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Jersey



Wednesday, September 9th, 2009

Feed

Die Schlange an der Bäckertheke ist ungeordnet und ähnelt mehr einem Insektenschwarm als einem Reptil, wartende Menschen blicken auf wartende Waren. Ich stelle mich am Schwarmrand auf, hinter jemandem, der Lester Freamon aus The Wire ähnelt, hager ist und gross, dunkel, mit graumeliertem Dreitagebart. Nice Bike, sagt Lester, dann etwas Unverständliches und wie ein Automat erwidere ich Fahrradphrasen. I’m not in line, sagt er schliesslich und er macht eine Geste mit dem Arm. Ich bin zu ausgelaugt, mich zu wundern und trete einen Schritt weiter ins Schwarminnere, an ihm vorbei.

Nach ein paar Sekunden dann ein menschliches Geräusch von hinten. Can I ask you something? Hilfe will er. Sorry, sage ich. Kein Geld, sagt er, wolle er, ein Getränk vielleicht, oder etwas zu essen. Mal jemandem helfen, Aufstehen für ein besseres Morgen, ja warum denn eigentlich nicht?

Which kind of soda, frage ich, und er zögert mit Blick auf den Kühlschrank. Hungrigen Menschen Zuckerwasser geben, gluckert es in meinem leeren Kopf, ein feiner Wohltäter bist Du. What would you want to eat, frage ich in die limofeindliche Stille. Don’t matter, sagt er. Slice of pizza, sandwich, anything. Ich bin jetzt dran.

Die Frau hinterm Tresen ist unhöflich, eine Säule im Weg, der Verpassenstanz links und rechts ums Hindernis wäre womöglich lustig, wär mir nicht vor Müdigkeit alles gleich. Dieses Brot, jene Brötchen und eine von den kleinen Pizzas, sage ich endlich, ohne noch recht zu begreifen, wie es eigentlich vom No zur Kleinpizza kam. I’d rather not, don’t know what that is, sagt er. A turkey sandwich, maybe? und geht ein Stück die Theke rauf, ich folge ihm, ein fallender, leerer Sack.

Er bittet um eine Extratüte für sein Sandwich, das teurer war als der Lunch gewesen wäre, an dem ich heute sparte. I’m not giving you a shopping bag, sagt die Kassiererin feindselig zu ihm, und steckt es in eine Papiertüte, und ist gespalten in ihrer Verachtung für ihn und für mich. Ein vertrautes Gefühl stellt sich ein, letzte Energien verpuffen; ein Ruf, der sich tonlos in der Wüste verliert, ein Tropfen Tinte fällt in nachtschwarze See; es welkt Metaphernsalat auf Hasenbrot.

Thanks man, sagt Lester, I appreciate it. Er streckt mir die freie Hand hin, und ich will sie nicht ergreifen und ergreife sie doch.

Friday, August 21st, 2009

Unsere kleine Strasse



Andere Hunde,
andere Nachbarn,
selbe Strasse.

Die Familie von der anderen Strassenseite sitzt auf und um die Stufen unseres Gebäudes, als ich die Haustür öffne. Die beiden Teenager auf der Treppe rücken an den Rand, um mir und meinem Klapprad Platz zu machen, der linke hält einen kleinen Hund an der Leine. Unsicher, wie ich auf die sonderbare Belagerung reagieren soll, murmle ich einen Gruss. Die dicke Familienmutter, die in einem Faltstuhl vor ihren Kindern sitzt, erwidert neidisch “I bet that bike was expensive”, und sagt dann nichts mehr. Schnaufende Staunenslaute kommen von den Sitzenden, als ich in der drückenden, schwülen Hitze das Fahrrad entfalte. Der Bullterrier, den der stehende etwas ältere Mann an der Leine hat, sieht interessiert und freundlich zu. Dieses Tier hat den Mops eines befreundeten Paares, das damals im Haus wohnte, halb zerfleischt, die dicke Mutter sich trotz Gerichtsbescheid um die horrende Tierarztrechnung gedrückt.
“Have a good day”, sage ich, als ich losfahre, der Bullterrier geht zugleich auf mich los. Während ich aus dem Vormittagsschatten, den unser Haus spendet, in die grelle Sonne rolle, höre ich ihn noch ein paar Sekunden lang sich würgend in seine kurz gehaltene Leine legen.

