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Jersey



Saturday, March 20th, 2010

it’s so exciting (law and order)

Er verlagert das Gewicht, macht einen Schritt zur Seite, steht erst vor dem jungen Mann, dann der jungen Frau, und ist dabei beiden zu nah. Eine Hand hat er erhoben und an der Haltestange, die andere neben der Hüfte, drohend beweglich und nervös. Mehrmals greift er in seine Tasche, holt jedesmal langsam das Telefon heraus und sieht blicklos etwas nach auf der Anzeige und steckt es wieder weg. Jedesmal, wenn er diesen Griff tut, spüre ich ein Summen in der Magengegend, wie ein Schweben, hilflos gegen sein Spiel.

Es fing an, als er von seinem Sitzplatz gegenüber die junge Frau ansprach: was sie denn wolle mit dem Hänfling da. Sie solle doch mitkommen mit ihm, jetzt gleich. Er wiederholte es im Befehlston, komm mit, lauter. Das Paar ignorierte ihn so gut das ging, schliesslich dann drohte die Frau mit einem Anruf, ich konnte nicht hören, bei wem, der PATH police vielleicht. Sie machte die Drohung aber nicht wahr, und da stand er auf, breitschultrig und gross, eine Boxerfigur, und stellte sich vor die beiden. Sit down, sagte die Frau hilflos und ohne Kraft, come with me, erwiderte der Schrank ungerührt. You should really sit down, der junge Mann nimmt jetzt allen Mut zusammen, die Stimme unsicher, es ist zwecklos. Say please, fordert das Arschloch, und die Machtschraube zieht sich mit jedem gescheiterten Versuch der beiden, der Situation zu entkommen, weiter zu ihren Ungunsten an. Jede Chance, die sie ihm geben, Nein zu sagen, macht ihn stärker. There’s no exit.

Der junge Mann ahnt oder weiss es und sagt nicht please, sondern verstummt, und das Ghettoklischee wechselt wieder aufs andere Bein und steht jetzt wieder direkt vor der Frau. Er trägt einen Ghettobart. Es ist lächerlich, wie im Film, wie im Traum, eine Zumutung der Wirklichkeit.

Ein paar Plätze weiter wird mir unterdessen schwindlig. Ein Ventil für alle aufgestaute Wut und Ohnmacht bietet sich hier, der Drang es zu nutzen wird sekündlich stärker, das Primatenspiegelbild seiner Aggression, aber diese Einsicht macht mich nur zorniger. Er ist so gross wie ich, das Andeuten einer Waffe, die ganze Manier ist hohler Bullyshit und feige, aber das heisst nicht, dass er nicht doch ein Messer hat oder heat, fool, und auf den Einspruch eines anderen in sein Drohgebaren mit echter Gewalt reagierte. Und selbst ohne Waffen: Weglaufen ist die beste Verteidigung, sagte Sensei, wer kämpft, hat schon verloren, und speziell ja ich, ohne jede Erfahrung. Hätte ich meinen Schwarzgurt dabei, vielleicht könnte ich ihn damit würgen oder ihm die Augen verbinden. Ich starre ihn jetzt unverwandt an, soziale Ablehnung, Einschüchterung, Besseres fällt mir nicht ein. Er bemerkt es, blickt mich kurz an, und sofort wieder weg. Immerhin.

Do you think I won’t remember you, fragt er jetzt den jungen Mann, der Zug fährt gleich nach Journal Square ein und seine Zeit der kostbaren Kontrolle wird knapp. I won’t forget you. Eine kleine Gruppe umsteht die drei an der Tür, im Abstand, aufmerksam, und bereit, einzugreifen. Bully blickt starr geradeaus, und keinen der Umstehenden an, durch die Tür vor ihm, und droht weiter, halblaut und halb glaubwürdig. Als die Türen sich öffnen, eilt das Paar zur Nebentür und die Bahnsteigtreppe hinauf, er läuft ihnen nach, und ich ihm, eine Einschüchterungskettenfarce. Das Paar verliere ich aus den Augen, aber nicht ihn. Oben baue ich mein Fahrrad zusammen, langsamer als sonst, und blicke ihm nach, der langsam über den Vorplatz geht, und sich nicht umdreht. Meine Knie zittern, give me a reason, höre ich in meinem Kopf das Echo der selbstzerstörerischen Hoffnung, den Schmerz in meinem Kopf vielleicht durch körperlichen ersetzen zu können, icy colder, im Dienst sogar noch einer guten Sache. Wacklig in den Pedalen radle ich zum Liquor Store, kaufe eine Flasche Ballantines und einen Flachmann Southern Comfort, dessen klebrige Süsse im Mund und an den Händen mich erstaunt, all sugary spices. Ich hatte das Getränk immer für Branntwein gehalten. Aber wer braucht schon Southern Comfort, wo es Whisky gibt.

