Search

Engine



Sunday, December 24th, 2006

Flachwurm

Man muss hier anmerken, dass Blutwürmer von Haus aus gar keine Würmer sind, sondern Insektenlarven, und dass also die tiefroten, durchaus wurmartig aussehenden Wrackstücke, die bisweilen nach der Zubereitung des Fischabendmahls wegen Zerspritzung des Wurmeises sich in der Küche finden mögen, mitnichten „ekelhafte, scheussliche Würmer“ sind, sondern eben harmlose Larven. Nicht, dass je jemand dergleichen Worte gebraucht hätte, es soll dem Leser nur zur Vorsicht und Erbauung mitgegeben sein.
Andererseits nämlich sieht es im Becken wieder einmal düster aus. Man erinnert sich vielleicht noch meiner berechtigten Empörung, der Kackwürste wegen, die durch den Absaugstutzen aus dem Aquarium taperten. Diese Kackwürste schienen sich zu bewegen, die Enden zeigten eindeutige Zuckspuren, mal hier, mal dahin ruckten sie. Aber bei einem Würstchen, dass nur Millimeter lang und Bruchteile eines Millimeters dick ist, will man nicht gleich zu Schlussfolgerungen kommen und lässt sich einlullen. Die Strömung sei es, legte ich mir zurecht, oder vielmehr ein Strömungsdifferential, ein Druckunterschied, der sich in einem Fliessgeschwindigkeitsgradienten manifestierte, keine Quellen oder Senken können ja innen in so einem Aquarium existieren, von rechts wegen, aber doch komplexe Verwirbelungen mögen vorkommen und also am Kackwürstchen zerren und es sozusagen animieren.
Es war aber alles ein Holzweg, denn die Kackwürstchen sind wahrhaftig am Leben. Es handelt sich bei ihnen vermutlich um eine Art Flachwürmer, und jetzt, da das Tabu gebrochen und die Hinguckscheu gefallen ist, finden sich plötzlich hunderte und hunderte dieser Geschöpfe im Kies. Sie krabbeln herum, werden manchmal von den tatsächlich ja existierenden Strömungen durch die Gegend gezogen und benehmen sich auch sonst, als gehöre ihnen das Becken, und nicht den Fischen – dass ich selber längst nicht mehr der Eigentümer der 40 Liter Raumvolumen auf diesem Müll namens Tisch bin, ist ja unumstritten.
Den Tränen nahe über diese neue Entwicklung laufe ich, wohin sonst, zum Schizo, der mit mahnend erhobener Klaue doziert, Wurmbefall weise üblicherweise auf Überfütterung hin, Fische nämlich hätten ein Verdau-, aber kein Fresslimit, und die Differenz aus Frass und Verdau komme dann eben als Wurmfutter hinten unten aus dem Fisch gefallen und werde Wurm. Also doch Kackwürste, so gesehen.
Ich beginne umgehend eine rigorose Kiesbesaugung, jeden Tag werde ich jetzt ein Fünftel des Wassers und die angefallenen Rohstoffe abziehen, bis der wimmelnden Wurmschar Einhalt geboten ist. Staunend sehe ich da das zappelnde Gewürm im Dutzendpack aufsteigen durch den Absaugschlauch, im Hunderterpack, eine schier endlose Wurmpackparade.
Was es alles gibt.

