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Wednesday, July 21st, 2010

Fallen durch Decken

Der Aufzug sackt seit Wochen beim Schliessen der Türe ein paar Zentimeter durch, geht dann nochmal auf, dann wieder zu und dann fällt er aber doch noch hydraulisch nach unten durch die Tunneldecke in die Felsenkammer der PATH-Station. Das ist hübsch, das hydraulische Fallen, weil man polierten Stangen dabei zusehen kann, wie sie sich ölig in dickere polierte Stangen schieben während man aus der Decke fällt, und das ist ein schöner Zeitvertreib.

Heute aber sackt der Aufzug nicht, und er muckt auch nicht, die Tür schliesst sich sauber und schnell, und geht auch nicht mehr auf. Auch sonst passiert nichts. Das heisst, nach einer kleinen Weile dann schon. Die Tür geht wieder auf. Und man ist aber durch keine Decke gefallen, vollkommen aufzugszweckwidrig. Das mache ich viermal mit, oder lass es ruhig fünf sein, dann habe ich genug von sich schliessenden Türen. Der Aufzug aber befindet sich in einer Sackgasse hinter einer Zahlschranke, meine Monatskarte ist nach jeder Benutzung für 18 Minuten gesperrt, und deswegen kann ich jetzt also nicht die Treppe nehmen, sondern muss auf einen roten Knopf drücken. Es hupt melodisch. Es knarzt. Und dann redet eine Stimme aus dem Nichts mit mir. Nein, sagt die Stimme während ich wie ein Schwein im Weltall um mich zu sehen vorgebe, von einem Aufzugsproblem sei nichts bekannt, ich solle doch noch ein bisschen probieren. Und legt wieder auf, noch bevor ich sie auf den informationstheoretischen Fehler hinweisen kann, den sie da begeht. Andererseits muss ich ja zugeben: gute Strategie. Müsste aber eigentlich trotzdem gleich nochmal anrufen.

Weil ich so schlecht mit dem Bein ans Ohr komme, drücke ich stattdessen noch ein bisschen auf Knöpfen rum und sehe der Tür beim Auf- und Zugehen zu, und hoffe auf eine erlösende Uniform. Es kommt auch gleich einer, der Aufzug geht nicht, sage ich, er guckt mich stumm an als sei ich nicht bei Trost, geht in den Aufzug und drückt den Schliessknopf. Tür zu, Aufzug steht. Tür auf. Er murmelt unverständlich Fremdsprachiges, rüttelt an der Tür, greift sich in die Hose, zieht einen Schlüsselbund – der Aufzugsresetbuttonrettungsschlüssel! Oh süsse Engelstöne! – und kratzt mit dem Schlüssel den Passagierschmutz aus der Türspalte. Die Tür schliesst sich. Durch das Türfenster sehe ich das Gesicht des PATH-Mitarbeiters, während er durch den Boden fällt. Von drinnen guckt es ein bisschen schuldbewusst zurück.

Der Aufzug kommt wieder, als ich ihn rufe. Ich steige ein, murmle unverständlich Fremdsprachiges (man weiss ja nie) und drücke den zuständigen Knopf. Nichts. Die Tür öffnet sich wieder. Ich zücke meinen Hausschlüssel und grüble in der nun schon fast ganz dreckfreien Türspalte rum. Knopf. Nichts. Tür. Ich rüttle erbost am Aufzug. Knopf. Nichts. Tür. Ich murmle profan Fremdsprachiges und wiederhole es nochmal, aus Langeweile.

Aber keine Bange, da kommt schon das nächste PATH-Männchen. Aufzug kaputt sage ich. Er guckt mich an, als sei ich bei Trost, dreht um und geht, noch bevor ich von meinem Ticketproblem erzählen kann durch die Bezahlschranke nach draussen, und zum anderen Aufzug. Durch dessen Bezahlschranke er sich quetscht, wärhend er mit seinem PATH-Ausweis in Kameras wedelt. Good for you, fuckhead, sage ich nicht, denke es aber.

Kurz überlege ich, nochmal den Anrufknopf zu drücken und der Zentrale einen hübschen Aufzugsmarsch zu blasen, aber die 18 Minuten sind um und ich nehme stattdessen marschlos die Treppe. Der Bahnsteig unten ist voll, der Zug also nahe, und der Schaden begrenzt. Vor dem Aufzug am Bahnsteig steht eine PATH-Mitarbeiterin und wartet. It’s not going to come, sage ich, it’s broken.
It breaks every six days, sagt sie unbeeindruckt, und geht zur Treppe.

