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Monday, September 21st, 2009

Niederschlag

“If you root yourself to the ground, you can afford to be stupid.”
(P. Churchland, Neurophilosophy)



Abb. ähnlich.

Die kleine Lache an der Ampel, die grade auf rot sprang, enthält nicht genug Wasser, um den Himmel vollständig einzufangen, stattdessen sehe ich der graublauen Wolkenspiegelung überlagert die kleinen Steine des Asphalts und die Zweige der früh von den Bäumen gefallenen Blätter. Die Sichtbarkeit der Steine innerhalb und ausserhalb der Pfütze verhält sich invers zu ihrer Leuchtdichte, im feuchten Dunkel stechen die hellen Steine, in der Trockenheit die dunklen Krumen und die Schatten hervor. Die Blattfragmente und Stiele wurden aus der Mitte getrieben von Wind und den gelegentlich durch die Lache pflügenden Reifen, und haben sich am Rand der Lache angefunden, grade noch innerhalb des Ringes, in dem das Wasser nicht mehr steht, sondern nur noch das Material benetzt, ein zufällig entstandenes, filigranes Ornament an der ansonsten nicht sehr interessanten Wasserfläche. Alles, Steine und Stiele und Fragmente, schrumpft sichtbar zusammen ohne seine jeweilige Position zu verändern, Strasse und Lache entfernen sich von mir und verharren zugleich trotzig, Zentimeter vor dem Vorderreifen. Dann rollt der Reifen durchs Wasser, grüne Tupfen springen auf den kleinen Wellen, die Lache bleibt zurück, und der optische Fluss vor meinen Augen kehrt sich erneut um. Hinter mir bis zum Wasser erstreckt sich eine komplexe Folge von kurzen dunklen Strichen, die in der Herbstsonne schnell verblasst.

Thursday, September 10th, 2009

soab

I
Ihr Mann, sagt die Krankenschwester, wolle seit Jahren ein Klappfahrrad kaufen. Er wolle sich gerne mehr bewegen, radeln sei da perfekt, nur seien normale Räder so sperrig, aber dieses Fahrrad, das sehe ja perfekt aus. Ob sie es mal hochheben dürfe. Sie darf. Fantastisch, sagt sie noch einmal, zum dritten Mal, dann erlischt das Lächeln, sie nimmt ihr professionelles Gesicht aus dem Etui. Von solchen Nebenwirkungen habe sie noch nicht gehört, das klinge ja schlimm, sie könne da weiter nicht viel zu sagen. Dann gibt sie mir einen Termin bei der Ärztin der Klinik, eine Woche später. Ob sie mit rauskommen dürfe, mir beim Zusammenbau des Rades zuzusehen. Sie darf.

II
That’s cool, sagt eine Woche später die junge Rezeptionistin und deutet durch die Glaspanele neben ihrer Bürotür aufs zusammengkelappte Rad. You ride around here? Vom und zum Bahnhof, sage ich. That’s cool, sagt sie nochmal und trägt meine Krankenakte doktorwärts. Die Schwester komme gleich und gebe Bescheid, sagt sie nach der Rückkehr, dreissig Minuten zu spät sei ich ja. Und dass das toll sei, das Fahrrad.

Das findet auch die Schwester, die die Akte einige Minuten später wiederbringt und bleibt kurz davor stehen, um ihrer Bewunderung Ausdruck zu geben. Man könne mich nicht mehr dazwischenschieben, drei andere warteten noch, und die Ärztin möchte schliesslich pünktlich in ihre Mittagspause. Die Rezeptionistin gibt mir einen Termin für nächste Woche, pünktlich sein, mahnt sie, die Ärztin sei da pingelig. Ich quittiere die Fahrradkomplimente der Schwester mit einem Nicken und gehe nach draussen, wo ich ein paar Minuten reglos stehe, im Kopf das helle Rauschen der Schlaflosigkeit. Dann radle ich davon.

III
Oh, it’s you again with your bike, sagt die Krankenschwester mit dem Mann und lächelt, und ich nicke stumm und schaue in die andere Richtung. Seit fünfundvierzig Minuten sitze ich jetzt hier, eineinhalb Stunden werden es insgesamt sein, ehe man mich ins Behandlungszimmer rufen wird. Vor zehn Tagen habe ich selbst entdeckt, dass das Absetzen meiner Bluthochdruck- und Cholesterinmedikamente die Nebenwirkungen erträglich macht, die Hölle zum Fegefeuer mildert, ich weiss gar nicht, weshalb ich eigentlich heute noch gekommen bin, warum ich denen die Gelegenheit gebe, mich warten zu lassen. Insult to injury.

