Search

Miniaturen



Monday, April 19th, 2010

Phänomenologie des Geisteskranken (2)

II. Tag. Aussen.

Bei Licht betrachtet ist was man im Dunkeln so treibt und schreibt ja meist ein geblümter Unsinn mit Schleife. Das macht einerseits nix, so weit es um Gefühltes geht, weil: Gefühltes braucht keinen Sinn; Gefühltes schmeckt auch so. Aber vom Gedachten hätte man mehr erwartet. Wahrscheinlich ist überhaupt das der Fehler.

Tractatus sozio-logicus:

1 Alle Welt will gefallen.
2 Wodurch man gefallen will, das Mittel, ist das Verhalten.
3 Der Zweck des Verhaltens ist Kommunikation.
4 Kommunikation ist der unternommene Versuch, den Zustand des Anderen zu verändern.
5 Mittel dieser Veränderung ist das Ausführen sozial bedeutsamer Bewegung
6 Die herzustellende Gleichheit ist die zwischen der erwünschten Bewegung des Anderen und seiner tatsächlichen.
7 Wo man nicht angleichen kann, da muss man schweigen.

So weit, so gut. Aber was ist jetzt, wenn die Kommunikation eine über das Ende aller Kommunikation ist? Man also zum Beispiel blogt, dass man online nichts mehr schreiben will, ja zwingend nicht mehr kann, keine Wahl hat, weil man vor dem Browser Angst hat wie gebrannte Mandeln vor dem Feuer? Ist das als Kommunikation nicht völlig ungültig, wegen Binnenwiderspruch? Macht man sich nicht zum Lügenkreter damit und schafft sich selbst ab? Kann man vor lauter Logik blind werden gegen den eigenen Blödsinn?

Von Schnee kann man jedenfalls blind werden. Nicht wenn es bewölkt ist und dichtes Flockengewiesel fällt, Schneeblindheit ist ja die Ultraviolettkatastrophe im Auge, eine Schwarzkörperexplosion aus zuviel Licht. Aber ich bin im eigenschaftslosen Weiss des Schneetreibens trotzdem blind, die Qualitäten der Dinge lösen sich von ihnen ab und verschwinden. Es bleibt ein grellweisses Loch, inhaltslose, wirbelnde Verzweiflung. Im Film Nothing finden sich zwei Freunde mit ihrem Haus in einer nahezu allumfassenden weissen Leere wieder, nachdem sie den Rest der Welt durch intensiven Hass beseitigt haben. So ähnlich fühlt sich Lincoln Park an an diesem Schneetag, eine Insel im Nichts, voller Gespenster abgeschiedener Grössen. Zwei Baumreihen sind zu sehen, die auf einen Punkt hin fliehen, ohne ihn zu erreichen, und ein steinerner Feuerwehrmann auf einem Podest, der sich gegen den Schnee stemmt. Der Rest ist wirbelndes Schweigen.

Nothing endet damit, dass die beiden Hauptdarsteller restlos alles weghassen, ausser ihren Köpfen, die dann zufrieden durch die Leere hüpfen, deren einzige Eigenschaft ist, dass sie weich ist und nachgibt. Aber der Film stellt die Dinge natürlich von den Füssen auf den Kopf. Denn viel einfacher wär es doch, den eigenen Kopf wegzuhassen statt umständlich die ganze Welt. Und zack, aus die Maus. Und so stand ich da im Schneegestöber und dachte: besser wärs gewesen, dieses Ding wär mir im Kopf gewachsen und nicht dem W. Er hätte nicht das Leid, das von aussen nicht vorstellbare, und mein eigenes Leid und die umfassende Verzweiflung, die alles würgend umklammert, die an der Idee der Leichtigkeit hängt wie Blei, wäre zu Ende.

Der Gedanke ist natürlich dumm, so dumm, dass auf seine Dummheit hinzuweisen selbst auch dumm ist, das weiss ich selber, und er wurde ja von der Depression gedacht, und nicht von mir. So verteidigt sich mit kleinen Ärmchen rudernd das Ich. Ganz zu schweigen davon, denn auch das ist mir bewusst, sagt das Ich, dass anderer Leute Elend zur dramatisierenden Folie fürs eigene zu nehmen ein Schachzug des Anti-ES ist, Ausdruck einer psychosomatischen Abstraktdeformation. Sich so herauszureden auf “das war Ich nicht, es war mein Hirn” ist verlockend, aber wer oder was ist denn eigentlich dieses Ich, dass es da nicht gewesen sein will? Dem der Gedanke so peinlich ist, und Anlass zur Wut auf was diffuses Externes? Und würde dieses Ich auch sagen “Ich hab mir nicht den Fuss gebrochen, das war mein Bein”? Ist das nicht vielmehr ein Ausweichen, und die ganze Philosophiererei auch nur Übersprung?