Friday, December 22nd, 2006

Blutwurm

Immerhin ein Gutes hatte die Mordeskapade, der böse Ausflug ins Killertal der Tränen, denn nun habe ich es quasi verbrieft und besiegelt, dass der Fischbrut nach anderer Nahrung dürstet. Oder hungert. Flocken, wiewohl ja in deren irreführend papierner Trockenheit auch Schrimpe und Fische verarbeitet schlafend liegen, sind dem Pack nicht mehr gut genug.
Und was tut der verantwortungsvolle Fischeigner, wenn dem Pack das Bedürfnis keimt? Er geht zum Fisch-Fascho. Der sich aber wiederum feig in seinen Katakomben verbirgt und den Rastaneger voranschickt, mich abzufertigen. Vielleicht ist ihm doch noch ein schlechtes Gewissen gewachsen, der Geisterschrimpe wegen, und er brächte es nicht übers Herz, mir unverwandt ins Auge zu blicken.
Und kaum habe ich nun meine Frage nach Zufutter ausgesprochen, schon geht der Rastamann zum Kühlschrankgebirge, hackt es flinken Fingers auf, und zieht eine Blisterpackung voll roter Würfel raus. Blutwürmer, sagt er, seien das, besser als die Tubifexe, die mir mein schizophrener Freund empfohlen habe, wer das überhaupt sei, und warum ich ihm nach all den Enttäuschungen noch traue. Dies letzte freilich ist eine Bemerkung, die sich nur in meinem Kopf entfaltet und hier auf dem Papier, nicht aber im Fischfascholaden selber.
Misstrauisch beäuge ich die nach Hause verbrachten Blutwürfel dann. einen Zentimeter lang sind sie wohl, zweidrittel breit und hoch, und also immerhin vier neuntel Kubick. Ein ganzer Würfel scheint mir ein bisschen viel Blut für sieben kleine Fische, Blutdurst hin oder her, und ich nehme also das Gemüsemesser zur Hand und schneide den eisigen, dunkelroten Würfel rasch in zwei Stücke, als C. nicht hinsieht. Blutwurmflecken bilden sich auf der Unterlage, hier muss am Verfahren noch optimiert werden.
Den gewonnenen Halbwürfel Blutwurm gebe ich sodann, einem aus dem Stand herbeiimprovisierten Kochrezept folgend, in einen Eierbecher, träufle aus dem Wasserhahn etwas laue Brühe drauf, halt, zu schnell, also öffne ich den Hahn im Wahn noch weiter, und betrachte staunend, wie der nun erstarkte Strahl den Blutwürfel über die Arbeitsfläche katapultiert. Oho.
Zum Glück ist der Wurmsalat ja weitgehend eisig gefroren und also rasch fast vollzählig wieder eingesammelt, der Eierbecher noch wasservoll steht schon bereit, und nach kurzer Auftauphase kann die Wurmware, wumm, ins Becken gekippt werden, wo die Welse dann durcheinanderwuseln, des Gewimmels habhaft zu werden.
Eine Erfolgsstory des Fischbekochens, zweifellos. Die verstreuten Würmer in der Küche aber fängt das Küchenpapier, zweilagig gesteppt. Alles tiptop.

