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Miniaturen



Wednesday, November 29th, 2006

Das nackte Becken

Nun also eine nukleare Einöde, oder doch jedenfalls das, was man sich Mitte der achtziger Jahre unter einer nuklearen Einöde vorstellte, trist leblose Kiesgründe ohne einen einzigen Fisch drin, leerstehende Häuser, Plastiksteine. Oder nein, vielmehr eine Neutroneneinöde, denn es schneit ja nicht schwarze Flocken im Aquarium, sondern vielmehr ist einfach alles tot, was drin lebte, ausser natürlich den Ichbazillen, den verfluchten Todesnissen und ihren Kindern oder Eltern, je nach Zeitpfeil, die sich zweifellos im Kies vernistet haben und nur auf neue Fische warten, um sie dann durch Befall hinzuraffen und uns ein Schnippchen zu schlagen.
Aushungern müssen wir nun die Bioteufel. Der Kies ist ja schon durchgekocht, die Möbel geschrubbt, und jetzt also dreht die Filterpumpe hohl, saugt klares Wasser an und speit klares Wasser wieder zurück in den Kreislauf, es hat alles rein gar keinen Sinn, sieht aber gut und schön aus. Die Leute stellen sich ja noch viel grösseren Blödsinn auf ihre Schreibtische, kleine Brunnen und Zengärten, warum also nicht ein leeres Aquarium filtern.
Blickt man in so ein leeres Aquarium, kann man kaum anders als selber auch, stellvertreten durch seine eigene Aufmerksamkeit, erst zum Ansaugstutzen hin, und dann in den Filter hineingesaugt zu werden, und kaum steckt man da drin, wird man auch schon misstrauisch: vielleicht ist ja der Filtersack schuld? Er wurde mit dem Aquarium mitgekauft, wer weiss also, was für infame Schweinereien da dran und drinklebten, um dann bei Nacht und Nebel aus dem Filter auszurücken und die Fische zu würgen. Kaum ist der Gedanke aufgeschienen, ist auch schon der Filtersack entnommen und ein blitzblanker ganz neuer eingebaut. Und es sieht auch schon aus, als sei das Wasser vielleicht noch einen Tick klarer jetzt und fischgesünder. Und ist der Fisch gesund, freut sich die Katze, und damit natürlich dann letztendlich auch der Mensch.

Saturday, November 25th, 2006

Blinddarm Alarm IX

Als das Dasein eine unbestimmte Zeit später wieder einsetzt, ist der Empfang verstellt, oder der falsche Treiber installiert, die Welt ist ein Voynich-Manuskript, nur weniger hübsch illustriert und nicht so alt. So müssen sich Krokodile fühlen, oder Lurche, oder Steine. Später werde ich diesen vegetationsnahen Zustand interessant finden, im Augenblick sind das Findezentrum und das Interessezentrum noch zwei Kleinbaustellen mit ungenügender Anbindung an den öffentlichen Nahverkehr, und ich finde also gar nicht. Irgendwo im Kopfgetriebe wird registriert, dass mich eine körperlose Stimme höflich mit Namen anspricht „Hello Mister Schreiber“, dann schaltet das Relais wieder schwarz.
Das zweite Mal begrüsst mich niemand. Ein riesiger leeren Raum erstreckt sich in alle Richtungen, entlang der Wände kleine Alkoven, in jedem ein schwacher, regloser Körper auf der Rückreise aus dem Nichts, Arme und Hände hängen über hochgeklappte Bettgeländer. Immerhin liegt niemand mit verkrümmten Gliedern am Boden, der Bettgeländer wegen, vermutlich. Das Findezentrum wurde in der Zwischenzeit wohl eingeweiht, vermutlich billiger Sekt am kaum erstarrten Beton zerschmissen, und ich finde das alles ein bisschen doof. Dann aber wieder Licht aus.
Beim dritten Mal ist offenbar irgendwas anders, ich weiss nicht recht, was, die Angestellten hier aber wohl doch, denn jetzt klickert es unter mir, Bremsen werden gelöst es geht zurück nach Hause. Also jedenfalls nach oben, auf meine Station. Hört sich gut an, „meine Station“. Ein Stück Heimat, Menschen, die mich als Nummer auf einem Formular zu schätzen wissen und sich um mich sorgen, wenn ich aus dem Bett falle und einen Versicherungsvorfall auslöse. Aber auch sonst.
„How are you feeling“, fragt die dicke Krankenschwester. „Not bad“ sage ich, wahrheitsgemäss, weil die Bauarbeiten am Schlechtfühlzentrum vermutlich hinter dem Projektplan her hinken, und jedenfalls dort grade nicht gearbeitet wird. „That’ll work“ sagt sie, fummelt undefinierbar an den Tropfbeuteln rum und geht.
That’ll work. Sie wird es in den kommenden Tagen noch oft sagen.