Apropos Ausweichmanöver und Übersprung: die Ansichten Humes zum Ich – das es nicht gebe als Ding der Anschauung – und seine Induktionsargumente – wir können nichts wissen, und genau genommen nicht mal das – gelten ja genauso in der Depression. Denn auch ob eine Situation, eine Interaktion, ein Ausbleiben oder Eintreten gut ist oder schlecht, kann man nicht wissen. Man schwiemelt es sich je zusammen, aufgrund des sonst so gewussten: Esse est perspiri. Dasein ist Schwitzen. Und Perspiration ist eben fehlbar. Und müffelt.

Anders: dem Induktionsproblem geht das Hirn mit einem Grundvertrauen aus dem Weg, einem heuristisch eingeschriebenen “wird schon stimmen”, in dubio pro lege, fürs Naturgesetz. Was gestern war, wird auch morgen noch gelten. Die Grundlage dafür ist, dass diese Faustregel gestern noch half, das ganze Argument also zirkulär, aber das macht ihm nichts. Und ebenso basiert sozialer Austausch auf der Annahme: man nimmt mich ernst, man achtet mich, ich bin was wert auf dem Markt der Personen und Empfindungen. Und wie aus einem grundlegenden Zweifel an der Zukunft die Unfähigkeit folgt, sie zu erreichen – wer weiss, ob beim nächsten Schritt noch fester Boden ist, besser, stehenzubleiben – so ist der, der am Wohlwollen der Welt zweifelt, nicht mehr in der Lage, es zu sehen.

Funktionieren ist Vertrauensvorschuss, ist die Welt auf die leere Leinwand der Wahrnehmung gemalt, oder hier eben ein Haufen Neurojargon auf die schwarze der Existenzverneinung.
Das geglückte Leben eine einzige, lange Übersprungshandlung; ein Kratzen hinterm Ohr mit dem falschen Fuss; Blindheit im Angesicht des strahlenden Nichts.

PS. Wer das mit der Abstraktdeformation erklären kann, ohne zu gugeln, kriegt einen Pangalaktischen Donnergurgler ausgegeben. Oder zwei.
PPS. Ja, das PS aus dem angeblichen Kommunikationsembargo redet mit dem Leser. Schnauze, Leser.


Saturday, April 17th, 2010

Phänomenologie des Geisteskranken (1)

I. Nacht. Innen.

Liegen, die Kehle zugeschnürt von unten her, ein Knoten ohne Grund und Substanz, der einfach ist. In Wellen laufen Erschütterungen durch den Leib, der sich schwer in die Welt drückt, Unausgewogenheiten, kleine Beben, Pulsationen, die dem schlingernden Gehirn wieder für Todesnachricht gelten: den Morgen wirst Du nicht erleben. Entsetzen und Resignation tanzen Walzer im Oberstübchen, eine Geschichte dazuerfunden, die Tabletten hast Du nicht genommen, und eingesperrt im Keller sitzt der sogenannte Verstand und wummert mit kleinen Fäustchen gegen die Tür. Welche Tabletten eigentlich, ruft er, aber er lässt sich nicht raus, seine Einwände zwar berechtigt, das Sterben sei auch bisher ausgeblieben, aller Furcht und aller nächtlichen Panik zum Trotz, aber wer hört schon auf die Schmuddelkinder aus dem Denkkeller. Wer hört überhaupt auf irgendwen? Und hört eigentlich auch mal was irgendwas auf, oder fängt vielmehr immer nur neuer Scheiss an?

Einatmen. In der Wand ein leises Rascheln, beantwortet durch das Ticken meiner langen Fingernägel auf der Wand (Zum Gitarre üben. Haha.), und das Rascheln verstummt. Antwort und Verstummen; das Gehirn, vom Sturm der Evolution sinnlos aus einer biochemischen Müllhalde zusammengefegt, diese Mustererkenn- und Überlebensmaschine, saugt sich magnetisch fest, ein Fadenkreuz haftet auf der Denkfigur: Signalaussendung führt zum Ende der Kommunikation. Was ich sage, bringt die anderen zum Verstummen. Strecke ich die Hand aus, weicht die Welt zurück. Selbst für die Ratten in der Wand gilt das; oder eben grade für die, maults von unten, sind ja schliesslich Ratten. Aber halt die Klappe, Verstand, es ist Nacht, da schläfst du doch, denn dann tanzt der Teufel ums Fegefeuer brennender Erinnerungen. Vielleicht liegts aber auch nur an der Katze im Frack da am Fussende, dass die Ratten schweigen, und die Frackkatze wiederum liegt da der Rattengeräusche wegen, eine endlose Goldbergmaschine aus Gründen und Gegengründen, und alle Fratzkacke und uninteressant: ich will wissen, warum die Menschen das tun, was sie tun. Und nicht die Katzen, und nicht die Ratten. Ausatmen. Jetzt das Kissen wenden, die Unterseite presst sich kühler gegen die brennende Wange. Ein paar Sekunden lang klärt sich was, dann wieder Nebel.

