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Gesundheit



Friday, March 23rd, 2007

Überholt

Als ich am Montag zum Training humpelte, die paar Meter aus der Realschule (Optometry) ins Gymnasium (Hearst), stand am Himmel über der hinter den Gebäuden unsichtbaren Bay eine Mondschüssel, eine schmale, waagerechte Sichel, und vielleicht fünf Schüsselbreiten drüber, weder blinkend, noch gar hoffnungslos sinkend, der Abendstern. Lügenmedium Kunstlied.
Aus mir nicht zugänglichen Gründen trägt das bevorstehende nahe Treffen von Venus und Mond Bedeutung, es muss der Astro-Instinkt im Reptilienhirn sein, und ich mache mir einen Knoten ins innere Ohr, am Dienstag nochmals nach oben zu sehen, um das Ereignis nicht zu verpassen.
Am Mittwoch fällt mir das wieder ein, als ich erneut humple, diesmal deutlich zu spät fürs Training, weil ich den Zehschmerz jetzt verstehe und weiss, dass der Fuss nicht belastbar ist. Die Mondschüssel steht auf der anderen Seite des Planeten, und was auch immer das Treffen bedeutet haben mag: es ist vorüber.

Friday, February 23rd, 2007

Linksrum

Seit Wochen schmerzt meine rechte Schulter, Dehnübungen, Massagen, Veränderung der Sitzhaltung, Einhaken des Schulterblattes in dünne Stuhllehnen und nach vorne Zerren des Körpers, alles vergebens. Icy Hot, eine teuflische Salbe, mit der man seine Körperoberflächenwahrnehmung in die einer Aschelandschaft umwandeln kann, wirkt zwar tatsächlich orgastisch erlösend, jedenfalls schreit man ein bisschen, aber nur vorübergehend. Und man darf sich nur viermal täglich versengen, sonst Senge. Dann der Geistesblitz: die Maus ist schuld! Saumaus!

Der Laden ist ein langer Schlauch, die gewölbte Decke mit Spiegeln ausgekleidet. Überall stehen Kartons, Aufsteller, Waren in munterem Durcheinander. Zwischen den Waren ein dicklicher Nerd, den ich jetzt ansteuere. Im selben Moment, in dem ich ihn frage, ob er spezielle Mäuse für Linkshänder führe – dass im Kistenchaos normale Mäuse wilde Feste feiern halte ich für ausgemacht – dämmert mir ein Verdacht. Mit einer Mischung aus Misstrauen und Belustigung sieht er mich an, geht dann höflich ein paar Schritte aufs Mausregal zu, und spricht schliesslich aus was ich mir auch selbst grade denke. You can just switch the buttons, sagt er, just go to the Control Panel. Mach ich dann auch.

Wednesday, February 7th, 2007

Taichi

Draussen treibt der Höhenwind eine Wolkendecke landeinwärts, zwei Wochen Regenwetter sind angekündigt, nach ein paar sonnigen Tagen. Unten auf der Terrasse üben zwei Asiaten Taichi, die Arme bewegen sich rasch und sicher, blockieren wechselseitig Angriffe im Sekundenrhythmus. Nur hin und wieder bricht einer durch, dann hält die Hand kurz vor dem Hals, dem Gesicht des Gegners für einen Moment inne, beide bestätigen durch diese Pause das Ereignis, und der Tanz der Hände beginnt von neuem.
Meine Finger kratzen währenddessen Salzkörner von Papa Newman’s Pretzels, die Tabletten zur Cholesterinkontrolle stehen neben der Brezeltüte, teil der jüngsten Verschwörung des Körperlichen zum Zwecke meiner Vernichtung. Kurz verweilen meine Finger auf der nun nackten Brezel, bestätigen das Versagen meiner Verteidigung, dann stecke ich sie in den Mund und fresse den Beweis auf.

