Search

Nature



Tuesday, March 20th, 2007

Vormerz

Die zweite Überraschung, gleich nach der Ankunft des vielköpfigen Kindergartens, ist seine fortgesetzte Anwesenheit nach vollen zwölf Stunden in der Fischhölle. Zwar scheint es, als sei die Zahl ein wenig von geschätzt vierzig auf vielleicht dreissig eingeschnurrt, aber in dem Gewimmel ist das ein bisschen schwer zu sagen. Leichter fällt die Zählerei bei den Barben nebenan, da sind es nämlich noch vier. Toter Fisch raus, Tablette rein, ein Kommen und Gehen, ein Nehmen und Geben.
Aber zurück zu den winzigen Kinderfischen mit den grossen Augen. Wenn man genau hinsieht, kann man sehen wie die Miniaturtiere Miniaturkrümel oder Algenreste oder auch einfach nur Wasser in ihre Miniaturmünder saugen. Manchmal sind die Krümel zu gross, dann geschieht ein winziger Auffahrunfall, der Asteroid klebt einen Moment lang vorne am Fisch und wird dann einige Millimeter weit weggespuckt. Vielleicht leckt in diesen Augenblicken der Miniaturfisch Salz vom Brocken, oder Schleim, oder Grind. Es ist zauberhaft.
Noch immer stehen die Jungfische in zwei Herden im Becken, und ich frage mich, ob das vielleicht damit zu tun hat, dass beide Mütter zugleich geworfen haben, und jetzt also zwei genetisch unterschiedliche Jugengandgs zum Face Off angetreten sind, die Eastside gegen die Westside, und irgendwann Schlägereien winziger Fische anstehen.
Vorerst aber wedeln sie nur mit den winzigen Seitenflossen planlos durch die Gegend, schwimmen ein bisschen hierhin und dorthin, nehmen alles, was vorbeischwimmt und klein genug ist, in den Mund. An dieser millimetergrossen Niedlichkeit wird es wohl liegen, dass die Eltern nicht über ihre Brut hergefallen sind wie Japantouristen über ein Sushibuffet. Es haben die Fische, allem äusseren Anschein zum Trotz, wohl eben doch ein Herz aus Gold und sind im Kern gute Menschen.

Monday, March 19th, 2007

Das Wunder des Lebens

Im Hauptbecken ist zu dieser gottlosen Morgenstunde noch kein Licht, nur undeutlich sieht man darum, dass alle Fische sich noch in ihren Nachtecken verstecken. Obenauf schwimmen zwei welke Blätter, die ich mit spitzen Fingern herausfische, und hastunichtgesehen zuckt es als wie ein lebendes, kleines Komma vor meiner Hand davon. Was aber, Freunde, war das? Vielleicht zwei Millimeter lang, rötlich schimmernd, wieselflink. Es wird doch nicht der verfluchte Wurm ein Schwimmstadium erreicht haben und nun vollends übers Aquarium herfallen wollen?
Aber dann gucke ich in eine der Beckenecken, und da stehen sie, still und hoffnungsvoll wie Stubenküken oder Mastkälber, wohl zwanzig winzige Schwertträgerfische, die über Nacht aus ihrem Muttergefängnis entkommen sind. Drei Millimeter lang, halb durchsichtig, halb schon orangegetönt wie die Eltern, mit zwei winzigen Augen, die neugierig hierhin und dorthin spähen – ein Vorteil der Kurzsichtigkeit ist die sozusagen ins Gesicht eingebaute Lupe, die einen dergleichen aus nächster Nähe sehen lässt. Jetzt endlich gibt die Ankündigung Patricks, die Fische produzierten pro Monat so an die 40 Nachkommen, einen greifbaren Sinn. Nicht über den Monat hinweg meinte der Fischmeister, sondern je auf einen Satz. Und wirklich stehen ja in der gegenüberliegenden Ecke weitere zwanzig winzige Fische und wissen nicht, was das Leben soll. Herrje.
Mal sehen, wieviele heute abend noch da sind. Die Schwertträger fressen nämlich – Überraschung – ihre Kinder.

