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Miniaturen



Monday, November 20th, 2006

Ichpinzettenbedarf

Ein Gespenst geht um im Aquarium, das Gespenst der Beulenpest. Über Nacht nämlich haben sich auf allen Fischen weise Flecken gebildet, mitten auf dem Auge bei einem der Goldfische, entlang der Flossenkante und an der Fischflanke.
Kleine weisse Punkte, so belehrt uns das Internet, sind ein Parasit namens Ichthyophthirius multifilis, übersetzt also „die Fischlaus mit den tausend Kindern“, Iä, Iä! Kurz sagt der Lausekenner dem kleinen Tierchen „Ich“, das spricht sich im englischen aus wie ein vom schönen Wort icky abgeleiteter Ekligkeitsausruf, und sieht im Deutschen aus, als wäre man selbst es, der die Fische plagt: Gesamtkunstwerk Laus.
Ich ist ein schlimmer Geselle, hat einen ungefähr drei Tage langen Lebenszyklus, in dem er erst sich nährend am Fisch nuckelt, dann in eine selbstgebaute Rettungskapsel steigt und sich absprengt, und schliesslich im Inneren der auf dem Aquariengrund liegenden Kapsel mittels Lausporno und Spucke die im Namen erwähnten tausend Kinder zeugt. Dann geht die Kapsel auf, die Brut befällt die Fische wie ein Kindergartenausflug den Streichelzoo, und der ganze Jammer beginnt von vorne. Mal tausend.
Unsere drei Goldfische tragen vorerst ihre Ichs noch mit Würde spazieren, aber bald schon, das ist offensichtlich und unvermeidlich, wird die Ichlast die harmlosen Tiere in die Flossen zwingen und dem Fischlachen ein Ende bereiten, denn unbehandelt, da sind sich die rechtschreibkreativen Onlinefischexperten einig, gibt es zur Laus nur eine simple, grausame Wahrheit: Ich tötet.

Friday, November 17th, 2006

Ken und Schnecke

Drei Fische! Es ist eine regelrechte Fischstadt, die sich da auf unserem Teppich gebildet hat, eine Art Urzeugung könnte man das nennen, wenn nicht mit grosser Wahrscheinlichkeit sowieso schon zahlreiche Milbenmetropolen in und unter unserem Teppich einen Wettstreit der Zivilisationen austrügen und also von Urzeugung nicht die Rede sein könnte. Um die Überlegenheit der Fische über diese Vorläufermodelle auch geographisch deutlich zu machen, holen wir uns Müll von der Strasse, nennen den Müll Tisch, und stellen das Aquarium drauf. Fertig ist die Oberstadt.
Das hat aber leider auch einen Nachteil, den wir nicht bedacht haben: man sieht die Fische jetzt viel besser. Was also können unsere Gäste Robert und Beret dafür, dass sie, als sie morgens die müden Augen aufschlagen und als erstes die zu einer Zivilisation erster Stufe erhobene Fischtrias erblicken, sofort und unrettbar in ehrlich empfundene Liebe zum schuppigen Gesindel verfallen? Nichts, natürlich, es ist ja praktisch unvermeidlich. Selbst ich sehe mich Sympathieanbrandungen ausgesetzt, und ich kenne die Fische und ihre Tricks doch schon seit ein paar Tagen und habe ausserdem das Aquarium auf den „Tisch“ gewuchtet und mir dabei den Kopf verrenkt. Aber das gehört hier nicht her.
Robert und Beret jedenfalls sind den Vagabunden der Meere, wie man Goldfische ja auch nennt, rettungslos verfallen, und kaufen ihnen folgerichtig, oder jedenfalls in annähernder Folgerichtigkeit durch einen asiatischen Tierladenangestellten komplett fehlberaten, einen striped tiger loach und eine Schnecke als Weggefährten auf der grossen Reise, die das Leben ist. A moll, G dur, C.
Die Schnecke macht es sich gleich gemütlich, rennt kreuz und quer durchs Becken, steigt das Schloss rauf, fällt runter und führt sich überhaupt auf wie ein harmloser und sympathischer Irrer. Der Loach Ken hingegen – der Name wurde quasi mit dem Tier schon mitgeliefert, so offensichtlich ist er – ein länglicher Fisch mit bösen Gesichtstentakeln und einem fiesen Charakter, beginnt seinen Aufenthalt bei uns, indem er einen simplen Patrouillenplan aufstellt – „erst Schloß, dann Plastikstein, dann wieder Schloss, usw. Allen anderen in den Arsch treten“ – und sich mit bewundernswerter Disziplin an die Umsetzung der ehrgeizigen Unternehmung macht. Nach kurzer Zeit treiben im Becken drei nervöse Goldfischwracks, und es kann so ganz offensichtlich nicht weitergehen.
SS Ken also wird nun mit einem Netz eingefangen und weggebracht. Niemand bekommt gesagt, wohin, und es fragt auch niemand. Nacht bricht herein. Irgendwo rast eine Schnecke.