Thursday, January 4th, 2007

Geographie des neuen Jahres

Die Form des rostroten Flecks auf dem weissen Tuch erinnert mich an die Inseln im Hafen von Toronto, wie sie vom Turm aus im Gegenlicht liegen, filigran und gerundet, und es dauert einige Sekunden, bis mir einfällt, dass ich jetzt wach bin, und nicht in Kanada, sondern in meinem Bett. Ich erinnere mich noch an den Anlass für den übertriebenen Trunk und ans Niederlegen nach dem Taumeln, aber der geologische Zeitraum, in dem diese Blutinseln sich auffalteten und gerannen, liegt im Dunkel. Auch auf meinen Lippen keine Spur mehr davon. Aber auf dem Kissen.

Tuesday, December 5th, 2006

Gesundheit

Aus einer U-Bahn-Station in der Innenstadt von San Francisco zu kommen ist für Landeier aus Berkeley etwas Besonderes, die Aufwärtsbewegung auf der Roll- oder der Steintreppe setzt sich in den angrenzenden Hochhäusern weit in den Himmel hinein fort und schafft sofort direktes Wohlbefinden; anders als der organische Bodensatz aus Menschen und Schicksalen mit seinen Grautönen.
Jetzt gehe ich den Weg umgekehrt, die Banktürme bleiben zurück. Die Säulen auf der Eingangsetage sind sämtlich mit Mammutbaumrindenpostern beklebt, eine Waldattrappe. Unten auf dem Bahnsteig dann hängen dort wo sonst Medien und Konzerne bunt um Aufmerksamkeit buhlen, grosse, leere Plakate, drei in Folge, auf dem vierten dann „We thought you could use a break“. Die ganze Station ist für diese schlichte Kampagne aus Botschaften angemietet, Aquarien senken den Blutdruck, Optimismus verringert Alterskrankheiten, Lachen stärkt das Immunsystem, in simplem Blau und Grün. Die Fürsorge der Krankenkasse, die diese Kampagne in Auftrag gegeben hat, überwältigt mich, und weinend stehe ich auf dem Bahnsteig, eine offene Wunde in der Grossstadt.

Sunday, November 12th, 2006

Blinddarm Alarm V

Die Katze ist ein Parsprototo, wie der Tisch, unter den man sprichwörtlich seine Füsse steckt für nicht nur das ganze Haus, sondern obendrein die darin symbolisierte elterliche Fürsorge stehen soll, so soll ein zwei Meter durchmessender Katzenafter hier die Katze ersetzen. Kein Wunder tanzen da die (Geld-)Mäuse auf dem OP-Tisch, fantasiere ich mir irgendeinen sozialkritischen Murks zusammen, während ein weiterer Fremder, ein Schiff in der Nacht – längst habe ich zu zählen aufgehört – die aus dem After ragende Katzenzunge absenkt, damit ich mich von der Patientenliege aus rübermachen kann.

Er sagt nicht viel, das hat er mit der Schwester gemein, die mich hier in Ego-Shooter-Manier durch die verlassenen Gänge schubste, Türen öffnete und schwungvoll Kurven nahm, aber jetzt muss er doch was sagen, nämlich belehrt er mich, dass die Katze gleich wollen würde, dass ich die Luft anhalte. Sie sage das aber gleich auch noch mal selbst, die Katze. Ich glaube, ich mag Morphium gerne.

Jetzt deckt er mich auf meiner Zunge noch mit etwas schwerem zu, dann geht er raus und wir sind allein, der Katzenafter und ich. Es klickt, es rumpelt, die Zunge zuckt und zieht mich rasch durch den Ring, hält an, dann fängt der Katzenarsch zu rotieren an, allmählich geht mir das ein bisschen zu weit, aber es ist zu spät. Breathe in, sagt die Katze jetzt tatsächlich, und: hold your breath, und zeigt digital an, wie lange noch, 38, 37, man kann es sich ja vorstellen. Ganz schön lange, eigentlich. Scheisskatze. Geht aber überraschend gut, vielleicht ist auch Luft in der Droge. Oder vielmehr: Sauerstoff. Mit Stickstoff kommt man hier nämlich nicht weit.