Thursday, December 21st, 2006

Handgekärchert

Nach diesem Völkermord ist nun natürlich Schluss mit Appeasement, falls dieser abermalige und nun aber durch die Geschehnisse vollständig gerechtfertigte martialische Vergleich historisch gestattet sein sollte. Zwar machen Umfang und Vehemenz des stattgefundenen Massakers eine heftig brennende Sorge um meine eigene Unversehrtheit praktisch unvermeidlich, da ich doch meine verschiedenen Körperteile dauernd ohne jede Schutzkleidung in die feindliche Umwelt entsende. Aber andererseits will ich mich ja nicht von sieben kleinen Fischen einschüchtern und in die Schranken weisen lassen.
Unter Feuerschutz also dringe ich jetzt ins Wasser vor – oder ehrlich gesagt ist mehr das Wasser selbst ein Feuerschutz, beziehungsweise ein Schutz vor Feuer, ein Wortspiel also eher als eine minutiös taktisch ausgebuffte Kampfoperation –, reisse das Schloss aus dem Fundament und führe es himmelwärts. Mögen sie religiöse Mythen formen, die Insekten, und ihre keimende Zivilisation somit auf einen Irrweg führen, mir ist schon alles ganz egal. Ich kann nicht zugleich den sich abzeichnenden Bürgerkrieg im Zaum halten und die bedrohte Rationalität der Kombatanten zu schützen versuchen. Lieber lebende Fische, die an die Himmelfahrt des Plastikschlosses glauben, als tote Fische mit Kenntnis der Hydrodynamik und Abonnement der wasserfesten Ausgabe des Sceptical Inquirer. Werweiss ging es dem echten Gott mit uns seinerzeit ganz genauso, und die Existenz der menschlichen Religionen wäre demnach nur ein Beleg göttlicher Überforderung.
Dem Schloss rücke ich sodann mit Finger und Küchenpapier zu Leibe, rubble die schmierige Algenschicht runter, die im Glühlicht der Küchenlampe plötzlich nicht mehr modisch braungrün, sondern faulschwarz aussieht. Meine Hand ein klärender Kärcherstrahl vor diesem Unrat.
Und wo ich grade dabei bin, zücke ich auch noch den Plastikabsauger und ziehe einen Teil des Aquarienwassers und mit ihm den im Kiesgrund angesammelten organischen Müll aus dem Becken. In dicken Wolken steigen verwesende Futterbrocken und sich zersetzende und in der Saugströmung sonderbar sich verwickelnde Kackwürste aus dem Kies und verschwinden im Schlauch wie die amerikanische Unterschicht im UFO. Kackwürste! In unserem Wohnzimmer! Es ist unerhört.
Kurz erwäge ich, von der Brutalität seiner Bewohner und der Widerwärtigkeit der organischen Vorgänge auf Schlossoberfläche und im Kies desillusioniert und innerlich verhärmt, die Neutronenbombe auf das ganze verderbte Sodom zu werfen und einen Schlussstrich zu ziehen. Ein neuer Urknall, vielleicht, würde das Unrecht richten.
Aber schon tummeln die Sieben sich wieder an der Frontscheibe und beobachten aufmerksam und fast schon wohlwollend mein Tun. Sie hoffen wohl auf neue Krabbenopfer und huldigen mir deshalb, und erweichen mich wie einen Stein.
Statt der Bombe werfe ich also das blankgewischte Schloss wieder in die Fluten, eine beinahe weisse Anklageschrift immerhin, die die Fische auch sofort ausgiebig studieren und sich schuldbewusst zu eigen machen, vor allem Augustus.
Lebt also womöglich doch ein Gerechter unter ihnen?