Tuesday, July 13th, 2010

Uniquely Bohring

Der Mensch sehnt sich nach Einmaligkeit, und sogar dieses Sehnen selber ist einmalig im Tierreich. Ebenso wie die Gehirnleistung, diese Rekursivität zu erkennen und sie dann in ein Blog zu schreiben. Die Liste der historisch vorgeschlagenen Einmaligkeiten ist lang, das Niesen stand vielleicht auch mal drauf früher – der Mensch, das einzige Tier, dem der Schneuzgott die Niesfähigkeit gab – gehört aber da gar nicht hin, weil: Katzen, Niesen, kein Problem. Die menschliche Empörung allerdings, wenn das Katzenniesen direkt vor, oder eigentlich quasi in der menschlichen Nase passiert: womöglich einmalig. Das Tier an sich tritt fremdem Schleim in der Regel eher unemporen entgegen.

Auch einmalig menschlich ist die Fähigkeit, sich was in den Kalender zu schreiben, wozu man eigentlich überhaupt keine Lust hat; oder Böcke, wie wir Menschen manchmal sagen. Zum Beispiel, naheliegend, zugegeben, aber man kann es sich ja nicht aussuchen, einen Zahnarzttermin. Wenn dem Bären die Zähne schmerzen, beisst er vielleicht ins Gras, weil er bei Zahnweh einen auf irgendwelchen Grasdrogen basierenden Grasbeissinstinkt hat, aber er setzt sich ganz sicher nicht zum Scheissen in den Wald und ruft von da seinen Zahnarzt an. Bären hassen Zahnärzte.

Menschen natürlich auch, aber trotzdem rufen sie an und gehen dann hin, eine ganz erstaunliche Trennung von unmittelbarem Wohlergehen und seltsamen abstrakten Theorien. Wenn ich mich zwei Stunden lang quälen lasse, dann wird es mir in einem halben Jahr besser gehen als ohne Quälerei, denke ich und setze mich in ein Wartezimmer voller Unterschicht. Derartiges zu denken ist auch eine einmalige Fähigkeit, und zwar genauer gesagt: eine einmalig bescheuerte. Das ahnt man, wenn man aus dem Unterschichtgewimmel in den zerknitterten Behandlungsraum gerufen wird. Diese Ahnung verdichtet sich, wenn der Arzt ohne Vorwarnung mit einer riesigen Spritze mehrmals so tief unter die Zunge sticht, dass man sie hinten am Hals wieder austreten spürt, mit einem funkelnden Lidocaintropfen dran. Ein inneres Auge, die imaginierten Schrecken zu zählen, auch das vielleicht einmalig. Dank dir fein, Schöpfung.

Und man weiss es aber ganz sicher, nachdem der Arzt einen Eisenring über einen Zahn gezogen und den Mund mit einem Gummituch zugezeltet hat, und Panik aus dem Menschenmagen aufsteigt, und zwar nicht übertragen oder metaphorisch, sondern so richtig. Herzrasen, Hirnschummer, Adrenalin, alles da. Are you all right, fragt der Arzt, aber mehr als ein Brummen ist zur Antwort nicht drin, wegen Gummizelt im Maul. Patient brummt, Herzerl gsund, denkt der Arzt. Und bohrt. Fünfundvierzig Minuten lang.

Und ein paar Stunden später hat man dann natürlich schon wieder alles vergessen und lutscht zur Belohnung am Zucker. Grad als wie die Tiere.

Friday, June 18th, 2010

Geheimnis des Fühlens

Deine Schwärze, Hirn, verdammen wir.
Vor Jahren schon bin ich aus der Kirche ausgetreten, durch eine viel zu hohe, schwere Holztür, aber den liturgischen Formeln hat das nichts von ihrem mystischen Rauschen genommen. Das wurde mir in der Kindheit eingepflanzt, neben all den anderen Filtertierchen, die an den Nerven saugen, und da hockt es nun und lauert auf ein passendes Geräusch. Ich bin nicht komplett glücklich, dass du eingingst unter mein Dach, Filtertierchen, aber hör nur ein Wort, so fühl ich mich wieder wie das Kind, das vor der Beichte zittert. Das war, im Rückblick, nicht die schlechteste Zeit. Eine Angst vor Unerheblichem, danach Erleichterung und Eisbecher in der Sommersonne.