Eingesperrt im eigenen Kopf, der eigenen Vergangenheit, dem eigenen Fleisch, was hilft mir da die Neurophilosophie? Was tut der Klaustrophobe, wenn der Schädel zu eng wird, seine sogenannten Verhaltensmuster, seine angeblichen Persönlichkeitsmerkmale, eben das, was dieses dumme Tier so tut und sagt und empfindet und ist? Wenn dann die Panik kommt, die positive Rückkopplung, in der die Unmöglichkeit, einer Unausweichlichkeit auszuweichen, den Terror potenziert, und das Ich sich selbst am Haarschopf fasst und in den Hirnsumpf schmeisst. Ich will nicht der sein, der ich bin: der nicht sein will, der er ist. Und so weiter, bis zur Vergasung. Kennste, Alter, oder? Voll der krasse Spruch, Vergasung.

Ich will hier raus. Aber fat chance, klar.

Und dann kreist endlos ein Bröselteufel: gesagt und nicht gesagt. Gemeint, gedacht, gefühlt. Eingefordert, ausgeladen. Versetzt, verstanden, verlegen. Akteure und Subjekte. Geworfene und Werfer. Hallo! Hier drüben! Eine Parataxe, bitte, in diese hohle Gasse. Was wollte ich nochmal sagen? Ach ja.
Liebe, Hass und Demütigung kommen in eine Bar, sagen kein Wort und legen den ganzen Laden in Schutt und Asche. Guter Witz, die Pointe hab ich nur leider vergessen. Aber das ist ein Brüller. Den hört man weit und breit.
Eine Stunde jetzt seit dem Rattenrascheln, langweilig ist er ja schon, the horror, das Grauen und das Grübeln, jedenfalls von hier aussen, vom Text her betrachtet. Immerhin: Bach runter eiert im Kreis durch die Rübe, oder kreist im Eierkopf, ein dummes und liebloses Geplätscher, aber ein Geräusch jedenfalls, und aus dem Keller wummert der Zwerg mit dem Wasserkopp Kapielskis Sorgenbesen an die Decke, im Blickfeld der Weitwinkelüberwachungskamera. Ruhe da oben, wir würden hier alle gern schlafen. So, aha. Eine einzige Gerümpelkammer, dieses Oberhüttchen. So viel kann man gar nicht wegschmeissen, wie man Platz bräuchte.

Ich wollt ich wär Homer, und küsste die Muse mich Deppen, und hätte ich nichts als einen Donut zwischen den Ohren, mit Marmelade drin und extra Sahne drauf. Aber kamman es sich aussuchen? Kammanicht. Bin ich halt irre eben. Wird schon auch zu was gut sein.

Und es wurde dunkel. Und langsam wieder hell. Ich will aber nicht, dass es hell wird. Mach dunkel wieder. Bitte. Zieh den Tag auf links.

Aber nichts da.

Jeden Morgen erinnern sich Muskeln, Finger, Augen an endlos vorgenommene Handgriffe und Klickbewegungen, die einst das Online aufgerissen haben sperrangelweit, und Nachrichten aus der bewohnten Welt ergossen sich aus der Wunde. Aber wie ein ehemals bunter Hund, schwarz gemacht durch nie vorhergesehene Prügel und Zufallsstrafen, ist mir dagegen jetzt Widerstand in die Synapsen gebrannt. Ich kann sie nicht mehr aufmachen, die staubigen Wasserlöcher und Schwatzbuden, dieses Forum, dieses Facebook, und nicht nur, weil ich zuviel investierte oder erwartete und jetzt an der Enttäuschung kaue, einem alten zähen Lederkeks. Auch wird mir körperlich übel; und überwinde ich die Abwehrreaktion hämisch – sieh her, Hirn, ich bin Dir über und transzendiere Deine Unzumutbarkeiten – erfasst mich gleich nach Ladeschluss neuer Schwindel. Einmal vertraute Namen hängen in einer Leere, die jetzt gähnt, wo ich mich mal zuhause fühlte. So lang ist das gar nicht her, was ist nur los? Wer seid das hier? Ein Dreckshirn, Spatzl, gell?