One fourty over one hundred, Kai, sagt die Schwester. Sie sagt jetzt dauernd meinen Vornamen, weil ich mich unzweideutig übers Weggeschicktwerden beschwert habe. Ich durchschaue die quietschende Mechanik, aber es wirkt trotzdem. Hier gelte ich was, als Person. Hier darf ich sein. You need to talk to your primary doctor, we don’t want you having a stroke. Ja, nein, ich doch auch nicht.

Die Ärztin hat dem nichts hinzuzufügen. Mit meinem Hausarzt solle ich sprechen. Es tue ihr leid, dass man mich weggeschickt habe. Wieviel ich denn so Rad führe. Sieben Kilometer täglich! Das sei ja ganz schön viel.

Als die Tür hinter mir zufällt, sage ich halblaut Son of a Bitch. Ich fluche jetzt nämlich auf Englisch.

Wednesday, September 9th, 2009

Feed

Die Schlange an der Bäckertheke ist ungeordnet und ähnelt mehr einem Insektenschwarm als einem Reptil, wartende Menschen blicken auf wartende Waren. Ich stelle mich am Schwarmrand auf, hinter jemandem, der Lester Freamon aus The Wire ähnelt, hager ist und gross, dunkel, mit graumeliertem Dreitagebart. Nice Bike, sagt Lester, dann etwas Unverständliches und wie ein Automat erwidere ich Fahrradphrasen. I’m not in line, sagt er schliesslich und er macht eine Geste mit dem Arm. Ich bin zu ausgelaugt, mich zu wundern und trete einen Schritt weiter ins Schwarminnere, an ihm vorbei.

Nach ein paar Sekunden dann ein menschliches Geräusch von hinten. Can I ask you something? Hilfe will er. Sorry, sage ich. Kein Geld, sagt er, wolle er, ein Getränk vielleicht, oder etwas zu essen. Mal jemandem helfen, Aufstehen für ein besseres Morgen, ja warum denn eigentlich nicht?

Which kind of soda, frage ich, und er zögert mit Blick auf den Kühlschrank. Hungrigen Menschen Zuckerwasser geben, gluckert es in meinem leeren Kopf, ein feiner Wohltäter bist Du. What would you want to eat, frage ich in die limofeindliche Stille. Don’t matter, sagt er. Slice of pizza, sandwich, anything. Ich bin jetzt dran.

Die Frau hinterm Tresen ist unhöflich, eine Säule im Weg, der Verpassenstanz links und rechts ums Hindernis wäre womöglich lustig, wär mir nicht vor Müdigkeit alles gleich. Dieses Brot, jene Brötchen und eine von den kleinen Pizzas, sage ich endlich, ohne noch recht zu begreifen, wie es eigentlich vom No zur Kleinpizza kam. I’d rather not, don’t know what that is, sagt er. A turkey sandwich, maybe? und geht ein Stück die Theke rauf, ich folge ihm, ein fallender, leerer Sack.

Er bittet um eine Extratüte für sein Sandwich, das teurer war als der Lunch gewesen wäre, an dem ich heute sparte. I’m not giving you a shopping bag, sagt die Kassiererin feindselig zu ihm, und steckt es in eine Papiertüte, und ist gespalten in ihrer Verachtung für ihn und für mich. Ein vertrautes Gefühl stellt sich ein, letzte Energien verpuffen; ein Ruf, der sich tonlos in der Wüste verliert, ein Tropfen Tinte fällt in nachtschwarze See; es welkt Metaphernsalat auf Hasenbrot.

Thanks man, sagt Lester, I appreciate it. Er streckt mir die freie Hand hin, und ich will sie nicht ergreifen und ergreife sie doch.

Friday, August 21st, 2009

Unsere kleine Strasse



Andere Hunde,
andere Nachbarn,
selbe Strasse.