Deine Hellerwerdung preisen wir.
Es ist nicht nur der Aufzug, der heute nicht beim ersten Schliessen der Tür einige Zentimeter durchsackt, die Tür wieder öffnet und dann erneut schliesst, sondern gefügig gleich sackt, als ich reinkomme, schliesst und brav losfährt, obwohl auch das eine angenehme Überraschung ist. Aber auch in mir ist es heute anders, die Ruinen des Geschehenen ragen unverändert in die dünne Luft des Gebirges Vergangenheit, aber das Denken fällt jetzt leichter in der dünnen Luft. Die Dummheiten einzelner bleiben zwar dumm, Enttäuschung und Zurückweisung schmerzhaft, Einsamkeit in der Krise ein kalter Keks aus Beton, aber das Monstrum, das diese Einzelheiten frass und umfassende Isolationsangst und Verzweiflung zurück in die Nervenbahnen schiss, schläft heute, hush, my darling, Ingonyama ifile, mit Acetaminophen bedacht. Und erst durch seine Abwesenheit bemerke ich den chronischen Schmerz der letzten Monate. Schädigte die Seelenwunderdroge Paracetamol nicht Nieren und Leber – aber jetzt zieh ich mir nicht auch noch eine Konjunktivitis zu: wäre die Katze ein Pferd, könnte man auf ihr den Baum raufreiten. Das wäre toll, aber die Katze ist kein Pferd, und Paracetamol keine Dauerdroge. Gehorchen müssen wir den Indikativen, die uns in Bande gelegt. Immerhin ein Tag Urlaub von der Kaputtheit, ist doch auch was.

Bis du denkst in Herrlichkeit.
Die Eltern der jungen Familie, die nach mir aus dem sackenden Aufzug steigt, sind selbst noch Kinder. Die Mutter zetert am Schnürchen auf die beiden Kinder ein, die nichts nachvollziehbar falsch machen, der Vater meldet irgendwann schüchtern an, dass das kleinste doch einfach nur aufs Klo müsse. “Nothin I can do, he don’t have to pee, he just want the junk food that in this bag and he don’t want to wait till we get somewhere where there hotdog or something” ramentert es zurück, dann noch ein paar inhaltlose Aggressionslaute in Richtung der Kinder, jedes kriegt eine faustvoll Karamellpopcorn ins Maul und ein Filtertierchen in den Kopf, it deepens like a coastal shelf, und der einfahrende Zug trennt gütlich unsere Wege.

Wednesday, June 9th, 2010

Statt Gewitter

Heute ist der Hügel schon nicht mehr so steil, der Weg nicht mehr so weit und die Sonne treibt nicht mehr so viel Schweiss, wohl weil die Erinnerung ans letzte Mal mit in die Pedale steigt, und vielleicht auch wegen der fachmännisch eingezogenen Speichen in Hinterrad, das jetzt schnurrt wie eine runde Katze mit aufgepumpten Pfoten. Den hohen Blutdruck schiebe ich dann trotzdem auf diese halbe Stunde leichtes Sonnenradeln, aber der Nierenmann mit dem Kalifennamen ist von diesem Argument unbewegt. Während er mit ernstem Gesicht hochdruckrelevante Notizen schreibt, werde ich deshalb kurz verlegen, als hätte ich meine Hausaufgaben nicht gemacht. Drollig, das, weil mir das ja noch nie peinlich war, und ich sie ausserdem sogar gemacht habe. Alle Ergebnisse da, einschliesslich des zunächst fehlenden Ultraschallbefundes, der per Fax hier eingetrudelt ist während meines Wartens. Und das nach nur einem einzigen Anruf der Sprechstundenhilfe beim schlampenden Schalllabor: die Medizin brummt am Schnürchen wie ein Hinterrad mit weissen Kittel.