Und zuhause, das ist eh. Davon fang ich gar nicht.

Hier liegt ein Nexus der Krise, wenn auch nicht ihr gordischer Knoten: die Diskrepanz zwischen der nachgebastelten Sozialität und ihrer Nachgebasteltheit, die sich in Momenten dichter Emotion am deutlichsten zeigt. Alle haben das gespürt, als der Hirnwucher ausbrach in Berlin, haben helfen wollen, und wussten nicht wie, haben sagen wollen, und wussten nicht, was. Wollten berühren und berührt werden, aber mit welcher Hand und wessen warme Haut? Alle spürten es, mir hat es den letzten Boden weggezogen, und seitdem Sturz. Fein, der eine hat die Krankheit zum Tode, der andere jammert. Recht machen kann mans wohl keinem. Aber wie denn auch. We are moments lost in time, like tears in the rain.

Sturz weshalb überhaupt? Ist ja nur Forum, Freunde gehen anders, der Satzbrocken steckt mir als winzige Axt im gefrorenen Meer, an der Seite der aufgeworfenen Platte in Kasper Friedrichs Bild, ein hilfloser Kitsch, wie immer. Als wär die Formulierung persönliche Beleidigung gewesen, und nicht eben offensichtlich und grundrichtig. Was eigentlich willst Du, Kopf? Warum bleiben von allem immer Wut, Verzweiflung, Schmerz, grad diese drei? Und nicht auch mal eine nette Bemerkung, ein Lächeln, eine versteckte Geste, die sonst keiner sah. Und warum erfahr ich das alles nur hintenrum, per mühsamen Nachhirnens, und muss es mir zusammenkleben aus Grübelpopeln, du linke Bazille, du Kopfpups, du Irrtumsnetzwerk aus Neuronendreck? Sitzen wir denn nicht im selben Boot? Ziehen wir denn nicht am selben Strang?

Und was ziehen wir da eigentlich, und zu welchem dunklen Ende?

Thursday, April 15th, 2010

Frühling in der Stadt

Gesang der Sirenen,
Widerhall gleisser Fassaden:
Echos einer Stille.

Fremder Namen auf Markisen,
Flugblätter im Blütenschnee,
Matrix des Leerraums
zwischen den Zeichen.

Lockfarben geiler Bäume,
Referenten
des Grau.

Motor-
sägen-
zeit.

Monday, April 5th, 2010

ostersamstag

What are you doing?
Ich blicke vom Sucher und den auf den Gehweg gefallenen Blütenblättern darin auf. Die Richtung, aus der es fragt, ist nicht auszumachen. Ich suche die Fenster der Häuserfront ab, sehe aber niemanden.
What are you taking a picture of?
Die Stimme ist nicht neugierig oder freundlich, sie ist aggressiv und erbost: ein Hausbesitzer vermutlich, der Angst um die Seele seiner vinylverschalten Schachtel am Hang hat. Where are you, frage ich zurück.
What are you doing? fragt es jetzt erneut, drängender, und dann wird es dem Frager zu bunt, oder vielleicht auch zu schwarzweiss. Eine Gittertür öffnet sich hinter dem Parkplatz und ein drahtiger Mann mit Bierdose in der Hand kommt heraus.
What are you taking a picture of? fragt er jetzt, er schätzt offenbar die Wiederholung. Die Antwort ist ihm egal, kaum hat er sie, stellt er sie auch schon drängend in Frage: why are you taking a picture of that? Stop it. Und fuchtelt mit dem Finger in meinem Gesicht.

Er sucht Streit, droht und posiert. Wäre er ein kleiner Hund, er kläffte jetzt wild. Und weil wir hier in Jersey sind und nicht beim Zuckerschlecken, fliegen in Windeseile die What the fucks und I’ll fuck you ups hin und her; What aus meiner, up aus seiner Richtung.
Erneut öffnet sich die Gittertür und das Haus speit eine dickliche Frau aus. Ignore him, fleht sie uns an, come in, Eddie den drahtigen Desperado.
If I see you again, I’ll fuck you up, zischt Eddie im Abgang erneut, prickelnd, erfrischend, dann hat ihn aber endgültig die Dickliche am Wickel und zieht ihn hauswärts. What if they call the police on you again? schilt sie und die Gittertür schliesst sich.

Dann ist es wieder still in Jersey.

