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Nature



Sunday, December 10th, 2006

Die Algenpest

Kennen Sie den? Kommt eine Barbe in die Bierbar von Sevilla und sagt „einmal Haareschneiden bitte“.
Jetzt, wo die Stimmung gelöst ist und die Krawatten gelockert, können wir vielleicht mal ein ernstes Wörtchen reden, liebe Leser. Und dieses ernste Wörtchen, beziehungsweise Wort, es ist nämlich relativ lang, ist „Algenpest“. Na gut, nicht so lang wie „Ammoniakvergiftung“, aber immerhin.
Das Teuflische nämlich ist dies: jede Flocke, die ich arglos ins Wasser werfe, um die Fische frohlocken zu sehen, wird zwar erst gefressen, dann aber später, wenn ich nicht hingucke, wieder rausgekackt, und sodann von Nitronella und Nitrierchen zu Nitratpartikeln umgebaut. Aber damit hat der Irrsinn ja noch kein Ende: auf den Nitratpartikeln siedelt sich Algengen an, eine Substanz, die in der Lage ist, Algen hervorzubringen also, und bringt von da an unverlangt und wie aus dem Nichts Algen hervor. Vermaledeites Algengen!
Überall im Becken wuchert es nun braun daher, auf dem Schloss zuerst, dann an den Wänden, auf dem Heizstab, dem Sprudelschlauch, den Steinchen. Nichts ist der fiesen Alge heilig, auch auf den Pflanzen macht sie sich breit. Sogar auf den Algen selber wachsen Algen.
Das Internet, das ich natürlich sofort um Hilfe bitte, weiss auch nicht so recht. Mal rät es zur sofortigen Algenvertilgung, dann wieder sagt es, dass Algen Nitrat aus dem Wasser rausnehmen und im Austausch Sauerstoff per Chlorophyllese reintun, und dass man sie ruhig machen lassen soll. Schizophrenes Internet, wie charmant sind deine Ratschläge!
Ich halte mich dann auch prompt daran, lasse die Algen auf Schloss und Stein gewähren, schrubbe sie aber sorgfältig von den Fensterscheiben und den Pflanzen runter, mal hü, mal hott. Es ist zwar nicht gut, dass der Mensch oder der Fisch allein sei, aber die Pflanze schon. Die Chlorophyllese gelänge ihr unter einem Algenteppich nämlich nur schlecht, sie wäre dauernd abgelenkt.
Im Rahmen des bekloppten Sauberrubbelns finde ich dann übrigens auch die Antwort auf eine äonenalte Menschheitsfrage: Barben beissen. Es kitzelt aber mehr so.

Friday, December 8th, 2006

Pflanzenerwerb

Die heftige pH-Drift, so reime ich mir zusammen, liegt einerseits an der Ungepuffertheit unseres Leitungswassers, andererseits aber vor allem an der mangelnden Bakterienbesatzung der Wasserzone. Beidem abzuhelfen wackle ich guten Mutes zum Fisch-Fascho, denn schon sind die sieben Fische ja respektable sieben Tage alt, und also über den Sechstageberg oder Sechstagekrieg, und es ist keineswegs mehr eine Krise, sondern fischbewahrender Alltagstrott der mich jetzt zum Fachmann führt. Ein warmer Kokon aus Fischväterlichkeit umwölkt mich.
Kies ist schnell gekauft, mit puffernden Kalkbrocken drin. Pflanzen müssen nun her. Denn auf den Pflanzen seinen Wurzeln ihren Windungen wohnt Nitronella, im Geäst aber haust Nitrierchen und aus dem Äpfeln oder Beeren kann man lecker Suppe kochen, oder Kompottbrei. Verzeihung, ich besitze ein Fieber, von der Erkältung her, und weiss nicht ganz, wie mir ist. So ungefähr wird es aber schon hinkommen. Her jetzt mit dem Gewächs.
Ein Watt pro Gallone murmelt bedrohlich der karibische Fisch-Fascho-Assistent und wiegt das dreadlockige Haupt. Da gedeiht nicht viel, in einem Watt pro Gallone.
Ob er mich wohl richtig verstanden hat? Ich habe doch weder eine Gezeitenzone noch ein dekoratives Schiff in meinem Dings, Aquarium. Aber er ramentert schon weiter, zerrt hier ein Unkraut aus einer Kerbe, murmelt Unverständliches, zupft da ein Bündel Spinat aus dem Kies und schwenkt es bedenklich, wirft schliesslich noch eine grüne Wollmaus auf den Gemüsehaufen drauf („I’ll give you one of these for $2“, es ist schwindelerregend), steckt das ganze in einen Gefrierbeutel, und schickt mich fort.
Zuhause überlege ich kühn, dass eventuell vorstellig gewordene Nitriergeschöpfe ja längst im Altkies wohnen könnten, und mische also Altkies und Neukies ein wenig, lege also ein gehöriges Mischkiesparkett aus im Wohbecken, und versenke nun die Pflanzen drin. Oder vielmehr versuche es. Das ist gar nicht leicht, weil Wasserpflanzen absurderweise Auftrieb haben, weiss der Kuckuck, was das nun wieder soll. Überall gucken Wurzeln aus dem Kies und streben lampenwärts. Zudem umschwimmen Fische ratlos meine Finger, man wird nervös. Beissen Barben?
Vielleicht ist es ja grade diese Umkehrung der Verhältnisse, die luftwärts strebenden Wurzeln, die Wasserartigkeit der „Luft“ im Aquarium selbst, die in dieser „Luft“ fliegenden Vögel mit Flossen, dieser Zerrspiegel unserer eigenen Existenz, der uns das Aquarium so teuer macht. Wahrscheinlich sind es aber eher die 20 Dollar für ein schäbiges Gewächs, das man dann noch nichtmal richtig eingegraben bekommt, weil es lieber schwimmt als pflanzt.
Am Ende ist aber alles, wo es soll, ein Garten der Lüste. Säure im blauen Bereich.