Den Nieren geht es besser, sagt der Kalif, die Hormone sind im Rahmen, die Kalziumwerte zum ersten Mal seit Beginn der Aufzeichnungen vor drei Jahren normal, und die Nebenschilddrüsen damit komplett aus dem Rennen. Ich sitze da, und weiss nicht, wie, sehe mir an, wie weitere Überweisungen geschrieben werden, Dopplerdingse, Endokrinologisierer, Blutpröbchen, gehts denn jetzt wohl einfach immer so weiter?, und taste abwesend nach dem Knoten im Hals, den ich bis grade eben für eine amoklaufende Nebendrüse hielt. Und der jetzt aber immer noch da ist, allen Befunden zum Trotz. Hallo, Knoten. Wir sprechen uns noch.

Blinzelnd stehe ich dann in Union City wieder auf der Strasse und entfalte den Rutscher, Manhattan guckt staubiggrau zu von der anderen Flusseite und funkelt kokett ein bisschen im Dunst. Halb hatte ich den Tumor gefürchtet, halb ihn herbeigehofft, das dachte ich jedenfalls, aber jetzt geht es mir in der Abwesenheit seiner Möglichkeit so gut wie lange nicht mehr. Bitterkeit, Verraten- und Verlassenheit, Hoffnungslosigkeit und Zorn, all das bleiche Gewölk ist wie weggefegt, stattdessen wabert mild melancholische Gleichmut überm glatten Denkasphalt, ein warmer Wind im leeren Radlergesicht beim Abwärtsrollen. Versteh einer die Wetter.

Wednesday, June 2nd, 2010

Der Colonel hört nicht

I
Peinliche Zeiten. Weinerlichrotes Kryptonit bloggen; zum ersten Mal im Leben die Bohemian Rhapsody “so richtig hören” und prompt heulen müssen; alle verfügbaren Emotionen zugleich bei vollem Bewusstsein in ihre jeweiligen Sackgassen fahren und den Rückwärtsgang nicht finden. Und sich dann aber auch noch beschweren wollen dauernd. Mal sehen, ob ich die Latte nicht noch ein bisschen tiefer gelegt kriege, bevor dieser Spass sein Ende hat. Lyrik, vielleicht.

II
“If you can’t change your mind, are you sure you have one?” fragt die junge Frau, die die Treppe runterkommt, in der Sprache der T-Shirts. Grade überlege ich mir eine Antwort auf diese kluge Kopfnuss, da sehe ich zugleich an der Bahnsteigkante einen zerrupften Herrn stehen, dessen Shirt mit “Sorry, mind closed until further notice” gegenhält. Ja fein! Und überlasse die beiden Weltgeist-Reisenden hübsch ihrem Dialog. Kommt auch der Zug, muss ich Rad reinwuchten und Scheuererklärung finden. Dazu gleich.

III
What do you want, Colonel, fragt der Herr hinter der Theke den Herrn vor der Theke, aber der Herr vor der Theke antwortet nicht. Also wendet der Herr hinter der Theke sich stattdessen an mich, ich bin immerhin auch ein Vortheke. The Colonel is a bit hard of hearing, erinnert er mich, als seien wir Vortheken alle eine grosse Familie von Colonels, und warum auch nicht, könnte ja sein, sieht man vermutlich schlecht von hinter der Theke. “I’d like two Rollmöpse, please”, sage ich, ein bisschen, weil ich den Satz unbedingt sagen will, und ein anderes bisschen, weil ich tatsächlich zwei Rollmöchte möpse. Grundmultitasking. Nachdem er mir die Möpse zugestellt hat, versucht es der Mann hinter der Theke noch mal, aber der Colonel hört immer noch nicht. Die Hintertheken habens auch nicht leicht.

IV
Seit Wochen schon schwankt mein Klapprad sonderbar beim Rollen. Nicht besorgniserregend, eher so, als habe es sich einen kleinen Schwipps angezwitschert und könne jetzt nicht mehr gradeaus gurken. Ich schob das Gewackel auf die Gabelführung und dachte mir nichts weiter, jedenfalls nicht übers Rad. Bis dann auch noch das Hinterrad am Rahmen scheuerte beim Fahren. Bei dummen Fahrrädern liegt das an gelockerten Radachsmuttern und erfordert eine Achsgraderückung, aber beim Brompton verbeissen sich Unterlegscheiben mit Vampirzähnen ins Rahmenmaterial, und die Achse sitzt bei jedem Wind und Wetter bombenfest.

Bescheuerterweise scheuerte es aber trotzdem. Wer Schlingern ignoriert, kann auch bei Scheuern die Augen schliessen, dachte ich mir, irrte aber, weil, bergauf gegen scheuernde Räder anstrampeln grenzt an Arbeit. Obendrein muss man dabei ziemlich fluchen, und wenn man das richtig macht, geht Ignorieren auch schlecht.