Monday, March 19th, 2007

Todesmelodie

Bis zum Abend hat eine weitere Barbe den Eimer gekickt und besieht sich die Wasserradieschen von oben. Noch sechs.
Eine weitere Medizintablette wird reingeworfen, Futter obendrein, aber es fühlt sich an und sieht aus nicht wie ein Heilvorgang, sondern wie eine Massenhinrichtung. Selbst wenn einige wenige Barben dieses Massaker überstehen werden, sieht die Zukunft finster aus. Barben sind Herdentiere, aber nach den bisherigen Erfahrungen ist mein Interesse an einer neuen Barbenherde gering. Robuste Anfängerfische sind das angeblich, und was das über mich aussagt, muss ich mir wohl nicht erklären. Ich denke ja mit, während ich schreibe.
Im anderen Becken ist unterdessen Kristallklarheit eingekehrt. Noch immer trübt keine Alge das Wässerchen, und die verbliebenen Fische huschen munter durch die Fluten. Natürlich hat die Cichlidin immer noch ihre Wurmbesatzung im rückwärtigen Cockpit sitzen, aber das ist letztlich auch kein Wunder, das dumme Tier frisst ja allerhand Grünzeug statt der giftigen Futterlieferung, die ich blind hoffend noch immer über ihr ablade. Die Schwertträger spachteln es gern in sich rein.
Bei der staunenden Inspektion der neuen Wasserklarheit entdecke ich dann aber doch noch einen weiteren toten Fisch, abgestumpft und blöd nehme ich es nur mehr zur Kenntnis. Der kleinste der drei Hunde war von vorneherein nicht gesund, die Flossen kahl, schlug sich wacker und versuchte, mit seinen doppelt so grossen Artgenossen mitzuhalten, musste aber letztlich einsehen, dass es keinen Sinn hatte. Weil Hunde am Boden leben, leben auch tote Hunde am Boden, und man sieht sie beinahe nicht. Nun aber ab aufs Brettchen, Hund.
Es schwinden die Fische wie Butter auf Toast, der frisch noch aus dem Ofen kam, dahin.
Am nächsten Morgen dann hat es wiederum eine Barbe erwischt, eine richtige muntere kleine Todesfabrik betreibe ich da in unserem Wohnzimmer. Vielleicht brauche ich bald mal eine schneidige Uniform. Noch fünf.

Sunday, March 18th, 2007

Flossenbrand

Zum Glück sieht man es nicht für lange, denn schon einen halben Tag nach dem klärenden Algengenozid hat die grüne Sau sich wieder vervielfältigt und alles sieht wieder genauso aus wie vorher. Ich erinnere mich dunkel, gelesen zu haben, dass manche Trinkwasserversorger Phosphate ins Wasser tun, damit es sauberer ist, oder was, und dass diese Phosphate quasi wie Dünger das genaue Gegenteil von dem bewirken, was man mit Wasserwechseln eigentlich bewirken will. Ich glaube da aber nicht dran, man sieht im Wasser auch keinerlei Phosphate schwimmen, und also wechsle ich jetzt jeden Morgen und Abend 24 Liter Wasser aus, mit allen Algen und sonstigen Sauereien drin. Und wie durch Magie oder Zauberei, oder magische Zauberei, ist dann jeweils am nächsten Morgen oder Abend alles wieder so grün wie vorher.
Unmittelbar nach dem Wassertausch aber kann man jeweils für einen kurzen Moment die Fische sehen, und was ich da sehe, gefällt mir zur Abwechslung mal gar nicht. Augustus, diese Speerspitze bourgeoisen Fischtums, der König der Barben, hat innerhalb der wenigen Tage, die er algenbedingt praktisch unsichtbar war, seine komplette Schwanzflosse eingebüsst und trägt stattdessen eine offene Wunde spazieren. Und auch die anderen Barben sind allesamt angedatscht, driften kopfunter, mit zerrupften Flossen. Mein an Furcht und Elend geschultes Auge erkennt sofort, dass das diesmal kein pilziger, sondern bakterieller Flossenbrand ist, denn die charakteristische Weisskante an den Flossen fehlt in diesem Fall.
Viel Hoffnung für die offenbar komplett verseuchte Fischherde habe ich zwar nicht, aber man muss ja tun, was man vermag, und also wackle ich wieder einmal in die Höhle des Mundgeruchmannes, weil es mir zu PetSmart, am anderen Ende des Universums, nun wirklich zu weit ist. Zudem missfällt mir auch das fortgesetzte Versagen der Wunderwaffe Fenbendazol im Wurmkrieg.
Beim Mundgeruchsmann hole ich Antibiotika, die aber nur gegen gram-negative Bakterien helfen, was zum Teufel auch immer das nun wieder heisst. Die Barben, taumelnd und halbtot, sind schnell eingefangen und landen im alten 10 Gallonen-Becken, das nun für ein Krankenhaus gelten soll. Fünf Tage lang wird die Behandlung dauern, acht kranke Barben treten sie an. Der, ich sage es ungern, Countdown läuft.
Am ersten Morgen treibt Augustus tot in einer Ecke. Noch sieben.

