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Miniaturen



Tuesday, February 20th, 2007

Aufstockung

Fischfascho und Mundgeruch, beiden ist, das haben die Ereignisse der letzten Wochen gezigt, nicht recht zu trauen. Trotzdem mache ich auf meiner Shoptour beim Mundgeruchsmann kurz Station, aber die Inspektion der Schirme im Fernsehraum zeigt die traurige Übertragung eines Programms der Siechheit. In einem Becken dümpelt ein toter Fisch, bei den Barben schwimmen zahlreiche Fische mit nur noch halben Schwänzen, andere Bildschirme zeigen gleich gar keine Fische. Nein, so geht es nun wirklich nicht.
Stattdessen also rutsche ich mit dem Rad etliche Kilometer nordwärts, wo im Schatten des kleinen Hügels der Geek haust und seine Fische auf der Plantage hütet. Zwar, und das ist der Nachteil dieses Ladens, wohnen die Tropenfische auf engem Raum unterm Dach, und das Klima dort gleicht dem am Herkunftsort der meisten Fische und ist meiner arktischen Konstitution durchaus abträglich, aber was will man machen. Den Klimanachteil mehr als wett macht nämlich Patrick, der in diesem Lebensraum aus unerfindlichen Gründen eine Wollmütze und ein Langarmhemd trägt. Vielleicht weil er Brite ist, und sich auf diese Weise unter den Kaliforniern besser getarnt und also sicherer fühlt.
Unabhängig von diesem Bekleidungsirrtum ist Patrick aber im Vollbesitz seiner Kräfte, und erklärt wie ein rundumkompetenter Trommelgeek auf Duracell die chemischen und physikalischen Kräfte, die aus blossen Pflanzen glückliche Pflanzen machen. Fische sind Patrick zufolge nur eine lästige Zutat, die man hauptsächlich zum Pflanzendüngen braucht. Entsprechend ist er auch nur wirklich zufrieden in seiner Verkäuferrolle, während er mir Hochleistungsleuchtstoffröhren und Kohlenstoff- und Spurenelementdünger aufschwatzt. Die Grossbestellung Fische, fünf neue Barben, drei Schwarzrückenpanzerwelse (Corydoras Metae) sowie ein Brutpaar Purpurprachtbarsche (Pelvicachromis Pulcher) fummelt er zwar nach vager Beratung demütig aus ihren jeweiligen Becken, aber erst als es ans Einsammeln verschiedener Wasserpflanzen zur Erquickung der Fischbrut geht, die dann unter der neuen Hochleistungssonne wuchern sollen wie weiland die Apfelbäume im Paradiese, ist seine Leidenschaft wieder erweckt. „This will grow very well“ sagt Patrick bei jeder einzelnen Pflanze, „those are very nice“, und die positive Grundhaltung zusammen mit dem niedlichen Akzent machen mich eine ganze Salatschüssel voll Grünzeug und einen Riesensack Lehmzement fürs Substrat kaufen.
Ich bin nämlich auf einem Roll, und zwar auf dem Fahrrad, nach Hause, mit einer schweren Tasche voller Fisch um den Hals, einer Papiertüte mit Pflanzen links am Lenker hängend, dem sehr schweren Lehmsack rechts, den Leuchtstoffröhren in ihrer Pappschachtel quer überm Lenker und einem „Vorsicht Überlänge“-Warnblinker in der Arschtasche.
Unerwartet versterbe ich auf dem Heimweg aber nicht, und es fällt auch nichts runter. Ein gutes Omen? Bestimmt.