Tuesday, March 16th, 2010

looking stupid

Zwei kleine Räder drehen sich, schneller noch als grosse das müssten, und rollen über den Deckel auf dem alten Kanal. Vor hundert Jahren schwammen hier Lastkähne mit pennsylvanischer Kohle in den glühenden Industrieofen Newarks, heute rollt auf dem Grund des Kanals die Strassenbahn und oben drauf die Neuerfindung der Stadt fürs nächste Jahrtausend, mit Condos und Handyläden und neuen Pflanztrögen. Aus der Metropole wurde nach dem Niedergang ihrer Industrie ein sozialer Herd, verschlimmert durch die Bauernschläue der Stadtherren, die Bundesmittel zum Wohnblockbau einwarben, und dann mit der geballten Unterschicht, die kam, um darin zu wohnen, nicht fertig wurden. In den sechziger Jahren dann der Bürgerkrieg, die Innenstadt brannte ab, die Nationalgarde besetzte die Stadt drei Tage lang, und vier Jahrzehnte lang regierten danach Armut, Mord und Schrecken die Stadt, ein Geschwür, das alle amerikanischen Städte von innen aushöhlt, ihre Innenstädte verschlingt, die Hoffnungen der Bewohner, die Güte, den Gemeinsinn. Klingt komisch, ist aber so.

Ich denke aber an ein anderes Geschwür, als ich über den versteckten Kanal rolle auf meinem lächerlichen Rad, und zugleich an noch ein drittes. Anschreien hätte ich ihn mögen, den feigen, alten Sack, ihm vergeben, ihn verfluchen, stattdessen verging seine Welt eine Welt weit weg, und meine Fragen und meine Enttäuschung und das verängstigte Kind unter der Decke mit ihr. Das ist der alte Schmerz, der neue jetzt von anderer Dimension, diesmal gibt es keinen Hass, keine Verletzungen, nur die Fassungslosigkeit, dass es ernst ist mit dem Elend und mit dem Tod, und wieder ist es eine Welt weit weg, und hilflos wieder wie damals das Kind. You look stupid, ruft einer gutgelaunt aus seiner tief hängenden Hose, für ein Stückchen Prestige, und einen anerkennenden Blick aus den anderen Hosen heraus, die ihn begleiten. “I don’t mind *looking* stupid”, lege ich mir zurecht, “how is *being* stupid working out for you”, aber als mir das einfällt bin ich ja schon einen Block weiter auf dem Kanal, und ohnehin: er hat recht. Ich sehe bescheuert aus. Warum soll man mir das nicht sagen dürfen?

Am Abend rollt der Tag sich wieder ein, unten am Ende des Kanals der Bahnhof, und gleich nach der Tür ein Schubs gegen die Schulter. Hey man, grüsst es mich. Ich gehe grusslos weiter, hier, wo die Greyhounds abfahren, halten sich Elemente auf und Figuren, Tony Soprano verabschiedete hier Janice, was soll man da stehen bleiben, aber jetzt ruft es von weit hinten laut “You don’t recognize me, do you?” und ich drehe mich doch noch um. “No”, sage ich unsicher, “are you the guy who asked about my bike the other day”? Nein, ist er nicht. Where do you live, fragt er schalkhaft, und dann wirft er meine Antwort triumphierend als Beweis auf mich zurück: Jersey City, eben, sag ich doch, er sei nämlich der Briefträger. Also der Aushilfsbriefträger sei er, er sehe mich immer am Samstag. Und sein Auto habe eine Panne, er deutet nach draussen in den eisigen Regen. Ob ich dieses Spray kenne, mit dem man Reifen von innen flickt, er macht eine Handbewegung, die Finger spreizen sich auf, schliessen eine Lücke. Und ob ich am Samstag zuhause sei. Und ob ich ihm vierzig Dollar leihen könne, er werde sie einwerfen beim Zustellen, er lacht freundlich, voller Hoffnung, appelliert an meine Güte und an meinen Gemeinsinn und an das Loch in meinem Herzen. Oder vielleicht auch an das in meinem Magen und den resultierenden Unterzucker, oder an das Summen in meinen Ohren. Ich gebe dem Aushilfspostboten Geld, das ich selbst nicht habe, frage nicht nach seinem Namen, sage ihm nicht meine Adresse, und gehe schnell zur Rolltreppe, um den Gedanken zu entkommen. In meinem Rücken höre ich ihn lachen, das Geräusch abgerissen von der zufallenden Bahnhofstür. Ich stelle mir vor, wie er sich in der kalten, nassen Nacht von Newark auflöst wie das Gespenst einer alten Angst, die Hand mit den sich spreizenden Fingern hoch erhoben, ein Loch zu stopfen, das die Zeit in die Welt gerissen hat.

Sunday, February 14th, 2010

liberty city minute

Hinterm Steuer in der silbernen, alten Limousine mit den zu weichen Stossdämpfern schaukelt ein grauer Mann mittleren Alters, mit Vorfahren aus dem Mittelmeerraum, auf der Nase eine Brille mit dicken Gläsern und dickerem Rand. Er sieht ein bisschen aus wie Uncle Junior. Das sehe ich aber erst, als er hinter mir vorbeischaukelt, zuerst sehe ich das sich erweiternde Trapez des Kühlergrills zu meiner Linken, das sich rasch aus seiner sicheren Lage orthogonal zu meiner Fahrtrichtung in eine dazu parallele dreht: der mittelalte Herr mit der Brille überholt mich links, um quer durch mich durch nach rechts abzubiegen, Merkt es aber noch und brüllt “Watch out, you fucking idiot”. Sprachlos rolle ich weiter, drehe mich um, und sehe die Brillenvisage selbstgerecht um die Kurve wippen, bloss eine weitere Jerseyattacke auf Leib und Leben eines Radfahrers.

