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I. Nacht. Innen.

Liegen, die Kehle zugeschnürt von unten her, ein Knoten ohne Grund und Substanz, der einfach ist. In Wellen laufen Erschütterungen durch den Leib, der sich schwer in die Welt drückt, Unausgewogenheiten, kleine Beben, Pulsationen, die dem schlingernden Gehirn wieder für Todesnachricht gelten: den Morgen wirst Du nicht erleben. Entsetzen und Resignation tanzen Walzer im Oberstübchen, eine Geschichte dazuerfunden, die Tabletten hast Du nicht genommen, und eingesperrt im Keller sitzt der sogenannte Verstand und wummert mit kleinen Fäustchen gegen die Tür. Welche Tabletten eigentlich, ruft er, aber er lässt sich nicht raus, seine Einwände zwar berechtigt, das Sterben sei auch bisher ausgeblieben, aller Furcht und aller nächtlichen Panik zum Trotz, aber wer hört schon auf die Schmuddelkinder aus dem Denkkeller. Wer hört überhaupt auf irgendwen? Und hört eigentlich auch mal was irgendwas auf, oder fängt vielmehr immer nur neuer Scheiss an?

Einatmen. In der Wand ein leises Rascheln, beantwortet durch das Ticken meiner langen Fingernägel auf der Wand (Zum Gitarre üben. Haha.), und das Rascheln verstummt. Antwort und Verstummen; das Gehirn, vom Sturm der Evolution sinnlos aus einer biochemischen Müllhalde zusammengefegt, diese Mustererkenn- und Überlebensmaschine, saugt sich magnetisch fest, ein Fadenkreuz haftet auf der Denkfigur: Signalaussendung führt zum Ende der Kommunikation. Was ich sage, bringt die anderen zum Verstummen. Strecke ich die Hand aus, weicht die Welt zurück. Selbst für die Ratten in der Wand gilt das; oder eben grade für die, maults von unten, sind ja schliesslich Ratten. Aber halt die Klappe, Verstand, es ist Nacht, da schläfst du doch, denn dann tanzt der Teufel ums Fegefeuer brennender Erinnerungen. Vielleicht liegts aber auch nur an der Katze im Frack da am Fussende, dass die Ratten schweigen, und die Frackkatze wiederum liegt da der Rattengeräusche wegen, eine endlose Goldbergmaschine aus Gründen und Gegengründen, und alle Fratzkacke und uninteressant: ich will wissen, warum die Menschen das tun, was sie tun. Und nicht die Katzen, und nicht die Ratten. Ausatmen. Jetzt das Kissen wenden, die Unterseite presst sich kühler gegen die brennende Wange. Ein paar Sekunden lang klärt sich was, dann wieder Nebel.

Eingesperrt im eigenen Kopf, der eigenen Vergangenheit, dem eigenen Fleisch, was hilft mir da die Neurophilosophie? Was tut der Klaustrophobe, wenn der Schädel zu eng wird, seine sogenannten Verhaltensmuster, seine angeblichen Persönlichkeitsmerkmale, eben das, was dieses dumme Tier so tut und sagt und empfindet und ist? Wenn dann die Panik kommt, die positive Rückkopplung, in der die Unmöglichkeit, einer Unausweichlichkeit auszuweichen, den Terror potenziert, und das Ich sich selbst am Haarschopf fasst und in den Hirnsumpf schmeisst. Ich will nicht der sein, der ich bin: der nicht sein will, der er ist. Und so weiter, bis zur Vergasung. Kennste, Alter, oder? Voll der krasse Spruch, Vergasung.

Ich will hier raus. Aber fat chance, klar.

Und dann kreist endlos ein Bröselteufel: gesagt und nicht gesagt. Gemeint, gedacht, gefühlt. Eingefordert, ausgeladen. Versetzt, verstanden, verlegen. Akteure und Subjekte. Geworfene und Werfer. Hallo! Hier drüben! Eine Parataxe, bitte, in diese hohle Gasse. Was wollte ich nochmal sagen? Ach ja.
Liebe, Hass und Demütigung kommen in eine Bar, sagen kein Wort und legen den ganzen Laden in Schutt und Asche. Guter Witz, die Pointe hab ich nur leider vergessen. Aber das ist ein Brüller. Den hört man weit und breit.
Eine Stunde jetzt seit dem Rattenrascheln, langweilig ist er ja schon, the horror, das Grauen und das Grübeln, jedenfalls von hier aussen, vom Text her betrachtet. Immerhin: Bach runter eiert im Kreis durch die Rübe, oder kreist im Eierkopf, ein dummes und liebloses Geplätscher, aber ein Geräusch jedenfalls, und aus dem Keller wummert der Zwerg mit dem Wasserkopp Kapielskis Sorgenbesen an die Decke, im Blickfeld der Weitwinkelüberwachungskamera. Ruhe da oben, wir würden hier alle gern schlafen. So, aha. Eine einzige Gerümpelkammer, dieses Oberhüttchen. So viel kann man gar nicht wegschmeissen, wie man Platz bräuchte.