Jetzt kurbelt der fremde Mann die Katzenzunge samt Ichkadaver wieder nach oben, ich ruckle mühsam zurück auf meine Bahre, und dann spielen wir das Level rückwärts, alle Türen, Gänge, Ecken, und noch immer sind keine Monster drin. Aber ich bin sowieso unbewaffneter als je zuvor im Leben und wäre leichte Beute. Bzw bin.

Soweit also die Katze. Es ist unterdessen wohl zwei Uhr früh, im Unterleib regt sich der Schmerz, mein alter Freund, aber schon ist auch wiederum Eimer zur Stelle und pumpt neue Droge in mich rein. Gelähmt beobachte ich, wie vier kleine Luftbläschen den Schlauch entlang driften und in meinem Arm verschwinden, der alte Mordtrick aus dem Dutzendkrimi – Herzversagen, Herr Kommissar, ein natürlicher Tod – und von der tatsächlich rasant einsetzenden Todesangst wird mir kurz warm ums Herz. Es passiert aber gar nichts.

Saturday, November 11th, 2006

Blinddarm Alarm IV

Die Schmerzintensität, das muss man erklärt bekommen, wenn man es noch nicht weiss, weil man alleine vermutlich nun doch nicht draufkäme, wird in der Notfallmedizinischen Abteilung des Alta Bates Krankenhauses in Berkeley, und vermutlich ja insgesamt im Notfallsystem wenigstens der USA, wenn nicht gleich rundum der ganzen sogenannten zivilisierten Welt, auf einer Skala von eins (1) bis zehn (10) gemessen, und zwar durch Nachfrage beim Patienten.

Eins bedeutet angeblich “kein Schmerz”, wobei sicherlich zur Eichung der zugrundeliegenden Skala von Hintergrundschmerzen wie Heimweh, Zivilisationsmüdigkeit oder Phantomangst abgesehen werden soll. Zehn, andererseits, sei der Zustand, in dem man erwarte, sich zu befinden, nachdem man von einem Bus angefahren worden sei. So jedenfalls erklärte man es mir im Ambulanzfahrzeug, vielleicht kontextspezifisch. Wie gross der Bus gewesen sei, fragte ich keck zurück, der Frage wegen werden meiner Antwort vermutlich gleich zwei Schmerzpunkte wegen Renitenz abgezogen worden sein, und eine Antwort gabs natürlich auch keine. Fünf, behauptete ich, einigermassen haltlos, im Krankenwagen, sei die korrekte Lösung der Aufgabe.

Jetzt in der Notaufnahme, umkreist von Eimer und Schnauz, lege ich nach. Ohnehin hat sich die Skala plötzlich geändert, jetzt soll zehn plötzlich nicht mehr den Zusammenstoss mit einem Bus unbestimmter Grösse, sondern gleich den allerschlimmsten Schmerz vertreten, den man sich vorstellen kann. Das ist natürlich ähnlich kompletter Unsinn, wie nach der grössten Zahl zu fragen, obendrein kann man sich Schmerzen nicht merken, dafür hat unser Gehirn gnädigerweise keine Schublade eingerichtet, und also sind akute Schmerzen immer erheblich schlimmer, als man sie sich je vorstellen hätte können, aber ich will lieber keine komplizierte Diskussion mit Schnauz oder Eimer vom Zaun brechen, und denke mir eine Sieben aus, hauptsächlich, um mir Bewertungsspielraum nach oben zu lassen. Aber dann wirkt, nach überraschenden zwanzig Minuten, doch noch das Morphium, und die Sache fängt ziemlich unvermittelt an, mir ein bisschen Spass zu machen.

