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Berkeley



Sunday, November 12th, 2006

Blinddarm Alarm V

Die Katze ist ein Parsprototo, wie der Tisch, unter den man sprichwörtlich seine Füsse steckt für nicht nur das ganze Haus, sondern obendrein die darin symbolisierte elterliche Fürsorge stehen soll, so soll ein zwei Meter durchmessender Katzenafter hier die Katze ersetzen. Kein Wunder tanzen da die (Geld-)Mäuse auf dem OP-Tisch, fantasiere ich mir irgendeinen sozialkritischen Murks zusammen, während ein weiterer Fremder, ein Schiff in der Nacht – längst habe ich zu zählen aufgehört – die aus dem After ragende Katzenzunge absenkt, damit ich mich von der Patientenliege aus rübermachen kann.

Er sagt nicht viel, das hat er mit der Schwester gemein, die mich hier in Ego-Shooter-Manier durch die verlassenen Gänge schubste, Türen öffnete und schwungvoll Kurven nahm, aber jetzt muss er doch was sagen, nämlich belehrt er mich, dass die Katze gleich wollen würde, dass ich die Luft anhalte. Sie sage das aber gleich auch noch mal selbst, die Katze. Ich glaube, ich mag Morphium gerne.

Jetzt deckt er mich auf meiner Zunge noch mit etwas schwerem zu, dann geht er raus und wir sind allein, der Katzenafter und ich. Es klickt, es rumpelt, die Zunge zuckt und zieht mich rasch durch den Ring, hält an, dann fängt der Katzenarsch zu rotieren an, allmählich geht mir das ein bisschen zu weit, aber es ist zu spät. Breathe in, sagt die Katze jetzt tatsächlich, und: hold your breath, und zeigt digital an, wie lange noch, 38, 37, man kann es sich ja vorstellen. Ganz schön lange, eigentlich. Scheisskatze. Geht aber überraschend gut, vielleicht ist auch Luft in der Droge. Oder vielmehr: Sauerstoff. Mit Stickstoff kommt man hier nämlich nicht weit.

Jetzt kurbelt der fremde Mann die Katzenzunge samt Ichkadaver wieder nach oben, ich ruckle mühsam zurück auf meine Bahre, und dann spielen wir das Level rückwärts, alle Türen, Gänge, Ecken, und noch immer sind keine Monster drin. Aber ich bin sowieso unbewaffneter als je zuvor im Leben und wäre leichte Beute. Bzw bin.

Soweit also die Katze. Es ist unterdessen wohl zwei Uhr früh, im Unterleib regt sich der Schmerz, mein alter Freund, aber schon ist auch wiederum Eimer zur Stelle und pumpt neue Droge in mich rein. Gelähmt beobachte ich, wie vier kleine Luftbläschen den Schlauch entlang driften und in meinem Arm verschwinden, der alte Mordtrick aus dem Dutzendkrimi – Herzversagen, Herr Kommissar, ein natürlicher Tod – und von der tatsächlich rasant einsetzenden Todesangst wird mir kurz warm ums Herz. Es passiert aber gar nichts.

Saturday, November 11th, 2006

Blinddarm Alarm IV

Die Schmerzintensität, das muss man erklärt bekommen, wenn man es noch nicht weiss, weil man alleine vermutlich nun doch nicht draufkäme, wird in der Notfallmedizinischen Abteilung des Alta Bates Krankenhauses in Berkeley, und vermutlich ja insgesamt im Notfallsystem wenigstens der USA, wenn nicht gleich rundum der ganzen sogenannten zivilisierten Welt, auf einer Skala von eins (1) bis zehn (10) gemessen, und zwar durch Nachfrage beim Patienten.