Wednesday, December 20th, 2006

Geisterschrimpe, vol II und Schluss

Und wie sie nämlich „Hallo“ sagen.
Es dauert um die fünf Sekunden, bis das Signal aus dem Barbenauge im Barbenkopf angekommen ist, und in diesen fünf Sekunden weht wie ein ätherischer Hauch noch die Hoffnung einer friedlichen Koexistenz durch die Welt. Die Barbe, friedfertig und klein, gibt noch den gastfreundlichen Hausherrn in diesem nassen Gebäude, und die Schrimpe, jung und unbedarft, sitzen neugierig auf dem weiten Kiesfeld und wissen noch nicht, wie das Leben geht.
Dann sind die fünf Sekunden um, und die Barben gehen, zu siebt und ohne jedes Mitgefühl, gegen die Schrimpe vor. Zuerst denke ich noch, hier herrsche nur das Recht des Zuerstgekommenen und ein eiserner Wille zur Einschüchterung, aber bald schon wird die ganze grause Wahrheit offenbar. Der Schrimp, mein neues Haustier, ist den gierigen Barben nur ein Zufutter aus Eiweiss und Knusperkeks. Erbarmungslos gehetzt und quer durch die Fluten gejagt, geht vor allem den kleinsten Shrimps bald die Kraft zur Neige, und sie finden ihre Beine, ihre Antennen und letztlich ihr kleines Leben aufs Gröbste fortgenommen.
Schrimp und Barben, es lohnt sich wohl, das an dieser Stelle nochmals nachdenklich zu erwähnen, sind ja von ungefähr gleicher Körperlänge, und wiewohl die Barbe vertikal weiter ausgedehnt ist, ist ja ihr Barbenmund vergleichsweise klein. Jedenfalls, und hier staune selbst ich erfahrener und ausgebuffter Barbenbesitzer, solange die Frassmonster nicht ihre Kiefer ausklinken und den Kopf origamiartig zu einem gähnenden Schlund ausfalten, in dem dann auch, man möchte sich ungläubig die Augen reiben, müsste man nicht befürchten, dabei das Drama ganz zu verpassen, ein kompletter Schrimp unaufhaltsam und am Stück verschwindet. Langsam zwar, und während der Fisch harmlos Kreise zieht als geschähe nicht zeitgleich in seinem Mundraum ein schlimmes Verbrechen, aber doch Zug um Zug wird der aus dem Fisch ragende Schrimpbalken in den Fisch hinein gezogen, bis am Ende nur noch die Schwanzflosse rausguckt. Als befände man sich in einem Zeichentrickfilm und nicht vor meinem Aquarium.
Nun auch wird mir klar, weswegen der Fisch-Fascho auf meine zudringlichen Fragen so mürrisch reagiert hat, und weshalb der Schrimp im Aquarienhandel nicht den einem Haustier von rechts wegen zustehenden angemessenen Kaufpreis erzielt. Ein ausgewachsenes Spektakel andererseits, völlig unerwartet und hochdramatisch, selbst ohne die eigentlich zugehörige Grzimek-Tonspur, entfaltet sich hier für einen lumpigen Dollar. Es klage darüber, wer will.
Zwei der Schrimpe überstehen den Abend durch kluges Verbergen der eigenen Person am dunklen Ort, und tun über Nacht dann tatsächlich, was das Internet ihnen nachsagte: etliche winzige Fleckchen am Schloss sind am folgenden Abend kreisrund algenfrei.
Und die Schrimpe natürlich spurlos weg. Natur!

Tuesday, December 19th, 2006

Geisterschrimpe, vol I

Aber natürlich mache ich mir nicht selbst die Finger schmutzig beim Versuch, die Schlossarchitektur zu demokratisieren. Das wäre zweifellos auch gefährlich, denn Barben sind doof genug, die Hand zu beissen, die sie füttert, und Augustus eine reissende, ach, jetzt ist es vielleicht auch genug mit der Dramatisierung der armen Kreatur.
Seien wir ehrlich: es sind sieben winzige, harmlose Geschöpfe, die sich da im Becken tummeln, und ein paar mickrige Pflanzen wachsen dazu zögerlich im Kies heran. Nichts davon muss Angst erregen, nichts davon rechtfertigt die Kampf- und Kriegsmetaphern, die ich hier grosszügig streue wie eine Splittergra…, nein, wirklich jetzt, Schluss mit der Martialisierung des Idylls.
Der schizophrene Irre, daran erinnere ich mich gut, schrieb, dass ein williger und gutmütiger Algenvernichter im Ghost Shrimp gefunden sei, einem winzigen, fast durchsichtigen Krustentier, das in nächtger Müh, müde nie, unerwünschtes Wachstum einsammelt und in harmlosen Krabbenkot verwandelt.
Und so steht also nun ein weiterer Besuch beim Fisch-Fascho an. Niemand ist zu sehen, als ich das tropfsteinhöhlenartig sich ausdehnende Beckenlabyrinth betrete, ich finde ihn dann aber doch, vor irgendwelchen Bizarrofischen stehend und in unaussprechliche Tätigkeiten verwickelt. Wieviel, so frage ich schnell, denn wohl so ein Ghost Shrimp mich kosten wollte, und spanne klug die Bauchmuskeln an, um den sicherlich heftigen Anschlag auf meine Finanzen gleich besser wegstecken zu können.
Einen Dollar, sagt der Fisch-Fascho, müsse man dafür schon hinblättern und investieren, pro fünf Schrimpe. Und dreht sich von mir weg. Scherzt der Mann mit mir? Grausames Spiel!
Wieviele er denn dann zur Anschaffung empfehle, ein Aquarium von zehn Gallonen Fassungsvermögen nenne ich mein eigen, sieben Barben hausten aber schon drin, unterrichte ich ihn. Er dreht sich nicht mal mehr um, aber seine Stimme prallt an der Glasfront der Aquarien ab und erreicht mich so, trotzdem ich hinter ihm stehe, gut hörbar. Fünf, sagt er, gehen schon klar. Es ist ihm aber in Wahrheit, das merke ich schlau, ganz egal. Enttäuschendes Verhalten, Fisch-Fascho.
Beim Rastaneger kaufe ich dann die fünf Schrimpen, trage sie freudig erregt nach Hause, und führe den Akklimatisationstanz auf. Lustig sehen sie aus, wie tierförmige Gelatine mit Augenstielchen, und Träume von ballettanzenden Wirbellosen lachen in meinem Kopf. Dann ist der schöne Moment gekommen, ich nehme das Netz zur Hand, und Barbe und Schrimp begegnen einander zu ersten Mal.
Sagt „Hallo“, Barben.