Schnauz zeigt auf meinen Bauch, man habe Blut abgenommen und sehe grade nach, ob da zu viele Weisse drinseien, hier an der Stadtgrenze zu Oakland wäre das natürlich ein Problem. Man unterziehe mich jetzt ausserdem der Katze. Es könne nämlich der Anhang sein, aber wenn die Katze nichts zeige, müsse man womöglich bis zum Vormittag warten, da hätten die Katzen Schichtwechsel oder was, ich habe aber längst den Faden verloren, gucke dankbar zu Caroline, die sich den ganzen Zirkus mit antut, obwohl sie von keinerlei ausgedachtem Bus angefahren wurde, und surfe ein bisschen auf der warmen Drogenwelle.

Saturday, November 11th, 2006

Blinddarm Alarm III

Irgendwo im zentraleuropäischen Hinterland, im Erzgebirge ja wahrscheinlich, dessen Bewohner ja offenbar einige Evolutionsschritte übersprungen haben und direkt vom Baum runter in Nickligkeitsschnitzwerkstätten gestiegen sind, bauen Menschen, denen es sonst an nichts gebricht, kleine Türmchen mit Achse drin Propeller drauf, und Platz für eine Kerze innendrin, und mit zahlreichen winzigen Figürchen drauf. Die Heissluft, die in der Verbrennungshitze der Kerzenflamme aus der gewöhnlichen Zimmerluft entsteht, steigt im Inneren des Türmchens auf, die Schrägstellung der Propellerflügel erzeugt aus der Linearbewegung ein Drehmoment, die Achse rotiert, und die Figürchen, aufgereiht, beginnen am entzückten Betrachter vorbei zu marschieren. Man sagt Oh!, wenn ein besonders schönes vorbeikommt, bis dann die Kerze erlischt und der Spass ein Ende hat.

So ist es hier jetzt auch, die Kerze wird irgendwo im Krankenhauskeller stehen, und in unermüdlicher Folge propellert es Gesichter und Uniformen an mir vorbei, tut es weh, wo tut es weh, wo tat es zuletzt weh, tut das weh, wann fing es an, wehzutun. Ich begreife nicht, woher die alle kommen, sind es Schichtwechsel, oder ist den Leuten hier so langweilig, dass sie alle den maroden Deutschen sehen wollen. Es kann doch nicht sein, dass man fünf Dutzend ausgebildete Hemdchenträger braucht, um einen einzelnen wimmernden Narren zu versorgen, aber sie kommen und kommen, eine endlose Kette und wie die Erzgebirskarussellzuschauer sage ich brav “Au” für einen jeden und winde mich ein bisschen. Es scheint ihnen zu gefallen.

“He’s not going to kick the bucket yet” sagt einer der Bearbeiter, ich werde ihn zur Strafe Eimer nennen. Nimm das, Eimer. Er kommt mir sowieso bekannt vor, das ist derselbe, der mir vor einer halben Stunde eine winzige nierenförmige und hautfarbene Plastikschüssel gegeben und um Erbrochenes gebeten hat. Mir wurde allein von der Vorstellung, eventuell in ein hautfarbenes Nierbenbeckchen kotzen zu müssen, natürlich auf der Stelle sehr schlecht, ansonsten kam es aber zu nichts weiter. Auch das etwas grössere Plastikding, das Eimer anlieferte, nachdem er meinen vertrauensfernen Blick aufs Nierenschälchen richtig deutete, wird diese Nacht jungfräulich überstehen wie eine Dotterblume den Junimond. Eingeklammertes Fragezeichen.

Man sticht jetzt natürlich auch längst wild in mich hinein, praktisch jedes der Erzgebirgfigürchen zapft sich am Hahn in meiner Armbeuge ein wenig vom Roten und trägt es weg, in unterirdische Operationskammern. Eine der Figuren, sie trägt Schnauz und ist also wohl Arzt, nimmt sich eine Extraportion, und gibt mir im Austausch irgendwas gegen Übelkeit und etliche Fingerhüte Morphium. Guter Tausch. Sehr guter Tausch.