Aber jetzt ballt sich erst in meinem Magen, dann summend auch im Kopf, die Frustration und Wut über alles, das grade schiefläuft in meinem Leben, zu einem leckeren Klops in einem Teller Knüppelsuppe, und bevor ich noch weiss, was ich da tu, hebe ich das zierliche Vorderrad vom Schnee, fädle mich durch zwei Reihen wartender Autos neben den silbernen Schlitten und brülle zurück, “did you just almost run me over AND fucking yell at me”, wie in Grand Theft Auto IV würde ich ihn jetzt gerne aus der Karre zerren, “I need this. Don’t make me kill you” und das ausgebrannte Wrack dann irgendwo stehen lassen. “That’s a turning lane”, brüllt es zurück durch den Fensterspalt, “be aware of what you’re doing”, die grauhaarige Frau auf der Rückbank duckt sich wie unter Peitschenschlägen, und meine Wut verfliegt, vielleicht hat er ja recht, verstockholmt, auf offener Strasse. Am Abend erneuere ich mein angeknackstes Wissen: die Abbiegespur ist keine. Begegne mir in GTA IV, Brille, dann reden wir nochmal.

Tuesday, January 12th, 2010

the handy man

Who can take a Schutzblech
Thread it with a screw
Replace it on his bike, and make it look brand new?
The handy man.
Oh, the handy man can.
Cause he screws it up with love,
And makes the wheels turn good.

Who can stain his fingers
Blacker than the night
Full of grease and tar and dirt, reflecting zero light?
The handy man.
The handy man can.
The handy man can,
Cause he grabs the dirty parts
And makes them work all right.

Who can take a seat clamp
And add the right sized nut
Fix the saddle with it and then use it for his butt?
The handy man
The handy man can
The handy man can,
Cause he screws it really tight,
And makes the wheels turn right

And the wheels turn right,
Because the handy man hoped they might.

Friday, January 1st, 2010

2667

Die Räder des Einkaufswagens pflügen feucht seufzend durch den Schneematsch, bleiben alle paar Meter an einer Kante zwischen unebenen Gehwegplatten hängen und lösen sich mit einer kleinen, sprunghaften Beschleunigung wieder, Schluckauf der Bewegung. Ebenso verhält sich der dichte Feierabendverkehr auf West Side Avenue, der Friedhofsfront mit ihren verschneiten Gräbern entlang. Hat das Stocken des Verkehrs andere Gründe als die Rotphase der Ampel Ecke Montgomery, hupen die Fahrer von hinten, die zwar das grüne Leuchten der Ampel, nicht aber die verstopfte Strasse dahinter sehen. Dieses Hupen macht mich melancholisch, unnötige Aggression steckt darin, Frustration, die mitgehupte Annahme, die Mitmenschen seien egoistische Esel und sie anzuhupen ein zweckvolles Tun. Oder vielleicht leckt die Melancholie auch nur aus den Seiten von 2666, dem Ruf aus Bolanos Grab, den ich jetzt zum Jahresende endlich lese, es ist schwer zu sagen, in welcher Richtung hier die Säfte fliessen.

Als ich die Strasse überquere, ruft hinter mir eine heisere Frauenstimme dreimal in kurzen Abständen um Hilfe, nicht übermässig laut, aber doch lauter als man es im Scherz würde. Ich begreife den Inhalt erst beim dritten Mal und drehe mich sofort um, aber ausser Autos und einer kleinen Gruppe von Passanten sehe ich niemandem im Dämmerlicht. Ich spähe in die langsam vorüberrollenden Autos, für einen kurzen Moment lang in höherem Auftrag als dem der Getränkeflaschen und der Katzenstreutüte, aber sehe dort nur die müden Menschen und ihre Telefone. Ich drehe mich zurück, stehe noch einen Moment so im schwindenden Licht, und versuche mich noch einmal an das Geräusch der Rufe zu erinnern, das in meinem Gedächtnis langsam verblasst.

Monday, December 14th, 2009

Küchenlatein

Ich stand wo rum in einer Küche bei einer Party, im Wohnzimmer lauter Amerikaner, die amerikanische Geräusche machen und sich gegenseitig Pingpongbälle in Bierbecher schmeissen, oder die Becher durch die Gegend schnippten, umdrehten, ich tu natürlich nur, als wüsste ich nicht ganz genau die Regeln, alles sinnleere ritualisierte religiöse Unterfütterung des Trinkens, das die collegealten Amerikaner offenbar sich sonst nicht trauen, sondern eine Anleitung brauchen sie, Exkulpation vorweg, oder sie haben eben Angst vor den Ausländern, die hier in der Küche sich versammeln, den Kopfmenschen, den Wissenschaftlern, und ich sage zu den Leutchen, die sich da in der Küche versammelt haben, dass mich die Situation an Jona Lewie erinnert, und ernte leere Blicke und Schulterzucken, und sofort ist da wieder dieses Gefühl, nicht dazu zu gehören, ohne genau zu wissen, wozu eigentlich, ein Freak, dabei will man ja eigentlich nie dazugehören, nirgends, Groucho Marx sagts, wies ist, und dass er den Schnurrbart nur angemalt hat, hab ich ungelogen erst nach Jahren kapiert, allerdings Jahren, in denen ich nix von den Marxbrothers gesehen habe, fairerweise dazu. Dabei sind die doch die Freaks hier alle in meinem Alter oder knapp drunter, und die kennen dieses Lied nicht, ich weiss selber schon wieder nicht mehr, obs gut ist, ist mir auch egal, weil ich automatisch zurück katapultiert werde in eine Zeit, in der es nämlich wirklich egal war, ob etwas gut war, also: ob andere das gut finden, oder ob ein Geschmacksstandardler da seinen Stempel draufgehauten hat, aber keiner kennt das Ding, oder will es zugeben, und dann ist der Moment vorbei und einer von uns geht aus der Kopfküche, Pingpongbälle ins Bier schmeissen und Klarheit und Trennung gehen zum Teufel und alles ist wieder Brei und Fleisch.