Monday, December 18th, 2006

Hungerstreik

Ich muss nun zugeben, in der sozialen Frage nicht vollständig auf dem Laufenden zu sein. Viele interessante und wichtige Dinge gibt es in der heutigen komplexen Welt, und wer über die aktuellen Videoangebote sich zum Obst machender Jugendlicher und wegen Kaubonbons explodierender Flaschen mit Diätlimonade unterrichtet zu sein wünscht, kann nicht auch noch die Klassiker sozio-ökonomischer Analyse studieren, das wäre zu viel verlangt und muss auch dem hartleibigsten Revolutionär einleuchten und ihn gefügig machen.
Selbst nach dieser Vorrede allerdings muss ich die fast völlige und sattelfesteste Sicherheit zu Protokoll geben, mit der ich über das Vorkommen von Hungerstreiks unter der herrschenden Klasse unterrichtet zu sein vorgebe. Solche Streiks, so weiss ich nämlich messerscharf, gibt es rein gar keine, es ist der Hungerstreik nun einmal definitiv kein Herrschaftsinstrument sondern die letzte Zuflucht der Machtfernen. Nämlich ist es vielmehr umgekehrt ja so, dass wenn die Armen kein Brot essen wollen, aber die Reichen keinen Kuchen haben, dann Versorgungsengpässe entstehen und die folgende Mehlknappheit, nein, vom Bäckerwesen verstehe ich ja gleichfalls nichts und breche diesen Gedanken hier ab.
Was also, so muss man fragen, nachdem nun die Sinnlosigkeit seines Tuns quasi durch politische Theorie abgesichert und festgestellt ist, reitet den Fisch Augustus, dass er, der doch Inhaber und alleiniger Bewohner des bunten Schlosses ist, seit Tagen schon das Futter verweigert? Oder genauer gesagt, es erst einnimmt und dann sofort angewidert wieder ausspeit?
Möchte er, seiner durch Plastikwände und Endlichkeit der beherrschten Wassermassen eingeschränkten absolutistischen Machtvollkommenheit bewusst, die Errichtung weiterer Satrapenschlösser oder Fischpfalzen erpressen? Die man ja durch eine einfache syntaktische Operation aus einem Fisch und einer Pflanze leicht herstellen könnte – der dumme Augustus würde es zweifellos nicht spannen und wärs vielleicht sogar zufrieden.
Oder wünscht er vielleicht die Vermehrung seiner Untertanenschar um weitere armselige Fischgestalten, um letztendlich ein Fischheer ausheben und in unser Wohnzimmer mit böser Absicht einmarschieren zu können?
Andererseits will vielleicht mit seinem Protest der Fischadlige nur zu verstehen geben, dass der Flockenfrass ihm nicht wie Kuchen, sondern wie Brot vorkomme, oder sogar wie die Abwesenheit von Brot, und also den Speiseplan durch demonstrative Verweigerung umwerfen und revolutionieren.
Aber natürlich erreicht das Tier das reine, kugelrund genaue Gegenteil durch sein Verhalten. Denn jetzt geht es erstmal dem Sinnbild seiner Macht, dem Algenteppich, ans Leder. Gleich morgen.
Na warte, Augustus.