Saturday, November 25th, 2006

Blinddarm Alarm VIII

In der Nacht wache ich noch einmal auf, sehe Caroline in unbequemer Haltung auf einem Sessel sitzen, den Kopf vornüber auf die Bettmatratze gelegt, und schlafen, und will mich grade über diese unpraktische Behandlung meiner Leibwache empören, da schlafe ich selber auch schon wieder ein. Gut, dass zum Beispiel Politiker nicht aus einem Krankenhausbett heraus regieren, es würde sonst vermutlich rein gar nichts erledigt.
Am frühen Morgen dann kommt die dicke Schwester wieder herein, jetzt gehe es zur Sache, noch einmal wird mir Kalium gegeben, dabei könnte ich genaugenommen Valium besser gebrauchen, denn ein bisschen unangenehm ist mir die Vorstellung schon, in Bälde vollständig ausgeknipst zu werden. Obwohl auch ein gutes Stück Faszination mitschwingt, und sogar Begeisterung über die riesige Medizinmaschinerie, die da angeworfen wurde, nur um ein kleines Stück Dreck aus meinem Bauch zu entfernen.
Und dann geht es auch schon los, durch Gänge, Flure, Aufzüge hinunter in den Operationskeller, oder vielmehr in die sogenannte Staging Area, das Aufmarschgebiet also quasi, in der sich die Armeen der Geschundenen hinter Vorhängen auf ihr je eigenens Elend vorbereiten sollen. Auch hier ist die Anzahl der mit mir befassten Personen wieder bemerkenswert, zwei Männer, zwei Frauen fuhrwerken um mich herum, und nur bei einem davon, dem braungebranntem Anästhesisten, der sich von meiner Blinddarmgebühr vermutlich die Teilnahmegebühr eines Golfturniers auf Hawaii finanziert, oder einen neuen Raketenwerfer auf seiner Kampfjacht, hat es einen erkennbaren Sinn. Werde ich hier ausgestellt? Wartet ein furchtbares Geheimnis darauf, mir enthüllt zu werden, und das Personal weiss aber schon darum, und kommt nun in der Frühstückspause an mein Bett marschiert, um später sagen zu können, dabei gewesen zu sein?
Tatsächlich verrät der Anästhesist mir jetzt was, nämlich, dass man mich auf einen eiskalten Operationstisch legen werde, er betont das mehrfach, vermutlich hat man schlechte Erfahrungen mit renitenten Patienten gemacht, die mit erstickten Unterkühlungsklagen drohen, während sie ins Schlummerland verräumt werden, und wenn ich dann auf diesem – kalten – Tisch liege, ziehe man mir segmentweise aufblasbare Thrombosedinger an und blase sie dann segmentweise auf, um so die Säfte in meinen Beinen zurück in den Rumpf zu pumpen.
Dann geht es Schlag auf Schlag, schon steht mein Bett neben der Schlachtbank, man schubst mich rüber, noch einmal eine Warnung wegen der Temperatur, es ist gradezu absurd, denn der Operationstisch, der den Warnungen zufolge von Eiswichteln aus Trockeneis gehauen worden ist, ist kaum kälter als mein bewegliches Bett. Jetzt breite ich noch die Arme aus, zwei neue Schwestern schon wieder fuhrwerken nun an mir herum, die eine an den Armen, die andere schraubt die Pumpstrümpfe fest, dann bläst sich der Strumpf auf, ein seltsames Gefühl, „You’ve been double teamed“, sagt der Anästhesist und kichert, eine der Schwestern guckt konsterniert, er setzt mir eine Sauerstoffmaske auf, „here it comes“ und ehe ich mir noch überlegen kann, ob die Antwort „I’ve changed my mind“ eine lustige Bemerkung, Anlass zu juristischer Panik oder beides sei, hört das Dasein auf.