Erst im Pendelzug guckte ich mir das dann näher an. Und staunte. Am Hinterrad waren nur noch die Hälfte der Speichen am Leben, der Rest an der Nabe abgebrochen, und von den Lebenden wiederum war die Hälfte reichlich lose. Die Felge liess sich gegenüber der Nabe zentimeterweit verdrehen. Eine rollende Todesfalle. Beim Bruch der nächsten Speiche wäre das Hinterrad auf der Stelle implodiert und von den rauhen Strassen Jerseys zu feinem Staub zermahlen worden. Wäre ich grade auf einen Alligator zugefahren, oder einen weitoffenen Nilpferdschlund, man mag gar nicht drüber nachdenken. Hingefallen wäre ich womöglich auch noch.

V
Wenn er nur endlich ein Ende hätte, der Spass. Ich liesse mir sogar mal wieder ein schlechtes Gedicht gefallen von mir. T minus eins.

Saturday, May 29th, 2010

Kritik der Körperlichkeit

Interessant, wie Urteilskraft sich auflöst, wenn der Verstand sich erreimt hat, dass dem Gefühl nicht zu trauen sei. Nicht, dass die Hilflosigkeit des reinen Verstandes eine neue Erkenntnis wäre, findet man bei Hume zum Beispiel, aber sie mal eben so unmittelbar am eigenen Leib auszuprobieren, man kriegte das Experiment durch keine Ethikkommission. Und mir wirds gratis geliefert. Danke, Natur.

Verlassenheit, Beistand und Verrat, Erwartung und Enttäuschung: wacklige Interpretationen alle. Selbst klar formulierte Sätze und die Intentionen einfacher Handlungen sind ratternden und schlecht geölten Deutungsmaschinen unterworfen, die, wenn sie aufhören, rund zu laufen, schwarze Rauchschwaden werfen, fumata nera, und da steh ich dann, entscheidungslos hustend im Faktennebel. Unfehlbarkeit ade.

Was man anderen anvertraut und vorhält, Gründe, aus denen man sich freut, Ursachen der Verletzung: es ist ja alles konfabuliert und fürs Selbstbegreifen irrelevant. Man fühlt diffus vor sich hin, sucht im Katalog der Überzeugungen eine farblich zum Feeling passende Rationalisierung, und bestellt dann blind: wird schon passen. Und passt wegen starker Dehnbarkeit auch meist. Bei arger Dissonanz winkt stillschweigender Umtausch.

Sollte sich diagnostisch herausstellen, dass nichts von meiner Malaise aufs Konto des vermuteten Tumors geht, wenn das Peptid bloss den Normalfall probt, und also alle Verirrungen und Verwirrungen nicht der Drüse, sondern eben doch wieder dem Hirn zur Last zu legen wären, warum eigentlich wäre das schlimmer? Warum sollte ich verantwortlich sein, wenn mein Gehirn selbst spinnt, aber nicht, wenns nur spinnt, weils in einer Nebenschilddrüse rappelt? Warum muss überhaupt immer irgendwer schuld sein, und nicht vielmehr nichts? Kann ich denn was für den Unsinn, den meine Zellen so treiben?

Kollateral der Selbstunterwanderung: festen Grund zu finden im Sumpf zwischen Paranoia und Vertrauen ist unmöglich, wenn man schon den eigenen Füssen nicht traut. Was aber macht man mit denen, denen man entweder den Kopf mit sauren Kieseln waschen müsste, oder aber reuig die Hand reichen, und man weiss aber nicht welches? Kopf mit der Hand waschen? Saure Kiesel reichen? Und wenn man dann vorsichtshalber gar nichts macht, ist das nicht ein Punkt für die Paranoia?

Und wozu eigentlich die Nabelschau? Das Internet hat doch gar keine Ohren, nur ein System von Röhren, und eine Armee von Katzen auf der Suche nach Noms. Aber immerhin vergeht so die Zeit. Den ganzen Tag XBox geht ja auch nicht.

T minus fünf.