Thursday, June 4th, 2009

Das goldene Jäckchen

Der Flachbildschirm auf dem Bahnsteig zeigt einen Mann in einem goldenen Jäckchen. Er steht auf einer schwarzen Scheibe, die sich langsam dreht, im Hintergrund die Basketballkäfige an denen ich bis eben noch erst stand und dann lehnte. Hin und wieder guckt er in die Kamera und schmunzelt dann. Mein Zug kommt lange nicht.

Ein seltsames Gefühl im Magen. Enttäuschung, Schmerz, Wut; auf die Bazillen, auf M., auf mich selbst. Auf den Treppen zum Institut liegt ein totes Vogelbaby, den Kopf flach an den Stein gepresst, die winzigen Rippen stossen durch abgewitterten Flaum und Fleisch. Einen Moment lang verwechsle ich das Tier mit einer Metapher, dann schliesst sich die Tür.

Tuesday, June 2nd, 2009

ausgelernt.time := never;

“Du kriegst die Motten”, eine Redewendung, die bei mir im Kopf gleich neben dem mir lange ähnlich enigmatischen “bis in die Puppen” ihr Zelt aufgeschlagen hatte, scheint vordergründig weniger rätselhaft. Die Motten kriegen, Frass am Gewebe zeigen, Verfall, ausfransen, die Metaphern fliegen nur so, und die Bedeutung ist klar. Die Puppen, andererseits, sind so lange rätselhaft, bis man dann halt mal nachliest, dass es um die Statuen im Tiergarten geht, die man so nannte, und die einen ordentlichen Fussmarsch entfernt waren, sodass alles, was sich bis in die Puppen erstreckte ganz schön weit ging. Oder aber so ähnlich, selber googeln, wo samma denn.

Heute erfahre ich jetzt, das die nebenan hausenden “die Motten” eine volkstümliche Bezeichnung für die Tuberkulose sind, weil die Lungen auf dem Röntgenbild kammansichjadenken.

Na sowas.

Thursday, May 21st, 2009

Der Stand der Dinge

Wie ein gelandetes UFO steht das Mana Diner da, am Fuss des Bergrückens der Jersey City Heights. Vom Park an der Kuppe oben, ein paar hundert Meter östlich vom Tresen, an dem die Frau in der speckigen Schürze die Burger grillt, sieht man weit ins Tal des Hackensack und über die einst unpassierbaren Sümpfe hinweg, trübe Wasserflächen, gespickt mit den aufragenden Schloten von Kohlekraftwerken, Papiermühlen und Müllverbrennern, und mehrfach durchstrichen von Strassen auf Stelzen; Pulaski Skyway und New Jersey Turnpike erheben sich über den salzigen Riesentümpel der Meadowlands, seine dioxinverseuchte Flussbette, seine legendären verschnürten und versenkten Mafialeichen, umtanzen einander inmitten der toten Wasser, Verkehr geflochten zu einem rauchenden, blökenden Ornament auf bröckelndem, feuchtem Grund. Multimedia.

Vom Tresen aus sieht man nichts davon, der Blick trifft in alle Richtungen auf von Fassaden blätternde Farbe und geschundene Karosserien. Ausgebleichte Werbemalereien künden von den längst verschwundenen Mietern hinter den Fassaden, oder vielleicht auch nur von der Gleichgültigkeit des Fortdauernden gegenüber seinem Ausdruck. That ad up there? Fuhgetaboutit. Das riecht nach Klischee, nach einem dummen Scherz, der dem Scherzenden Gefühle einer Überlegenheit verschafft, die er nicht sich verdiente, aber obendrein reden die wirklich so hier. Vielleicht ist aber auch die Verwunderung über das bestätigte Klischee, dass die Geräusche aus dem stämmigen Trucker an der Burgertheke wirklich klingen wie ihr Abbild im Fernsehen, der eigentliche Scherz, auf Kosten des auf seinem Klappfahrrad in den Industrieverfall geradelten feinsinnigen Beobachters, der sich über den Zusammenhang zwischen Popkultur und ihrem Vor- und Abbild den Kopf zerbricht, während um ihn her die Welt in Brösel fällt.