Saturday, November 25th, 2006

Blinddarm Alarm VII

Der Schlitten aber fährt erst mal nur virtuell oder anderweitig eingebildet, und ich liege noch eine Weile still in meinem Übergangsquartier herum. Denn, so informiert mich Schnauz, bevor er für immer aus meinem Leben verschwindet, man habe „da oben“ kein Zimmer frei für mich im Augenblick, ich müsse also noch ein Stündchen zuwarten. Man versüsst mir dieses und alle noch folgenden Wartestündchen mit regelmässigen Morphiumgaben, ein schöner Operationsadventskalender zur Unterhaltung und Entlastung des Patienten.
Als ungefähr die Hälfte der angekündigten Wartezeit vergangen ist, schrecke ich wie in plötzlicher Erkenntnis aus meinem Delir, oder träume jedenfalls von solchem plötzlichen Aufschrecken, mache in Wahrheit aber wohl nur zögernd die Äuglein auf und frage die Zimmerdecke: „wo kommt denn um diese Zeit eigentlich ein freies Zimmer her?“ Die Zimmerdecke stutzt einen Moment, dann versteht sie, und in stummer Übereinkunft entscheiden wir, dass im Hause des Blinddarmpatienten, oder jedenfalls in der Ecke in der Notaufnahme, in der er die Adventszeit abliegt, von dergleichen zu schweigen sei. Es ist, wird mir dann aber schnell klar, gar nicht die Zimmerdecke gewesen, sondern Caroline, die sich über mich gebeugt hat, und also nach wie vor Wache hält an der Lagerstatt des Gebeutelten. Aha, da wäre das also auch geklärt.
Wie aus dem Nichts werden dann tatsächlich die Bremsen an meinem Bettfahrzeug gelöst, und das Gerät schiebt sich in einer Art Magie selbst durch allerhand Gänge, Abteilungen und Ländereien, in einen Aufzug, aus einem Aufzug heraus, und durch weitere Hallenfluchten und vorbei an Kinderzeichnungen Genesender zu meiner neuen Wohnstatt. Es war dann aber doch keine Magie, sondern eine dicke Krankenschwester, die noch einen Beutel mit Potassium, also Kalium, an meinen Wunderbaum hängt, darauf, behauptet sie verschwörerisch, hätten die Ärzte bestanden, meines Blutbildes wegen, und ich nicke gleichermassen verschwörerisch, verstehe aber nicht, was das alles über den reinen Nachrichtenwert hinaus bedeuten soll.
Vielleicht gar nichts.

