I
Im mittelgrossen Saal sitzen zwei Dutzend Menschen wie aus dem Menschenstreuer ausgerieselt, eine kleine Schlange wartet an drei Schaltern. Von vorne ruft ein bulliger Vierschrot Namen durch die Gegend, hinten gibt es Nummern zu ziehen. Ich ziehe Nummer und warte auf meinen Namen. Name kommt nicht, und auch die Nummer über dem mittleren der drei Schalterfenstern ruht in sich und widersteht jeder Veränderung. Schmeiss, sagt Vierschrot, als ich mir endlich ein Herz fasse und frage, die Nummer weg und stell Dich in der Schlange da an.
Do you want to pay or plead guilty, fragt die Frau hinter Schalter Eins, als ich endlich Schlangenkopf bin. Unterdessen hat Vierschrot eine halbe Stunde lang den Saal gekämmt und gebürstet, sich von allen die Namen geben lassen, mehrfach nach fehlenden Streitparteien gefahndet, und auch sonst den Laden tüchtig im Griff. Hin und wieder führt er Leute aus dem Raum, zum gerichtet werden vermutlich, ui, da geh ich dann auch gleich hin. Aber erst muss ich noch “not guilty”, dann darf ich mit verteidi… oh. Neuer Gerichtstermin, zum Verteidigen, sagen Sie? Aha, hm, also. Siebter Januar. Na gut.
Draussen immer noch wie aus Kännchen.
II
Der siebte Januar ist da, es ist 8:30 Uhr und aus sicherlich legalen Gründen fällt schon wieder eiskaltes Wasser runter und auf mich und mein Klapprad drauf. Diesmal komm ich immerhin ungebremst ins Gebäude, ich kenn mich schon aus, alter Hase, heute flutscht alles. Newarker Milchmädchen kichern hinter den Kulissen. Heute, an meinem zweiten Gerichtstag, soll es nach Raum 201 gehen. Das ist natürlich im zweiten Stock, der Pfeil zeigt auch da hin, und im zweiten Stock gibt es auch tatsächlich Raum 222, Raum 204 und Raum 202. Und sonst aber nichts.
Da gehen Sie, sagt der freundliche Beamte, den ich in seinem ziellosen Rumwandern unterbreche, jetzt mal in den dritten Stock, dann links, dann vor dem Treppenhaus wieder links und rüber in den Anbau, und da dann wieder runter. Mach ich, auf dem Weg dahin komme ich an zwölf Schildern vorbei, auf denen riesengross der Weg zu Raum 301 angeschrieben steht, und winzig klein in einem Wirrwarr anderer Namen darunter, auch nach Raum 201. Bei jedem einzelnen muss ich anhalten und nachprüfen, dass ich auf dem richtigen Weg bin. Und jedesmal bin ich. Ein schönes Gefühl.
Ein richtiger Gerichtssaal diesmal, mit Podium und Polizisten und Pipa und Po, und vielen Menschen drin verschluckt mich. Eine gestrenge Frau verliest Namen, lauter hispanische und unaussprechliche, nur bei den allerschwierigsten verlegt sie sich aufs Buchstabieren. Ge Ce Zet Ypsilon Ka El U Ce Ka. Ist der da? Und bei ungefähr der Hälfte aller Namen ruft auch jemand “Yes” oder “Present”. Ein besonders Eifriger brüllt “Yes, here” aus voller Kehle, die Frau kichert ein bisschen und guckt über ihre Brille. Schrieber sagt sie dann. Das bin ich. Heir sage ich nicht, den müden Scherz verstünde man ausgesprochen auch gar nicht, sondern Yes. Lieber den Staat nicht noch mehr ärgern.
Wie eine Richterin sieht die ja eigentlich nicht aus, denke ich, während sie Ordner umschichtet und Namen vorliest. Sie ist aber auch gar keine Richterin, sondern die Frau in der Robe, die reinkommt, nachdem jemand “All rise” ruft, ist eine. Sie setzt sich auf ihr Podium, und bespasst sofort jovial den ganzen Raum “happy new year, I have to say this every morning, this is the criminal court”, dass sie einen für unschuldig hält, bis das Gegenteil bewiesen ist, dass man mit der Staatsanwalt in ihrem Staatsanwaltspalast verhandeln kann, vor der Verhandlung. Und dann lässt sie sich von der gestrengen Frau die Liste der Fälle geben und geht alles noch mal durch. Es ist genau wie im Fernseh.
Wer aufgerufen wird, muss nach vorne kommen zur Lehrerin, und sagen ob er mit der Anklägerin verhandeln will, und sich wieder setzen. Manche sagen “Good morning, your honor”, manche sagen “Good morning”, manche sagen gar nix und gucken nur eingeschüchtert. Anwälte und Polizisten schäkern mit der Richterin, wie gehts, lange nicht gesehen. Als ich gerufen werde, sage ich “good morning your honor”, weil, wann kann man das schon mal. Dann sage ich noch “yes” und “yes” und setze mich wieder hin.
Die Anklägerin wohnt vorne rechts, ein steter Strom von Leuten geht da rein, kommt wieder raus, wird aufgerufen und abverhandelt. Die meisten verantworten sich wegen Müll auf ihrem Grundstück, werden gescholten und müssen die Gerichtskosten bezahlen, 33 Dollar. Ein paar Immobiliensachen sind dabei, ein paar steuerfreie Zigarettenstangen, bei einem Fall geht es immerhin um eine Strafe in Höhe von 300.000 Dollar, ich verstehe leider rein gar nichts, irgendwie kommt ein Haus drin vor. Der 300.000 Dollar Anwalt sieht aus wie ein richtiger Anwalt und macht einen Witz über seine Frau.
Das Büro der Anklägerin ist enttäuschend. Winzig, fensterlos, ein schäbiger Schreibtisch, ein abgewetzter Polsterstuhl für den Angeklagten. Sie guckt undurchschaubar, als ich die Fehlfunktion der Schranke erkläre, und dass ich beweisen kann, bezahlt zu haben. Das müsse man ja dann mit einem Officer der Gegenseite nochmal besprechen. Neuer Gerichtstermin. Wiederschaun.
Es ist kurz vor elf, und die nette Richterin, vor die ich wenig später dann trete – nachdem die spanischsprachigen Fälle mit Hilfe eines Übersetzers abgehandelt sind – gibt mir die Wahl zwischen zwei Terminen. Ich freu mich schon.