Thursday, May 27th, 2010

Lösungen an der Bahnsteigkante

That’s a folding bike. Euphorisch kommt das Geräusch aus dem Dreitagebart, und dann dreht er sich auch schon wieder um. Erst halte ich es für den süssen Rausch einer Weltverstehensillusion, aber eine hohe Anzugsglatze neben mir lässt ein langgezogenes und schwer zweifelndes Hmmm fahren, und hat ja recht: man sieht in andere Menschen nicht hinein und soll keine eiligen Urteile über ihre Räusche fällen. (Nebenbei: wenn im Wald ein Urteil fällt, und keiner hörts, ist dann überhaupt jemand da?)

Wirklich war es gar nicht Weltverständnis, sondern Erfindergeist, der den Bart beglückte. Jetzt dreht er sich nämlich nochmal um, die innere Blaupause ist fertiggekritzelt, und entwickelt in schnellen, präzisen Formulierungen die Vorstellungen eines Fahrradrahmens gefüllt mit Wasser, mit einem kleinen Trinkschlauch und unter Strom gesetzt, wohl um das Rosten zu verhindern. Das sei perfekt, gerade auch für Radrennen. Und dreht sich wieder weg. Eine tolle Idee, will ich den Bart schon loben, da macht es von links hinter mir wiederum “Hmmm”. Recht hat Glatze, schon wieder. Das ist doch Quatsch, wer fährt denn Rennen mit einem Klappfahrrad?

Ein drittes Mal wendet sich nun der Bart. I just had this idea, right now, right here, when I was looking at your bike, ein Geistesblitz, ein Geniestreich, und ich habe das warm rieselnde Gefühl, dabeigewesen zu sein, als Fahrradgeschichte geschrieben wurde. Hmmm, macht auch Glatze noch einmal, als der Zug schon einrollt, und fasst sich dann ein Herz und fängt doch noch zu sprechen an. This bike, sagt er und macht ein dramatisches Sprechpäuschen. I bet the Japanese didn’t make it. No, antworte ich schlagfertig. The British did.

Glatze nickt zufrieden, der Zug hält, wo er immer hält, und öffnet eine Wagentür direkt vor unserer Dreiergruppe. Glatze aber eilt einen Wagen nach rechts, Bart einen nach links, und ich gehe, ein wenig verwirrt, geradeaus, die kleine Konferenz abrupt beendet. Es wird schon alles seinen Sinn haben, vielleicht.

Wenn man übrigens unter den Sitzen der Nahverkehrszüge kleine Bier- oder Whiskyfässchen installierte, und Schläuche durchs Haltegestänge führte, man könnte sich zufriedenstellend zuballern auf dem Weg vom einen lausigen Ort an den anderen, zum Beispiel auf dem Weg von A nach B, und alles wäre ein bisschen besser, subjektiv jedenfalls. Das fiel mir jetzt grade ein, beim Schreiben übers Warten auf dem Bahnsteig. Nur falls dann später wieder die Japaner behaupten wollen, sie seiens gewesen.

Wednesday, May 19th, 2010

+2

10
Die Erde bebt bei jedem ihrer Schritte und im Gesicht trägt die Labordame die grimmige Maske der benachteiligten Minderheit, dass sofort eine rechte Gottesfurcht in jeden Patienten fahre und ihn senkrecht halte. Weshalb sie ihn ja vermutlich aufsetzt, den Grimm. Zimmer zwei, bellt sie jetzt in eine unbestimmte Richtung ins Wartezimmer hinein, ich erschrecke, und weiss also, ich bin gemeint.

In Zimmer zwei lege ich ihr den alten Laborauftrag vor, das “PTH related peptide” eingekreist und ein “follow up” daneben vermerkt. Ich erwarte jetzt ein Schauspiel der Verwirrung, aber sie ruft ohne Zögern souverän die Krankenkasse an, und lässt sich den Buchungscode für den mysteriösen Test geben. Das zieht nun auch die andere Labordame ins Zimmer, die vom Freitag. Peptide!, flötet sie begeistert, it doesn’t exist! I tried to call the doctor, aber Schwester Grimm gibt schon den errungenen Code in die Maschine ein, und der Test erscheint. Aha! Protein! ruft die ursprüngliche Schwester triumphierend, I knew the doctor wrote it wrong. Dann geht sie zufrieden davon, und ich blute noch schnell ein “Röhrchen mit lila Deckel” und ein “Röhrchen mit grünem Deckel” voll. Ich hoffe man hält mich nicht für arrogant, weil ich diese Fachausdrücke des Laborantengewerbes benutze. Der Jargon färbt ab.