Thursday, November 23rd, 2006

Gefühlsfalle Schneckentod

Der Schnecke indessen geht es gar nicht gut. Sie verfügt über einen Deckel zu ihrem Schneckenhaus, oder eine Tür, und diesen Deckel oder diese Tür hält sie jetzt fest geschlossen, als gelte es ihr Leben. Ratlos stosse ich das reglose Tier einmal täglich mit dem Finger an, noch lebt es wohl, denn manchmal liegt es anderswo im Becken, aber von Rumrennen, von Freudensprüngen und Schlossbesteigungen kann nun keine Rede mehr sein. Vielmehr muss die Rede davon sein, dass die Schnecke siech vor sich hin vegetiert, und folgerichtig geht sie dann auch nach ein paar weiteren Tagen endgültig und unwiderruflich ein.
Es wäre nicht übertrieben, an dieser Stelle von einem Tiefpunkt der Beziehungen zwischen Mensch und Aquaristik zu sprechen. Niemand sieht es gerne, wenn Geschöpfe, deren Obhut auszuüben er sich selbstsüchtig zur eigenen Erbauung angebiedert und aufgedrängt hat, in einem langsamen Siechprozess dahinwelken, und dies obendrein noch aufs rätselhafteste und regelwidrigste.
Denn von welcher Seite man diese Fisch- und Schneckenvernichtung auch beleuchten mag, es gibt ja rein gar keinen Sinn. Parasiten hätten schon Salzbehandla, spätestens aber die Giftgabe nicht am Stück überstehen sollen, und weder Paras noch Iten, um nur zwei der möglichen Bruchstücke hier aufzulisten, sollten einem gestandenen Fischsbild Schaden zufügen können. Und trotzdem verging der Fisch wie von innerem Feuer und äußerer Gepunktetheit verzehrt. Von der Schnecke, in der ein Ich ja schon biophysikalisch gar keinen Fuß fassen könnte, gar nicht zu reden.
Anklagend nun steht also das Aquarium als Mahnmal auf dem Müll namens Tisch, und wir scheuen uns, neue Fische in dieses schlimme Becken zu sperren. Vielleicht schwitzt ja der Dichtungskitt Fischtod aus? Oder es rinnt Todessaft aus dem Filterbeutel? Ist vielleicht die Luft selbst, die das Aquarium durch den Sprudelstein einatmet, ein giftiger Hauch?
Zwischen Todesfugenkitt und der Toilette, die schon vier Fische und einen Schneck verschlang, stehen wir, und wagen keine Bewegung.

Wednesday, November 22nd, 2006

Unterdessen anderswo: Ken

Letzte Hoffnung? Nein! Ein von einem unbeugsamen Loach bewohntes Plastikbecken hört nicht auf, dem Schnitter Widerstand zu leisten. Hoffnung lebt bekanntlich in der kleinsten Hütte, oder so ähnlich, und eine kleine Hütte steht Ken, dem Loach ja tatsächlich zu Gebote. Triumph des Lebens. Und das kam so:
Den Goldfischen, das konnte der Fischexperte mühelos erkennen, war Ken nicht grün. Dem Laien mögen die wilden Angriffe und Verfolgungsjagden entgehen, er mag die Besatzermentalität des Immobiliengrabschers für Niedlichkeit halten, aber der Kenner nickt wissend und formuliert einen schlimmen Verdacht. Der Loach also musste weg. Zum Glück ist so ein Loach recht klein, und passt zum Beispiel in eine Plastiktüte, in der man ihn dann, samt Plastikaquarium, Kieselsteinen und Belüfterpumpe erst einen Berg hinauf tragen, und dann den ganzen Bausatz auf einem Schreibtisch zusammenschrauben kann. Man gibt erst Kiesel ins Aquarium, dann schon fast ganz sinnlos eine Wegwerf-Sonnenbrille, die man gerade vor der Augenklinik auf dem Boden gefunden hat, und die man zuvor von allen Keimen und Widerlichkeiten sorgfältig gereinigt hat, und zuletzt füllt man obendrauf Wasser, dem man mit einem Aloe-Vera-Präparat die böse Energie entzogen hat. Und gibt dann den Fisch in die Brühe.
Nun sieht man auch gleich, wozu da eine Sonnenbrille im Rezept steht. Der Loach nämlich ist ans Besetzen gewöhnt, nimmt nun zuallererst die Sonnenbrille in einem militärischen Coup für sich ein, und errichtet das Loachäquivalent einer Marionettenregierung hinter ihren getönten Scheiben. Als es dann noch Futterflocken auf den Eroberer regnet, beginnt auf meinem Schreibtisch ein Zeitalter des Friedens und des Wohlstandes.
Schon bald errichtet der Fischfürst, mit meiner Hilfe, ein kleines Schloss neben seinem Brillenhauptquartier, und wird von jetzt an, dem Kaiser gleich, von Brillenpfalz zu Schlosspfalz ziehen, und am jeweiligen Ort je ein Weilchen residieren, bis sich ein neuer Gedanke in seinem Fischkopf bildet und alles von vorn beginnt.
Zwischendurch macht Ken durch das kraftvolle Abschwimmen komplexer Lissajousfiguren klar, dass die Macht- und Wissensverhältnisse eindeutig geregelt seien, und ich signalisiere durch den regelmässigen Abwurf von Flockenfutter umgekehrt dasselbe.
Nach wenigen Tagen schon haben sich die Rituale verfestigt, man kann schon von einer Fischkultur sprechen, die wir beiden Despoten wie aus dem Nichts hier geschaffen haben. Erst öffne ich den Deckel des Beckens, längst ragt Kens Nase erwartungsfroh oben aus dem Schlossturm heraus, die eingeweichten Flocken wehen um die Architektur, und lebensfroh und quietschfidel sammelt der Loach sie ein. Stecke ich den Finger ins Wasser, versucht er, mich zu beissen.
Der Racker.