Sunday, December 17th, 2006

Ackerbau

Aber erstmal passiert etwas ganz Unerwartetes, jedenfalls wenn man in geologischen Massstäben rechnet, wie man das ja beim Betrachten von Biotopen und Ökosystemen ganz automatisch muss. Rechnet man nach dem menschlichen Kalender, konnte man es andererseits längst kommen sehen, denn die langen, fussligen Spinnenfinger der Ablegerwurzeln bilden sich ja nicht über Nacht. Der Spinat ist der erste, der sich mopsig macht, an der Spitze jedes einzelnen Blattes haben sich noch kleinere Blätter gebildet, Fraktalspinat möchte man sagen, würde nicht auch unten an den kleinen, neuen Blättern dran sich zusätzlich der erwähnte Wurzelstock gebildet haben, der das ganze aus dem Reich der mathematischen Visualisierung in die finstere Grube der Perversion rückt oder zerrt. Pflanzen sollen sich nicht selbst wie ein Tumor vermehren, sondern sich schöne Blüten wachsen lassen, mit strotzenden, prangenden Blütenblättern, in die wir geniesserisch unsere Nasen versenken können, um uns an früher zu erinnern, als wir schon Mal so eine Pflanze gerochen haben, damals, im Krieg – bildlich gesprochen. Aber die bereits erwähnte Tatsache, dass Fische keine Nasen in unserem Sinn haben, hätte einen natürlich misstrauisch machen können.
Der Unterwasserspinat also baut keine Blüten, sondern wie Monster aus dem Horrorfilm kleine Kopien von sich selber, die er dann aussendet, damit sie die Welt unterwerfen. Eine Weile sehe ich mir das mit an, man ist ja langmütig, aber dann wird es mir zu dumm und ich zwicke die Klonkrieger vom Mutterschiff ab und verräume sie im nahegelegenen Kiesbett. Das wird ihnen eine Lehre sein. Saubande, grüne.
Als nächstes dann findet sich im Gewächs mit den lanzenförmigen Blättern ein winziges anderes Pflänzchen derselben Art, ohne dass sich erkennen liesse, wo es herkomme. Zwei winzige Blätter am Pflanzenkind sehen Keimblättern zwar verdächtig ähnlich, aber weder Blüte noch Saatgut sind ja in Sicht. Ein Mysterium. Auch dieser Pflanzenwaise wird nun zügig verbracht, um eine eventuelle Zusammenrottung gleich im Keim zu ersticken. Wer weiss, wozu zwei von diesen Dingern mit ihren Lanzen noch in der Lage wären.
Die dritte Pflanzensorte, ein mächtiger Strunk mit Blattauswüchsen dran, zeigt noch keine Anzeichen des Fortpflanzungswillens, arbeitet also sicherlich verdeckt schon an einer Geheimwaffe, mittels derer das Aquarium mit Angst und Schrecken und neuen Strünken überzogen werden wird.
Werden würde, vielmehr. Denn ich bin ja ein knitzer Kniffel und auf der Hut.