Ich wollt ich wär Homer, und küsste die Muse mich Deppen, und hätte ich nichts als einen Donut zwischen den Ohren, mit Marmelade drin und extra Sahne drauf. Aber kamman es sich aussuchen? Kammanicht. Bin ich halt irre eben. Wird schon auch zu was gut sein.

Und es wurde dunkel. Und langsam wieder hell. Ich will aber nicht, dass es hell wird. Mach dunkel wieder. Bitte. Zieh den Tag auf links.

Aber nichts da.

Jeden Morgen erinnern sich Muskeln, Finger, Augen an endlos vorgenommene Handgriffe und Klickbewegungen, die einst das Online aufgerissen haben sperrangelweit, und Nachrichten aus der bewohnten Welt ergossen sich aus der Wunde. Aber wie ein ehemals bunter Hund, schwarz gemacht durch nie vorhergesehene Prügel und Zufallsstrafen, ist mir dagegen jetzt Widerstand in die Synapsen gebrannt. Ich kann sie nicht mehr aufmachen, die staubigen Wasserlöcher und Schwatzbuden, dieses Forum, dieses Facebook, und nicht nur, weil ich zuviel investierte oder erwartete und jetzt an der Enttäuschung kaue, einem alten zähen Lederkeks. Auch wird mir körperlich übel; und überwinde ich die Abwehrreaktion hämisch – sieh her, Hirn, ich bin Dir über und transzendiere Deine Unzumutbarkeiten – erfasst mich gleich nach Ladeschluss neuer Schwindel. Einmal vertraute Namen hängen in einer Leere, die jetzt gähnt, wo ich mich mal zuhause fühlte. So lang ist das gar nicht her, was ist nur los? Wer seid das hier? Ein Dreckshirn, Spatzl, gell?

Und zuhause, das ist eh. Davon fang ich gar nicht.

Hier liegt ein Nexus der Krise, wenn auch nicht ihr gordischer Knoten: die Diskrepanz zwischen der nachgebastelten Sozialität und ihrer Nachgebasteltheit, die sich in Momenten dichter Emotion am deutlichsten zeigt. Alle haben das gespürt, als der Hirnwucher ausbrach in Berlin, haben helfen wollen, und wussten nicht wie, haben sagen wollen, und wussten nicht, was. Wollten berühren und berührt werden, aber mit welcher Hand und wessen warme Haut? Alle spürten es, mir hat es den letzten Boden weggezogen, und seitdem Sturz. Fein, der eine hat die Krankheit zum Tode, der andere jammert. Recht machen kann mans wohl keinem. Aber wie denn auch. We are moments lost in time, like tears in the rain.

Sturz weshalb überhaupt? Ist ja nur Forum, Freunde gehen anders, der Satzbrocken steckt mir als winzige Axt im gefrorenen Meer, an der Seite der aufgeworfenen Platte in Kasper Friedrichs Bild, ein hilfloser Kitsch, wie immer. Als wär die Formulierung persönliche Beleidigung gewesen, und nicht eben offensichtlich und grundrichtig. Was eigentlich willst Du, Kopf? Warum bleiben von allem immer Wut, Verzweiflung, Schmerz, grad diese drei? Und nicht auch mal eine nette Bemerkung, ein Lächeln, eine versteckte Geste, die sonst keiner sah. Und warum erfahr ich das alles nur hintenrum, per mühsamen Nachhirnens, und muss es mir zusammenkleben aus Grübelpopeln, du linke Bazille, du Kopfpups, du Irrtumsnetzwerk aus Neuronendreck? Sitzen wir denn nicht im selben Boot? Ziehen wir denn nicht am selben Strang?

Und was ziehen wir da eigentlich, und zu welchem dunklen Ende?

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