Wednesday, November 22nd, 2006

Tomatenabwurf

Auf seinem Fahrrad fährt der Nachbar einige Runden auf dem Parkplatz hinter unserem Haus, und sieht aus der Höhe aus wie das Ikonogramm eines Radfahrers, eine Scheibe auf einer Linie. Jeremy kommt dazu, die Schultern hängend, den Kopf eingezogen trottet er tangential an der Kreisbahn des Radlers vorbei auf die Tomatenstaude am Zaun zu. Seine Anziehungskraft stört die Keplerbahn, und im geschwungenen Bogen nähert sich nun auch der Radfahrer den Tomaten. Beide stehen dort einen Moment, ein paar Worte fallen, in der gedehnten, kraftlosen Dude-Modulation, mit der wohl Lässigkeit demonstriert werden soll, und die uns im Wechsel mit treibenden Bässen durch die dünnen Holzlatten des Apartmentbodens und ergänzt von Hanfschwaden aus den Fenstern vom generellen Stand der Dinge bei Jeremy unterrichtet, und genau wie diese Botschaften aus dem Untergrund inhaltlich nicht zu verstehen. Der generelle Stand der Dinge bei Jeremy jedenfalls scheint über die vergangenen Monate hinweg stabil.
Der Nachbar auf dem Rad pflückt eine reife Tomate und wirft sie kräftig zu Boden, Jeremy und er lachen kurz, wohl über das Geräusch der platzenden Frucht.

Tuesday, November 21st, 2006

Klick, Klack

Er führt nicht. Noch immer tragen die Fische im Paartagesabstand weisse Punkte im Gesicht und am Gesäß, und allmählich pfeifen die Flankenatmer auf der letzten Kieme. Die Fancies schwimmen noch ein gutes Stück mühsamer und ratloser als es sowieso schon ihre fehlgezüchtete Art ist durch die Gegend, aber auch der genreine Urgoldfisch sieht schwer urlaubsreif aus.
Dann hängt Klick eines Abends am Einsaugstutzen des Filters fest, wedelt hilflos mit der Flosse, und das Mass ist voll. Behutsam wird der Fisch aus dem Maelstrom gepflückt, und mit seinem Kollegen Klack zur Schnecke in die Aquarienaussenstelle verfrachtet, denn zu einem Überleben im Grossstadtdschungel Kleinaquarium fehlt den beiden Fischbällchen offenbar im Augenblick die nötige Verve oder Chuzpe oder Aquarität oder was. Wir geben nochmal ein paar Tropfen blaues Malachitgrün ins Hauptbecken, fühlen uns aber im Ganzen sowohl von den Fischen als auch vom aquaristisch-industriellen Komplex und seinen Giften, der ja ohne Zweifel hinter der ganzen Misere steckt und Milliardenbeträge an Gewinn aus dem Elend unserer Goldfische zieht, und diese Leidgewinne dann sicherlich zu noch wesentlichen finstereren Zwecken verwendet, ungut verschaukelt, respektive nicht ernst genommen. Eilig zu Rate gezogene aquarienerfahrene Freunde können da auch nur ratlos mit den Schultern zucken.
Am Morgen nach ihrer Ausquartierung schwimmen dann sowohl Klick als auch Klack kieloben, und eine Tristessetapete kleistert sich selbst in unsere muffigen Oberstuben. Weh, als ahne er das nahende Ende, driftet auch der Urfisch durch seine blaue Suppe, weisse Punkte an der Flosse, sogar mitten auf jedem müden Auge befindet sich so ein weisser Punkt.
Laus! Höhnst Du uns? Ha, wie unrecht!