Saturday, March 20th, 2010

it’s so exciting (law and order)

Er verlagert das Gewicht, macht einen Schritt zur Seite, steht erst vor dem jungen Mann, dann der jungen Frau, und ist dabei beiden zu nah. Eine Hand hat er erhoben und an der Haltestange, die andere neben der Hüfte, drohend beweglich und nervös. Mehrmals greift er in seine Tasche, holt jedesmal langsam das Telefon heraus und sieht blicklos etwas nach auf der Anzeige und steckt es wieder weg. Jedesmal, wenn er diesen Griff tut, spüre ich ein Summen in der Magengegend, wie ein Schweben, hilflos gegen sein Spiel.

Es fing an, als er von seinem Sitzplatz gegenüber die junge Frau ansprach: was sie denn wolle mit dem Hänfling da. Sie solle doch mitkommen mit ihm, jetzt gleich. Er wiederholte es im Befehlston, komm mit, lauter. Das Paar ignorierte ihn so gut das ging, schliesslich dann drohte die Frau mit einem Anruf, ich konnte nicht hören, bei wem, der PATH police vielleicht. Sie machte die Drohung aber nicht wahr, und da stand er auf, breitschultrig und gross, eine Boxerfigur, und stellte sich vor die beiden. Sit down, sagte die Frau hilflos und ohne Kraft, come with me, erwiderte der Schrank ungerührt. You should really sit down, der junge Mann nimmt jetzt allen Mut zusammen, die Stimme unsicher, es ist zwecklos. Say please, fordert das Arschloch, und die Machtschraube zieht sich mit jedem gescheiterten Versuch der beiden, der Situation zu entkommen, weiter zu ihren Ungunsten an. Jede Chance, die sie ihm geben, Nein zu sagen, macht ihn stärker. There’s no exit.

Der junge Mann ahnt oder weiss es und sagt nicht please, sondern verstummt, und das Ghettoklischee wechselt wieder aufs andere Bein und steht jetzt wieder direkt vor der Frau. Er trägt einen Ghettobart. Es ist lächerlich, wie im Film, wie im Traum, eine Zumutung der Wirklichkeit.

Ein paar Plätze weiter wird mir unterdessen schwindlig. Ein Ventil für alle aufgestaute Wut und Ohnmacht bietet sich hier, der Drang es zu nutzen wird sekündlich stärker, das Primatenspiegelbild seiner Aggression, aber diese Einsicht macht mich nur zorniger. Er ist so gross wie ich, das Andeuten einer Waffe, die ganze Manier ist hohler Bullyshit und feige, aber das heisst nicht, dass er nicht doch ein Messer hat oder heat, fool, und auf den Einspruch eines anderen in sein Drohgebaren mit echter Gewalt reagierte. Und selbst ohne Waffen: Weglaufen ist die beste Verteidigung, sagte Sensei, wer kämpft, hat schon verloren, und speziell ja ich, ohne jede Erfahrung. Hätte ich meinen Schwarzgurt dabei, vielleicht könnte ich ihn damit würgen oder ihm die Augen verbinden. Ich starre ihn jetzt unverwandt an, soziale Ablehnung, Einschüchterung, Besseres fällt mir nicht ein. Er bemerkt es, blickt mich kurz an, und sofort wieder weg. Immerhin.

Do you think I won’t remember you, fragt er jetzt den jungen Mann, der Zug fährt gleich nach Journal Square ein und seine Zeit der kostbaren Kontrolle wird knapp. I won’t forget you. Eine kleine Gruppe umsteht die drei an der Tür, im Abstand, aufmerksam, und bereit, einzugreifen. Bully blickt starr geradeaus, und keinen der Umstehenden an, durch die Tür vor ihm, und droht weiter, halblaut und halb glaubwürdig. Als die Türen sich öffnen, eilt das Paar zur Nebentür und die Bahnsteigtreppe hinauf, er läuft ihnen nach, und ich ihm, eine Einschüchterungskettenfarce. Das Paar verliere ich aus den Augen, aber nicht ihn. Oben baue ich mein Fahrrad zusammen, langsamer als sonst, und blicke ihm nach, der langsam über den Vorplatz geht, und sich nicht umdreht. Meine Knie zittern, give me a reason, höre ich in meinem Kopf das Echo der selbstzerstörerischen Hoffnung, den Schmerz in meinem Kopf vielleicht durch körperlichen ersetzen zu können, icy colder, im Dienst sogar noch einer guten Sache. Wacklig in den Pedalen radle ich zum Liquor Store, kaufe eine Flasche Ballantines und einen Flachmann Southern Comfort, dessen klebrige Süsse im Mund und an den Händen mich erstaunt, all sugary spices. Ich hatte das Getränk immer für Branntwein gehalten. Aber wer braucht schon Southern Comfort, wo es Whisky gibt.