Die Frau in der speckigen Schürze geht durchs UFO nach hinten, eine Art UFO-Wippe wohl, oder ein Mana-Wetterhäuschen, denn ein schmuddliges Oberlippenbärtchen reitet zugleich aus einem anderen Türchen nach vorne. Ob ich schon bestellt habe. Der Trucker sucht im Styroporbecher derweil seinen Kaffee, findet ihr, grunzt ihn an. Ich sei versorgt, erkläre ich mich, und mache eine vage Handbewegung speckschürzenwärts. Das ist dem Bärtchen nichts, und also dreht es sich kurzerhand einmal im Kreis, bewegt etwas auf der Theke vor ihm von hier nach da, und fragt mich so erfrischt von neuem nach meinen Bestellwünschen. Ich will nicht essen, sage ich, ich will ein Kleidungsstück. Bärtchen begreift jetzt, und geht wieder nach hinten, die Wippe knirscht, und es erscheint aus dem anderen Türchen wieder die Speckschürze und bringt das Gewünschte. Acht Dollar. Danke. Bitte.

Das White Mana Diner war das “Diner of the Future” auf der Weltausstellung 1939 in Flushing Meadows, und hier steht es jetzt in dieser Zukunft rum, die ihm doch gehören sollte, und speit mich in die ungebende Industrieruine, direkt auf mein Klapprad drauf, praktischerweise. Ich umfahre nun zunächst ein “Sidewalk closed”-Schild und zwei gelb-schwarze Absperrungen, stehe einen Moment insektenhaft vor dem quer über den Gehweg stehenden Führerhaus eines riesigen Sattelschleppers, der die Tankstelle verlassen will und des Verkehres wegen nicht kann, und umfahre schliesslich den ganzen langen Schlepper. Auf der anderen Schlepperseite ist alles anders, der Sidewalk jetzt wirklich und ernsthaft closed, grober Schotter knirscht, oder Geröll vielmehr, eine Baustellenendmoräne, dann Lehm, dann eine Reihe von Jerseybarrieren, ein Riesenkran, Metallmüll, ein gehsteigbreiter Bauzaun. Weltende. Damn.

Jerseybarrieren, so heissen diese Betonblockadeeinheiten wirklich; zwei Meter lange Betonmauern mit Spreizfuss sind das, entwickelt auf der anderen Seite der Heights, in Hoboken am Ufer des Hudson. Ein schöner Scherz des Weltgespenstes ist das, dass die hässlichen Steinklumpen, die überall in Amerika hässliche Highways noch ein bisschen mehr verhässlichen, ausgerechnet hier erfunden wurden. Die Sackgasse, in der ich stecke, wird von einer Reihe von Jerseybarrieren von der Fahrbahn getrennt, und die Fahrbahn von einer weiteren solchen Reihe von der Gegenfahrbahn. Zwischen mir und dem verlockenden urwaldgleichen Grünstreifen auf der anderen Strassenseite also: zwei Jerseybarrieren und ein steter Strom von Irren in ihren Irrenschleudern. Da ist nichts zu machen, Überquerung ausgeschlossen. Ich gehe in mich, grummle da ein bisschen im Dunkeln, und kehre dann um.

Der riesige Sattelschlepper hat sich eine Einfahrt weitergeschleppt. Wie eine ausserordentlich ungelenkige Schlange steht er staksig verdreht auf dem Parkplatz eines Motels, das Führerhaus schnuppert am Schlepperhintern, an allen Seiten blockiert Jerseygerümpel, und es geht weder vor noch zurück. Am Parkplatzrand steht eine Frau im leichten Sommerkleid, rosa der Stoff auf der dunklen Haut. Sie steht als wolle sie von dort beim Manovrieren helfen. Sie hilft aber nicht, steht nur so, und guckt dem Schlepper beim Krabbeln zu.