Nice try, Freundchen, aber das wird so nichts, kauft Dir keiner ab, du bist doch selber zu hungrig nach dem Stempel, der Hand auf dem Unterarm, dem freundlichen Blick, den Lippen, Du verkaufst doch Deine eigene Seele dafür, dass jemand sie mal ein bisschen baumeln lässt, am ausgestreckten, wohlgeformten Arm. Und was redest du hier eigentlich schon wieder daher, guck dir das Video mal an, letzte Strophe, Lewie kommt nämlich raus aus der Küche, die bunten Mädels hüpfen doch nicht ohne Grund. Die Gelbe ist Kirsty MacColl, Slut on Junk im Fairytale of New York, das passt hier, Faust aufs Auge, das kann man hören in der Partyküche und ein bisschen heulen dabei wie immer, obwohl schade, weil die Orange sieht man besser bei der Strophe, dieses Hinguckenmüssen und jetzt auch noch das übers Hinguckenmüssen Redenmüssen, wer hält das aus. Von einem Boot totgefahren wurde MacColl, weil sie ihren Sohn retten wollte vor dem Boot und auch gerettet hat, aber selber wurde sie deshalb kaputtgefahren, ohne das scumbagmaggot Scheissinternet hätte ich das jetzt nicht erfahren, hätte auch nicht sein müssen, wollte ich nicht im Hirn haben, und was heisst es eigentlich, dass ich über den erfundenen New Yorker Weihnachtsbums heule, aber über die totgefahrene Mutter heule ich nicht, da ziehe ich nur einen ekelhaften Betroffenheitsflunsch, das will ich nämlich auch nicht wissen was das heisst, zumindest jetzt nicht. Obwohl Wissen ja eigentlich immer besser ist als Nichtwissen, ja leg mr a Mark ind Dasch, weiss doch jeder, ist so in der Küche, bis dass die letzte Strophe kommt, aber die kommt nicht und nicht, und nicht und nochmal nicht.

Wednesday, December 9th, 2009

Irre

Über der Buchkante sehe ich den Rand der Brücke und den Hackensack darunter. Es dauert einen Moment, ehe ich das Gefühl des Ungewohnten einordne; die neuen Wagen haben tiefer ausgeschnittene Fenster, den Brückenrand habe ich zuvor nicht sehen können. Die Bewegung wird langsamer und kommt zum Erliegen, wir stehen auf der Brücke, das Wasser unter uns träge und stellenweise verwirbelt durch Unsichtbares. Mein Blick hebt sich, auf dem Dach der Lagerhalle am Ufer sitzen hundert Möwen, kleine Knubbel auf dem bleichen Blechdach, und warten. Der Zug fährt langsam wieder an. Ich lese weiter.

Monday, November 2nd, 2009

Halloween 2009

(Für den Brenner)

Jetzt ist schon wieder nichts passiert. Aber hätte natürlich sollen. Nur, schwarze Katze von links eigentlich immer Unglück, frage nicht. Obwohl, ob es jetzt von links ist oder von rechts bin ich mir gar nicht sicher, da müsste ich erst mal googeln. Von der Physik her betrachtet ist das natürlich egal. Es macht eigentlich keinen Sinn, dass man annimmt, dass bei einer Katze die Symmetrie gebrochen wird und es plötzlich rechtsrum Unglück bringt und linksrum Glück oder umgekehrt. Bei der Leiter liegt der Fall anders, wenn du da drunter durch gehst und dem der oben steht fällt der Farbeimer aus der Hand, hast du erstmal den Salat, wo aussen rum nichts passiert wäre, aber Katze eigentlich symmetrisch, rein von der Mathematik her. Jetzt sowieso, wenn die Katze deine eigene Katze ist und sie kommt von links aus der Küche während du rechts ins Bad gehst, das ist sowieso nochmal was ganz anderes, weil das ist ja praktisch eine Gesetzmässigkeit, dass das hungrige Tier erst noch mal jault, bevor du gehst, oder vielleicht nicht jault, weil Jaulen eher Hund, sondern maunzt. Aber ein sehr gejaultes Maunzen dann, das schon. Und wenn das gesetzmässig so ist, dass deine Katze immer von links aus der Küche kommt, dann kann das ja kein Unglück bringen, weil sonst wäre ja dauernd Unglück, hält ja kein Mensch aus. Und deswegen also Privatkatzen ausgenommen von der Regel. Aber passiert ist trotzdem nichts.