Friday, March 16th, 2007

Algenpest

Vorerst und unter selbstverständlich Irrtumsvorbehalt ist die Antwort leider offensichtlich. Eine der beiden Kriegsparteien kniet mit betroffener Miene vor dem Becken und starrt einer Fischfrau hinten drauf, kratzt sich am Kinn und ratlos am Kopf, während die andere in aller Ruhe Blut saugt und hin und wieder den Spitzkopf aus dem Versteck reckt. Ich denke dann jedesmal, Jetzt!, Ha!, Erwischt!, einmal kam das rote Ding einen halben Zentimeter weit aus dem selbst nicht sonderlich langen Fisch, und ich war mir also sicher, der Obszönität jetzt aber endlich chemisch das Lebenslicht ausgepustet zu haben. Aber so rasch der Wurm heraus gekommen war, so flugs verschwand er auch wieder im Fischdunkel. Vermutlich hatte er sich verlaufen.
Ist also der Wurm unbesiegbar? Die kurze Ernüchterung, die diesem Gedanken folgt, macht meine Augen übers Aquarium hinschweifen, und ein kühler Schrecken rinnt mir den Rücken hinab, denn kein anderer Fisch ist mehr zu sehen. Genaugenommen ist auch keine Pflanze mehr zu sehen, und die Rückwand schon zwomal nicht, denn das Becken ist voll von einer trüben, grünlichen Brühe, organische Partikel treiben dicht darin, kleine Algenstädte und Algen-U-Boote tummeln sich, vielleicht findet eine Algenkonferenz statt irgendwo in dem Gewirbel, Algenliebe, Algenzorn, wer kann es wissen. Es ist eine Algenbevölkerungsexplosion im Gang, 7 Billionen Algen wohnen auf engstem Raum, das kann ja nicht gutgehen.
Algen werden angeblich von Pflanzen „locker ausgebremst“ (Aquaristenfachsprache), weil Pflanzen einen Evolutionsvorteil besitzen und Nährstoffe schneller und gründlicher aus dem Wasser klauben als die niedrigen und dummen Algen mit ihren fliehenden Stirnen (zwei pro Alge). Das sagt jedenfalls die Theorie, in der Praxis ist es wieder mal umgekehrt, nämlich zwicken die Algen vom Lichtstrom sich ein beträchtliches Scherflein ab, für ihre eigenen Photosynthesezwecke, und die Pflanzen können sehen, wo sie bleiben: im Dunkeln nämlich. Das mag paradox scheinen, weil auch Pflanzen ja im Dunkeln überhaupt nicht sehen können, und also auch nicht sehen können, wo sie bleiben, sondern nur Schwärze, aber das ist ja auch genau, wo sie bleiben, und so rum stimmts dann wieder.
Um diesen schlimmen Kreislauf zu brechen, müssen wohl die algennährenden Nährstoffe stofflich entzogen werden, zusammen mit dem Gros der Algenpopulation am Besten. Es sind also, mit anderen Worten, Wasserwechsel knallhart durchzuziehen. In den Eimer, den ich dafür angeschafft habe, passen 24 Liter Wasser, denn er ist ein grosser Eimer. Zweimal fülle ich ihn aus dem Aquarium mit grüner Suppe, giesse dann kristallklares Frischwasser zurück ins Becken, und am Ende sieht man tatsächlich wieder was.
Und was sieht man da? Die Barben sind krank.
Zefix.