Endlich eine Lücke in den Jerseybarrieren, ich wechsle die Seite, balanciere das Rad auf dem endlich erreichten Seitenstreifen voller Grün, der aus der Nähe schmaler scheint und scherbenvoller, riesige Jerseytrucks blasen mir mit ihrem Fahrtwind Nervosität in Kreuz, dann endet auch noch der Streifen. Der Highway macht eine Kurve, kreuzt zwei andere Highways, Brücken und Rampen kommen einander in die Quere, ich lege mich ins Zeug, nur schnell durch durch das Gewirr aus grossen und sehr grossen Autos, am Rand der Fahrbahn, wo sich Kiesel, Sand und Scherben zu einem schönen, griffigen Belag verdichten. Die Ampel grün, hinter mir schon wieder ein riesiger Schlepper, vielleicht der aus dem Motel, der aufgegeben hat, ach nein, die Jerseybarrieren sind auch ihm eine Hürde. Bedrohlich näher rückt mir jetzt der fremde Schlepper von rückwärts, aber nur Meter trennen mich ja von der Einbuchtung hinter dem Brückenpfeiler, noch ein bisschen schneller die Pedale, das winzige Vorderrad rollt über Asphalt und Sand, nur ist das plötzlich gar kein Asphalt mehr, und nur noch Sand. Vorderrad bohrt sich in den weichen Grund und blockiert. Hinterrad weiss davon nichts und faltet sich unter mir leise maulend nach vorn, während Sattel, Rahmen und Fahrer sich aufwärts und strassenwärts heben. Reflexhaft hartes Zugreifen am Lenker, ein scharfer Zug in der Schulter und ich stehe über Treibsandgrube und Radfalte und werde von Hormonen geflutet. Endlos rumpelnd zieht links ein Sternzerstörer vorbei. Und noch ehe mir klar wird, was gerade beinahe geschehen wäre, ist die Gelegenheit auch schon wieder vorbei.

Wednesday, May 13th, 2009

karmic balance

For every door that closes, somewhere a parked car opens into the path of a bicycle.

Monday, May 4th, 2009

sattelschubser

Der Fluss der Automobile ist, wie üblich um diese Zeit, in einem Zustand der Auflösung. Auf der rechten Spur steht warnblinkend verteilt die Lunchbrigade und blockiert. Wir restlichen Rollenden umfliessen zäh die aufragenden Ichkisten mit ihren sandwichhoffenden Fahrern. Ein Sattelschlepper schlängelt sich durch die Blockade, und ich schlängele ihm nach, bis er auf der Rechtsabbiegespur an der Ampel zu stehen kommt. Rechts steht er zu eng am Bordstein, ich richte also die Radnase nach links, die Fahrerin des dort nachkommenden Wagens bremst und winkt mich in die Lücke. Aus dem Augenwinkel aber sehe ich die riesigen Reifen des Schleppers sich drehen, das Monster rollt rückwärts und schräg verschwindet mein Rad unter ihm. Hey, rufe ich, asshole, what are you doing, springe ab und ziehe das Rad nach, aber unerbittlich schiebt sich der Verbrecher hinterher. Hey, ruft es nun auch vom Gehweg, there are people behind you, pay attention. Endlich hält das Vieh, schafhaft guckt ein Fahrerkopf aus der Kabine. You OK fragt es von da oben, und schon wieder sage ich, anstatt einem Bereicherungsprozess den Weg zu bereiten, I am, and I think the bike is, too. Schiebe das Rad zum Beiweis kurz nach vorne und wieder zurück, überrolle dabei eine schimpfende Ameise, und radle davon.

Thursday, January 8th, 2009

Honorable

I
Im mittelgrossen Saal sitzen zwei Dutzend Menschen wie aus dem Menschenstreuer ausgerieselt, eine kleine Schlange wartet an drei Schaltern. Von vorne ruft ein bulliger Vierschrot Namen durch die Gegend, hinten gibt es Nummern zu ziehen. Ich ziehe Nummer und warte auf meinen Namen. Name kommt nicht, und auch die Nummer über dem mittleren der drei Schalterfenstern ruht in sich und widersteht jeder Veränderung. Schmeiss, sagt Vierschrot, als ich mir endlich ein Herz fasse und frage, die Nummer weg und stell Dich in der Schlange da an.