Eins bedeutet angeblich “kein Schmerz”, wobei sicherlich zur Eichung der zugrundeliegenden Skala von Hintergrundschmerzen wie Heimweh, Zivilisationsmüdigkeit oder Phantomangst abgesehen werden soll. Zehn, andererseits, sei der Zustand, in dem man erwarte, sich zu befinden, nachdem man von einem Bus angefahren worden sei. So jedenfalls erklärte man es mir im Ambulanzfahrzeug, vielleicht kontextspezifisch. Wie gross der Bus gewesen sei, fragte ich keck zurück, der Frage wegen werden meiner Antwort vermutlich gleich zwei Schmerzpunkte wegen Renitenz abgezogen worden sein, und eine Antwort gabs natürlich auch keine. Fünf, behauptete ich, einigermassen haltlos, im Krankenwagen, sei die korrekte Lösung der Aufgabe.

Jetzt in der Notaufnahme, umkreist von Eimer und Schnauz, lege ich nach. Ohnehin hat sich die Skala plötzlich geändert, jetzt soll zehn plötzlich nicht mehr den Zusammenstoss mit einem Bus unbestimmter Grösse, sondern gleich den allerschlimmsten Schmerz vertreten, den man sich vorstellen kann. Das ist natürlich ähnlich kompletter Unsinn, wie nach der grössten Zahl zu fragen, obendrein kann man sich Schmerzen nicht merken, dafür hat unser Gehirn gnädigerweise keine Schublade eingerichtet, und also sind akute Schmerzen immer erheblich schlimmer, als man sie sich je vorstellen hätte können, aber ich will lieber keine komplizierte Diskussion mit Schnauz oder Eimer vom Zaun brechen, und denke mir eine Sieben aus, hauptsächlich, um mir Bewertungsspielraum nach oben zu lassen. Aber dann wirkt, nach überraschenden zwanzig Minuten, doch noch das Morphium, und die Sache fängt ziemlich unvermittelt an, mir ein bisschen Spass zu machen.

Schnauz zeigt auf meinen Bauch, man habe Blut abgenommen und sehe grade nach, ob da zu viele Weisse drinseien, hier an der Stadtgrenze zu Oakland wäre das natürlich ein Problem. Man unterziehe mich jetzt ausserdem der Katze. Es könne nämlich der Anhang sein, aber wenn die Katze nichts zeige, müsse man womöglich bis zum Vormittag warten, da hätten die Katzen Schichtwechsel oder was, ich habe aber längst den Faden verloren, gucke dankbar zu Caroline, die sich den ganzen Zirkus mit antut, obwohl sie von keinerlei ausgedachtem Bus angefahren wurde, und surfe ein bisschen auf der warmen Drogenwelle.

Saturday, November 11th, 2006

Blinddarm Alarm III

Irgendwo im zentraleuropäischen Hinterland, im Erzgebirge ja wahrscheinlich, dessen Bewohner ja offenbar einige Evolutionsschritte übersprungen haben und direkt vom Baum runter in Nickligkeitsschnitzwerkstätten gestiegen sind, bauen Menschen, denen es sonst an nichts gebricht, kleine Türmchen mit Achse drin Propeller drauf, und Platz für eine Kerze innendrin, und mit zahlreichen winzigen Figürchen drauf. Die Heissluft, die in der Verbrennungshitze der Kerzenflamme aus der gewöhnlichen Zimmerluft entsteht, steigt im Inneren des Türmchens auf, die Schrägstellung der Propellerflügel erzeugt aus der Linearbewegung ein Drehmoment, die Achse rotiert, und die Figürchen, aufgereiht, beginnen am entzückten Betrachter vorbei zu marschieren. Man sagt Oh!, wenn ein besonders schönes vorbeikommt, bis dann die Kerze erlischt und der Spass ein Ende hat.

So ist es hier jetzt auch, die Kerze wird irgendwo im Krankenhauskeller stehen, und in unermüdlicher Folge propellert es Gesichter und Uniformen an mir vorbei, tut es weh, wo tut es weh, wo tat es zuletzt weh, tut das weh, wann fing es an, wehzutun. Ich begreife nicht, woher die alle kommen, sind es Schichtwechsel, oder ist den Leuten hier so langweilig, dass sie alle den maroden Deutschen sehen wollen. Es kann doch nicht sein, dass man fünf Dutzend ausgebildete Hemdchenträger braucht, um einen einzelnen wimmernden Narren zu versorgen, aber sie kommen und kommen, eine endlose Kette und wie die Erzgebirskarussellzuschauer sage ich brav “Au” für einen jeden und winde mich ein bisschen. Es scheint ihnen zu gefallen.