Thursday, March 15th, 2007

Fallender Trieb

Der grosse Baum vor der Mammutwand, ungefähr halb so hoch wie die Spitzen der höchsten Sequoien, und ungefähr hochgewachsen bis auf meine Augenhöhe, hier im fünften Stock eines Hauses, dessen Keller erster Stock heisst, hat eine beinahe schmerzhaft triebgrüne Farbe. Ich denke über Statistik nach und starre ins grüne Blattgewimmel, aus dem dann unten ein Trieb heraus und auf den Asphalt fällt. Dort liegen schon ungefähr ein Dutzend andere, und während ich die Quadratfehlersumme durch die Freiheitsgrade dividiere, sehe ich einen Ast vibrieren und braunes Fell durchs dichte Grün.

Thursday, March 15th, 2007

Rebarbarisierung

Wenn die Gebäudesubstanz und die tragenden Balken, von Termiten benagt und vom Moder gebeutelt, zu einem pulvrigen Schleim zerrührt von unten ins Fundament sickern, und von ihrer Feuchtigkeit dann die Kellerwände schimmeln, dann ist es Zeit für einen neuen Anstrich der Fassade und ein paar hübsche Topfpflanzen auf dem Fensterbrett. Was sonst sollen wohl die Nachbarn denken?
Diese atavistische Vortäuschung eines Gedankens, der die Menschen auch die Schere aus Kreditkartenschulden und Repräsentationsautomobil verdanken, bringt mich nun dazu, dem wurmgezwackten Becken statt einer gründlichen Heilung erstmal ein paar neue blitzblanke Fische zu spendieren. Ist das klug? Ist es Verhalten bestimmt vom Mitgefühl mit der Kreatur? Oder närrische Brechstangenreparatur, Ducktapegefummel am brechenden Damm?
Worum es sich auch handelt, eingekauft werden nun zwei neue Barben, die schwindende Herde zu ergänzen, ein Clownspleco, der aber in Wahrheit gar nicht wie ein Clown, sondern mehr wie ein kleiner Leopardenhai aussieht, und ein Schneck, der die unter dem heftigen Lichtgespratzel übel wuchernden Algen in die Schranken weisen soll.
Des weiteren aber kaufe ich, wo ich grade dabei bin, auch noch antiparasitäre Brausetabletten und parasitenfeindliche Futterkrümel.
Der Pleco fühlt sich gleich sehr zuhause bei uns, die Barben aber stehen schräg im Wasser und zappeln unruhig mit den Barbenkörpern, während der Schneck unten die Fühler kurz aus dem Haus streckte, und dann sofort von der Cichlidin attackiert wurde. Jedesmal, wenn das Weichtier jetzt seine harte Schale öffnet, fährt die Fischfrau wie eine Furie hinein und zwackt den Schneck, bis er sich am Ende, verständlicherweise, nicht mehr heraustraut. Die Verschönerung des Krisengebietes, mit anderen Worten, war ein Dreiviertelschlag ins Wasser.
Drei Brausetabletten sprudeln jetzt auch in der Tiefe zwischen den Pflanzen, je eine pro 10 Gallonen, und obenauf schwimmen die vergifteten Futterbrocken. Es herrscht nun also Krieg zwischen mir und dem Wurm. Mal sehen, wer gewinnt.