Hat der Schreiber also die Katze gefüttert und ist aus dem Haus gegangen, und jetzt wenn du heute rausgehst, und es ist draussen warm und schwül und feucht, also einfach schwül, genau genommen, weil warm und feucht schon drin im Wort, und Regen liegt in der Luft und du hast aber keinen Schirm dabei, dann denkst du vielleicht jetzt doch, dass die Katze schuld ist mit ihrem Gelaufe. Aber da muss man aufpassen wie ein Schiesshund, dass man nicht ins Abergläubische fällt, weil das hat sich schnell und du kommst nicht mehr raus. So wie du zum Beispiel auch schwer wieder raus kommst, wenn du zum Beispiel fünf Bücher gelesen hast in einem bestimmten Stil und musst dann was eigenes schreiben, und schreibst es dann in diesem Stil, ob du willst oder nicht. Aus Versehen aber nur, darfst du nicht vergessen, so eine Art Schreibaberglaube ist das, aber passt auch ganz gut zum Anlass, weil jetzt pass auf: es war nämlich Halloween, und da verkleidet man sich ja eigentlich ganz gerne und tut so, als wäre man jemand anderer ein paar Stunden lang. Und warum soll man das nicht mal im Schreiben machen statt immer mit Pappschachteln, auf denen mit Filzstift IPOD draufgeschrieben steht.

Jetzt der Regen. Da weisst Du natürlich gleich, wenn jetzt schon so tiefe Wolken und feine Tröpfchen in der schweren Luft, dann später wahrscheinlich so richtig Guss und du keinen Schirm und nichts. Drehst du aber trotzdem nicht um, weil die schwüle Luft und das Licht, so eine Stimmung ist das, wo man lieber weiter macht mit dem, was man grade angefangen hat und nicht gross abbiegen will. Fatalismus sagt man dazu, aber in diesem Fall kommt es eher vom Wetter her. Jetzt, wenn man sowieso schon eine bestimmte Stimmung hat, dann fallen dir gleich Sachen ein, die in diese Stimmung gut reinpassen und du kommst vom Hundersten ins Tausendste, Faktor zehn Fatalismus, rein von der Mathematik her. Dann fällt dir dies und das wieder ein, dummes Zeug, was du selber gemacht hast, dummes Zeug, was andere gemacht haben, und plötzlich spürst du einen Schmerz hier und einen Schmerz da, und denkst an Spritzen und fühlst dich allein, und es ist aber alles nur wegen dem blöden Wetter, wo es jetzt sogar schon ein bisschen richtig regnet, aber die Kapuze an deiner Jacke sitzt zu eng auf den Haaren und du ziehst sie wieder runter und wirst lieber nass. Obwohl “lieber” vielleicht ganz das falsche Wort hier, Nasswerden eher auch Fatalismus in diesem Fall, Faktor zehn eben.

Bahnhof aber überdacht, beziehungsweise sagt man ja nicht überdacht, wenn was unterirdisch liegt, sondern eben unterirdisch. Obwohl so richtig unterirdisch ist Journal Square dann ja auch wieder nicht, so eine Schneise praktisch ins Gestein gesprengt haben sie da für den Zug, und wenn man die kaputten Rolltreppen runtergeht zu den Bahnsteigen sieht man an den Seiten die nackten Steine und an den Enden aber, von wo die Züge kommen und wohin die Züge fahren, sieht man den Himmel durch eine enge Schlucht. In die es jetzt ein bisschen reinregnet, macht aber nichts, weil Bahnsteig sonst eben unterirdisch und trocken. Und unterirdisch hat aber noch eine andere Bedeutung hier, weil der Bahnsteig ist ausserdem auch voller Geister und Gestalten, praktisch ein Hades, und der Regen dann vielleicht der Styx, naja Quatsch eigentlich, ich lass mal.

Aber Gespenster und Gestalten wirklich, weil heute wie gesagt Halloween, da ist alles voller Gestalten, und der frisch eingefahrene Zug ist auch sofort rappelvoll mit Supermännern und Zombies und Prinzessinnen und Gladiatoren und Master Chief und Cortana, das kennst du wahrscheinlich, aus diesem Spiel da. Und auch rumgestanden auf dem Bahnsteig und später in der Stadt sind dann noch Marios und Supermarios, aus dem anderen Spiel also, und das waren so viele Marios, du konntest praktisch um keine Ecke biegen ohne dass Dir ein Mario entgegen kam. Da kommt man natürlich ein bisschen ins Grübeln, so über die moderne Zeit und das früher, und dass es heute schon ganz schön schwierig ist, was originelles zu machen. Weil originell heisst ja immer, dass es niemand anders macht, und wenn du mitten in ein paar Millionen Leuten stehst ist natürlich die Wahrscheinlichkeit gar nicht so wenig, dass jemand anders auf denselben Trichter gekommen ist wie du. Früher konnte man sich auf seines Daches Zinnen stellen, und war gleich wer, aber heute gehst du da rauf, und da stehen dann noch 10000 andere, weniger Platz als auf einer Stecknadel. Jetzt warum Stecknadel und Platz? Das kennst Du vielleicht, mit den Engeln, aber in diesem Fall keine Engel, oder nur ein paar, aber U-Bahn-Wagen, und zwar superrappelvoll. Schon an der nächsten Station sind nämlich noch viel mehr gekommen, da hat der Schreiber aufgeschaut von seinem Buch, ein Hundekeks war vorne drauf auf dem Buch, kennst du vielleicht, und so ein Gladiator stand ganz eng vor ihm, und da wurde ihm schon kurz komisch und er hat gedacht, wenn jetzt was passiert, komm ich hier nicht raus. Das ist Quatsch natürlich, was soll passieren, ist ja nicht die U-Bahn von Tokio oder von San Francisco wo oben Haie drüber schwimmen, aber so ist der Mensch. Vielleicht war das auch ein bisschen noch der Fatalismus, kann schon sein. Aber Problem jetzt natürlich, wenn du sowas mal gedacht hast dann kannst du gar nicht mehr aufhören, das zu denken, immer im Kreis geht das, nur ist der Kreis ziemlich klein, weil wenn sich so ein Gladiator über dich beugt in einem rappelvollen U-Bahn-Wagen, sehr wenig Platz übrig für Gedanken, ja was glaubst du.

