Zuhause derweil ist alles in Ordnung, rede ich mir ein, während doch in Wahrheit alle verfügbaren Oberflächen im Wasser vor Algen nur so strotzen. Ein gelber Acrylschwamm wurde unterdessen angeschafft, der das Gewächs von der Scheibe kratzen hilft, ohne die Scheibe selber mit abzukratzen. Das gelingt auch wirklich, aber nur dort, wo man mit einem angewinkelten Arm auch hinkommt, und nur unter erheblichem Beckengeschwappe. Ein regelrechter Algenvernichtungstsunami tobt jeden Abend durch die kleine Fischwelt und tobt anschliessend dann auf unserem Teppich noch ein wenig weiter, jedenfalls riecht es bedenklich, wenn man die Nase reinsteckt in dieses Toben, was ich deswegen hübsch bleiben lasse. Bin ja nicht bescheuert.
Stattdessen nehme ich meine Augen und halte sie unverwandt aufs Schloss drauf, denn was der Scheibe zum Nachteil gereicht, steht dem Plastikschloss gut zu Gesicht. Die Fassade ergrünt und erbraunt in schönster Algenpatina. Kämen japanische Fische meine Barben besuchen, sie fertigten beglückt ganze Fotoserien davon an und kauften sich T-Shirts oder Schnappsgläschen, die sie für Saketässchen hielten, bedruckt mit der Schlossansicht, um sie dann zuhause mit den Fotos zu vergleichen. Es ist, mit anderen Worten, ein zuckerschönes Schloss wie von Ludwig selbst in mein Aquarium geschmissen.
Weniger schön ist, dass der umliegende Ackerbau der Schlossverschönerung wegen darniederliegt, weil alle braven Pflanzenmenschen unter der Algenlast ächzen und stöhnen müssen. Gibt es denn keinen Gewinn, ohne dass ein anderer zu leiden hätte, keinen Luxus ohne Armut, kein buntes Plastikschloss ohne welken Javaspinat?
Bis die Frage beantwortet ist, reibe ich eben selber die Pest der Unterdrückung von den Blättern, aber es gelingt mir nur halb, vielleicht weil ich mit den Ausbeutern selbst im Bunde stehe und sie, qua Fischkack, dick und fett mäste. Vielleicht müsste mal eine Revolution angezettelt werden, auch gegen mich, im gebeutelten Becken. Aber woher einen aufgeklärten Fisch nehmen, der die Ketten, die es zu sprengen gälte, auch nur wahrnähme? Ken ist ja nun leider tot und von einem Marxfisch oder Engelsbarsch weit und breit nichts zu sehen.
Vielleicht besser so, es würde ja vermutlich ohnehin nach ein-, zweihundert Jahren das Experiment scheitern und irgendwas Schlimmes im Aquarium geschehen, Totalitarismus zum Beispiel. Und da sei GOtt vor.
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