Search

Heute ist der Hügel schon nicht mehr so steil, der Weg nicht mehr so weit und die Sonne treibt nicht mehr so viel Schweiss, wohl weil die Erinnerung ans letzte Mal mit in die Pedale steigt, und vielleicht auch wegen der fachmännisch eingezogenen Speichen in Hinterrad, das jetzt schnurrt wie eine runde Katze mit aufgepumpten Pfoten. Den hohen Blutdruck schiebe ich dann trotzdem auf diese halbe Stunde leichtes Sonnenradeln, aber der Nierenmann mit dem Kalifennamen ist von diesem Argument unbewegt. Während er mit ernstem Gesicht hochdruckrelevante Notizen schreibt, werde ich deshalb kurz verlegen, als hätte ich meine Hausaufgaben nicht gemacht. Drollig, das, weil mir das ja noch nie peinlich war, und ich sie ausserdem sogar gemacht habe. Alle Ergebnisse da, einschliesslich des zunächst fehlenden Ultraschallbefundes, der per Fax hier eingetrudelt ist während meines Wartens. Und das nach nur einem einzigen Anruf der Sprechstundenhilfe beim schlampenden Schalllabor: die Medizin brummt am Schnürchen wie ein Hinterrad mit weissen Kittel.

Den Nieren geht es besser, sagt der Kalif, die Hormone sind im Rahmen, die Kalziumwerte zum ersten Mal seit Beginn der Aufzeichnungen vor drei Jahren normal, und die Nebenschilddrüsen damit komplett aus dem Rennen. Ich sitze da, und weiss nicht, wie, sehe mir an, wie weitere Überweisungen geschrieben werden, Dopplerdingse, Endokrinologisierer, Blutpröbchen, gehts denn jetzt wohl einfach immer so weiter?, und taste abwesend nach dem Knoten im Hals, den ich bis grade eben für eine amoklaufende Nebendrüse hielt. Und der jetzt aber immer noch da ist, allen Befunden zum Trotz. Hallo, Knoten. Wir sprechen uns noch.

Blinzelnd stehe ich dann in Union City wieder auf der Strasse und entfalte den Rutscher, Manhattan guckt staubiggrau zu von der anderen Flusseite und funkelt kokett ein bisschen im Dunst. Halb hatte ich den Tumor gefürchtet, halb ihn herbeigehofft, das dachte ich jedenfalls, aber jetzt geht es mir in der Abwesenheit seiner Möglichkeit so gut wie lange nicht mehr. Bitterkeit, Verraten- und Verlassenheit, Hoffnungslosigkeit und Zorn, all das bleiche Gewölk ist wie weggefegt, stattdessen wabert mild melancholische Gleichmut überm glatten Denkasphalt, ein warmer Wind im leeren Radlergesicht beim Abwärtsrollen. Versteh einer die Wetter.

Deprecated: Function link_pages is deprecated since version 2.1.0! Use wp_link_pages() instead. in /mnt/web224/a3/17/5110917/htdocs/engine/wp-includes/functions.php on line 6170

Something to say?

Warning: Undefined variable $user_ID in /mnt/web224/a3/17/5110917/htdocs/engine/wp-content/themes/wuhan/comments.php on line 73