Davon hat der Schreiber sich jetzt ablenken wollen, und aufgehört zu lesen und sich stattdessen umgeschaut im Wagen ob da vielleicht schön verkleidete Frauen sind, weil Frauen immer gut zur Ablenkung. Und Frauen waren schon da, in der U-Bahn nach Manhattan, da muss ich ehrlich sagen, das wäre ja seltsam gewesen, wenn nicht. Aber du kennst kennst das vielleicht. Manchmal, wenn du eh schon in so einem Fatalismus drin bist, dass dir der Kopf schwirrt, dann wenn du schöne Menschen siehst wird das eher schlimmer als besser. Oder vielleicht wäre es auch bei hässlichen Menschen ganz genauso gewesen, weil Tatsache ist ja einfach, dass überhaupt kein Platz mehr in diesem Wagen war und überall, wo du hinschaust, sind Menschen. Jetzt wenn da kein Platz ist, ist es dann eigentlich egal, wie die aussehen, wenn du sowieso zur Klaustrophobie neigst ist dir jeder Mensch zuviel. Nur die schönen erinnern dich halt noch zusätzlich an was, aber egal jetzt.

Aber leider ist es heute so, dass wenn ein Nahverkehrszug von einem nicht so guten Ort an einen besseren fährt, dass dann im Schnitt in jeder Station mehr Personen einsteigen als aussteigen. Ich sage im Schnitt, weil natürlich kann es schon einmal vorkommen dass da ein paar mehr aussteigen, aber doch eher selten, meistens mehr Einstieg, und heute ist besonders Einstieg, ein Rummel, frage nicht. Jetzt sind also in Hoboken nochmal ein paar Dutzend Marios in den Wagen gestiegen, dass du geglaubt hast Sardinen. Oder ehrlich gesagt hat der Schreiber schon vorher gedacht, Sardinen, und jetzt also noch enger, Quetschsardinen praktisch, aber das hat er schon nicht mehr gedacht, weil jetzt hat er gemerkt, denken geht nicht mehr, jetzt kommt das Herz und schlägt zu schnell und der Schweiss, und da ist er schnell aufgestanden und hat sich durch die Sardinen zum Ausgang gewühlt, weil von Hoboken nach Manhattan lange Kurve und Tunnel, und das dauert, und wenn du da in einer Sardinendose steckst und kriegst Panik, mein lieber Herr Gesangsverein, ganz im Ernst jetzt. Jetzt steht der Schreiber also am Bahnsteig und sieht den Zug davonfahren und rundherum aber so viele Zombies und Marios und neue Gladiatoren, dass eigentlich ganz klar ist, der nächste Zug, das geht auch nicht, der wird genauso voll. Und er kann eigentlich gleich wieder heimgehen, weil ganz Manhattan wahrscheinlich alles Sardinen, Fischdose ein Dreck dagegen.

Aber dann war der nächste Zug sogar fast leer, wie er angekommen ist in Hoboken, und direkt da an der Tür konnte man dann nachdem alles Gespenster drin waren selber grade noch so eingequetscht ein bisschen stehen, wieder Sardine eigentlich, aber ohne Quetsch. Jetzt du kennst das vielleicht, wenn was eigentlich nicht geht, dann willst du das erst recht, und jetzt hat sich der Schreiber also auch noch in den Wagen gezwängt und die Tür ging zu und ab ging die Fahrt. Und wie erwartet ist der Zug ganz langsam um die Kurve gefahren von Hoboken nach Manhattan, beinahe angehalten hat der, was Schlimmeres gibt es eigentlich gar nicht, als dass du heute in einem Tunnel eingequetscht im U-Bahn-Wagen stehst und der Zug bleibt dir stehen. Weil du weisst, nach allen Seiten überall nur Steine, selbst wenn jetzt die Tür aufgeht ist da gar kein Platz, nirgends, lieber gar nicht dran denken. Und der Zug ist dann ja auch gar nicht stehen geblieben, sondern langsam weiter nach Manhattan gefahren, Glück gehabt im Unglück, sagt man so, stimmt in dem Fall aber auch. Nur in Manhattan war es dann aber auch nicht besser. Und wie er da im unteridischen Stau gestanden hat, da hat der Schreiber wieder dasselbe denken müssen, das er schon in Hoboken gedacht hat. In Hoboken hat er gedacht: wäre ich mal lieber zu Hause geblieben. Und jetzt in Manhattan hat er gedacht: wäre ich mal schön in Hoboken geblieben. Nicht ganz dasselbe, das stimmt schon, aber du weisst schon, was gemeint ist.