Monday, February 19th, 2007

Umzug

Wird man mit etwas vertraut, einem Ding, einem Menschen, einem Sachverhalt, dann verliert dieses Objekt der Gewöhnung mit dem Nimbus der Neuheit in der Wahrnehmung auch seine spezifischen Details. Statt Eigenschaften sieht man nur noch die Gestalt des Vertrauten, gegen die selbst erkleckliche Änderungen nur mit Mühe sich abzusetzen vermögen. Wo Neue Sachverhalte und Gegenstände von der Wahrnehmung mühsam aus den Details zusammengepuzzelt werden müssen, ist es umgekehrt die Gestalt des Vertrauten, die seine Einzelheiten impliziert und unabhängig von ihrem tatsächlichen Vorhandensein enthält. Die neue Frisur eines guten Bekannten ist darum ebenso unsichtbar wie die neue Brille eines oft benutzten Klos.
Verändern sich aber nicht nur einige wenige Details, sondern die ganze Umgebung, dann entsteht dasselbe halb beunruhigende, halb erregende Gefühl, das manchmal ohne Anlass aus Vertrauten Fremde macht, und dann jamais vu heisst, nie gesehen!, und man ist wie in ein neues Becken geworfen, schwimmt ratlos hierhin und dorthin und drückt sich das Nasengewebe an den Scheiben platt. Genauso aber geht es jetzt ja den Fischen. Jamais Vu, Barbenherde!
Aus dem alten Becken erst rausgekäschert, dann an die Temperatur im neuen Quartier gewöhnt und schliesslich in die enorme Leere entlassen – das alles, sagte Augustus sichtlich beim Überschreiten des Plastikrubikon zu den anderen Fischen, wird einmal mir gehören – stehen sie nun ratlos und vereinzelt in der grossen Leere. Traurig sieht das aus, winzige Fische im öden Weltall, Planetoiden aus Fisch, einsame Kometen mit lädierten Schwänzen. Quälend langsam bewegen sie sich durch die endlosen Weiten, kaum begegnen sie einander. Vereinzelte Wasserstoffatome bremsen die Fischfortbewegung, und fern über den nun turmhoch aufragenden Wassern funzelt halbgar die alte Neonröhre, ihre Strahlen machtlos gegen die Dunkelheit, die in den Ecken des neuen Grossbeckens sich bereits eingenistet hat.
Es muss sich dieses neue Universum also jetzt mit Materie füllen und mit Licht, damit die Schöpfung voranschreiten kann, und Liebe und Leben ihren Platz in der Kargheit der Existenz einnehmen. Oder so ähnlich. Jedenfalls also Einkaufszeit.

Thursday, February 8th, 2007

Notizen

Schon als ich auf dem Schreibtisch im Büro nichts finde, grimmt Missfallen. Zuhause dann durchsuche ich mehrfach alle verdächtigen Orte, als verwandle die Simulation einer Zwangsneurose eine Schwäche in eine Stärke, und schütze vor den Konnotationen und Belegungen der entbehrten Objekte. Als ich zum drittenmal den Rucksack hinter dem Sofa öffne und zwischen den bunten Gürteln und den Handschützern zum drittenmal meine Hände versenke und nichts finde, verliert selbst dieser Zauber seine Wirkung. Mit erstauntem Interesse beobachte ich, wie ich am Boden sitze und über den Verlust eines Notizbuches und eines Taschenkalenders in Tränen ausbreche. Vielleicht mal Urlaub machen von allem. Aber wo eintragen?

Wednesday, February 7th, 2007

Taichi

Draussen treibt der Höhenwind eine Wolkendecke landeinwärts, zwei Wochen Regenwetter sind angekündigt, nach ein paar sonnigen Tagen. Unten auf der Terrasse üben zwei Asiaten Taichi, die Arme bewegen sich rasch und sicher, blockieren wechselseitig Angriffe im Sekundenrhythmus. Nur hin und wieder bricht einer durch, dann hält die Hand kurz vor dem Hals, dem Gesicht des Gegners für einen Moment inne, beide bestätigen durch diese Pause das Ereignis, und der Tanz der Hände beginnt von neuem.
Meine Finger kratzen währenddessen Salzkörner von Papa Newman’s Pretzels, die Tabletten zur Cholesterinkontrolle stehen neben der Brezeltüte, teil der jüngsten Verschwörung des Körperlichen zum Zwecke meiner Vernichtung. Kurz verweilen meine Finger auf der nun nackten Brezel, bestätigen das Versagen meiner Verteidigung, dann stecke ich sie in den Mund und fresse den Beweis auf.