Thursday, December 7th, 2006

Nager

Aus dem Fenster sehe ich den glatzköpfigen Nachbarn bei den Pflanztrögen sitzen, er telefoniert, während zwischen seinen Beinen ein Eichhörnchen nach Nüssen sucht, der gespielte Witz, der aus dem Wortspiel folgte, entfaltet sich vor meinem inneren Auge, während vor meinem äusseren der Nachbar aufsteht und das Hörnchen, winterfett und plüschig, unter dem Stuhl abwandert. Ich wandere auch ab, spät genug.
Die tote Ratte vor dem Apartment im ersten Stock ist verschwunden, dafür liegt eine vor dem Ausgang des Treppenhauses im Erdgeschoss, einen kleinen Blutfleck neben sich wie als Begründung. Der im ersten Stock fehlte der Kopf, Katzenwerk, aber diese hier sieht fast unversehrt aus.
Mein Rad liegt schräg über einem Dachständer im Fahrradkäfig, ich öffne das Schloss, und als aufblicke, sehe ich eine dritte tote Ratte mitten auf dem sonnigen Hof. „What the fuck“ sage ich wie ein einheimischer Rohrputzer.
Das Tier sieht unversehrt aus, nicht krank, aber auch nicht erlegt, und ich halte respektvollen Abstand.