Die Familie von der anderen Strassenseite sitzt auf und um die Stufen unseres Gebäudes, als ich die Haustür öffne. Die beiden Teenager auf der Treppe rücken an den Rand, um mir und meinem Klapprad Platz zu machen, der linke hält einen kleinen Hund an der Leine. Unsicher, wie ich auf die sonderbare Belagerung reagieren soll, murmle ich einen Gruss. Die dicke Familienmutter, die in einem Faltstuhl vor ihren Kindern sitzt, erwidert neidisch “I bet that bike was expensive”, und sagt dann nichts mehr. Schnaufende Staunenslaute kommen von den Sitzenden, als ich in der drückenden, schwülen Hitze das Fahrrad entfalte. Der Bullterrier, den der stehende etwas ältere Mann an der Leine hat, sieht interessiert und freundlich zu. Dieses Tier hat den Mops eines befreundeten Paares, das damals im Haus wohnte, halb zerfleischt, die dicke Mutter sich trotz Gerichtsbescheid um die horrende Tierarztrechnung gedrückt.
“Have a good day”, sage ich, als ich losfahre, der Bullterrier geht zugleich auf mich los. Während ich aus dem Vormittagsschatten, den unser Haus spendet, in die grelle Sonne rolle, höre ich ihn noch ein paar Sekunden lang sich würgend in seine kurz gehaltene Leine legen.

Tuesday, June 16th, 2009

Dengelspur

Fragmente eines Verrisses des unterirdisch schlechten “Auf der Spur des Engels” von Herbert W. Franke:

“[…] Science Fiction, das Universum, in dem Autoren und Leser sonderbare Welten umkreisen[…] Vier Hefte Perry Rhodan wöchentlich durch das Austragen von Perry Rhodan zu finanzieren: Anfängerdealerfehler […] naiv und reaktionär […] schon heute veraltet […] hier stimmt rein gar nichts […] Romanzen auf Pennälerniveau […]”

Laßwitz-Preis für besten deutschsprachigen Science-Fiction-Roman 2007. Das hätte einem vor dreissig Jahren auch keiner geglaubt.

Thursday, June 4th, 2009

Das goldene Jäckchen

Der Flachbildschirm auf dem Bahnsteig zeigt einen Mann in einem goldenen Jäckchen. Er steht auf einer schwarzen Scheibe, die sich langsam dreht, im Hintergrund die Basketballkäfige an denen ich bis eben noch erst stand und dann lehnte. Hin und wieder guckt er in die Kamera und schmunzelt dann. Mein Zug kommt lange nicht.

Ein seltsames Gefühl im Magen. Enttäuschung, Schmerz, Wut; auf die Bazillen, auf M., auf mich selbst. Auf den Treppen zum Institut liegt ein totes Vogelbaby, den Kopf flach an den Stein gepresst, die winzigen Rippen stossen durch abgewitterten Flaum und Fleisch. Einen Moment lang verwechsle ich das Tier mit einer Metapher, dann schliesst sich die Tür.

Tuesday, June 2nd, 2009

ausgelernt.time := never;

“Du kriegst die Motten”, eine Redewendung, die bei mir im Kopf gleich neben dem mir lange ähnlich enigmatischen “bis in die Puppen” ihr Zelt aufgeschlagen hatte, scheint vordergründig weniger rätselhaft. Die Motten kriegen, Frass am Gewebe zeigen, Verfall, ausfransen, die Metaphern fliegen nur so, und die Bedeutung ist klar. Die Puppen, andererseits, sind so lange rätselhaft, bis man dann halt mal nachliest, dass es um die Statuen im Tiergarten geht, die man so nannte, und die einen ordentlichen Fussmarsch entfernt waren, sodass alles, was sich bis in die Puppen erstreckte ganz schön weit ging. Oder aber so ähnlich, selber googeln, wo samma denn.

Heute erfahre ich jetzt, das die nebenan hausenden “die Motten” eine volkstümliche Bezeichnung für die Tuberkulose sind, weil die Lungen auf dem Röntgenbild kammansichjadenken.

Na sowas.

Thursday, May 21st, 2009

Der Stand der Dinge

Wie ein gelandetes UFO steht das Mana Diner da, am Fuss des Bergrückens der Jersey City Heights. Vom Park an der Kuppe oben, ein paar hundert Meter östlich vom Tresen, an dem die Frau in der speckigen Schürze die Burger grillt, sieht man weit ins Tal des Hackensack und über die einst unpassierbaren Sümpfe hinweg, trübe Wasserflächen, gespickt mit den aufragenden Schloten von Kohlekraftwerken, Papiermühlen und Müllverbrennern, und mehrfach durchstrichen von Strassen auf Stelzen; Pulaski Skyway und New Jersey Turnpike erheben sich über den salzigen Riesentümpel der Meadowlands, seine dioxinverseuchte Flussbette, seine legendären verschnürten und versenkten Mafialeichen, umtanzen einander inmitten der toten Wasser, Verkehr geflochten zu einem rauchenden, blökenden Ornament auf bröckelndem, feuchtem Grund. Multimedia.