“He’s not going to kick the bucket yet” sagt einer der Bearbeiter, ich werde ihn zur Strafe Eimer nennen. Nimm das, Eimer. Er kommt mir sowieso bekannt vor, das ist derselbe, der mir vor einer halben Stunde eine winzige nierenförmige und hautfarbene Plastikschüssel gegeben und um Erbrochenes gebeten hat. Mir wurde allein von der Vorstellung, eventuell in ein hautfarbenes Nierbenbeckchen kotzen zu müssen, natürlich auf der Stelle sehr schlecht, ansonsten kam es aber zu nichts weiter. Auch das etwas grössere Plastikding, das Eimer anlieferte, nachdem er meinen vertrauensfernen Blick aufs Nierenschälchen richtig deutete, wird diese Nacht jungfräulich überstehen wie eine Dotterblume den Junimond. Eingeklammertes Fragezeichen.

Man sticht jetzt natürlich auch längst wild in mich hinein, praktisch jedes der Erzgebirgfigürchen zapft sich am Hahn in meiner Armbeuge ein wenig vom Roten und trägt es weg, in unterirdische Operationskammern. Eine der Figuren, sie trägt Schnauz und ist also wohl Arzt, nimmt sich eine Extraportion, und gibt mir im Austausch irgendwas gegen Übelkeit und etliche Fingerhüte Morphium. Guter Tausch. Sehr guter Tausch.

Friday, November 10th, 2006

Blinddarm Alarm II

Noch während der Fahrt im roten Spielmobil durch das Strassenraster von Berkeley, das rede ich mir jedenfalls jetzt nachträglich ein, wurde ich schwer an die Toronto-Affäre von 2003 erinnert, bei der man mich wimmernd aus einer Schnellrestauranttoilette kratzte und in einen ganz ähnlichen Krankenwagen kippte. Damals waren Black Beans schuld, heute wissen wir es noch gar nicht, der gekrümmte Körper und die an- und abschwellenden La-Ola-Schmerzwellen sind völlig ursachenneutral. Trotz der aufdringlichen Parallele antworte ich auf die mehrfach gestellte Frage nach Allergien triumphierend ahnungslos und stolz mit “keine”, als sei das eine Leistung, ein grosses Entgegenkommen meinerseits, das mir ja wohl bessere Behandlung eintragen müsste. Kurz vor der Entlassung ein paar Tage später wird mir dann klar, dass es sich natürlich tatsächlich ganz genau so verhält.

Als man mich, am Krankenhaus angekommen, an der Liege festschnallt, um mich besser hinten aus dem Auto rausverklappen zu können, dämmert mir erstmals das ganze Ausmass des nun leider sich entfaltenden Unfugs. Dass hier nämlich jetzt eine monströse Maschine angeworfen wurde, deren mahlende Räder turmhoch und wie entfesselt, ah, Moment, die Metapher wackelt, autsch! Vorsicht da unten! Verflucht, Misthaufen. Kaputt. Hm.

Dass also jedenfalls was mit einem kurzen Anruf begonnen wurde, nicht vor Ablauf der Nacht enden wird. Vielleicht sind es die kostbaren Erinnerungen an lange Stunden zwischen röchelnden Siechen, während man auf die zuständige Bürokratenkraft wartet, die einen als Patienten überhaupt erst ins System speist, die mich misstrauisch machen. Es ist aber ganz unnötig, denn nach dem wackligen, schiefen und schmerzhaften Auswurf aus der roten Minna, und dem Aufpumpen oder was des Fahrgestells unter mir drunter, geht es wie am Schnürchen, hier eine Rampe rauf, da einen Gang entlang, da durch eine Tür, vorbei am gefürchteten Notfallaufnahmebürofenster (“You’re lucky, no one here” kommt es von der Schiebekraft hinten rechts), nur die Türschwellen und das leise Rumpeln stört den Frieden, und schon stehe ich in einem unbekannten Raum rum und winde mich und stöhne. Nicht schön, einerseits, aber da müssen sie jetzt durch, die andern. Au. Au. Au.