Friday, November 17th, 2006

Fancy Shmancy

Der Fisch hat sich eingewöhnt, eingewohnt sogar schon. Mal schwimmt er nach links, mal nach rechts, man könnte sich selber ans Zugucken regelrecht auch gewöhnen, beziehungsweise Spass daran haben, wenn es nicht nach wie vor so sehr langweilig wäre. Warum aber ist eine solche Langeweile um den an sich doch lustigen Fisch (Keine Beine! Mund auf, Mund zu!)? Weil der Fisch alleine ist. Und es ist nicht gut, dass der Fisch alleine sei. Seltsamerweise bin ich es, der sich zu dieser ein wenig wackligen Schlussfolgerung genötigt sieht, und nicht C., aber es ist nunmal, wie es eben ist, und also werden, zack, zwo neue Fische gekauft, zur Vergesellschaftung des edlen Wilden, und zur Reizzufuhr auch.
Diese neuen Fische aber sind seltsam von Gestalt und Wesen. Der Mensch, in seiner überschaubaren Weisheit, sah sich offenbar über die Jahrhunderte weg Goldfische an, lachte sich über einzelne, ein wenig verwachsene Exemplare kaputt, und setzte sie in ein Humoraquarium, wo sie mit anderen verwachsenen Freaks unerhörte sexuelle Orgien veranstalteten und noch entstelltere Kinderfische rauskackten. So pflanzen sich Fische nämlich fort, es ist nicht schön, aber Biologie.
Die beiden neuen Fische sind deshalb ungefähr kugelförmig, mit gespaltenen, mächtigen Schwänzen und Farbklecksen auf den Schuppen, schwimmen als wüssten sie nicht, wies geht und heissen deshalb Fancy Goldfish, als wir sie kaufen. Wenig später, als sie spastisch zuckend um unser Plastikschloss taumeln, heissen sie aber schon Klick und Klack und alles ist wieder in Ordnung. Vereinzelt schwimmt jetzt sogar mal ein Fisch ins Schloss hinein und wieder heraus. Lebensfreude pur.

Thursday, November 16th, 2006

Totfisch

Jetzt tut es mir doch ein bisschen leid, dass ich den Fisch einen Scheissfisch schalt, denn nun ist er tot. Fische verfügen, in Gefangenschaft jedenfalls, über keinerlei erkennungsdienstliche Infrastruktur oder polizeiliche Oberaufsicht, wir wissen also nicht mal, ob es Mord war oder ein Unfall. Vielleicht hat der Fisch einfach den Alkohol nicht vertragen und wurde vom Kater geholt, wenn ich mir diesen kleinen Scherz im Angesicht des grimmen Schnitters Tod erlauben darf. Wir sind die seinen, blubb, blubb.
Totengräber gibt es bei Fischens offenbar auch keine, das verstorbene Tier wird vom Wasserstrom aus dem Filterkasten in eine Ecke gedrängt und bleibt dort zäh sitzen. Dann geht es aber auf die Toilette und kommt nicht zurück. Auch eine Lösung.
Für den verbleibenden Fisch werden jetzt in Windeseile Kieselsteine angeschafft und ins Aquarium gestreut, es muss sehr schnell gehen, ehe auch dieser letzte Fisch noch stirbt und wir ganz sinnlos mit einem leeren Aquarium dastehen. So muss es Gott damals auch ergangen sein, bei seiner Schöpfung. Der Mensch war schon fertig, und guckte neugierig mit dem einen Auge, während er mit dem anderen schon Pestizide ausschwitzte, und Gott musste schnell noch Schnabeltier, Giraffen und Ameisenigel fertigbasteln, ehe der Affe wieder ausstirbt und alles für die Katz war. Anders kann man sich die ganzen Designfehler doch gar nicht erklären.