Monday, November 20th, 2006

Formalin und Malachitgrün

Die Fischlaus mit den tausend Jungen (Iä! und abermals Iä!) ist zwar, wenn am Fisch angebracht oder in der Kapsel aufbewahrt, unerreichbar für konventionelle, chemische, biologische und atomare Sprengköpfe. Aber wenn die Lausekinder schwärmen, kann man dem Ich die Suppe versalzen. Ins Aquarienwasser gegeben sorgt Salz nämlich auf biologisch abbaubare und umweltfreundliche Weise dafür, dass Wirbellosen der Saft entzogen wird, als leblose Hülle falle Ich dann zu Boden, sagt das Internet, und schon nach zwei versalzenen Lebensyklen, einer Woche also, sei alles wieder in schöner Ordnung. Die einzige Komplikation, die Tatsache nämlich, dass ja auch die Rennschnecke als ordentlich Wirbellose unter den Auswirkungen einer Einsalzung zu leiden hätte, wird durch ein Ausquartieren des Schleimrasers in eine handelsübliche Küchentupperdose elegant umschifft. Die Dose ist aber natürlich nicht wirklich von Tupper, es ist einfach irgendeine Plastikdose. Das nur für die Puristen.
Die Schnecke wohnt nun also in der Schüssel, derweil die drei Fischstooges mit Argusaugen beworfen werden und unter der ungewohnten Aufmerksamkeit mal hierhin und mal dahin schwimmen. Die Tage ziehen salzig ins Land, die Schnecke dreht Kreise in der Schüssel, die Fische haben mal Weisspunktausschlag, mal haben sie keinen – ein unter Parasitologen sicherlich als Ichschwankung bekanntes Phänomen – und es geht ihnen jedenfalls mit jedem Tag ein bisschen schlechter. Salz an lebende Fische zu geben, führt offensichtlich zu rein gar nichts, und die Ökobehandlung wird abgebrochen.
Stattdessen kaufen wir beim Fisch-Fascho, wie wir unseren bärtigen und mürrischen Aquaristen liebevoll nennen, ein Riesenfass einer Mischung aus Malachitgrün und Formalin, die man ohne zu übertreiben als Giftcocktail bezeichnen kann, und geben nach Anleitung ein paar winzige Tropfen des Teufelszeugs ins Wasser. Malachitgrün färbt putzigerweise alles, womit es in Berührung kommt, und das durch diesen Kontakt nicht auf der Stelle eingeht oder zerfällt, blau. Daher wohl der Name, Malachitgrün. Chemikerhumor, lustig. Aber führt Chemikerhumor zuverlässig zum Ichzerfall?

Monday, November 20th, 2006

IKEA, Emeryville

1
Lederpöang wippt leicht unter meinem Gewicht, Echo der von hunderten von jungen Paaren ausgelösten Schwingungen, die durch den Boden der Dauerausstellung im ersten Stock des IKEA Emeryville laufen, ein andauerndes, leises Erdbeben. Ich bin erschöpft von gar nichts, Begleiterscheinung der Rekonvaleszenz, und beobachte das Stuhltestverhalten der IKEAkunden. Eine junge Japanerin läuft vor mir vorbei, zieht am Bezug von Pöang, findet nichts, geht scheinbar wahllos zu zwei anderen Sesseln inmitten der gut zwei Dutzend, die hier stehen und kontrolliert die Lücke zwischen Rückenpolster und Sitzpolster, vielleicht braucht sie Kleingeld für eine Waschmaschinenatrappe. Eine weitere Japanerin gesellt sich dazu, sie kommunizieren ohne Worte, weitere Stühle werden getestet, noch immer wahllos. Eine dritte kniet sich vor einen Roterstoffbezugpöang mir gegenüber, stellt eine grosse Vase mit einer Handbreit Wasser und einem lebenden Goldfisch darin neben sich ab, und sucht das Fahrwerk des Sessels ab. Ich stehe auf, obwohl ich noch immer müde bin, und gehe weiter.