Wednesday, November 8th, 2006

Blinddarm Alarm I

Ich habe nichts gegen Krankenhäuser. Sie helfen den Menschen, die man in sie hineinsteckt, zumindest theoretisch, sie erinnern uns mit dem geballten Elend, das in ihnen stattfindet, daran, dass es uns eigentlich ganz gut geht. Sie sind riesige Übelkeitsstaubsauger, und ziehen mit einem sanft bohrenden Geräusch Bakterien, Viren, Fortsätze und ihre Träger an, in sich hinein und halten dadurch die Strassen frei. Zudem ist das Essen in ihnen gar nicht schlecht.

Hier in der Gegend sind die Krankenhäuser alle auf die Hayward Erdbebenspalte draufgebaut, aus der in ein paar Wochen, Monaten oder Jahren wie eine Krake die Geoenergie steigen wird, um an allen Häusern ein bisschen zu rütteln. Die Plattentektonik, aus der sich die Geokrake speist, hat das sich auftürmende Faltgebirgsgestein im Laufe der Jahrtausende zu Sand zermahlen, und die findigen Europäischen Siedler bauten auf diese Sandflächen dann Fussballstadien und Krankenhäuser, weil es so schön flach war. Hätte man selber vermutlich auch nicht anders gemacht.

Aber genug des Allgemeinen, das ist ja nichts Besonderes. Der vierschrötige Neger, der da unser Apartment betritt, andererseits, der ist was besonderes. Er trägt einen Helm, zur Arbeitssicherheit, obwohl ihm bei uns nicht viel auf den Kopf fallen könnte, ein auf ein Frühstücksbrett geklebter Pfeilschwanzkrebs vielleicht, aber nur wenns bebt, und es bebt ja nicht. Was ist los? fragt der Neger, und ich stehe immerhin aufrecht vor ihm und stammle etwas Inkohärentes über meinen Bauch. Vor ein paar Sekunden war ich noch sicher, dass sich alles in einer kleinen Peinlichkeit auflösen würde, eine simple Muskelzerrung im Bauch, was soll das Theater, Herr Schreiber, hier die Rechnung, aber jetzt, wo drei mächtige Feuerwehrleutsgebirge sich tektonisch in unser winziges Apartment schieben, verschiebt sich auch meine Wahrnehmung. Wahrscheinlich nur, weil man mich ernst nimmt, in meinen absurden Lederflipflops und der Haushose. Profis, man merkt es gleich.

Eh ich mich versehe, habe ich drei Leuten erklärt, wie das mit den Schmerzen ist, und finde mich auf einer Tragbahre hinten in einem roten Auto wieder. Gegenüber steht ein Feuerwehrauto, eine Weile lang werde ich denken, das geträumt zu haben, aber dann erfahren, dass in den Feuerwehrautos der Sauerstoff drin ist, für wenn man mal Sauerstoff braucht. Brauch ich aber ja gar nicht, und bekomme auch keinen gereicht. Stattdessen fragt man mich, zwischen Stöhnlauten, die mir selbst übertrieben vorkommen, fachkundig aus, wer weiss, was ich der Krankenschwester alles an kritischen Passwörtern und dunklen Geheimnissen erzählt habe, ich jedenfalls nicht mehr. Ist mein last.fm Account noch sicher oder hört die Feuerwehr jetzt mit?

Friday, October 20th, 2006

Buddhismus

Es fing damit an, dass beim Fest eines japanischen Shinto-Tempels bei uns um die Ecke nicht nur grosse Mengen Fisch auf Pappschalen oder Reisballen gepackt und verzehrt, sondern auch in blaues Wasser gesetzt und verlost wurden. Das ist ein verbreitetes und billiges Mittel, auf Festen Kinder zu bestechen, und einerseits in manchen Ländern aus Tierschutzgründen verboten, andererseits Anlass für Aquarienfachhandler aufmerksam die Rückenflossen aufzustellen und von hier nach da zu huschen: ein Goldfisch für zwei Dollar bedeutet ein Aquarium und Ausstattung für zwischen dreissig und hundert.