Wednesday, November 15th, 2006

Komplement

Wie eine Oase aus Beton liegt das chirurgische Zentrum in einer Wüste aus Gebrauchtwagenhandelsparkplätzen, die sich bis zum Horizont erstrecken, selbst vom Wartezimmerfenster im neunten Stock aus. Aus dem Aufzug trete ich in einen Eingangsbereich voller herabhängender Kabel und Baumaterialien, ein winziges Cafe und eine kleine Apotheke sind die einzig funktionierenden Elemente der Halbruine. Ich trete zwischen die eineinhalb Regale, wähle aus Calciumcarbonattabletten mit Fruchtgeschmack und ohne, mit extra Stärke und ohne, aus Markentabletten und Hausmarke die geschmacklose Hausmarke in Minderstärke, und lese gedankenlos noch eine Tüte Knuspriges mit Cheddargeschmack auf, als Lunchersatz. Während ich meine Waren an der Kasse ablege formt sich ein Gedanke, aber noch ehe ich ihn aussprechen kann, sagt die Kassiererin “good combination”. Wir lachen.

Monday, November 13th, 2006

Blinddarm Alarm VI

Ist nicht das Leben, nicht die Welt ein einziger ausgedehnter Urlaub in einem wunderbaren Wintersportgebiet? Und ist es nicht angenehm, wenn der Druck, fortwährend Entscheidungen über Abfahrtsstrecke und Schrägungswinkel zu fällen, der den Abfahrtslauf so anstrengend und gleichzeitig aufregend macht, weggenommen wird, und man stattdessen in einem Achterbob unter jamaikanischer Leitung als Ballastsack die Bahn hinabschliddert. Man hat keinerlei Kontrolle, aber dafür kann man die Aussicht geniessen und kriegt vielleicht von leckeren Drogen ab.

Ich wurde vermutlich vom Subjekt zum Objekt dieser kleinen medizinischen Komödie, als jemand irgendwo in einer Notrufzentrale den Hörer abnahm, aber definitiv geschieht es jetzt, als Schnauz ins Zimmer tritt und mich aus dem Morphiumtaumel zurück ruft. Ich hätte tatsächlich zuviel Weisse im Blut, sagt er, und die Katze zeige eine leichte Vergrösserung des Zielorgans, und somit sei wohl alles entschieden. Man könne den Blinddarm auch gleich hier rausnehmen, sagte Schnauz, und machte eine angedeutete Bewegung auf meinen Bauch hin.

Ob er denn auch Hühnerblut und Schweineinnereien zur Hand habe – hübsches Wort, Schweineinnereieien – um die Wunderheilung angemessen durchzuziehen frage ich schlagfertig messerscharf zurück. Leider glückt mir die Äusserung nicht ganz, und ich lege stattdessen rasselndes Atmen und debiles Grinsen vor. Schnauz ist es gewohnt, und kontert mit der nächsten Nummer seiner Patientenunterhaltungsrevue: wir warten wohl besser auf den Chirurgen, der komme am Morgen und werde dann am Wochenende wohl einen schönen grossen Fisch fangen mit dem aus mir rausgeschnittenen Köder. Aber nicht, halte ich dagegen, dass der Fisch dann Blinddarmentzündung bekommt, das arme Tier, oder stelle mir jedenfalls vor, das zu sagen. Oder gesagt zu haben.

Jetzt warten wir erstmal bis ein Bett frei wird, sagt Schnauz, einfach ruhig liegen und die Fahrt geniessen. Dann jagt der Jamaikaner mir nochmal Dope in die Armbeuge, man könnte sich regelrecht dran gewöhnen, und der Schlitten, der hier mit mir gefahren wird, kommt richtig in Fahrt. Hei!

