1
Neun Röllchen liegen hier nebeneinander, so viel Röllchen war nie. Zehn wären es geworden, hätte Haroon Rashid – der Nephrologe wurde anstelle des Nephrologen – nicht “Peptide” auf meine Überweisung geschrieben statt “Protein”. Peptid, das Wort kennen sie nicht, es handelt sich schliesslich um ein diagnostisches Labor und nicht um ein Lexikon. Protein hätte es gegeben im System, das ist doch dasselbe, sage ich ohne echte Energie und Hoffnung. We can’t guess, und der Arzt geht nicht ans Telefon. Muss ich eben wiederkommen fürs letzte Röllchen und fürs Peptidprotein. Isschongud.
2
You’re done sagt sie und klebt zwei Streifen über die Haare auf meinem Arm. Machen sie immer, Blut saugen und Haare verkleben, obwohls kompletter Unsinn ist, es blutet praktisch nie nach bei mir, dafür muss ich jetzt Haare ausreissen. I think you still need to give me the bottle, murmle ich, und sie zeigt auf die Flasche, 60 Zentimeter hoch und knallorange direkt vor mir. I already did in the beginning. Ich erschrecke ein bisschen, oh yes, I kind of remember that now, sage ich, und es ist nicht mal gelogen: I kind of wirklich do.
3
Bindungspsychophysik: aus dem See aller möglichen Verbindungen hebt Oxytocin einzelne heraus, manche höher, manche kaum wahrnehmbar, und im Verbindungssee, der ruhig und einsam und kalt da liegt wie ein Gletscherausfluss, bleibt dann ein warmes Loch, in dem man sich verkriechen kann. Oben schwebt das Gelichter eine kleine Weile haltlos, fällt schliesslich zurück und verschwindet im See. Es wird dann negative Energie frei.
4
Dass man das kann, in Schleifen denken, und nicht nur ein Ereignis, sondern auch seine Mitteilung und die Umstände seiner Mitteilung und der Kontext der Umstände und die Geschichte des Kontexts bewerten und sich zu Herzen nehmen und zu Tode begrübeln, das ist doch eher: lästig. Hirn schön und gut und nützlich, aber es geht doch auch eine Menge Käse drin vor.
Schuhe binden, andererseits, und mit Doppelschleife: kann man brauchen. Dafür danke, Kindheit.
5
Der Unterarm ruht warm auf meiner Hüfte während sie mir verschleimtes Plastik in die Rippen drückt. Eine vage Erinnerung an Erotik, und ein: vergiss es.
Kurz frage ich mich, warums eigentlich nicht brummt, aber dann: ist ja ultra. Ultra brummt net.
6
Ergebnisse gibt es keine, sagt die Dame vom Ultraschall zu mir, I don’t read these, mit entschuldigendem Lächeln. Dabei starrte sie doch minutenlang auf Schallbilder meiner Eingeweide, das ist ja wohl lesen, wie ein Augur in der Gans oder Taube liest. Sag mir, was du sahst, schöne Frau, und mach die Angst weg und das Elend. Aber ich nicke natürlich nur stumm, schon auf dem Weg nach draussen, an den anderen Angespülten vorbei. Furchtsame Gesichter in Wartezimmern: eine Photodokumentation.
7
Wenn ich mir das ausdenke und zusammenhypochondriere, diesen Schmerz beim Urinieren, das Unwohlsein, den dumpfen Druck, die ganzen verdächtig passenden Symptome; wenn die überfunktionierende Drüse das unterfunktionierende Ich nicht erklärt obwohl sies könnte; wenn es keine Operation geben wird, oder sie dabei die Verzweiflung im Bauch vergessen am Ende, und mich aber trotzdem wieder zunähen: wer nimmt mich dann freundlich bei der Hand? Mutter Natur, wo ist dein Lolli?
8
Ich starre dem Geld in die Gesichter, fünfzig Cent brauche ich, warum brauche ich die noch mal, und wie viele sind da in meiner Hand, zwei kleine, ein mittleres und ein grosses Gesicht, sind das denn fünfzig? Ich presse angestrengt, aber die Zahlen kommen nicht, Kanal verstopft. I’m broken sage ich nach einer Weile, und you’ll get over it antwortet der dicke Pizzabäcker sofort und zuversichtlich. Neben ihm steht die Hübsche, die immer schon vorher weiss, was ich gleich bei ihr bestelle. Ich würde gerne mal mit ihr reden, aber ich weiss nicht, wie.
9
Gatterklettern, Bretterpfad durch Mangroven, Vogelrufe im lichtlosen Unterholz. Die Unterhaltungen der in Grüppchen und Paaren dem Partylärm Entflohenen werden leiser und verschwinden in Wind und Laub. Am Strand erschöpftes Liegen, allein im Brandungs- und Gedankenrauschen, in das sich bald Stimmen drängen: eine bekannte darunter, vielleicht. Zögernd nähere ich mich der kleinen Silhouettengalaxie mit ihren Partyleuchtringen, aber nur Stimmfetzen schweben über den Wassern. Trunken und dunkel in Wurfweite stehe ich, bis der Schatten laut genug spricht und ich ihn doch noch erkenne. I know that guy, rufe ich beim Näherkommen, aber es hilft nicht, die Nachtstrandkonventionen sind verletzt, ich bin jetzt der Mann aus dem Dunkel. Ich fliehe ins Meer, und tanze die schwankende Devolution. Einzeller, ich komme.
Nach der Diskussion über Neurophilosophie mit einem anderen Schatten schwimme ich weiter nach draussen und fange leuchtende Tiere in meiner Unterhose. Universen aus Wolken und Sternen und Galaxien, die momentweise auflodern und wieder vergehen. You really creeped the girls out, sagt der bekannte Schatten später, und ist seltsam begeistert davon, vielleicht weil er sie so selbst in Schutz nehmen konnte vor dem Monstrum. Nichts Neues. I’ll get over it.