Vom Tresen aus sieht man nichts davon, der Blick trifft in alle Richtungen auf von Fassaden blätternde Farbe und geschundene Karosserien. Ausgebleichte Werbemalereien künden von den längst verschwundenen Mietern hinter den Fassaden, oder vielleicht auch nur von der Gleichgültigkeit des Fortdauernden gegenüber seinem Ausdruck. That ad up there? Fuhgetaboutit. Das riecht nach Klischee, nach einem dummen Scherz, der dem Scherzenden Gefühle einer Überlegenheit verschafft, die er nicht sich verdiente, aber obendrein reden die wirklich so hier. Vielleicht ist aber auch die Verwunderung über das bestätigte Klischee, dass die Geräusche aus dem stämmigen Trucker an der Burgertheke wirklich klingen wie ihr Abbild im Fernsehen, der eigentliche Scherz, auf Kosten des auf seinem Klappfahrrad in den Industrieverfall geradelten feinsinnigen Beobachters, der sich über den Zusammenhang zwischen Popkultur und ihrem Vor- und Abbild den Kopf zerbricht, während um ihn her die Welt in Brösel fällt.

Die Frau in der speckigen Schürze geht durchs UFO nach hinten, eine Art UFO-Wippe wohl, oder ein Mana-Wetterhäuschen, denn ein schmuddliges Oberlippenbärtchen reitet zugleich aus einem anderen Türchen nach vorne. Ob ich schon bestellt habe. Der Trucker sucht im Styroporbecher derweil seinen Kaffee, findet ihr, grunzt ihn an. Ich sei versorgt, erkläre ich mich, und mache eine vage Handbewegung speckschürzenwärts. Das ist dem Bärtchen nichts, und also dreht es sich kurzerhand einmal im Kreis, bewegt etwas auf der Theke vor ihm von hier nach da, und fragt mich so erfrischt von neuem nach meinen Bestellwünschen. Ich will nicht essen, sage ich, ich will ein Kleidungsstück. Bärtchen begreift jetzt, und geht wieder nach hinten, die Wippe knirscht, und es erscheint aus dem anderen Türchen wieder die Speckschürze und bringt das Gewünschte. Acht Dollar. Danke. Bitte.

Das White Mana Diner war das “Diner of the Future” auf der Weltausstellung 1939 in Flushing Meadows, und hier steht es jetzt in dieser Zukunft rum, die ihm doch gehören sollte, und speit mich in die ungebende Industrieruine, direkt auf mein Klapprad drauf, praktischerweise. Ich umfahre nun zunächst ein “Sidewalk closed”-Schild und zwei gelb-schwarze Absperrungen, stehe einen Moment insektenhaft vor dem quer über den Gehweg stehenden Führerhaus eines riesigen Sattelschleppers, der die Tankstelle verlassen will und des Verkehres wegen nicht kann, und umfahre schliesslich den ganzen langen Schlepper. Auf der anderen Schlepperseite ist alles anders, der Sidewalk jetzt wirklich und ernsthaft closed, grober Schotter knirscht, oder Geröll vielmehr, eine Baustellenendmoräne, dann Lehm, dann eine Reihe von Jerseybarrieren, ein Riesenkran, Metallmüll, ein gehsteigbreiter Bauzaun. Weltende. Damn.

Jerseybarrieren, so heissen diese Betonblockadeeinheiten wirklich; zwei Meter lange Betonmauern mit Spreizfuss sind das, entwickelt auf der anderen Seite der Heights, in Hoboken am Ufer des Hudson. Ein schöner Scherz des Weltgespenstes ist das, dass die hässlichen Steinklumpen, die überall in Amerika hässliche Highways noch ein bisschen mehr verhässlichen, ausgerechnet hier erfunden wurden. Die Sackgasse, in der ich stecke, wird von einer Reihe von Jerseybarrieren von der Fahrbahn getrennt, und die Fahrbahn von einer weiteren solchen Reihe von der Gegenfahrbahn. Zwischen mir und dem verlockenden urwaldgleichen Grünstreifen auf der anderen Strassenseite also: zwei Jerseybarrieren und ein steter Strom von Irren in ihren Irrenschleudern. Da ist nichts zu machen, Überquerung ausgeschlossen. Ich gehe in mich, grummle da ein bisschen im Dunkeln, und kehre dann um.