Thursday, December 7th, 2006

Säuredrift

Die sieben Fische tummeln sich wie beinahe nur Fische sich tummeln können, nämlich in allen drei Dimensionen, unter Wasser und mit konstant leicht bescheuertem Gesichtsausdruck. Der Fisch kann nichts dafür, aber die Notwendigkeit zum ständigen Öffnen und Schliessen des Mundes hat ihn zu Recht zum Gespött der höher entwickelten Nasenatmer gemacht. Obwohl auch manche Fische ja riesige Nasen zu haben scheinen, das ist aber eine Illusion. Es handelt sich lediglich um Fischgewebe in Nasenform.
Die Sumatrabarben sind im Grunde lustige Gesellen, und damit meine ich, dass sie einander wechselseitig ununterbrochen durch die Gegend scheuchen, vermutlich um eine Hierarchie auszuwürfeln. Das Ergebnis ist unsichtbar, denn die Fische sind ein bisschen schwer auseinanderzuhalten, die grünen kann man zwar immerhin nach Grösse sortieren, Tall, Large und Grande zu Beispiel könnte man sie nennen, aber Namen halten leider nicht an Fischen, wegen der Schleimschicht, und das Gesindel saust anonym. Die gestreiften vier, andererseits, sehen alle komplett gleich aus, Klone eines einzigen Daltonbruders, nur einer hat einen kleinen schwarzen Fleck an der Seite, zwischen zwei Streifen. Aus dem kann noch mal was werden. Die anderen drei hingegen sind tumber Fischmob, Hooligans, die einander auf die Nasenartigen hauen. Da, schon wieder.
Täglich messe ich jetzt brav den Säurepegel, sowie Nitritraten und Nitratraten, weil die Worte so lustig sind. Die beiden mit N sind nicht weiter schwer, man hält nur ein Stück Plastik ins Wasser und liest nach ein paar Sekunden die Farbe ab, und weil bislang weder Nitrit noch Nitrat im Wasser sind, bleibt der Streifen makellos weiss. Beziehungsweise makellos bioeierschal, also mit so einem winzigen Brauntönchen.
Anders die Säuremessung. 5 Millilililiter [sic?] müssen aus dem Becken gezogen und in einem Glaszilynder [saec?] deponiert werden, dann drei Tropfen Titrationslösung draufträufeln, und schon bildet sich eine Farbe im Zylinder [soc!]. Die Farbe entspricht einer Zahl, die Zahl einem Wort, das Wort einer Konzentration, die Konzentration einer Anzahl von kleinen Krümeln und die kleinen Krümel einer Säure, eine semiotische oder semantische oder seminautische Kette, die zuletzt von „hellblau“ zu „kerngesund“ führt.
Oder jedenfalls führen sollte. Kaum messe ich mal einen Tag lang nicht, aus Fischmüdigkeit, schon ist der Zylinder gelb statt blau, und die Skala zu nichts mehr zu gebrauchen, weil gelb an ihrem unteren Ende steht, und also auch Königswasser gelb angezeigt würde, physiologisch und demokratisch korrekt.
Ich wechsle Wasser im Becken, bis der Zylinder zurück auf blau rotiert, und rechne mir am Ende aus, dass das Becken wieder weit in die Todeszone gedriftet war. So gehts doch nicht weiter.

Tuesday, December 5th, 2006

Fischwunder

Sumatrabarben nun also. Winzige Karpfen, mit anderen Worten, zwei gestreift, zwei Melanisten, deren Schuppen aus Überzeugung mal blau schimmern, mal grün, und mal gräulich, je nachdem, wie. Sie schwimmen auch einen Tag später noch munter durch die Gegend, und der frühmorgens eilig durchgezogene Wassertest zeigt Säurewerte im grünen Bereich. Das Attraktive an Hobby ist ja glaube ich, dass man so unglaublich klug daherreden kann, wenn man eins hat, darum habe ich das immer gehasst, und darum habe ich jetzt vermutlich eins. Obwohl ich mir das längst noch nicht eingestehe.
Nitrinella und Nitrierchen heissen im Wortlaut, das habe ich jetzt kürzlich aus der Tagespresse erfahren, Nitrosomone und Nitrospira, die einen machen Nitrit, die anderen räumen es wieder weg, und wenn die beiden nicht anwesend sind, macht eben jemand anders den Job, aber viel schlechter. Organischer Zerfall in einem nicht komplett eingewohnten Aquarium, belehrt mich die Tagespresse, kann zu allen möglichen Unfällen führen, besonders aber in wenig alkalogepuffertem Wasser eben auch zu wilden Schwankungen des pH-Wertes. Ich begreife das zwar immer noch nicht recht, nehme aber zur Kenntnis, und so in Wissen und Wirkungsmacht gestärkt macht die Kapazität unseres Aquariums natürlich gleich einen fühlbaren Sprung, und es müssen also noch drei Barben her, eh die anderen vier sich eingewohnt haben oder verwelkt sind.
Heute ist Sonntag, deshalb hat der Fischmann frei und kann seinen Mundgeruch spazierenführen, während der Fischmannneffe im Laden stehen muss und Fische verkaufen. Mut- und spannungslos, fast schon defätitstisch, rührt er jetzt mit seinem Netz im Becken, die Fische gehen freundlich immer genau da hin, wo das Netz nicht ist, vermutlich, weil sie denken, dass er Platz braucht. Für mich als Käufer sieht das etwas vertrackt aus, weil der Fisch ja im Netz drin sein muss, damit er als gefangen gelten kann, aber überraschenderweise ist es für den Neffen offenbar ganz genauso vertrackt, denn er rührt wohl zehn Minuten lang unter Ausstossen gelegentlicher milder Seufzer, im Wasser rum. Dabei wird er natürlich auch, seinem Alter entsprechend, zunehmend ungeduldiger und hektischer, die Fische lassen sich nicht lumpen und ziehen nach, und bald ist ein respektables Duell zwischen Neffe und Geschöpfen im Gang, peitschend schnellt das Netz durchs Wasser, panisch wiederum saust der Fisch. Ich stelle mich auf Fischmus in Tüten ein, aber dann geschieht doch noch eine wundersame Fischverminderung im Becken und er schnappt sich zwei gestreifte und einen Melanisten. Halleluja, selig die Fischfänger.
Zu Hause bange Sekunden: wird den neuen das Pausenbrot gestohlen werden? Werden Sie rumgeschubst? Schwer zu sagen, leider, dann kaum sind sie frei, kann man sie von den anderen vier schon nicht mehr unterscheiden.
Sieben Fische sollt Ihr sein. Und seid Ihr jetzt ja auch. Tollo.