Als Schwester Grimm dann “should be done in about a day or two” sagt, und ich sage, das sei durchaus in Ordnung so, und sich aber herausstellt, dass sie zwar zimmerlaut und in meine Richtung, aber eben trotzdem mit der Kollegin im Nachbarzimmer gesprochen hat, und ich dann sage, das gehe trotzdem klar mit mir, lacht sie dann doch noch. Ich sehe es in ihrem Gesicht, und spüre es im Fussboden. Geht doch.

11
Telefon am Morgen, es ist die Sprechstundenhilfe des Arztes. Die Testergebnisse seien da. Bis auf diesen einen Test da, da habe das Labor angerufen, den könnten sie da wohl nicht durchführen. PTH related Peptide, frage ich. Ja, sagt sie. Das ist geklärt, sage ich, der ist gemacht. Da gab es ein Missverständnis, das Labor verstand nichts von Peptiden, und daran habe sich zwar nun nichts geändert, aber der Test sei trotzdem planmässig durchgezogen und also alles in Butter, nämlich das PTH related protein gemessen, in bunt bedeckelten Röllchen, und das Ergebnis sei nun praktisch schon auf dem Weg in die Akte. Schön und gut, wendet die Sprechstundenhilfe schüchtern ein, aber was denn mit dem PTH related phosphate nun sei? Dann folgen ein paar Sekunden Schweigen in der spannungsvoll knisternden Leitung.

Nachdem sie meine Frage, ob sie mit Phosphaten Peptide meine, bejaht hat, erkläre ich dann noch einmal den ganzen Summs und Brumms, und sie gibt dann an, dem Doktor von diesen erfreulichen Umständen umgehend Bericht geben zu wollen. Dann legt sie auf. Ich bin in guten Händen.

Friday, May 14th, 2010

Neun Röllchen

1
Neun Röllchen liegen hier nebeneinander, so viel Röllchen war nie. Zehn wären es geworden, hätte Haroon Rashid – der Nephrologe wurde anstelle des Nephrologen – nicht “Peptide” auf meine Überweisung geschrieben statt “Protein”. Peptid, das Wort kennen sie nicht, es handelt sich schliesslich um ein diagnostisches Labor und nicht um ein Lexikon. Protein hätte es gegeben im System, das ist doch dasselbe, sage ich ohne echte Energie und Hoffnung. We can’t guess, und der Arzt geht nicht ans Telefon. Muss ich eben wiederkommen fürs letzte Röllchen und fürs Peptidprotein. Isschongud.

2
You’re done sagt sie und klebt zwei Streifen über die Haare auf meinem Arm. Machen sie immer, Blut saugen und Haare verkleben, obwohls kompletter Unsinn ist, es blutet praktisch nie nach bei mir, dafür muss ich jetzt Haare ausreissen. I think you still need to give me the bottle, murmle ich, und sie zeigt auf die Flasche, 60 Zentimeter hoch und knallorange direkt vor mir. I already did in the beginning. Ich erschrecke ein bisschen, oh yes, I kind of remember that now, sage ich, und es ist nicht mal gelogen: I kind of wirklich do.

3
Bindungspsychophysik: aus dem See aller möglichen Verbindungen hebt Oxytocin einzelne heraus, manche höher, manche kaum wahrnehmbar, und im Verbindungssee, der ruhig und einsam und kalt da liegt wie ein Gletscherausfluss, bleibt dann ein warmes Loch, in dem man sich verkriechen kann. Oben schwebt das Gelichter eine kleine Weile haltlos, fällt schliesslich zurück und verschwindet im See. Es wird dann negative Energie frei.

4
Dass man das kann, in Schleifen denken, und nicht nur ein Ereignis, sondern auch seine Mitteilung und die Umstände seiner Mitteilung und der Kontext der Umstände und die Geschichte des Kontexts bewerten und sich zu Herzen nehmen und zu Tode begrübeln, das ist doch eher: lästig. Hirn schön und gut und nützlich, aber es geht doch auch eine Menge Käse drin vor.

Schuhe binden, andererseits, und mit Doppelschleife: kann man brauchen. Dafür danke, Kindheit.

5
Der Unterarm ruht warm auf meiner Hüfte während sie mir verschleimtes Plastik in die Rippen drückt. Eine vage Erinnerung an Erotik, und ein: vergiss es.