Tuesday, March 16th, 2010

looking stupid

Zwei kleine Räder drehen sich, schneller noch als grosse das müssten, und rollen über den Deckel auf dem alten Kanal. Vor hundert Jahren schwammen hier Lastkähne mit pennsylvanischer Kohle in den glühenden Industrieofen Newarks, heute rollt auf dem Grund des Kanals die Strassenbahn und oben drauf die Neuerfindung der Stadt fürs nächste Jahrtausend, mit Condos und Handyläden und neuen Pflanztrögen. Aus der Metropole wurde nach dem Niedergang ihrer Industrie ein sozialer Herd, verschlimmert durch die Bauernschläue der Stadtherren, die Bundesmittel zum Wohnblockbau einwarben, und dann mit der geballten Unterschicht, die kam, um darin zu wohnen, nicht fertig wurden. In den sechziger Jahren dann der Bürgerkrieg, die Innenstadt brannte ab, die Nationalgarde besetzte die Stadt drei Tage lang, und vier Jahrzehnte lang regierten danach Armut, Mord und Schrecken die Stadt, ein Geschwür, das alle amerikanischen Städte von innen aushöhlt, ihre Innenstädte verschlingt, die Hoffnungen der Bewohner, die Güte, den Gemeinsinn. Klingt komisch, ist aber so.

Ich denke aber an ein anderes Geschwür, als ich über den versteckten Kanal rolle auf meinem lächerlichen Rad, und zugleich an noch ein drittes. Anschreien hätte ich ihn mögen, den feigen, alten Sack, ihm vergeben, ihn verfluchen, stattdessen verging seine Welt eine Welt weit weg, und meine Fragen und meine Enttäuschung und das verängstigte Kind unter der Decke mit ihr. Das ist der alte Schmerz, der neue jetzt von anderer Dimension, diesmal gibt es keinen Hass, keine Verletzungen, nur die Fassungslosigkeit, dass es ernst ist mit dem Elend und mit dem Tod, und wieder ist es eine Welt weit weg, und hilflos wieder wie damals das Kind. You look stupid, ruft einer gutgelaunt aus seiner tief hängenden Hose, für ein Stückchen Prestige, und einen anerkennenden Blick aus den anderen Hosen heraus, die ihn begleiten. “I don’t mind *looking* stupid”, lege ich mir zurecht, “how is *being* stupid working out for you”, aber als mir das einfällt bin ich ja schon einen Block weiter auf dem Kanal, und ohnehin: er hat recht. Ich sehe bescheuert aus. Warum soll man mir das nicht sagen dürfen?

Am Abend rollt der Tag sich wieder ein, unten am Ende des Kanals der Bahnhof, und gleich nach der Tür ein Schubs gegen die Schulter. Hey man, grüsst es mich. Ich gehe grusslos weiter, hier, wo die Greyhounds abfahren, halten sich Elemente auf und Figuren, Tony Soprano verabschiedete hier Janice, was soll man da stehen bleiben, aber jetzt ruft es von weit hinten laut “You don’t recognize me, do you?” und ich drehe mich doch noch um. “No”, sage ich unsicher, “are you the guy who asked about my bike the other day”? Nein, ist er nicht. Where do you live, fragt er schalkhaft, und dann wirft er meine Antwort triumphierend als Beweis auf mich zurück: Jersey City, eben, sag ich doch, er sei nämlich der Briefträger. Also der Aushilfsbriefträger sei er, er sehe mich immer am Samstag. Und sein Auto habe eine Panne, er deutet nach draussen in den eisigen Regen. Ob ich dieses Spray kenne, mit dem man Reifen von innen flickt, er macht eine Handbewegung, die Finger spreizen sich auf, schliessen eine Lücke. Und ob ich am Samstag zuhause sei. Und ob ich ihm vierzig Dollar leihen könne, er werde sie einwerfen beim Zustellen, er lacht freundlich, voller Hoffnung, appelliert an meine Güte und an meinen Gemeinsinn und an das Loch in meinem Herzen. Oder vielleicht auch an das in meinem Magen und den resultierenden Unterzucker, oder an das Summen in meinen Ohren. Ich gebe dem Aushilfspostboten Geld, das ich selbst nicht habe, frage nicht nach seinem Namen, sage ihm nicht meine Adresse, und gehe schnell zur Rolltreppe, um den Gedanken zu entkommen. In meinem Rücken höre ich ihn lachen, das Geräusch abgerissen von der zufallenden Bahnhofstür. Ich stelle mir vor, wie er sich in der kalten, nassen Nacht von Newark auflöst wie das Gespenst einer alten Angst, die Hand mit den sich spreizenden Fingern hoch erhoben, ein Loch zu stopfen, das die Zeit in die Welt gerissen hat.