Friday, December 1st, 2006

Saures geben

Als wir wiederkommen, liegen ein Tetra und eine Barbe tot in der Suppe, und die beiden anderen Barben kränkeln waidwund durch die Gegend. Ein infernalischer Fischfuror formt sich in meiner Brust, ein Zorn auf den Gott, der das zulässt, und, noch vage und ungerichtet, auch auf mich, denn ich habe einen nagenden Verdacht, nicht ganz unschuldig am Desaster zu sein. Wenn ich auch nicht recht sagen könnte, woran es denn vermaledeiten Fischen mangeln könnte.
Die beiden kranken Barben werden aus dem Becken in die bewährte Tupperdose verpflanzt, gehen aber natürlich trotzdem über Nacht von uns und ein.
Nur beim Angeln vielleicht gehen Fische schneller kaputt als in unserem Aquarium. Wenn ich’s absichtlich täte, werweiss, wäre sogar ein schönes Preisgeld drin in einem Wettbewerb des amerikanischen Schnellfischtöterverbandes.
Aber ich bin gar kein Mitglied in einem solchen Verband. Vielleicht gibt es ihn gar nicht. Obendrein verspricht eine der grossen hiesigen Krankenkassen grade auf Plakaten eine Senkung des Blutdrucks durch Fischbetrachtung, und ich habe zwar nicht angerufen, vermute aber durchaus, dass weder Fischstäbchen noch Heringsbrötchen, noch selbst ermordete Zierfische denselben Effekt auf den menschlichen Blutkreislauf haben.
Es muss nun also endgültig, und letztlich ja viel zu spät, ernst werden. Ich lese mich also in die Biologie und Chemie eines Aquariums ein, es ist ganz erstaunlich, um wieviele Schraubendrehungen komplizierter selbst klares Wasser ist, als man sich das denkt. Um mein neues Wissen auf die Probe zu stellen, halte ich ein Indikatorstäbchen ins Wasser, und beobachte staunend, und auch ein bisschen schaudernd, wie sich der pH-Anzeiger ins Tiefsaure verschiebt, weit jenseits der Totenköpfe auf der mitgelieferten Skala.
Die vier Fische also wurden weniger in ein neues Zuhause verbracht, als vielmehr in einem rechteckigen Gurkenglas über einige Stunden hinweg sauer eingelegt. Ich bezweifle, dass die Mitarbeiter bei Hengstenberg in Esslingen sich ihrer Gurken wegen ähnlich schlecht fühlen wie ich jetzt, aber wer weiss. Es sind ja auch nur Menschen.