Wie er dann draussen war, hat er sich erst mal auf der sechsten Avenue ein bisschen an die Hauswand gelehnt, weil da natürlich auch wieder alles voller Menschen. Da würde man sich doch mal ein bisschen Originalität wünschen, weil wenn du heute eine Stadt hast mit Millionen von Einwohnern, und die wollen alle dasselbe sehen, Katastrophe. Du machst dir kein Bild. Und jetzt ist es nochmal passiert, er hat die anderen angerufen, also nicht die sechstausend, die ihm da grade auf den Zehen gestanden sind, sondern die, die er eigentlich treffen wollte zum Parade angucken, und dann ist er durch das Gewimmel und Gewühle da hin gegangen, wo sie gesagt haben, dass sie sind, und dann hat er wieder gedacht: wäre ich mal schön an der Hauswand stehen geblieben. Weil die waren natürlich schon längst wieder woanders, und von der Hauswand aus hätte man die Parade sehen können, ganz gut sogar, und von hier aus aber: Pustekuchen.

Und wie er dann zu diesem Wieder Woanders gekommen ist, dasselbe Spiel nochmal, keiner da, ausser ein paar tausend Fremden. Diesmal steht er an einer Polizeisperre, klingt gut eigentlich, Polizei, aber nicht gut für die Nerven, weil dauernd kommt von hinten jemand und will durch, und dann musst du sagen: geht nicht, Polizeisperre, und dann glauben sie dir nicht, und die Frau neben ihm hat schon laut rumgeschrien weil sie nicht kapiert hat, das sind immer andere. Die hat gedacht, sie erklärt immer demselben, dass da der Eingang verrammelt ist, und da ist sie natürlich laut geworden, kann man auch verstehen, keine Frage. Und wie es dann auch noch richtig angefangen hat zu regnen, ist er aber gegangen, weil: den Umzug konnte man von der Sperre aus sowieso nicht sehen, das kannst du vergessen. Jetzt hat er dann am Ende doch noch die anderen gefunden, aber zu spät. Weil die gehen jetzt in eine Bar, und er darf nicht trinken und ist müde wegen der Tabletten oder Pillen oder wie sagt man, und nimmt als sie den Zug nach Norden nehmen stattdessen den nach Süden, weil er hofft, dass er da am World Trade Center umsteigen kann nach Jersey und dann vielleicht nicht der ganze Zug voller Gespenster ist da unten und nicht gerade ein Sitzplatz, aber eine Stehecke vielleicht statt Fischdose.

Aber plötzlich ist der Zug dann an der zweiten Avenue, er hats aus dem Wagenfenster gesehen, zwischen den Marios durch, und das ist überhaupt nicht auf dem Weg zum World Trade Center. Da erschrickst du natürlich erst mal und springt auf und aus dem Zug. Was soll das denn jetzt, weil am Bahnsteig steht ja hier nur die F Linie angeschrieben, und du bist doch in einen A Zug gestiegen, und tatsächlich, der Zug, der da rausfährt ist ein A Zug, es steht ja an jedem Wagen einzeln dran. Und weg ist er. Wäre ich mal lieber sitzen geblieben, denkt der Schreiber, aber zu spät natürlich schon wieder. Geht er eben raus, vielleicht kann er ja zu Fuss weiter, und dann sieht er draussen an einem Kino A Serious Man angeschrieben und denkt sich: warum nicht? Wenn alle auf der Strasse sich nassregnen lassen und einander im Weg stehen setze ich mich in ein Kino und gucke den Film. Wie er dann wieder rausgekommen ist, hat er sich aber eher gedacht: wäre ich mal lieber vorbeigelaufen am Kino. Weil, der Film war deprimierend, das war nicht mehr feierlich, schwarz wie Lumpi, frage nicht. Und aber ein guter Film war es auch, also gut gemacht. Jetzt ist das bei einem deprimierenden Film ja manchmal so, dass du dir wünschst, er ist schlecht gemacht, weil dann wenigstens Lachen möglich. Aber wenn so ein Film dann auch noch gut gemacht ist, hast du natürlich Pech gehabt, ja gute Nacht.

Der Fussweg war dann noch ein ganzes Stück, wo er noch mehrfach gedacht hat, wäre ich mal schön zuhause geblieben bei der schwarzen Katze, aber da war es natürlich schon lang zu spät. Jetzt hätte er sich noch denken können: das mach ich so schnell nicht wieder, aber bringt ja gar nichts, weil Halloween erst wieder in einem Jahr, das machst du so und so nicht so schnell wieder. Und bis dahin hat er das dann vergessen, wie das war, das kennst du bestimmt. Da hilft dann auch Aufschreiben nichts.

Monday, September 21st, 2009

Niederschlag

“If you root yourself to the ground, you can afford to be stupid.”
(P. Churchland, Neurophilosophy)



Abb. ähnlich.