Do you want to pay or plead guilty, fragt die Frau hinter Schalter Eins, als ich endlich Schlangenkopf bin. Unterdessen hat Vierschrot eine halbe Stunde lang den Saal gekämmt und gebürstet, sich von allen die Namen geben lassen, mehrfach nach fehlenden Streitparteien gefahndet, und auch sonst den Laden tüchtig im Griff. Hin und wieder führt er Leute aus dem Raum, zum gerichtet werden vermutlich, ui, da geh ich dann auch gleich hin. Aber erst muss ich noch “not guilty”, dann darf ich mit verteidi… oh. Neuer Gerichtstermin, zum Verteidigen, sagen Sie? Aha, hm, also. Siebter Januar. Na gut.

Draussen immer noch wie aus Kännchen.

II
Der siebte Januar ist da, es ist 8:30 Uhr und aus sicherlich legalen Gründen fällt schon wieder eiskaltes Wasser runter und auf mich und mein Klapprad drauf. Diesmal komm ich immerhin ungebremst ins Gebäude, ich kenn mich schon aus, alter Hase, heute flutscht alles. Newarker Milchmädchen kichern hinter den Kulissen. Heute, an meinem zweiten Gerichtstag, soll es nach Raum 201 gehen. Das ist natürlich im zweiten Stock, der Pfeil zeigt auch da hin, und im zweiten Stock gibt es auch tatsächlich Raum 222, Raum 204 und Raum 202. Und sonst aber nichts.

Da gehen Sie, sagt der freundliche Beamte, den ich in seinem ziellosen Rumwandern unterbreche, jetzt mal in den dritten Stock, dann links, dann vor dem Treppenhaus wieder links und rüber in den Anbau, und da dann wieder runter. Mach ich, auf dem Weg dahin komme ich an zwölf Schildern vorbei, auf denen riesengross der Weg zu Raum 301 angeschrieben steht, und winzig klein in einem Wirrwarr anderer Namen darunter, auch nach Raum 201. Bei jedem einzelnen muss ich anhalten und nachprüfen, dass ich auf dem richtigen Weg bin. Und jedesmal bin ich. Ein schönes Gefühl.

Ein richtiger Gerichtssaal diesmal, mit Podium und Polizisten und Pipa und Po, und vielen Menschen drin verschluckt mich. Eine gestrenge Frau verliest Namen, lauter hispanische und unaussprechliche, nur bei den allerschwierigsten verlegt sie sich aufs Buchstabieren. Ge Ce Zet Ypsilon Ka El U Ce Ka. Ist der da? Und bei ungefähr der Hälfte aller Namen ruft auch jemand “Yes” oder “Present”. Ein besonders Eifriger brüllt “Yes, here” aus voller Kehle, die Frau kichert ein bisschen und guckt über ihre Brille. Schrieber sagt sie dann. Das bin ich. Heir sage ich nicht, den müden Scherz verstünde man ausgesprochen auch gar nicht, sondern Yes. Lieber den Staat nicht noch mehr ärgern.

Wie eine Richterin sieht die ja eigentlich nicht aus, denke ich, während sie Ordner umschichtet und Namen vorliest. Sie ist aber auch gar keine Richterin, sondern die Frau in der Robe, die reinkommt, nachdem jemand “All rise” ruft, ist eine. Sie setzt sich auf ihr Podium, und bespasst sofort jovial den ganzen Raum “happy new year, I have to say this every morning, this is the criminal court”, dass sie einen für unschuldig hält, bis das Gegenteil bewiesen ist, dass man mit der Staatsanwalt in ihrem Staatsanwaltspalast verhandeln kann, vor der Verhandlung. Und dann lässt sie sich von der gestrengen Frau die Liste der Fälle geben und geht alles noch mal durch. Es ist genau wie im Fernseh.