Saturday, December 16th, 2006

Schlossbesetzer

Es ist kein Wunder, dass das Schloss, kaum ist es prunkhaft verziert und statussymbolhaft angeschmiert, das Interesse der sozialen Aufsteiger unter der Fischbesatzung auf sich zieht. In einem Plastikbatzen, der derart absolutistisch herrlich und statusaufgeladen prangt und protzt, will natürlich jedes Insekt gerne Hausherr sein, und also herrscht ein reges Reinkommen und wieder Rausgeschmissenwerden auf dem herrschaftlichen Gut.
Besonders ein Barbenrüde tut sich als Hausbesetzer hervor. Man kann ihn am kleinen schwarzen Fleck zwischen seinen Streifen erkennen, einem besonderen Abzeichen wohl, das ihn zum Aufseher über all die anderen Barben macht. Kommt ein Fisch dem Schloss zu nahe, wird er umgehend einmal quer durchs Aquarium gehetzt, dann kehrt der rüde Rüde stracks an seinen Standort in der Schlosslobby zurück und der Spass beginnt von vorn. Ununterbrochen quasi geht der Fisch, der noch nicht einmal der grösste in der Herde ist, gegen jedes Eindringen in sein Schloss mit eiserner Flosse vor. Dass er keine Waffen für sein schlimmes Treiben benutzt, liegt sicherlich nicht an mangelnder Gewaltbereitschaft, das sieht man dem Tier an. Wir taufen ihn deshalb erst Ernst-August, dann, um ihm endgültig eine Lehre zu erteilen und ihn praktisch durch Benennung vom Ding zur verantwortlichen Person zu machen, und so zu zähmen, nennen wir ihn Augustus. Es hilft aber alles nichts, es bleibt der Fisch ein Trubelmacher.
Wer hätte das gedacht, möchte man da sinnend fragen, dass also auch im niederen Tierreich materielle Güter den Charakter so gründlich verderben können, und dass ein bisschen Algenwachstum aus einem friedliebenden, geradezu lieblich freundlichen Fisch eine reissende Bestie macht. Aber man ist natürlich von den ständigen Unterwasser-Schlägereien vollständig abgelenkt und fasziniert und kommt zu gar nichts mehr, schon gar nicht zu sinnendem Fragen oder wohlbedachten Antworten darauf.
Dass alles Fragen und Erklären sich zu Ende drehe, ist eine verbreitete Begleiterscheinung sozialer Unruhen und einer der Gründe, aus denen diese Unruhen manchmal nicht so positiv gesehen werden wie das Wort „Unruhe“ das eigentlich erwarten liesse. Auch hier im Becken ist das so.
Die Algen müssen also weg.

Friday, December 15th, 2006

Nicht saugen!

Fische sind feige Hunde. Das klingt paradox, aber die Fakten sprechen eine deutliche, wenn auch etwas leise, Sprache. Es ist eigentlich gar keine richtige Sprache, genaugenommen. Weil man ja unter Wasser zwar sprechen kann, aber fast gar nicht verstehen, was gesprochen wird, hat die Natur nämlich von der Entwicklung von Unterwassersprachen ursprünglich abgesehen, und sie nur nachträglich bei Delfinen und Walfischen doch noch eingebaut, weil die sich an Land schon ans Plaudern gewöhnt hatten und ihnen im Meer dann langweilig gewesen wäre. Fische hingegen sind stumm wie ein Pantomime mit Schuppen und breitem Fischschwanz, und es macht ihnen nicht mal etwas aus.
Es ist aber trotzdem offensichtlich, dass die Fische Angst haben. Das erkennt man daran, dass sie sich hinter dem Schloss verstecken, in einer engen Gruppe zusammensteckend, und kleine Schilder hochhalten, auf denen „Oh!“ und „Ach!“ steht. Auch pinkeln sie ängstlich und wie in Panik, vielleicht. Man müsste mal nachsehen. Was aber macht den Fischen so arge Angst?
Es sind ich und mein Staubsauger. Und wenn ich ehrlich bin, würde mich ja ein hundert Meter hoher Zylinder (suius! suius! suius!), der durch die Strassen ramentert und Gegenstände mittels eines zehn Meter durchmessenden Schlauches fortstiehlt, auch ein wenig beunruhigen. Zumal, wenn das Ding Lärm machte wie eine Herde Bassbarsche beim Fischkonzert. Ich selbst finde ja schon das normal grosse Staubsaugergeräusch ehrfurchteinflössend und andachtgebietend unangenehm. Wäre ich klein wie eine Barbe, ich hätte wohl selber die Hosen voll jetzt, und habe also Mitleid mit der Angstdemonstration der Mikrokarpfen hinterm Schloss im Becken im Wohnzimmer im Apartmenthaus in Berkeley. In Amerika.
Andererseits ist es aber auch wieder lustig, die vorlauten und beisswütigen Barben auch mal in ihre Schranken gewiesen zu sehen. Man kann ihnen lebende Ratten zeigen, Bilder von Angelhaken und Chemieunfällen, Haifischpostkarten und Harpunen, nichts rührt sie. Aber mit dem Staubsauger kriegt man sie dran. Haha.
Idioten.