Thursday, November 30th, 2006

Schock

Es geistert durch das Online ein Gerücht, dass nämlich Fische des Lernens nicht mächtig seien, und es, das Lernen, auch nicht vom Menschen lernen könnten, Catch 22, quasi. Das stimmt aber, wie die meisten Dinge, an die jemand glaubt, natürlich nicht. Zuerst nämlich schauen unsere neuen Fische sich ratlos an, als wir den Beutel ins klare, jungfräuliche Wasser hängen, dann, als wir nach und nach Aquarienwasser in die Tüte geben, werden sie zunehmend zutraulicher, und als wir sie dann schliesslich, nach behutsamer Wasserangleichung, in ihr neues Wohnzimmer mitten in unserem Wohnzimmer entlassen, haben sie sich praktisch schon eingelebt und nehmen wie selbstverständlich den ganzen Ramsch in Besitz. Und dergleichen Eingewöhnung will doch schliesslich gelernt sein.
Just in diesem Moment kommen Freunde zu Besuch und hinterlassen Kinokarten für uns und andere Freunde für heute abend, was die Fische zwar nicht weiter interessiert, umgekehrt aber schon. Nach mehrfachen Entzückenslauten freunderseits geht der Besuch dann zuende, und kaum sind sie zur Türe wieder draussen, sause ich zurück, um die neuen Fische noch einmal ordentlich anzubewundern, vor dem Kino.
Und.
Was.
Muss.
Ich.
Da.
Sehen.
Weisse Punkte. Auf den Augen des Tetras, der auch schon, seien wir ehrlich, ein wenig rat- und beinahe lustlos daherpaddelt. Leer starre ich ins Becken. Keine Stunde ist es her, dass wir die Fische hier reinsetzten. Wenn es sich hier um Parasiten handelt, folgere ich messerscharf, dann kommen sie wohl aus dem Andromedanebel, und die gesamte Menschheit ist rettungslos verloren. Kamen nicht die Körperfresser des Sutherland’schen Remakes hier aus der Gegend?
Sind aber keine Parasiten aus dem Weltraum im Spiele, dann stimmt ganz sicherlich und ohne Zweifel mit unserem Aquarium etwas sehr Ernstes nicht.
Andererseits lebten die Goldfische Wochenlang nach dem Auftauchen der weissen Punkte, und womöglich sind weisse Punkte auf Fischaugen ja auch nur ein Zeichen von Stress, wie es das Einwohnen einer neuen Bude und das Umgetopftwerden in neue Brühe ja sicherlich vorstellt.
Zudem rückt der Kinobesuchstermin näher, und wir wissen ohnehin weder Rat noch Hilfe, lassen die Fische also im Becken zurück und gehen, uns einen Kampfkunstfilm anzuschaun.

Thursday, November 30th, 2006

In die Tropen

Wie junge Katzen um vögelnde Menschen schleichen wir um das Riesenbecken in der Medienzentrale. An den Wänden Dutzende bunter Fernseher, auf denen hochauflösend Fischliveübertragungen zu sehen sind, ein virtueller Fischmarkt. Mit dem ausgestreckten Zeigefinger klickt man den gewünschten Fisch an, und der mufflige und ein bisschen riechende Aquarist – nicht der Fisch-Fascho, denn der hat keine vernünftigen Goldfische, und auf Goldfische sind wir aus, als wir den Laden betreten – lädt die gewünschten Tiere dann erst in ein Netz hinein, und dann aus dem Netz in einen Beutel runter, den Beutel trägt man dann nach Hause und schon kann man die Fische installieren. Praktisch, so ein Netz.
Aber das Überangebot an Fischware lähmt uns komplett, wie in einer sanften Strömung driften wir immer im Kreis um das Schauaquarium, an den ganzen kleinen Bildschirmen vorbei, und werden immer ratloser. Nur wenige der Fernseher zeigen eine Kaltwasserwelt, und was da drin wohnt sieht im Vergleich mit der bunten Tropenwelt karg und undekoriert aus. Aus einem Kaltwasser- ein Warmwasserbecken herzustellen, so erfahren wir auf vorsichtige Nachfrage, sei ganz leicht, man müsse nur seinen Heizstab in der Feuchte versenken, und schon sei der Grund bereitet für Haltung und Zucht des bunten Tropentiers.
Jetzt wird uns freilich ganz schwidnligh, Verzeihung, schwindlig, denn nun stehen uns ja alle Fernseher offen wie weiland Magellan die Nordwestpassage, oder jedenfalls so ähnlich. Barben und Tetras in allen Formen und Farben locken schamlos, und andere Fische mit ganz unaussprechlichen Namen. In einer Ecke lauern ein paar Piranhaartige die geschätzt so gross sind wie unser ganzes Becken und also vermutlich in kürzester Zeit auf Quaderform anwachsen würden und dann auf dem japanischen Markt sicherlich, aber ich schweife ab.
Welche Fische also sollen wir wählen? Schliesslich fasse ich mir ein Herz, nehme meinen Zeigefinger zur Hand und richte ihn rigoros und sehr bestimmt auf Caroline. „Such Du aus“, sage ich. Problem gelöst.
Minuten später tragen wir einen riesigen, mindestens fünf Zentimeter langen Tetrafisch und drei Sumatrabarben nach Hause, sowie einen Heizstab und eine Dose Tropenflocken, den frisch gewonnenen Fischen zur Zehrung.

