I
Ihr Mann, sagt die Krankenschwester, wolle seit Jahren ein Klappfahrrad kaufen. Er wolle sich gerne mehr bewegen, radeln sei da perfekt, nur seien normale Räder so sperrig, aber dieses Fahrrad, das sehe ja perfekt aus. Ob sie es mal hochheben dürfe. Sie darf. Fantastisch, sagt sie noch einmal, zum dritten Mal, dann erlischt das Lächeln, sie nimmt ihr professionelles Gesicht aus dem Etui. Von solchen Nebenwirkungen habe sie noch nicht gehört, das klinge ja schlimm, sie könne da weiter nicht viel zu sagen. Dann gibt sie mir einen Termin bei der Ärztin der Klinik, eine Woche später. Ob sie mit rauskommen dürfe, mir beim Zusammenbau des Rades zuzusehen. Sie darf.
II
That’s cool, sagt eine Woche später die junge Rezeptionistin und deutet durch die Glaspanele neben ihrer Bürotür aufs zusammengkelappte Rad. You ride around here? Vom und zum Bahnhof, sage ich. That’s cool, sagt sie nochmal und trägt meine Krankenakte doktorwärts. Die Schwester komme gleich und gebe Bescheid, sagt sie nach der Rückkehr, dreissig Minuten zu spät sei ich ja. Und dass das toll sei, das Fahrrad.
Das findet auch die Schwester, die die Akte einige Minuten später wiederbringt und bleibt kurz davor stehen, um ihrer Bewunderung Ausdruck zu geben. Man könne mich nicht mehr dazwischenschieben, drei andere warteten noch, und die Ärztin möchte schliesslich pünktlich in ihre Mittagspause. Die Rezeptionistin gibt mir einen Termin für nächste Woche, pünktlich sein, mahnt sie, die Ärztin sei da pingelig. Ich quittiere die Fahrradkomplimente der Schwester mit einem Nicken und gehe nach draussen, wo ich ein paar Minuten reglos stehe, im Kopf das helle Rauschen der Schlaflosigkeit. Dann radle ich davon.
III
Oh, it’s you again with your bike, sagt die Krankenschwester mit dem Mann und lächelt, und ich nicke stumm und schaue in die andere Richtung. Seit fünfundvierzig Minuten sitze ich jetzt hier, eineinhalb Stunden werden es insgesamt sein, ehe man mich ins Behandlungszimmer rufen wird. Vor zehn Tagen habe ich selbst entdeckt, dass das Absetzen meiner Bluthochdruck- und Cholesterinmedikamente die Nebenwirkungen erträglich macht, die Hölle zum Fegefeuer mildert, ich weiss gar nicht, weshalb ich eigentlich heute noch gekommen bin, warum ich denen die Gelegenheit gebe, mich warten zu lassen. Insult to injury.
One fourty over one hundred, Kai, sagt die Schwester. Sie sagt jetzt dauernd meinen Vornamen, weil ich mich unzweideutig übers Weggeschicktwerden beschwert habe. Ich durchschaue die quietschende Mechanik, aber es wirkt trotzdem. Hier gelte ich was, als Person. Hier darf ich sein. You need to talk to your primary doctor, we don’t want you having a stroke. Ja, nein, ich doch auch nicht.
Die Ärztin hat dem nichts hinzuzufügen. Mit meinem Hausarzt solle ich sprechen. Es tue ihr leid, dass man mich weggeschickt habe. Wieviel ich denn so Rad führe. Sieben Kilometer täglich! Das sei ja ganz schön viel.
Als die Tür hinter mir zufällt, sage ich halblaut Son of a Bitch. Ich fluche jetzt nämlich auf Englisch.