Der riesige Sattelschlepper hat sich eine Einfahrt weitergeschleppt. Wie eine ausserordentlich ungelenkige Schlange steht er staksig verdreht auf dem Parkplatz eines Motels, das Führerhaus schnuppert am Schlepperhintern, an allen Seiten blockiert Jerseygerümpel, und es geht weder vor noch zurück. Am Parkplatzrand steht eine Frau im leichten Sommerkleid, rosa der Stoff auf der dunklen Haut. Sie steht als wolle sie von dort beim Manovrieren helfen. Sie hilft aber nicht, steht nur so, und guckt dem Schlepper beim Krabbeln zu.

Endlich eine Lücke in den Jerseybarrieren, ich wechsle die Seite, balanciere das Rad auf dem endlich erreichten Seitenstreifen voller Grün, der aus der Nähe schmaler scheint und scherbenvoller, riesige Jerseytrucks blasen mir mit ihrem Fahrtwind Nervosität in Kreuz, dann endet auch noch der Streifen. Der Highway macht eine Kurve, kreuzt zwei andere Highways, Brücken und Rampen kommen einander in die Quere, ich lege mich ins Zeug, nur schnell durch durch das Gewirr aus grossen und sehr grossen Autos, am Rand der Fahrbahn, wo sich Kiesel, Sand und Scherben zu einem schönen, griffigen Belag verdichten. Die Ampel grün, hinter mir schon wieder ein riesiger Schlepper, vielleicht der aus dem Motel, der aufgegeben hat, ach nein, die Jerseybarrieren sind auch ihm eine Hürde. Bedrohlich näher rückt mir jetzt der fremde Schlepper von rückwärts, aber nur Meter trennen mich ja von der Einbuchtung hinter dem Brückenpfeiler, noch ein bisschen schneller die Pedale, das winzige Vorderrad rollt über Asphalt und Sand, nur ist das plötzlich gar kein Asphalt mehr, und nur noch Sand. Vorderrad bohrt sich in den weichen Grund und blockiert. Hinterrad weiss davon nichts und faltet sich unter mir leise maulend nach vorn, während Sattel, Rahmen und Fahrer sich aufwärts und strassenwärts heben. Reflexhaft hartes Zugreifen am Lenker, ein scharfer Zug in der Schulter und ich stehe über Treibsandgrube und Radfalte und werde von Hormonen geflutet. Endlos rumpelnd zieht links ein Sternzerstörer vorbei. Und noch ehe mir klar wird, was gerade beinahe geschehen wäre, ist die Gelegenheit auch schon wieder vorbei.

Monday, May 4th, 2009

sattelschubser

Der Fluss der Automobile ist, wie üblich um diese Zeit, in einem Zustand der Auflösung. Auf der rechten Spur steht warnblinkend verteilt die Lunchbrigade und blockiert. Wir restlichen Rollenden umfliessen zäh die aufragenden Ichkisten mit ihren sandwichhoffenden Fahrern. Ein Sattelschlepper schlängelt sich durch die Blockade, und ich schlängele ihm nach, bis er auf der Rechtsabbiegespur an der Ampel zu stehen kommt. Rechts steht er zu eng am Bordstein, ich richte also die Radnase nach links, die Fahrerin des dort nachkommenden Wagens bremst und winkt mich in die Lücke. Aus dem Augenwinkel aber sehe ich die riesigen Reifen des Schleppers sich drehen, das Monster rollt rückwärts und schräg verschwindet mein Rad unter ihm. Hey, rufe ich, asshole, what are you doing, springe ab und ziehe das Rad nach, aber unerbittlich schiebt sich der Verbrecher hinterher. Hey, ruft es nun auch vom Gehweg, there are people behind you, pay attention. Endlich hält das Vieh, schafhaft guckt ein Fahrerkopf aus der Kabine. You OK fragt es von da oben, und schon wieder sage ich, anstatt einem Bereicherungsprozess den Weg zu bereiten, I am, and I think the bike is, too. Schiebe das Rad zum Beiweis kurz nach vorne und wieder zurück, überrolle dabei eine schimpfende Ameise, und radle davon.

Monday, April 6th, 2009

Anatomiestunde

Im Brustkorb eine Standuhr,
Monströs, verziert und alt,
Jetzt schlägt sie grade dreizehn,
Geräusch, das rasch verhallt.

Im Kopf ein Topf voll Pudding,
Geschmacklos, kalt, mit Haut,
Ich schüttel ihn, er schwabbelt,
Erst laut, dann nicht mehr laut.