2
Die junge Frau ereicht die mässig vollbesetzte Cafeteria nach ihrem Einkaufswagen, aber vor den beiden älteren Frauen, die sie begleiten. Sie setzt sich an einen der grossen, runden Tische, parkt ihren Einkaufswagen so, dass er vier Sitzplätze blockiert, setzt sich selbst auf einen freien Stuhl und legt die Beine auf einen der blockierten Stühle zu ihrer Linken. Während der gesamten Zeit, die ich am Tisch sitze und Koettbullar in mich hineinrolle, sehe ich aus dem Augenwinkel ihre Schuhe auf dem Stuhl wie einen blutigen Verkehrsunfall, und ärgere mich über ihre rücksichtslose Verwöhntheit und meine eigene moralische Projektion zu gleichen Teilen.

3
Das kleine Apartment, das an einer Biegung des durch den Ausstellungsraum führenden Wanderweges liegt, wird offensichtlich von jungen Smarties bewohnt, auf dem Beistelltischchen liegt ein Wired, auf allen waagerechten Flächen stehen Flachbildschirmattrappen und simulieren Modernität. Ich allerdings bin mehr an der Eckcouch interessiert. Sie liegt voller nickliger Kissen, die in diesem allegorischen Gemälde wohl die Geschmacksarmut des jungen Programmierers vertreten, und die sich nun auf einen sich türmenden Haufen konzentriert finden. In die entstehende Kissenlücke sinke ich, und blättere blicklos im Wired. Excuse me, sagt eine Frau, als sie mir nahekommt, um ein Möbel zu inspizieren, als sei das hier tatsächlich mein Wohnzimmer. Derart aus der Mediation gerissen, blicke ich um mich, und entdecke auf der Korkwand, die offenbar für jedes Familienmitglied einen Abschnitt hat, einen Zettel mit der Aufschrift “I hate you”. Beim Versuch, ihn zu fotografieren, verhakt sich etwas in der Mechanik des Kameraspiegels, der Bildschirm zeigt Err 99, und die Kamera versagt den Dienst.

4
Kurz vor den Kassen des Möbelmolochs hat der Schwede die As-Is Abteilung montiert. In der As-Is Abteilung stehen leicht angeschimmelte und -dellte Möbel und warten auf neue Herrchen, die sie adoptieren. Oder sich auf sie draufsetzen und wegdriften, so wie ich und die Frau neben mir. Zwischendurch erwache ich mehrfach aus dem Dösen und beobachte, wie die Menschen zu meiner Linken den As-Is Bereich betreten, und ihn nach einer Schleife durch die Wrackversammlung hinter mir zu meiner Rechten wieder verlassen. Ein junges Paar bleibt am Rande meines Blickfeldes stehen, diskutiert, dann scheint eine Entscheidung gefallen und er geht resolut davon und beginnt, Waren von einem Einkaufswagen zu laden. Gemeinsam wuchtet das Paar einen ausgesprochen hässlichen Eckschrank auf den nun leeren Wagen. Wieder entspinnt sich nun eine Diskussion zwischen den beiden.
Unterdessen kam die Begleiterin meiner Nebensitzerin zurück, “where is our cart” fragt sie, und meine Nebensitzerin deutet vage vorwärts, “over there, the one with the flat stuff”. Beide begutachten nun die pappschachtelfarbenen Pappschachteln, und kommen aber rasch zum Schluss, dass das nicht ihr Wagen ist. Sie blicken sich, sehr ratlos, um, und kurz bevor sie ihre ausgewählten Möbel an der Seite eines Ausstellungsstückes lehnend finden, setzt auch in meinem Kopf Dämmerung ein.
Hektischer blicken die beiden Frauen nun um sich, eine nähert sich dem hässlichen Eckschrank und dem ihn bewachenden Weibchen, “did you take a cart from over there” fragt sie, die Antwort ist unhörbar, aber wie aus dem nichts taucht jetzt das Männchen des Weibchens auf, und beide schnüren, Eckschrank und einen zweiten Wagen im Schlepptau, davon. Ratlos zurück bleiben die beiden geprellten, die offenbar nicht nur bestohlen, sondern auch noch belogen wurden, und ich muss erneut den Fläzort wechseln, des guten Geschmacks wegen. Einkaufen ist anstrengend.