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Zwei kleine Räder drehen sich, schneller noch als grosse das müssten, und rollen über den Deckel auf dem alten Kanal. Vor hundert Jahren schwammen hier Lastkähne mit pennsylvanischer Kohle in den glühenden Industrieofen Newarks, heute rollt auf dem Grund des Kanals die Strassenbahn und oben drauf die Neuerfindung der Stadt fürs nächste Jahrtausend, mit Condos und Handyläden und neuen Pflanztrögen. Aus der Metropole wurde nach dem Niedergang ihrer Industrie ein sozialer Herd, verschlimmert durch die Bauernschläue der Stadtherren, die Bundesmittel zum Wohnblockbau einwarben, und dann mit der geballten Unterschicht, die kam, um darin zu wohnen, nicht fertig wurden. In den sechziger Jahren dann der Bürgerkrieg, die Innenstadt brannte ab, die Nationalgarde besetzte die Stadt drei Tage lang, und vier Jahrzehnte lang regierten danach Armut, Mord und Schrecken die Stadt, ein Geschwür, das alle amerikanischen Städte von innen aushöhlt, ihre Innenstädte verschlingt, die Hoffnungen der Bewohner, die Güte, den Gemeinsinn. Klingt komisch, ist aber so.

Ich denke aber an ein anderes Geschwür, als ich über den versteckten Kanal rolle auf meinem lächerlichen Rad, und zugleich an noch ein drittes. Anschreien hätte ich ihn mögen, den feigen, alten Sack, ihm vergeben, ihn verfluchen, stattdessen verging seine Welt eine Welt weit weg, und meine Fragen und meine Enttäuschung und das verängstigte Kind unter der Decke mit ihr. Das ist der alte Schmerz, der neue jetzt von anderer Dimension, diesmal gibt es keinen Hass, keine Verletzungen, nur die Fassungslosigkeit, dass es ernst ist mit dem Elend und mit dem Tod, und wieder ist es eine Welt weit weg, und hilflos wieder wie damals das Kind. You look stupid, ruft einer gutgelaunt aus seiner tief hängenden Hose, für ein Stückchen Prestige, und einen anerkennenden Blick aus den anderen Hosen heraus, die ihn begleiten. “I don’t mind *looking* stupid”, lege ich mir zurecht, “how is *being* stupid working out for you”, aber als mir das einfällt bin ich ja schon einen Block weiter auf dem Kanal, und ohnehin: er hat recht. Ich sehe bescheuert aus. Warum soll man mir das nicht sagen dürfen?

Am Abend rollt der Tag sich wieder ein, unten am Ende des Kanals der Bahnhof, und gleich nach der Tür ein Schubs gegen die Schulter. Hey man, grüsst es mich. Ich gehe grusslos weiter, hier, wo die Greyhounds abfahren, halten sich Elemente auf und Figuren, Tony Soprano verabschiedete hier Janice, was soll man da stehen bleiben, aber jetzt ruft es von weit hinten laut “You don’t recognize me, do you?” und ich drehe mich doch noch um. “No”, sage ich unsicher, “are you the guy who asked about my bike the other day”? Nein, ist er nicht. Where do you live, fragt er schalkhaft, und dann wirft er meine Antwort triumphierend als Beweis auf mich zurück: Jersey City, eben, sag ich doch, er sei nämlich der Briefträger. Also der Aushilfsbriefträger sei er, er sehe mich immer am Samstag. Und sein Auto habe eine Panne, er deutet nach draussen in den eisigen Regen. Ob ich dieses Spray kenne, mit dem man Reifen von innen flickt, er macht eine Handbewegung, die Finger spreizen sich auf, schliessen eine Lücke. Und ob ich am Samstag zuhause sei. Und ob ich ihm vierzig Dollar leihen könne, er werde sie einwerfen beim Zustellen, er lacht freundlich, voller Hoffnung, appelliert an meine Güte und an meinen Gemeinsinn und an das Loch in meinem Herzen. Oder vielleicht auch an das in meinem Magen und den resultierenden Unterzucker, oder an das Summen in meinen Ohren. Ich gebe dem Aushilfspostboten Geld, das ich selbst nicht habe, frage nicht nach seinem Namen, sage ihm nicht meine Adresse, und gehe schnell zur Rolltreppe, um den Gedanken zu entkommen. In meinem Rücken höre ich ihn lachen, das Geräusch abgerissen von der zufallenden Bahnhofstür. Ich stelle mir vor, wie er sich in der kalten, nassen Nacht von Newark auflöst wie das Gespenst einer alten Angst, die Hand mit den sich spreizenden Fingern hoch erhoben, ein Loch zu stopfen, das die Zeit in die Welt gerissen hat.

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