Die zwei Goldfische, die wir abbekommen, sind unter denen, die am Ende des langen Tages niemand haben mochte. Wir haben uns mit ausgezeichnetem Sake einen trunkenen Taumel erworben, und obwohl ich die Tüten misstrauisch beäuge, als ich von unserer neuen Verantwortung erfahre, wanken die Fische mit uns nach Hause. Fische können nämlich selbst nüchtern nicht richtig gradeaus laufen. Hätten Sie das gewusst?

Saturday, October 14th, 2006

Büro für den studentischen Alltag

0
Eine Verfassung müssen wir haben. Dann, so sagt die Webseite, dürfen wir nämlich einen Aufsteller auf dem Campus aufbauen und für uns werben. Oder auf Sather Plaza, dort, wo das Free Speech Movement seinen Anfang nahm, einen Tisch betreiben. Folglich schreibe ich also eine Verfassung.

1
Diese Verfassung, sagt die blutjunge Stundentin hinter ihrem Halbtischchen, ist nicht gültig. Sie erkennt das daran, dass die erforderlichen Sätze, die Inititationsriten, das sogenannte Hazing, sexuelle, rassische und überhaupt jede Art der Diskriminierung und auch sonst alles Böse verbieten, nicht im Fettdruck im Text stehen. Sie gibt mir eine Vorlage, die Sätze solle ich einfach kopieren, sagt sie, und fett gedruckt lassen, so liessen sie sich leichter entdecken. Sie zeigt mir einen Computer, auf dem ich die neue Verfassung rasch schreiben könne. Ich schreibe zu einem Soundtrack voll perlender Likes und Ohmygods, und stelle am Ende fest, dass die installierten Drucker nicht funktionieren. Andere rasch herbeigerufene blutjunge Studenten bestätigen, dass keiner der Rechner druckberechtigt ist. Ob ich ihr die Verfassung emailen könne, damit sie sie dann ausdrucken könne? Natürlich. Ich tu das, warte noch ab, bis die Email bei ihr ankommt, und gehe.

2
Zwei Wochen später, eine andere blutjunge Studentin. Von einer Verfassung für den Karateclub ist ihr nichts bekannt, nein, auch im Archiv nichts zu finden. Sie zuckt die Achseln. Am besten sei es, sagt sie, die Verfassung in Papierform und persönlich vorbeibringen, man könne sie dann in Minutenschnelle genehmigen. Sorry about this. Ich versichere ihr, das sei schon in Ordnung, ich weiss auch nicht, weshalb.

3
Eine dritte blutjunge Stundentin nimmt die Verfassung entgegen. Von Minutenschnelle ist keine Rede mehr, überhaupt ist von wenig die Rede, mit einem stummen Nicken nimmt sie das Papier, steckt es irgendwo rein, wendet sich stumm von mir ab. What happens next, frage ich, ahnungsvoll. You wait for it to pend, sagt sie. Vor der Tür wird mir von dieser Formulierung sehr froh zumute, vielleicht ist es aber auch nur die Sonne, und ich nehme mir vor, am nächsten Tag eine vierte blutjunge Studentin zu befragen.

4
Eine halbe Stunde später erhalte ich aber eine Email. Die Verfassung ist konform fettgedruckt und wurde ordnungsgemäss abgeheftet.

Friday, October 13th, 2006

Glasrosen

Im Hinterhof der Bar steht eine Skulptur, ein fein gearbeiteter Rosenstock aus Metall, die Blütenblätter aus Milchglas, LEDs im Blütenkern, die sich aus Solarzellen auf den Blättern speisen. Kein Tisch ist frei und wir stehen neben der Skulptur, unterhalten uns und berühren gedankenverloren die dünnen Rosenblätter, fühlen die gezähnten Blattränder, die Kühle des Glases.