Kurz frage ich mich, warums eigentlich nicht brummt, aber dann: ist ja ultra. Ultra brummt net.

6
Ergebnisse gibt es keine, sagt die Dame vom Ultraschall zu mir, I don’t read these, mit entschuldigendem Lächeln. Dabei starrte sie doch minutenlang auf Schallbilder meiner Eingeweide, das ist ja wohl lesen, wie ein Augur in der Gans oder Taube liest. Sag mir, was du sahst, schöne Frau, und mach die Angst weg und das Elend. Aber ich nicke natürlich nur stumm, schon auf dem Weg nach draussen, an den anderen Angespülten vorbei. Furchtsame Gesichter in Wartezimmern: eine Photodokumentation.

7
Wenn ich mir das ausdenke und zusammenhypochondriere, diesen Schmerz beim Urinieren, das Unwohlsein, den dumpfen Druck, die ganzen verdächtig passenden Symptome; wenn die überfunktionierende Drüse das unterfunktionierende Ich nicht erklärt obwohl sies könnte; wenn es keine Operation geben wird, oder sie dabei die Verzweiflung im Bauch vergessen am Ende, und mich aber trotzdem wieder zunähen: wer nimmt mich dann freundlich bei der Hand? Mutter Natur, wo ist dein Lolli?

8
Ich starre dem Geld in die Gesichter, fünfzig Cent brauche ich, warum brauche ich die noch mal, und wie viele sind da in meiner Hand, zwei kleine, ein mittleres und ein grosses Gesicht, sind das denn fünfzig? Ich presse angestrengt, aber die Zahlen kommen nicht, Kanal verstopft. I’m broken sage ich nach einer Weile, und you’ll get over it antwortet der dicke Pizzabäcker sofort und zuversichtlich. Neben ihm steht die Hübsche, die immer schon vorher weiss, was ich gleich bei ihr bestelle. Ich würde gerne mal mit ihr reden, aber ich weiss nicht, wie.

9
Gatterklettern, Bretterpfad durch Mangroven, Vogelrufe im lichtlosen Unterholz. Die Unterhaltungen der in Grüppchen und Paaren dem Partylärm Entflohenen werden leiser und verschwinden in Wind und Laub. Am Strand erschöpftes Liegen, allein im Brandungs- und Gedankenrauschen, in das sich bald Stimmen drängen: eine bekannte darunter, vielleicht. Zögernd nähere ich mich der kleinen Silhouettengalaxie mit ihren Partyleuchtringen, aber nur Stimmfetzen schweben über den Wassern. Trunken und dunkel in Wurfweite stehe ich, bis der Schatten laut genug spricht und ich ihn doch noch erkenne. I know that guy, rufe ich beim Näherkommen, aber es hilft nicht, die Nachtstrandkonventionen sind verletzt, ich bin jetzt der Mann aus dem Dunkel. Ich fliehe ins Meer, und tanze die schwankende Devolution. Einzeller, ich komme.

Nach der Diskussion über Neurophilosophie mit einem anderen Schatten schwimme ich weiter nach draussen und fange leuchtende Tiere in meiner Unterhose. Universen aus Wolken und Sternen und Galaxien, die momentweise auflodern und wieder vergehen. You really creeped the girls out, sagt der bekannte Schatten später, und ist seltsam begeistert davon, vielleicht weil er sie so selbst in Schutz nehmen konnte vor dem Monstrum. Nichts Neues. I’ll get over it.

Tuesday, April 27th, 2010

Inventur

Dies ist meine Niere,
dies meine Galle,
hier zuviel Kalzium,
im Blutstrom gelöst.

Herzesschläge:
sind schnell, sind erratisch,
Elektroden und Plotter,
zerkratztes Papier.

Die Kurve, so sagt er,
ist harmlos verändert,
neidvolle Blicke
begleiten zur Tür.

Im Blutstrom derweil
Gespanntheit und Drängen,
im Überdruck treibt
viel Cholesterin.

Die Leber erzeugt es,
im emsigen Treiben,
der Bändigung tauge
Atorvastatin.

Die Nierenmalaise
fürcht ich am meisten:
schon zeigen sich Spuren
im fahlgelben Saft.

Dies ist mein Neuron,
dies seine Schwärze,
dies der Transmitter,
dies ist mein Hirn.