Sunday, November 12th, 2006

Blinddarm Alarm V

Die Katze ist ein Parsprototo, wie der Tisch, unter den man sprichwörtlich seine Füsse steckt für nicht nur das ganze Haus, sondern obendrein die darin symbolisierte elterliche Fürsorge stehen soll, so soll ein zwei Meter durchmessender Katzenafter hier die Katze ersetzen. Kein Wunder tanzen da die (Geld-)Mäuse auf dem OP-Tisch, fantasiere ich mir irgendeinen sozialkritischen Murks zusammen, während ein weiterer Fremder, ein Schiff in der Nacht – längst habe ich zu zählen aufgehört – die aus dem After ragende Katzenzunge absenkt, damit ich mich von der Patientenliege aus rübermachen kann.

Er sagt nicht viel, das hat er mit der Schwester gemein, die mich hier in Ego-Shooter-Manier durch die verlassenen Gänge schubste, Türen öffnete und schwungvoll Kurven nahm, aber jetzt muss er doch was sagen, nämlich belehrt er mich, dass die Katze gleich wollen würde, dass ich die Luft anhalte. Sie sage das aber gleich auch noch mal selbst, die Katze. Ich glaube, ich mag Morphium gerne.

Jetzt deckt er mich auf meiner Zunge noch mit etwas schwerem zu, dann geht er raus und wir sind allein, der Katzenafter und ich. Es klickt, es rumpelt, die Zunge zuckt und zieht mich rasch durch den Ring, hält an, dann fängt der Katzenarsch zu rotieren an, allmählich geht mir das ein bisschen zu weit, aber es ist zu spät. Breathe in, sagt die Katze jetzt tatsächlich, und: hold your breath, und zeigt digital an, wie lange noch, 38, 37, man kann es sich ja vorstellen. Ganz schön lange, eigentlich. Scheisskatze. Geht aber überraschend gut, vielleicht ist auch Luft in der Droge. Oder vielmehr: Sauerstoff. Mit Stickstoff kommt man hier nämlich nicht weit.

Jetzt kurbelt der fremde Mann die Katzenzunge samt Ichkadaver wieder nach oben, ich ruckle mühsam zurück auf meine Bahre, und dann spielen wir das Level rückwärts, alle Türen, Gänge, Ecken, und noch immer sind keine Monster drin. Aber ich bin sowieso unbewaffneter als je zuvor im Leben und wäre leichte Beute. Bzw bin.

Soweit also die Katze. Es ist unterdessen wohl zwei Uhr früh, im Unterleib regt sich der Schmerz, mein alter Freund, aber schon ist auch wiederum Eimer zur Stelle und pumpt neue Droge in mich rein. Gelähmt beobachte ich, wie vier kleine Luftbläschen den Schlauch entlang driften und in meinem Arm verschwinden, der alte Mordtrick aus dem Dutzendkrimi – Herzversagen, Herr Kommissar, ein natürlicher Tod – und von der tatsächlich rasant einsetzenden Todesangst wird mir kurz warm ums Herz. Es passiert aber gar nichts.

Saturday, November 11th, 2006

Blinddarm Alarm IV

Die Schmerzintensität, das muss man erklärt bekommen, wenn man es noch nicht weiss, weil man alleine vermutlich nun doch nicht draufkäme, wird in der Notfallmedizinischen Abteilung des Alta Bates Krankenhauses in Berkeley, und vermutlich ja insgesamt im Notfallsystem wenigstens der USA, wenn nicht gleich rundum der ganzen sogenannten zivilisierten Welt, auf einer Skala von eins (1) bis zehn (10) gemessen, und zwar durch Nachfrage beim Patienten.