Excuse me, sagt eine Stimme, dreimal, ehe wir begreifen, dass wir gemeint sind, do you go to museums? fährt er fort, rotblonde Locken am Kneipentisch, als wir uns umwenden. Wir sind überrascht, yes, sagt Kieu, and do you, fragt er triumphierend, seine Falle zugeschnappt, touch the art there? Mit selbstzufriedenem Lächeln und ohne ein weiteres Wort dreht er sich zurück zu seiner Begleitung, aus dem dreifach ungläubigen Blick.

Thursday, July 27th, 2006

Rad ab

Etwas ist nicht, wie es sein sollte. Nähere ich mich mit dem Rad auf einem Strassenabschnitt ohne wegen vorhandener Einfahrten abgesenkter Bordsteine, und will ich nicht auf der Strasse bleiben, bleibt nur die Wahl zwischen Absteigen und zweiphasiger Gewichtsverlagerung, mittels derer zunächst das Vorder-, anschliessend das Hinterrad über die mitunter erstaunlich hoch aufragenden Barrieren zu wuchten sei. Klappt eigentlich auch ganz gut.

Diesmal aber ist was nicht, wie es soll, und nach ein paar Sekunden weiterrollen wird auch klar, was: das Vorderrad ist aus der Gabel gerutscht. Zwar wurde es von den Bremsklötzen zwischen den Gabelzangen gehalten – der Grund, aus dem ich noch im Sattel sitze – aber die Achse sitzt nun exzentrisch und nur noch locker im Achsenhalter. Im ganzen eine Erkenntnis, die man nur ungern hat, während man flott bergab kullert. Ich rolle zum Glück aber langsam bergauf, steige ab, der Blitzverdacht, jemand habe aus Radklaugründen flugs die schnelllösenden Muttern aufgedreht, bewahrheitet sich nicht, die Flügel sind in Radfestklemmstellung.

Auch nicht besser.

Monday, June 26th, 2006

Zwei Kreuzungen

Die Motorhaube senkt sich dem Belag zu, der Wagen bremst und wird also, wie vorgeschrieben, am Stoppschild für einen Moment zur Ruhe kommen. Ich selbst rolle ungebremst weiter, aber schliesslich bedeuted es für mich auch eine Anstrengung, das Rad zum Stehen zu bringen und anschliessend wieder ins Rollen. Die Ausnutzung der kleinen Pause zwischen dem Anhalten und Anfahren der Autos an diesen Kreuzungen zum strengenommen regelwidrigen Durchrutschen ist mir darum zur Gewohnheit geworden. Diesmal aber hebt sich die Motorhaube noch im selben Sekundenbruchteil – das Stoppschild wird nicht geachtet, sondern nur mit einem angedeuteten Nicken zu Kenntnis genommen – und das Auto prescht quer in meinen Weg. Ich presse beide Bremshebel, lenke zugleich nach rechts und verlasse die Kreuzung in Gegenrichtung zum einschiessenden Auto, noch ein weiteres muss ich passieren lassen, ehe ich wenden, erneut rechts abbiegen und meinen Weg fortsetzen kann.

Zwei Querstrassen weiter steht der Pickup schon halb in der Kreuzung, als ich ankomme. Er hat gehalten, um einen Radfahrer vorbeizuwinken, und winkt nun auch mich durch. Das tun sie gern, aus vermeintlicher Höflichkeit ein Element der völligen Unberechenbarkeit in ihrer Blechtrajektorien einbauen, sodass unsereins ständig um Leib und Leben fürchten muss. Auf der zweiten Spur neben ihm schickt sich ein weiterer Wagen an, in die Kreuzung einzufahren, tut das, fährt vor mir durch, und noch immer winkt der Mann im Pickup. Ich bleibe stehen.
Er winkt.
Ich stehe.
Schliesslich wird es ihm zu dumm, er tritt aufs Gas, mit einem enormen Knall zündet sein Gerät fehl, macht einen kleinen Satz vorwärts und verlässt das Schlachtfeld. Das Summen in meinem Ohr lässt ein wenig hügelaufwärts dann wieder nach.