Interessant, wie Urteilskraft sich auflöst, wenn der Verstand sich erreimt hat, dass dem Gefühl nicht zu trauen sei. Nicht, dass die Hilflosigkeit des reinen Verstandes eine neue Erkenntnis wäre, findet man bei Hume zum Beispiel, aber sie mal eben so unmittelbar am eigenen Leib auszuprobieren, man kriegte das Experiment durch keine Ethikkommission. Und mir wirds gratis geliefert. Danke, Natur.
Verlassenheit, Beistand und Verrat, Erwartung und Enttäuschung: wacklige Interpretationen alle. Selbst klar formulierte Sätze und die Intentionen einfacher Handlungen sind ratternden und schlecht geölten Deutungsmaschinen unterworfen, die, wenn sie aufhören, rund zu laufen, schwarze Rauchschwaden werfen, fumata nera, und da steh ich dann, entscheidungslos hustend im Faktennebel. Unfehlbarkeit ade.
Was man anderen anvertraut und vorhält, Gründe, aus denen man sich freut, Ursachen der Verletzung: es ist ja alles konfabuliert und fürs Selbstbegreifen irrelevant. Man fühlt diffus vor sich hin, sucht im Katalog der Überzeugungen eine farblich zum Feeling passende Rationalisierung, und bestellt dann blind: wird schon passen. Und passt wegen starker Dehnbarkeit auch meist. Bei arger Dissonanz winkt stillschweigender Umtausch.
Sollte sich diagnostisch herausstellen, dass nichts von meiner Malaise aufs Konto des vermuteten Tumors geht, wenn das Peptid bloss den Normalfall probt, und also alle Verirrungen und Verwirrungen nicht der Drüse, sondern eben doch wieder dem Hirn zur Last zu legen wären, warum eigentlich wäre das schlimmer? Warum sollte ich verantwortlich sein, wenn mein Gehirn selbst spinnt, aber nicht, wenns nur spinnt, weils in einer Nebenschilddrüse rappelt? Warum muss überhaupt immer irgendwer schuld sein, und nicht vielmehr nichts? Kann ich denn was für den Unsinn, den meine Zellen so treiben?
Kollateral der Selbstunterwanderung: festen Grund zu finden im Sumpf zwischen Paranoia und Vertrauen ist unmöglich, wenn man schon den eigenen Füssen nicht traut. Was aber macht man mit denen, denen man entweder den Kopf mit sauren Kieseln waschen müsste, oder aber reuig die Hand reichen, und man weiss aber nicht welches? Kopf mit der Hand waschen? Saure Kiesel reichen? Und wenn man dann vorsichtshalber gar nichts macht, ist das nicht ein Punkt für die Paranoia?
Und wozu eigentlich die Nabelschau? Das Internet hat doch gar keine Ohren, nur ein System von Röhren, und eine Armee von Katzen auf der Suche nach Noms. Aber immerhin vergeht so die Zeit. Den ganzen Tag XBox geht ja auch nicht.
T minus fünf.