Wednesday, November 29th, 2006

Das nackte Becken

Nun also eine nukleare Einöde, oder doch jedenfalls das, was man sich Mitte der achtziger Jahre unter einer nuklearen Einöde vorstellte, trist leblose Kiesgründe ohne einen einzigen Fisch drin, leerstehende Häuser, Plastiksteine. Oder nein, vielmehr eine Neutroneneinöde, denn es schneit ja nicht schwarze Flocken im Aquarium, sondern vielmehr ist einfach alles tot, was drin lebte, ausser natürlich den Ichbazillen, den verfluchten Todesnissen und ihren Kindern oder Eltern, je nach Zeitpfeil, die sich zweifellos im Kies vernistet haben und nur auf neue Fische warten, um sie dann durch Befall hinzuraffen und uns ein Schnippchen zu schlagen.
Aushungern müssen wir nun die Bioteufel. Der Kies ist ja schon durchgekocht, die Möbel geschrubbt, und jetzt also dreht die Filterpumpe hohl, saugt klares Wasser an und speit klares Wasser wieder zurück in den Kreislauf, es hat alles rein gar keinen Sinn, sieht aber gut und schön aus. Die Leute stellen sich ja noch viel grösseren Blödsinn auf ihre Schreibtische, kleine Brunnen und Zengärten, warum also nicht ein leeres Aquarium filtern.
Blickt man in so ein leeres Aquarium, kann man kaum anders als selber auch, stellvertreten durch seine eigene Aufmerksamkeit, erst zum Ansaugstutzen hin, und dann in den Filter hineingesaugt zu werden, und kaum steckt man da drin, wird man auch schon misstrauisch: vielleicht ist ja der Filtersack schuld? Er wurde mit dem Aquarium mitgekauft, wer weiss also, was für infame Schweinereien da dran und drinklebten, um dann bei Nacht und Nebel aus dem Filter auszurücken und die Fische zu würgen. Kaum ist der Gedanke aufgeschienen, ist auch schon der Filtersack entnommen und ein blitzblanker ganz neuer eingebaut. Und es sieht auch schon aus, als sei das Wasser vielleicht noch einen Tick klarer jetzt und fischgesünder. Und ist der Fisch gesund, freut sich die Katze, und damit natürlich dann letztendlich auch der Mensch.

Thursday, November 23rd, 2006

Gefühlsfalle Schneckentod

Der Schnecke indessen geht es gar nicht gut. Sie verfügt über einen Deckel zu ihrem Schneckenhaus, oder eine Tür, und diesen Deckel oder diese Tür hält sie jetzt fest geschlossen, als gelte es ihr Leben. Ratlos stosse ich das reglose Tier einmal täglich mit dem Finger an, noch lebt es wohl, denn manchmal liegt es anderswo im Becken, aber von Rumrennen, von Freudensprüngen und Schlossbesteigungen kann nun keine Rede mehr sein. Vielmehr muss die Rede davon sein, dass die Schnecke siech vor sich hin vegetiert, und folgerichtig geht sie dann auch nach ein paar weiteren Tagen endgültig und unwiderruflich ein.
Es wäre nicht übertrieben, an dieser Stelle von einem Tiefpunkt der Beziehungen zwischen Mensch und Aquaristik zu sprechen. Niemand sieht es gerne, wenn Geschöpfe, deren Obhut auszuüben er sich selbstsüchtig zur eigenen Erbauung angebiedert und aufgedrängt hat, in einem langsamen Siechprozess dahinwelken, und dies obendrein noch aufs rätselhafteste und regelwidrigste.
Denn von welcher Seite man diese Fisch- und Schneckenvernichtung auch beleuchten mag, es gibt ja rein gar keinen Sinn. Parasiten hätten schon Salzbehandla, spätestens aber die Giftgabe nicht am Stück überstehen sollen, und weder Paras noch Iten, um nur zwei der möglichen Bruchstücke hier aufzulisten, sollten einem gestandenen Fischsbild Schaden zufügen können. Und trotzdem verging der Fisch wie von innerem Feuer und äußerer Gepunktetheit verzehrt. Von der Schnecke, in der ein Ich ja schon biophysikalisch gar keinen Fuß fassen könnte, gar nicht zu reden.
Anklagend nun steht also das Aquarium als Mahnmal auf dem Müll namens Tisch, und wir scheuen uns, neue Fische in dieses schlimme Becken zu sperren. Vielleicht schwitzt ja der Dichtungskitt Fischtod aus? Oder es rinnt Todessaft aus dem Filterbeutel? Ist vielleicht die Luft selbst, die das Aquarium durch den Sprudelstein einatmet, ein giftiger Hauch?
Zwischen Todesfugenkitt und der Toilette, die schon vier Fische und einen Schneck verschlang, stehen wir, und wagen keine Bewegung.