Sunday, February 14th, 2010

liberty city minute

Hinterm Steuer in der silbernen, alten Limousine mit den zu weichen Stossdämpfern schaukelt ein grauer Mann mittleren Alters, mit Vorfahren aus dem Mittelmeerraum, auf der Nase eine Brille mit dicken Gläsern und dickerem Rand. Er sieht ein bisschen aus wie Uncle Junior. Das sehe ich aber erst, als er hinter mir vorbeischaukelt, zuerst sehe ich das sich erweiternde Trapez des Kühlergrills zu meiner Linken, das sich rasch aus seiner sicheren Lage orthogonal zu meiner Fahrtrichtung in eine dazu parallele dreht: der mittelalte Herr mit der Brille überholt mich links, um quer durch mich durch nach rechts abzubiegen, Merkt es aber noch und brüllt “Watch out, you fucking idiot”. Sprachlos rolle ich weiter, drehe mich um, und sehe die Brillenvisage selbstgerecht um die Kurve wippen, bloss eine weitere Jerseyattacke auf Leib und Leben eines Radfahrers.

Aber jetzt ballt sich erst in meinem Magen, dann summend auch im Kopf, die Frustration und Wut über alles, das grade schiefläuft in meinem Leben, zu einem leckeren Klops in einem Teller Knüppelsuppe, und bevor ich noch weiss, was ich da tu, hebe ich das zierliche Vorderrad vom Schnee, fädle mich durch zwei Reihen wartender Autos neben den silbernen Schlitten und brülle zurück, “did you just almost run me over AND fucking yell at me”, wie in Grand Theft Auto IV würde ich ihn jetzt gerne aus der Karre zerren, “I need this. Don’t make me kill you” und das ausgebrannte Wrack dann irgendwo stehen lassen. “That’s a turning lane”, brüllt es zurück durch den Fensterspalt, “be aware of what you’re doing”, die grauhaarige Frau auf der Rückbank duckt sich wie unter Peitschenschlägen, und meine Wut verfliegt, vielleicht hat er ja recht, verstockholmt, auf offener Strasse. Am Abend erneuere ich mein angeknackstes Wissen: die Abbiegespur ist keine. Begegne mir in GTA IV, Brille, dann reden wir nochmal.

Friday, January 1st, 2010

2667

Die Räder des Einkaufswagens pflügen feucht seufzend durch den Schneematsch, bleiben alle paar Meter an einer Kante zwischen unebenen Gehwegplatten hängen und lösen sich mit einer kleinen, sprunghaften Beschleunigung wieder, Schluckauf der Bewegung. Ebenso verhält sich der dichte Feierabendverkehr auf West Side Avenue, der Friedhofsfront mit ihren verschneiten Gräbern entlang. Hat das Stocken des Verkehrs andere Gründe als die Rotphase der Ampel Ecke Montgomery, hupen die Fahrer von hinten, die zwar das grüne Leuchten der Ampel, nicht aber die verstopfte Strasse dahinter sehen. Dieses Hupen macht mich melancholisch, unnötige Aggression steckt darin, Frustration, die mitgehupte Annahme, die Mitmenschen seien egoistische Esel und sie anzuhupen ein zweckvolles Tun. Oder vielleicht leckt die Melancholie auch nur aus den Seiten von 2666, dem Ruf aus Bolanos Grab, den ich jetzt zum Jahresende endlich lese, es ist schwer zu sagen, in welcher Richtung hier die Säfte fliessen.

Als ich die Strasse überquere, ruft hinter mir eine heisere Frauenstimme dreimal in kurzen Abständen um Hilfe, nicht übermässig laut, aber doch lauter als man es im Scherz würde. Ich begreife den Inhalt erst beim dritten Mal und drehe mich sofort um, aber ausser Autos und einer kleinen Gruppe von Passanten sehe ich niemandem im Dämmerlicht. Ich spähe in die langsam vorüberrollenden Autos, für einen kurzen Moment lang in höherem Auftrag als dem der Getränkeflaschen und der Katzenstreutüte, aber sehe dort nur die müden Menschen und ihre Telefone. Ich drehe mich zurück, stehe noch einen Moment so im schwindenden Licht, und versuche mich noch einmal an das Geräusch der Rufe zu erinnern, das in meinem Gedächtnis langsam verblasst.