Wednesday, November 8th, 2006

Blinddarm Alarm I

Ich habe nichts gegen Krankenhäuser. Sie helfen den Menschen, die man in sie hineinsteckt, zumindest theoretisch, sie erinnern uns mit dem geballten Elend, das in ihnen stattfindet, daran, dass es uns eigentlich ganz gut geht. Sie sind riesige Übelkeitsstaubsauger, und ziehen mit einem sanft bohrenden Geräusch Bakterien, Viren, Fortsätze und ihre Träger an, in sich hinein und halten dadurch die Strassen frei. Zudem ist das Essen in ihnen gar nicht schlecht.

Hier in der Gegend sind die Krankenhäuser alle auf die Hayward Erdbebenspalte draufgebaut, aus der in ein paar Wochen, Monaten oder Jahren wie eine Krake die Geoenergie steigen wird, um an allen Häusern ein bisschen zu rütteln. Die Plattentektonik, aus der sich die Geokrake speist, hat das sich auftürmende Faltgebirgsgestein im Laufe der Jahrtausende zu Sand zermahlen, und die findigen Europäischen Siedler bauten auf diese Sandflächen dann Fussballstadien und Krankenhäuser, weil es so schön flach war. Hätte man selber vermutlich auch nicht anders gemacht.

Aber genug des Allgemeinen, das ist ja nichts Besonderes. Der vierschrötige Neger, der da unser Apartment betritt, andererseits, der ist was besonderes. Er trägt einen Helm, zur Arbeitssicherheit, obwohl ihm bei uns nicht viel auf den Kopf fallen könnte, ein auf ein Frühstücksbrett geklebter Pfeilschwanzkrebs vielleicht, aber nur wenns bebt, und es bebt ja nicht. Was ist los? fragt der Neger, und ich stehe immerhin aufrecht vor ihm und stammle etwas Inkohärentes über meinen Bauch. Vor ein paar Sekunden war ich noch sicher, dass sich alles in einer kleinen Peinlichkeit auflösen würde, eine simple Muskelzerrung im Bauch, was soll das Theater, Herr Schreiber, hier die Rechnung, aber jetzt, wo drei mächtige Feuerwehrleutsgebirge sich tektonisch in unser winziges Apartment schieben, verschiebt sich auch meine Wahrnehmung. Wahrscheinlich nur, weil man mich ernst nimmt, in meinen absurden Lederflipflops und der Haushose. Profis, man merkt es gleich.

Eh ich mich versehe, habe ich drei Leuten erklärt, wie das mit den Schmerzen ist, und finde mich auf einer Tragbahre hinten in einem roten Auto wieder. Gegenüber steht ein Feuerwehrauto, eine Weile lang werde ich denken, das geträumt zu haben, aber dann erfahren, dass in den Feuerwehrautos der Sauerstoff drin ist, für wenn man mal Sauerstoff braucht. Brauch ich aber ja gar nicht, und bekomme auch keinen gereicht. Stattdessen fragt man mich, zwischen Stöhnlauten, die mir selbst übertrieben vorkommen, fachkundig aus, wer weiss, was ich der Krankenschwester alles an kritischen Passwörtern und dunklen Geheimnissen erzählt habe, ich jedenfalls nicht mehr. Ist mein last.fm Account noch sicher oder hört die Feuerwehr jetzt mit?

Friday, May 26th, 2006

Wundwasser zu Waschlappen

Bei meinem ersten Besuch im amerikanischen Süden, 2000 in New Orleans, wo die Feuchtigkeit damals noch überwiegend in der Luft steckte, und die toxischen Substanzen in den Haaren der Touristen, war mir das Temperaturgefälle zwischen drinnen und draussen eindrucksvollstes Zeugnis des trotzigen amerikanischen Naturbegriffs. Über Flüsse baut man Brücken, die Everglades staut man auf und managt den Sumpf weg, durch Berge bohrt man Tunnel, Alligatoren, Bären, Riesenfaultiere, Mammuts und dergleichen piekst man mit spitzen Sachen tot, und das Wetter, dem mit Muskelkraft nicht beizukommen scheint, muss trotzdem draussenbleiben. Oder so dachte man sich das jedenfalls. Dieses Jahr sind hier im Süden 8 bis 10 Hurricanes angekündigt, deutlich weniger als die 15, die es letztes Jahr gab. Von denen 7 bis 9 angekündigt waren.