Thursday, March 15th, 2007

Fenbendazol

Wenn ich vor dem Becken kniee, dann reicht die wässrige Front mir bis über den Kopf, und aus dieser Nähe ist dann die ganze Welt aus Wasser, genau wie für die Fische, die drin wohnen müssen, ja auch. Man kann aus dieser Perspektive sehr genau sehen, was die einzelnen Tiere so machen, schwimmen nämlich (alle), den Boden durchwühlen (Hunde), die Pflanzen abschlecken (Ottos), kacken (Schwerttträger), beziehungsweise eben Arschlametta spazierenführen (Cichlidin). Und einerseits soll man ja dem Tier nicht vorschreiben wollen, wie es seinen Tag zubringen soll in seiner kleinen Kunstwelt, sonst hat man eh man sichs versieht einen Zirkus im Wohnzimmer und kein Aquarium mehr, und von da ist es nicht weit bis zu roten Nasen, grossen Schuhe und dem Ende der Zivilisation. Andererseits aber kann man ja nun auch nicht tatenlos zusehen, wie im eigenen Wohnzimmer Parasiten umhergetragen werden, die dann auch noch, wenn ich vor dem Becken kniee, sehe ich das ja sehr deutlich, hin und wieder die spitzen, roten Köpfe weit aus dem Rektum recken und vielleicht ein kleines Liedchen pfeifen, die wurmigen Säue. Nein, das kann man gar nicht, es sieht auch nicht gut aus. Das Gewürm muss weg.
Die Schreckensgeschichten aus dem Online empfehlen das Entwurmungsmittel Fenbendazol, alles andere, sagen sie, hilft nicht. Rumtelefoniererei ergibt, dass Fenbendazol vielleicht helfen mag, aber von niemandem geführt wird. Nur PetSmart, am anderen Ende der Welt, hat Tütchen davon rumliegen, zur Hundeentwurmung, steht auf der Packung, und damit sind, man kann es an den Abbildungen sehen, keine dicken, tappsigen Fische gemeint, sondern so richtige Hunde mit so Fell und so.
Die Dosierung ist also völlig unklar – pro zehn Pfund Hund soll man ein Tütchen nehmen, steht auf der Packung, aber ich kann ja die Fischin nicht wiegen, und ausserdem ist sie gar kein Hund, sondern eine Fischin –, und ebenso unklar ist, wie ich dieses Pulvergift in die Fischin kriegen soll. Jedenfalls ist ja der eine Einfüllstutzen mit Wurm verstopft, und das Gift muss also vorne hinein. Als ersten Versuch lege ich Blutwürmer über Nacht in eine Pulverlösung ein und kippe das Ensemble am Morgen komplett ins Wasser. Den Tag über sorge ich mich wegen einer möglichen Überdosierung, und erwarte halb, alle Fische tot an der Oberfläche vorzufinden. Das würde mir eine Lehre gewesen sein, aber wieder einmal lerne ich nichts dazu, denn stattdessen hat sich einfach gar nichts geändert. Den Fischen geht es gut. Den Würmern auch.
Mit dem zweiten Tütchen wiederhole ich das nutzlose Experiment, schon kaum noch hoffnungsfroh, und wirklich hilft auch die zweite und grössere Ladung Blutwürmer, diesmal in doppelter Pulverkonzentration gebadet, rein gar nicht. Und auch Flocken, in Fenbendazol gebadet, sind dem Wurm ein Gelächter und ein Klacks. Ein taffer Wurm, das muss der Neid dem blutsaugenden Gelichter lassen.
Noch schwimmen sie nun alle munter durch die Gegend, frohlockende Fische. Aber wenn in vier Wochen dann rote Köpfe aus allen Ärschen spähen, wird es meine Schuld gewesen sein. Und das kann ja nun niemand wollen.