Die kleine Lache an der Ampel, die grade auf rot sprang, enthält nicht genug Wasser, um den Himmel vollständig einzufangen, stattdessen sehe ich der graublauen Wolkenspiegelung überlagert die kleinen Steine des Asphalts und die Zweige der früh von den Bäumen gefallenen Blätter. Die Sichtbarkeit der Steine innerhalb und ausserhalb der Pfütze verhält sich invers zu ihrer Leuchtdichte, im feuchten Dunkel stechen die hellen Steine, in der Trockenheit die dunklen Krumen und die Schatten hervor. Die Blattfragmente und Stiele wurden aus der Mitte getrieben von Wind und den gelegentlich durch die Lache pflügenden Reifen, und haben sich am Rand der Lache angefunden, grade noch innerhalb des Ringes, in dem das Wasser nicht mehr steht, sondern nur noch das Material benetzt, ein zufällig entstandenes, filigranes Ornament an der ansonsten nicht sehr interessanten Wasserfläche. Alles, Steine und Stiele und Fragmente, schrumpft sichtbar zusammen ohne seine jeweilige Position zu verändern, Strasse und Lache entfernen sich von mir und verharren zugleich trotzig, Zentimeter vor dem Vorderreifen. Dann rollt der Reifen durchs Wasser, grüne Tupfen springen auf den kleinen Wellen, die Lache bleibt zurück, und der optische Fluss vor meinen Augen kehrt sich erneut um. Hinter mir bis zum Wasser erstreckt sich eine komplexe Folge von kurzen dunklen Strichen, die in der Herbstsonne schnell verblasst.

Thursday, September 10th, 2009

soab

I
Ihr Mann, sagt die Krankenschwester, wolle seit Jahren ein Klappfahrrad kaufen. Er wolle sich gerne mehr bewegen, radeln sei da perfekt, nur seien normale Räder so sperrig, aber dieses Fahrrad, das sehe ja perfekt aus. Ob sie es mal hochheben dürfe. Sie darf. Fantastisch, sagt sie noch einmal, zum dritten Mal, dann erlischt das Lächeln, sie nimmt ihr professionelles Gesicht aus dem Etui. Von solchen Nebenwirkungen habe sie noch nicht gehört, das klinge ja schlimm, sie könne da weiter nicht viel zu sagen. Dann gibt sie mir einen Termin bei der Ärztin der Klinik, eine Woche später. Ob sie mit rauskommen dürfe, mir beim Zusammenbau des Rades zuzusehen. Sie darf.

II
That’s cool, sagt eine Woche später die junge Rezeptionistin und deutet durch die Glaspanele neben ihrer Bürotür aufs zusammengkelappte Rad. You ride around here? Vom und zum Bahnhof, sage ich. That’s cool, sagt sie nochmal und trägt meine Krankenakte doktorwärts. Die Schwester komme gleich und gebe Bescheid, sagt sie nach der Rückkehr, dreissig Minuten zu spät sei ich ja. Und dass das toll sei, das Fahrrad.

Das findet auch die Schwester, die die Akte einige Minuten später wiederbringt und bleibt kurz davor stehen, um ihrer Bewunderung Ausdruck zu geben. Man könne mich nicht mehr dazwischenschieben, drei andere warteten noch, und die Ärztin möchte schliesslich pünktlich in ihre Mittagspause. Die Rezeptionistin gibt mir einen Termin für nächste Woche, pünktlich sein, mahnt sie, die Ärztin sei da pingelig. Ich quittiere die Fahrradkomplimente der Schwester mit einem Nicken und gehe nach draussen, wo ich ein paar Minuten reglos stehe, im Kopf das helle Rauschen der Schlaflosigkeit. Dann radle ich davon.

III
Oh, it’s you again with your bike, sagt die Krankenschwester mit dem Mann und lächelt, und ich nicke stumm und schaue in die andere Richtung. Seit fünfundvierzig Minuten sitze ich jetzt hier, eineinhalb Stunden werden es insgesamt sein, ehe man mich ins Behandlungszimmer rufen wird. Vor zehn Tagen habe ich selbst entdeckt, dass das Absetzen meiner Bluthochdruck- und Cholesterinmedikamente die Nebenwirkungen erträglich macht, die Hölle zum Fegefeuer mildert, ich weiss gar nicht, weshalb ich eigentlich heute noch gekommen bin, warum ich denen die Gelegenheit gebe, mich warten zu lassen. Insult to injury.

One fourty over one hundred, Kai, sagt die Schwester. Sie sagt jetzt dauernd meinen Vornamen, weil ich mich unzweideutig übers Weggeschicktwerden beschwert habe. Ich durchschaue die quietschende Mechanik, aber es wirkt trotzdem. Hier gelte ich was, als Person. Hier darf ich sein. You need to talk to your primary doctor, we don’t want you having a stroke. Ja, nein, ich doch auch nicht.

Die Ärztin hat dem nichts hinzuzufügen. Mit meinem Hausarzt solle ich sprechen. Es tue ihr leid, dass man mich weggeschickt habe. Wieviel ich denn so Rad führe. Sieben Kilometer täglich! Das sei ja ganz schön viel.

Als die Tür hinter mir zufällt, sage ich halblaut Son of a Bitch. Ich fluche jetzt nämlich auf Englisch.