Eins bedeutet angeblich “kein Schmerz”, wobei sicherlich zur Eichung der zugrundeliegenden Skala von Hintergrundschmerzen wie Heimweh, Zivilisationsmüdigkeit oder Phantomangst abgesehen werden soll. Zehn, andererseits, sei der Zustand, in dem man erwarte, sich zu befinden, nachdem man von einem Bus angefahren worden sei. So jedenfalls erklärte man es mir im Ambulanzfahrzeug, vielleicht kontextspezifisch. Wie gross der Bus gewesen sei, fragte ich keck zurück, der Frage wegen werden meiner Antwort vermutlich gleich zwei Schmerzpunkte wegen Renitenz abgezogen worden sein, und eine Antwort gabs natürlich auch keine. Fünf, behauptete ich, einigermassen haltlos, im Krankenwagen, sei die korrekte Lösung der Aufgabe.

Jetzt in der Notaufnahme, umkreist von Eimer und Schnauz, lege ich nach. Ohnehin hat sich die Skala plötzlich geändert, jetzt soll zehn plötzlich nicht mehr den Zusammenstoss mit einem Bus unbestimmter Grösse, sondern gleich den allerschlimmsten Schmerz vertreten, den man sich vorstellen kann. Das ist natürlich ähnlich kompletter Unsinn, wie nach der grössten Zahl zu fragen, obendrein kann man sich Schmerzen nicht merken, dafür hat unser Gehirn gnädigerweise keine Schublade eingerichtet, und also sind akute Schmerzen immer erheblich schlimmer, als man sie sich je vorstellen hätte können, aber ich will lieber keine komplizierte Diskussion mit Schnauz oder Eimer vom Zaun brechen, und denke mir eine Sieben aus, hauptsächlich, um mir Bewertungsspielraum nach oben zu lassen. Aber dann wirkt, nach überraschenden zwanzig Minuten, doch noch das Morphium, und die Sache fängt ziemlich unvermittelt an, mir ein bisschen Spass zu machen.

Schnauz zeigt auf meinen Bauch, man habe Blut abgenommen und sehe grade nach, ob da zu viele Weisse drinseien, hier an der Stadtgrenze zu Oakland wäre das natürlich ein Problem. Man unterziehe mich jetzt ausserdem der Katze. Es könne nämlich der Anhang sein, aber wenn die Katze nichts zeige, müsse man womöglich bis zum Vormittag warten, da hätten die Katzen Schichtwechsel oder was, ich habe aber längst den Faden verloren, gucke dankbar zu Caroline, die sich den ganzen Zirkus mit antut, obwohl sie von keinerlei ausgedachtem Bus angefahren wurde, und surfe ein bisschen auf der warmen Drogenwelle.

Saturday, November 11th, 2006

Blinddarm Alarm III

Irgendwo im zentraleuropäischen Hinterland, im Erzgebirge ja wahrscheinlich, dessen Bewohner ja offenbar einige Evolutionsschritte übersprungen haben und direkt vom Baum runter in Nickligkeitsschnitzwerkstätten gestiegen sind, bauen Menschen, denen es sonst an nichts gebricht, kleine Türmchen mit Achse drin Propeller drauf, und Platz für eine Kerze innendrin, und mit zahlreichen winzigen Figürchen drauf. Die Heissluft, die in der Verbrennungshitze der Kerzenflamme aus der gewöhnlichen Zimmerluft entsteht, steigt im Inneren des Türmchens auf, die Schrägstellung der Propellerflügel erzeugt aus der Linearbewegung ein Drehmoment, die Achse rotiert, und die Figürchen, aufgereiht, beginnen am entzückten Betrachter vorbei zu marschieren. Man sagt Oh!, wenn ein besonders schönes vorbeikommt, bis dann die Kerze erlischt und der Spass ein Ende hat.

So ist es hier jetzt auch, die Kerze wird irgendwo im Krankenhauskeller stehen, und in unermüdlicher Folge propellert es Gesichter und Uniformen an mir vorbei, tut es weh, wo tut es weh, wo tat es zuletzt weh, tut das weh, wann fing es an, wehzutun. Ich begreife nicht, woher die alle kommen, sind es Schichtwechsel, oder ist den Leuten hier so langweilig, dass sie alle den maroden Deutschen sehen wollen. Es kann doch nicht sein, dass man fünf Dutzend ausgebildete Hemdchenträger braucht, um einen einzelnen wimmernden Narren zu versorgen, aber sie kommen und kommen, eine endlose Kette und wie die Erzgebirskarussellzuschauer sage ich brav “Au” für einen jeden und winde mich ein bisschen. Es scheint ihnen zu gefallen.