Friday, March 9th, 2007

Das Brettchen

Na gut, es ist versprochen, und versprochen ist ja versprochen, und also muss ich nun erklären, was das für ein Brettchen ist, auf dem die toten Fische jetzt trocknen. Fünf sind es nun schon, aber das ist sicher nicht das Ende der Trauerfahnenstange, dafür wird Camillanus schon sorgen, oder irgendein anderer verpilztes Mistwurmvirusbakteriumsmonster.
Das Brettchen also.
Wer schon mal renoviert hat, oder das Zimmer aufgeräumt, oder im Kühlschrank einen sehr alten Käse vorgefunden, der weiss, dass nicht immer alles im Leben ohne Mäander und Verwicklungen vor sich geht und manchmal ein Durcheinander entstehen kann. Genaugenommen ist es sogar so, dass nichts ohne Mäander und Verwicklungen vor sich geht und überall erhebliches Durcheinander herrscht. Ein beinahe endloses Mäandern und Verwickeln könnte man das Leben nennen, und ein enormes Durcheinander, wenn das nicht so umständlich und verwickelt wäre. „Leben“ ist kürzer.
Ständig findet man in diesem Leben Fragmente alter Dinge, nicht Fertiggestelltes, abgelegte Möglichkeiten, verlorene Hoffnungen. Man findet sie an den unmöglichsten Orten, und nie wenn man sie erwartet. Umgekehrt verlaufen Pläne, die man sich aus Ideen mühsam zusammenschmiedet hat, in den seltensten Fällen so aus, wie man sich das mal vorgestellt hat. Rube Goldbergs Maschinen, die einfache Vorgänge auf unerhört komplexe Weise erledigen, sind eine hübsche Metapher, aber grottenfalsch, weil nämlich so eine Goldberg-Maschine in Wirklichkeit niemals funktionieren würde. Irgendwas würde sich verklemmen, irgendwas abbrechen, und Zack, liegt wieder so ein Fragment im Kühlschrank, oder im Sockenhängeregister von Ikea, und wartet darauf, dass man es irgendwann entdeckt und sich an die kaputte Maschine erinnert, und seufzt.
Das war jetzt ein wenig viel Mäandern und Verwickeln für das eigentlich ganz kurz hinzuschreibende Eingeständnis, dass der hübsche und beinahe perfekt zugeschnitte Acrylglasdeckel nicht der erste Versuch war, das Aquarium obenrum zu verbessern. Denn zwar hätte man die Leuchteinheit zuerst einfach so quer übers Becken legen können, aber sie ist nur ziemlich genau einen Zentimeter länger als das Becken selbst, und würde also womöglich reinfallen, wenn man dagegenatmet zum Beispiel. Also sägte ich aus einem Bruchstück Sperrholz, das als Fragment von etwas Vergessenem im Werkzeugkarton gewohnt hatte und nun sterben musste, zwei schmale Brettchen aus, die dann quer zur Lichtrichtung überm Becken lagen, den Enden nahe, und so die Lampe stützten und sazusagen Festland simulierten.
Nun ist es wahr, dass der Acryl-Deckel zugeschnitten wurde, um den Fischen das Springen unmöglich zu machen. Es ist aber auch wahr, dass die naheliegende Befürchtung, eine lose auf zwei kleinen Brettchen liegende und durchaus ans Stromnetz angeschlossene Lampe werde dann eben schon mal von diesen Brettchen rutschen und ins Becken purzeln, nicht deshalb naheliegt, weil der Mensch zum Unken neigt – was er tut –, sondern, weil sowas tatsächlich passieren könnte. Oder kann. Oder vielleicht sogar passiert ist. Wenn, dann aber mit der nichtstromführenden Seite voran, was natürlich für alle Beteiligten ganz ungefährlich war und sogar im Grunde eher lustig als beängstigend. Und das Licht ging auch nur ganz kurz ein kleines bisschen aus. Sowas kann jetzt mit dem Acrylglasdeckel natürlich fast gar nicht mehr passieren.
Das Brettchen jedenfalls wohnt jetzt im Bücherregal und sammelt tote Fische. Auch ein Hobby.