Friday, December 15th, 2006

Das bunte Schloss

Zuhause derweil ist alles in Ordnung, rede ich mir ein, während doch in Wahrheit alle verfügbaren Oberflächen im Wasser vor Algen nur so strotzen. Ein gelber Acrylschwamm wurde unterdessen angeschafft, der das Gewächs von der Scheibe kratzen hilft, ohne die Scheibe selber mit abzukratzen. Das gelingt auch wirklich, aber nur dort, wo man mit einem angewinkelten Arm auch hinkommt, und nur unter erheblichem Beckengeschwappe. Ein regelrechter Algenvernichtungstsunami tobt jeden Abend durch die kleine Fischwelt und tobt anschliessend dann auf unserem Teppich noch ein wenig weiter, jedenfalls riecht es bedenklich, wenn man die Nase reinsteckt in dieses Toben, was ich deswegen hübsch bleiben lasse. Bin ja nicht bescheuert.
Stattdessen nehme ich meine Augen und halte sie unverwandt aufs Schloss drauf, denn was der Scheibe zum Nachteil gereicht, steht dem Plastikschloss gut zu Gesicht. Die Fassade ergrünt und erbraunt in schönster Algenpatina. Kämen japanische Fische meine Barben besuchen, sie fertigten beglückt ganze Fotoserien davon an und kauften sich T-Shirts oder Schnappsgläschen, die sie für Saketässchen hielten, bedruckt mit der Schlossansicht, um sie dann zuhause mit den Fotos zu vergleichen. Es ist, mit anderen Worten, ein zuckerschönes Schloss wie von Ludwig selbst in mein Aquarium geschmissen.
Weniger schön ist, dass der umliegende Ackerbau der Schlossverschönerung wegen darniederliegt, weil alle braven Pflanzenmenschen unter der Algenlast ächzen und stöhnen müssen. Gibt es denn keinen Gewinn, ohne dass ein anderer zu leiden hätte, keinen Luxus ohne Armut, kein buntes Plastikschloss ohne welken Javaspinat?
Bis die Frage beantwortet ist, reibe ich eben selber die Pest der Unterdrückung von den Blättern, aber es gelingt mir nur halb, vielleicht weil ich mit den Ausbeutern selbst im Bunde stehe und sie, qua Fischkack, dick und fett mäste. Vielleicht müsste mal eine Revolution angezettelt werden, auch gegen mich, im gebeutelten Becken. Aber woher einen aufgeklärten Fisch nehmen, der die Ketten, die es zu sprengen gälte, auch nur wahrnähme? Ken ist ja nun leider tot und von einem Marxfisch oder Engelsbarsch weit und breit nichts zu sehen.
Vielleicht besser so, es würde ja vermutlich ohnehin nach ein-, zweihundert Jahren das Experiment scheitern und irgendwas Schlimmes im Aquarium geschehen, Totalitarismus zum Beispiel. Und da sei GOtt vor.