“He’s not going to kick the bucket yet” sagt einer der Bearbeiter, ich werde ihn zur Strafe Eimer nennen. Nimm das, Eimer. Er kommt mir sowieso bekannt vor, das ist derselbe, der mir vor einer halben Stunde eine winzige nierenförmige und hautfarbene Plastikschüssel gegeben und um Erbrochenes gebeten hat. Mir wurde allein von der Vorstellung, eventuell in ein hautfarbenes Nierbenbeckchen kotzen zu müssen, natürlich auf der Stelle sehr schlecht, ansonsten kam es aber zu nichts weiter. Auch das etwas grössere Plastikding, das Eimer anlieferte, nachdem er meinen vertrauensfernen Blick aufs Nierenschälchen richtig deutete, wird diese Nacht jungfräulich überstehen wie eine Dotterblume den Junimond. Eingeklammertes Fragezeichen.

Man sticht jetzt natürlich auch längst wild in mich hinein, praktisch jedes der Erzgebirgfigürchen zapft sich am Hahn in meiner Armbeuge ein wenig vom Roten und trägt es weg, in unterirdische Operationskammern. Eine der Figuren, sie trägt Schnauz und ist also wohl Arzt, nimmt sich eine Extraportion, und gibt mir im Austausch irgendwas gegen Übelkeit und etliche Fingerhüte Morphium. Guter Tausch. Sehr guter Tausch.

Friday, November 10th, 2006

Blinddarm Alarm II

Noch während der Fahrt im roten Spielmobil durch das Strassenraster von Berkeley, das rede ich mir jedenfalls jetzt nachträglich ein, wurde ich schwer an die Toronto-Affäre von 2003 erinnert, bei der man mich wimmernd aus einer Schnellrestauranttoilette kratzte und in einen ganz ähnlichen Krankenwagen kippte. Damals waren Black Beans schuld, heute wissen wir es noch gar nicht, der gekrümmte Körper und die an- und abschwellenden La-Ola-Schmerzwellen sind völlig ursachenneutral. Trotz der aufdringlichen Parallele antworte ich auf die mehrfach gestellte Frage nach Allergien triumphierend ahnungslos und stolz mit “keine”, als sei das eine Leistung, ein grosses Entgegenkommen meinerseits, das mir ja wohl bessere Behandlung eintragen müsste. Kurz vor der Entlassung ein paar Tage später wird mir dann klar, dass es sich natürlich tatsächlich ganz genau so verhält.

Als man mich, am Krankenhaus angekommen, an der Liege festschnallt, um mich besser hinten aus dem Auto rausverklappen zu können, dämmert mir erstmals das ganze Ausmass des nun leider sich entfaltenden Unfugs. Dass hier nämlich jetzt eine monströse Maschine angeworfen wurde, deren mahlende Räder turmhoch und wie entfesselt, ah, Moment, die Metapher wackelt, autsch! Vorsicht da unten! Verflucht, Misthaufen. Kaputt. Hm.

Dass also jedenfalls was mit einem kurzen Anruf begonnen wurde, nicht vor Ablauf der Nacht enden wird. Vielleicht sind es die kostbaren Erinnerungen an lange Stunden zwischen röchelnden Siechen, während man auf die zuständige Bürokratenkraft wartet, die einen als Patienten überhaupt erst ins System speist, die mich misstrauisch machen. Es ist aber ganz unnötig, denn nach dem wackligen, schiefen und schmerzhaften Auswurf aus der roten Minna, und dem Aufpumpen oder was des Fahrgestells unter mir drunter, geht es wie am Schnürchen, hier eine Rampe rauf, da einen Gang entlang, da durch eine Tür, vorbei am gefürchteten Notfallaufnahmebürofenster (“You’re lucky, no one here” kommt es von der Schiebekraft hinten rechts), nur die Türschwellen und das leise Rumpeln stört den Frieden, und schon stehe ich in einem unbekannten Raum rum und winde mich und stöhne. Nicht schön, einerseits, aber da müssen sie jetzt durch, die andern. Au. Au. Au.