Wednesday, March 7th, 2007

Camillanus

Während nun die frisch gestorbenen Fische trocknen, auf dem kleinen Brettchen im Bücherregal – seine Geschichte erzähle ich später – ist die Gelegenheit günstig für ein wenig Reflektion. In der letzten Folge ging ich leichthin drüber hinweg, aber zuletzt ist es doch beunruhigend, dass die Empathie für die kleinen Flitzer so sehr abgenommen haben soll.
Zwar war natürlich andererseits das Heulen und Wehklagen über eines Fisches Tod, während vielleicht im Hintergrund grade ein Rindersteak in der Pfanne schmurgelt, auch weder angemessen noch würdevoll, aber die fast schon gleichgültige Akzeptanz der Sterberei kann als anderes Extrem nun auch wieder nicht gutgeheissen werden. Verroht die Aquaristik ihre Betreiber?
Verwunderlich wärs nicht, denn zuletzt ist die Mischung aus Allmachtsphantasie des Schöpfungsverwalters Mensch, die ja in jedem Haustier von neuem sich ihrer Relevanz versichert, und fühllosem Wesen der Natur, die in diesen Becken auch nichts anderes tut als was sie draussen vor den Fenstern rund um die Uhr praktiziert, ja durchaus eine tragische. Denn so sehr die Einrichtung, Bepflanzung, Befischung und Bewunderung eines Aquariums das Gefühl vermitteln mag, man habe nun Schnitter Tod und Schubser Krankheit ein Schnippchen geschlagen, und qua Zivilisationsprozess den Ausgang aus dem langen, feuchten Tunnel Evolution gefunden, so kurzsichtig sind dergleichen Vorstellungen andererseits. Man kann sich noch so viele Fläschchen und Pulver unter den Tisch schieben, in einem eckigen Weidenkorb, am Ende wird doch der Löffel abgegeben und krepiert, und dann trocknet man auf dem Brettchen, seine Geschichte kennt ihr ja schon. Oder beziehungsweise eben noch nicht.
Und obwohl also am Ende der Tod lauert, stimmt natürlich auch, dass zwischen dem Schlüpfen und dem Krepieren ein ganzes Fischleben liegt. Mir wäre Rumschwimmen und Sachen Fressen zu wenig auf Dauer, aber den Fischen ist es offenbar genug, sie kennen nichts anderes, und wenn auch am Ende dieses verflixte Brettchen wartet, muss man den Tieren die Zeit bis dahin so gut wie möglich einrichten.
Und also Ursachenforschung betreiben. Es begab sich nämlich, dass schon zu der Zeit als die Prachtbarsche noch ganz nagelneu waren, mir sonderbare rote Dornen oder Fussel auffielen, die aus dem Barscharsch ragten und sich gelegentlich, wie von eigenem Leben erfüllt, bewegten. Das Internet wusste dazu nichts, weder, ob Prachtbarsche über Arschlametta verfügen, noch wusste es von Parasiten, die hinten raus gucken, und ich liess die Fussel auf sich beruhen.
Nun, um einen toten Fisch reicher, trage ich die Lamettabeobachtung erst zu den Fischhändlern, die sich zu einer munteren Dreiergruppe voll Kompetenz und Wissen zusammenrotten, und dann gemeinsam den Tanz der Ratlosigkeit tanzen, und dann zurück ins Internetz, in dem doch angeblich alles drinstehen soll. Und als habe der Tod des Tiers das vermaledeite Netz gefügig gemacht, gibt es die geforderte Information nun tatsächlich doch noch her. Camillanus heissen die Würmer perverserweise, sie fürchten sich vor Fenbendazol und fressen die Fische von innen her auf. Und das Prachtbarschmädchen trägt sie mit sich herum.
Hört das denn nie auf?