Die Räder des Einkaufswagens pflügen feucht seufzend durch den Schneematsch, bleiben alle paar Meter an einer Kante zwischen unebenen Gehwegplatten hängen und lösen sich mit einer kleinen, sprunghaften Beschleunigung wieder, Schluckauf der Bewegung. Ebenso verhält sich der dichte Feierabendverkehr auf West Side Avenue, der Friedhofsfront mit ihren verschneiten Gräbern entlang. Hat das Stocken des Verkehrs andere Gründe als die Rotphase der Ampel Ecke Montgomery, hupen die Fahrer von hinten, die zwar das grüne Leuchten der Ampel, nicht aber die verstopfte Strasse dahinter sehen. Dieses Hupen macht mich melancholisch, unnötige Aggression steckt darin, Frustration, die mitgehupte Annahme, die Mitmenschen seien egoistische Esel und sie anzuhupen ein zweckvolles Tun. Oder vielleicht leckt die Melancholie auch nur aus den Seiten von 2666, dem Ruf aus Bolanos Grab, den ich jetzt zum Jahresende endlich lese, es ist schwer zu sagen, in welcher Richtung hier die Säfte fliessen.
Als ich die Strasse überquere, ruft hinter mir eine heisere Frauenstimme dreimal in kurzen Abständen um Hilfe, nicht übermässig laut, aber doch lauter als man es im Scherz würde. Ich begreife den Inhalt erst beim dritten Mal und drehe mich sofort um, aber ausser Autos und einer kleinen Gruppe von Passanten sehe ich niemandem im Dämmerlicht. Ich spähe in die langsam vorüberrollenden Autos, für einen kurzen Moment lang in höherem Auftrag als dem der Getränkeflaschen und der Katzenstreutüte, aber sehe dort nur die müden Menschen und ihre Telefone. Ich drehe mich zurück, stehe noch einen Moment so im schwindenden Licht, und versuche mich noch einmal an das Geräusch der Rufe zu erinnern, das in meinem Gedächtnis langsam verblasst.