Sei dem wie Wolle, weich, fluffig und verknotbar, mir kommt der amoklaufende Naturunterwerfungswille im Moment grade recht. Eiskalt nämlich ist es in diesem Walgreens drin, Sekunden nach dem Eintritt und noch bevor ich mich an der Kasse vorbeigeschleppt habe, schalten die Nervenenden in den unterkühlten Füssen brav auf standby, nur dass statt eines roten Lichtleins, das mir die Batterie leersaugt, ein dumpf ziehendes Kältegefühl aufscheint. Recht so, trotzdem. Vor den etlichen Regalmetern mit Pasten, Tuben, Bandagen und Wasserstoffperoxydbehältern meditiere ich erst etliche Minuten lang, und entscheide mich dann für ein zugesichert schmerzfreies Wundwasser, schmerzfreie Wegwerfwaschlappen und eine Dose Sprühpflaster, der es verdächtig an schmerzfreiheitsbezogener Propaganda gebricht. Vermutlich war auf der Dose kein Platz für entsprechende Zusicherungen, sie ist auch wirklich ziemlich klein.

An der Kasse sitzt eine kugelrunde Frau, addiert Wundwasser zu Waschlappen zu Sprühpflaster und guckt mich nicht an dabei. Mitten auf dem Kassentisch steht ein hässlicher Bilderrahmen, mit dem Foto eines dicken Kindes drin, bei dem es sich, so belehrt mich die handgeschriebene Aufschrift, um die Nichte einer Angestellten handelt, deren kürzlich entdeckten Nichtenkrebs zu bekämpfen man doch bitte eine Spende hinterlegen möchte. Frechheit, geh mir weg, als hätte ich keine eigenen Sorgen. Möglicherweise ja Blutvergiftung zum Beispiel!

Draussen ist es unerwartet viel heisser, als ich gedacht hätte, das ist wohl ein bisschen so wie angeblich mit dem Gebärschmerz, man vergisst sofort, wie schlimm das war, und will dann noch so ein Balg, das dann verfettet und Krebs bekommt, der Kreislauf des Lebens, Hoffnung im Antlitz der Widrigkeit. Hier in der Hitze steht natürlich auch ein Münztelefon, wer bei Walgreens einkauft, kann sich schliesslich kein Händi leisten, und ein rascher Anruf belehrt mich, dass Chris seit einigen Minuten vor Kinko’s lauert und sich allerschlimmste Sorgen macht. Oder jedenfalls ein bisschen wundert. Meinen neuen Aufenthaltsort pronto durchgeben zu wollen sichert mir Ahna gerne zu, es ist ein kleines Wunder, wie diese Menschen sich über Kilometer hinweg miteinander zu verständigen in der Lage sind. Was täte ich nur, hätten nicht so viele meiner Mitmenschen diese rätselhafte und wunderbare Fertigkeit entwickelt?

Vorerst setze ich mich auf den Boden vor dem Telefon und wasche mir jeden einzelnen Keim separat aus der Anatomie, was auch tatsächlich verpackungsaufdruckkonform schmerzfrei vor sich geht. Auch die anschliessende Applikation des Sprühpflasters tut fast gar nicht weh, jedenfalls nicht, bis dann nach zirka einer Sekunde Neuronenbesinnungspause eine feurige Fackel durch mein Bein marschiert und die fünfminütige Schmerzolympiade eröffnet. Immerhin kein Krebs oder dickes Kind, so gesehen.