Monday, December 14th, 2009

Küchenlatein

Ich stand wo rum in einer Küche bei einer Party, im Wohnzimmer lauter Amerikaner, die amerikanische Geräusche machen und sich gegenseitig Pingpongbälle in Bierbecher schmeissen, oder die Becher durch die Gegend schnippten, umdrehten, ich tu natürlich nur, als wüsste ich nicht ganz genau die Regeln, alles sinnleere ritualisierte religiöse Unterfütterung des Trinkens, das die collegealten Amerikaner offenbar sich sonst nicht trauen, sondern eine Anleitung brauchen sie, Exkulpation vorweg, oder sie haben eben Angst vor den Ausländern, die hier in der Küche sich versammeln, den Kopfmenschen, den Wissenschaftlern, und ich sage zu den Leutchen, die sich da in der Küche versammelt haben, dass mich die Situation an Jona Lewie erinnert, und ernte leere Blicke und Schulterzucken, und sofort ist da wieder dieses Gefühl, nicht dazu zu gehören, ohne genau zu wissen, wozu eigentlich, ein Freak, dabei will man ja eigentlich nie dazugehören, nirgends, Groucho Marx sagts, wies ist, und dass er den Schnurrbart nur angemalt hat, hab ich ungelogen erst nach Jahren kapiert, allerdings Jahren, in denen ich nix von den Marxbrothers gesehen habe, fairerweise dazu. Dabei sind die doch die Freaks hier alle in meinem Alter oder knapp drunter, und die kennen dieses Lied nicht, ich weiss selber schon wieder nicht mehr, obs gut ist, ist mir auch egal, weil ich automatisch zurück katapultiert werde in eine Zeit, in der es nämlich wirklich egal war, ob etwas gut war, also: ob andere das gut finden, oder ob ein Geschmacksstandardler da seinen Stempel draufgehauten hat, aber keiner kennt das Ding, oder will es zugeben, und dann ist der Moment vorbei und einer von uns geht aus der Kopfküche, Pingpongbälle ins Bier schmeissen und Klarheit und Trennung gehen zum Teufel und alles ist wieder Brei und Fleisch.

Nice try, Freundchen, aber das wird so nichts, kauft Dir keiner ab, du bist doch selber zu hungrig nach dem Stempel, der Hand auf dem Unterarm, dem freundlichen Blick, den Lippen, Du verkaufst doch Deine eigene Seele dafür, dass jemand sie mal ein bisschen baumeln lässt, am ausgestreckten, wohlgeformten Arm. Und was redest du hier eigentlich schon wieder daher, guck dir das Video mal an, letzte Strophe, Lewie kommt nämlich raus aus der Küche, die bunten Mädels hüpfen doch nicht ohne Grund. Die Gelbe ist Kirsty MacColl, Slut on Junk im Fairytale of New York, das passt hier, Faust aufs Auge, das kann man hören in der Partyküche und ein bisschen heulen dabei wie immer, obwohl schade, weil die Orange sieht man besser bei der Strophe, dieses Hinguckenmüssen und jetzt auch noch das übers Hinguckenmüssen Redenmüssen, wer hält das aus. Von einem Boot totgefahren wurde MacColl, weil sie ihren Sohn retten wollte vor dem Boot und auch gerettet hat, aber selber wurde sie deshalb kaputtgefahren, ohne das scumbagmaggot Scheissinternet hätte ich das jetzt nicht erfahren, hätte auch nicht sein müssen, wollte ich nicht im Hirn haben, und was heisst es eigentlich, dass ich über den erfundenen New Yorker Weihnachtsbums heule, aber über die totgefahrene Mutter heule ich nicht, da ziehe ich nur einen ekelhaften Betroffenheitsflunsch, das will ich nämlich auch nicht wissen was das heisst, zumindest jetzt nicht. Obwohl Wissen ja eigentlich immer besser ist als Nichtwissen, ja leg mr a Mark ind Dasch, weiss doch jeder, ist so in der Küche, bis dass die letzte Strophe kommt, aber die kommt nicht und nicht, und nicht und nochmal nicht.

Wednesday, December 9th, 2009

Irre

Über der Buchkante sehe ich den Rand der Brücke und den Hackensack darunter. Es dauert einen Moment, ehe ich das Gefühl des Ungewohnten einordne; die neuen Wagen haben tiefer ausgeschnittene Fenster, den Brückenrand habe ich zuvor nicht sehen können. Die Bewegung wird langsamer und kommt zum Erliegen, wir stehen auf der Brücke, das Wasser unter uns träge und stellenweise verwirbelt durch Unsichtbares. Mein Blick hebt sich, auf dem Dach der Lagerhalle am Ufer sitzen hundert Möwen, kleine Knubbel auf dem bleichen Blechdach, und warten. Der Zug fährt langsam wieder an. Ich lese weiter.