jeweils so sieht wohl den Fischen schmecken würde. Bei vielen Dingen des täglichen Gebrauchs hätte diese Frage ja auch gar keinen Sinn. Barben fressen keine Autobusse, Hundefische mögen keine Katzen, und Katzen kein Wasser, Katzen verfüttern geht also sogar doppelt nicht.
Wenn man aber vor dem Tierfutterregal steht ist diese Einschränkung aufgehoben und fällt weg, und man kann sich ungehemmt paradiesischen Fütterfantasien hingeben. Farbverstärkerflocken! Sinkende Pellets! Algenoblaten! Mehlwurmmadenpulver! Es ist ein Büffet der Schlemmerei und der sündhaften Sinneslust, verpackt leider in intensivfarbige Plastikdosen, aber immerhin.
Diesmal greife ich, von der wilden Barbe gebissen, oder jedenfalls durchs an die in einem Aquarium lebende Barbe Denken beeinflusst, zu einer hochaufragenden durchsichtigen Plastikdose voller Würfel, die zwar trügerisch fast genauso aussehen wie Rohrzuckerwürfel, bei denen es sich aber sozusagen im Gegenteil um getrocknete Würmer handelt. Im Gegenteil heisst hier soviel wie dass man diese Würfel lieber nicht in eine schöne Tasse Earl Grey Tee werfen sollte, es sei denn man ist ein distinguierter Fisch. Aber dann rümpft man vermutlich über parfümierten Tee das Nasengewebe.
Ins Aquarium kann man diese Tubifex-Würfel andererseits ganz gut werfen, beziehungsweise, folgt man dem Packungsaufdruck, muss man den Wurmbatzen ja gar nicht werfen, sondern weit unterhalb der Wasseroberfläche an die Scheibe drücken, und da klebt er dann, den Fischen zur Freude. Das klappt auch ein paar Sekunden lang ganz gut, dann gewinnt der in den Würmern enthaltene Auftrieb Oberwasser und der Würfel steigt. Ein lustiger Kniff der Strömungsverhältnisse zwingt jetzt den vom Fischmob eifrig verfolgten Wurmklumpen in einen sozusagen stationären Orbit, ein Wurmloch im Strömungsgefüge. Direkt neben der Stelle, an der das gefilterte Wasser in einer Kaskade zurück ins Becken platscht wird von diesem abwärtsführenden Sog ein Strömungstrichter erzeugt, dessen vertikale Komponente vom Wurmauftrieb kompensiert wird. Die unterschiedlichen Strömungsgeschwindigkeiten auf der dem Filterwasserfall zu- und abgewandten Trichterseiten sorgen für eine Rotationskomponente, und also purzelt nun ein Batzen Würmer wie ein kleiner Planetoid im Wasser, ein stationärer Trojaner, der beim Zerfallen kleine Wurmraketen entlang der Strömungslinien verschiesst, ein Feuerwerk für Fische. Mei is des schee.