Wer aufgerufen wird, muss nach vorne kommen zur Lehrerin, und sagen ob er mit der Anklägerin verhandeln will, und sich wieder setzen. Manche sagen “Good morning, your honor”, manche sagen “Good morning”, manche sagen gar nix und gucken nur eingeschüchtert. Anwälte und Polizisten schäkern mit der Richterin, wie gehts, lange nicht gesehen. Als ich gerufen werde, sage ich “good morning your honor”, weil, wann kann man das schon mal. Dann sage ich noch “yes” und “yes” und setze mich wieder hin.

Die Anklägerin wohnt vorne rechts, ein steter Strom von Leuten geht da rein, kommt wieder raus, wird aufgerufen und abverhandelt. Die meisten verantworten sich wegen Müll auf ihrem Grundstück, werden gescholten und müssen die Gerichtskosten bezahlen, 33 Dollar. Ein paar Immobiliensachen sind dabei, ein paar steuerfreie Zigarettenstangen, bei einem Fall geht es immerhin um eine Strafe in Höhe von 300.000 Dollar, ich verstehe leider rein gar nichts, irgendwie kommt ein Haus drin vor. Der 300.000 Dollar Anwalt sieht aus wie ein richtiger Anwalt und macht einen Witz über seine Frau.

Das Büro der Anklägerin ist enttäuschend. Winzig, fensterlos, ein schäbiger Schreibtisch, ein abgewetzter Polsterstuhl für den Angeklagten. Sie guckt undurchschaubar, als ich die Fehlfunktion der Schranke erkläre, und dass ich beweisen kann, bezahlt zu haben. Das müsse man ja dann mit einem Officer der Gegenseite nochmal besprechen. Neuer Gerichtstermin. Wiederschaun.

Es ist kurz vor elf, und die nette Richterin, vor die ich wenig später dann trete – nachdem die spanischsprachigen Fälle mit Hilfe eines Übersetzers abgehandelt sind – gibt mir die Wahl zwischen zwei Terminen. Ich freu mich schon.

Sunday, December 21st, 2008

Instant Weihnachtsstimmung

Zutaten:
1 Balsamtanne
5-6 Blöcke Stadt, verschneit
1 kleinflockiger Schnee, frisch
300g Schnickschnack

Zubereitung:
Gefrorene Balsamtanne nachts kaufen und durch die Stadt schleppen, dabei mit frischem Schnee bestäuben. In der Badewanne stehen lassen, bis der Geruch durch die ganze Wohnung gezogen ist. Mit dem Schnickschnack garniert servieren.

Friday, December 19th, 2008

Dumbass

Autos, Ampeln, Flugzeuglichter verschwimmen, ein Kaleidoskop im Auge. Macht nichts, ich kenn den Weg, der Verkehr um diese Zeit minimal, ich könnte das blind. Der Querverkehr auf dem McCarter Highway bekommt rot, nur Linksabbieger dürfen noch einen Moment, dann schaltet die Fussgängerampel. Nur Linksabbieger von rechts kreuzen meinen Weg an der rechten Strassenseite, und als der letzte davongesschwommen ist fahre ich also los. Es hupt zugleich von hinten und von links, ein Auto fährt in vollem Tempo und bei rot in die Kreuzung, ich halte, das Auto hält. Der Fahrer surrt die Scheibe runter, streckt den Kopf raus und ruft “Dumbass”. Zu müde, ihm seine rote Ampel zu zeigen, steige ich auf und fahre weiter, auf meine eigene zu.

West Side überquere ich später mit Blick links und rechts: kein Auto zu sehen oder hören. Der letzte Block vor dem Zuhause, ich wechsle auf den Gehweg, um abbiegen zu können. Ein hagerer Schwarzer mit Stirnband kommt mir entgegen, als ich neben ihm bin, grunzt er laut und springt mich an und greift mir in den Lenker, aber nicht ganz, nur Spass. Das Adrenalin summt in meinen Ohren, als ich in unsere Strasse abbiege und dem schräggebogenen Schild ausweiche, seit Wochen schon hängt es da in Kopfhöhe. Irgendwann fahr ich dagegen, das weiss ich schon. Dumbass.