Monday, January 29th, 2007

Filter

Als wir das neue Aquarium zuletzt gesehen haben, lieber Leser, da war schon ein Kiesgrund eingezogen, mit Dekorationen darauf und Pflanzen darin. Das Wasser aber stand nur eine Handbreit hoch über dieser fruchtbaren Urlandschaft, man kann also zwar von einer Überschwemmung sprechen, nicht aber schon eigentlich von einem Aquarium. Zumal weil dieses spezielle Aquarium ungefähr genauso hoch ist, wie mein Arm lang, was ich hauptsächlich erwähne, um Respekt für meine Pflanzkünste zu erwecken. Man muss sich das Pflanzen pflanzen in diesem Becken nämlich so vorstellen, als würde der Bauer vom Scheunendach aus den Weizen im Nachbardorf säen, oder, anderes Beispiel, als würde jemand auf einen Berg steigen, um im Tal drunten ein Kind zu zeugen oder einen Baum zu pflanzen. So weit ist also der Kiesgrund vom Beckenrand entfernt, in metaphorischen Einheiten gemessen.
Das ist aber auch über das Eigenlob hinaus wichtig, weil nämlich die meisten Filteranlagen ja am Beckenrand montiert sind, und also mit nur einer Handbreit Wasser, das sich ja der Schwerkraft wegen am Beckengrund aufhält, nicht zu speisen sind. Füllt man aber das Becken mit Wasser auf, ändert sich das schlagartig, weswegen der kluge Mann sich einen Vorbau beschafft, das heisst, schon vor dem Wassereinfüllen eine Filteranlage ins Haus holt, die dann nur noch zugeschaltet zu werden braucht.
Der erste Versuch einer Anschaffung findet beim Fisch-Fascho statt, der auch sofort auf einen hüfthohen Zylinder deutet, der das Nonplusultra der Filtertechnologie darstelle und folgerichtig dreimal so viel kosten soll, wie „Jason“ pauschal für Aquarium, Kraftkopf, Dildo und Lampe haben wollte. Dafür sei der Zylinder aber auch in Deutschland gefertigt, und nicht wie der mindere Filtermüll, hier zeigt er auf die Aussenfilterbüchsen aus Plastik, in Südasien. Ein kluger Schachzug des Faschos, noch vertrackter und verfänglicher gemacht dadurch, dass auch die asiatischen Filter bei ihm um zirka die Hälfte zu teuer sind und also den verständigen Käufer auch auf diese Weise auf den Luxuszylinder hinsteuern. Er benötigt die so erzielten Mehreinnahmen vermutlich zur Finanzierung der zahllosen schlüpfrigen Bemerkungen über das Sexual- und Ausscheidungsverhalten seiner Fische, die er jetzt fallen lässt, und schnell verlassen wir nach einer halben Stunde Fischanekdoten deshalb auch den Laden. Koprophagen! Geschlechtsumwandlung! Hilfe!
Stattdessen ging es nun zum Fischhändler mit dem Mundgeruch, der gerne zwischen zwei Atemzügen einen Filter rausrückt, für durchaus gefällige Beträge. Es ist eben doch nicht alles gut am Faschismus, verglichen mit dem Mundgeruch.
Zurück ins heute. Der Filter ist ja schon an den Beckenrand montiert, aber noch immer steht nur eine Handbreit Wasser im Becken und der Filteransaugstutzen ragt blöde in die leere Luft. Eine Gallone fasst die Flasche, die ich zum Tankbefüllen nehme, und fünfundzwanzig Mal muss ich also fünf Tropfen Wasserentgifter reinträufeln, zum Waschbecken schlendern, eine Gallone einlaufen lassen, zum Becken wuchten, reingiessen. Ich könnte natürlich auch die Tropfen pauschal für die gesamte Füllmenge gleich ins Becken giessen, aber das ist bestimmt nicht gesund für die Steine. Oder das Glas. Es lauern Gefahren ja überall.
Nach ungefähr der Hälfte des sisyphoiden Arbeitseinsatzes fasst der Filterrüssel Wasser, und schlürfend springt der Apparat ins Leben. Noch fünf weitere Flaschen lang dauert es, bis die Wassersäule über den Rand des Filterbeckens gezogen ist und der Kreislauf durch Schwamm, Aktivkohle und Biosteine ernstlich in Gang gerät. Und dann ist das Becken auch schon voll. Toll.
Im kleinen Becken sitzen unterdessen die Fische, kaum sichtbar, in einer trüben Wolke aus aufgewirbeltem Dreck über den verstreuten Kiesresten und treten ratlos Wasser. Euch holen sie als nächstes, Fische. Ha!

Monday, January 29th, 2007

Plantage

Im Zuge der Urbarmachung des Sands und der Steine erlernte der Mensch allerlei Dinge über den Teil der Welt, der grün angestrichen ist – beziehungsweise innen drin grüne Farbbeutelchen namens Chloroplasten enthält, wie wir heute wissen. Es stellte sich zum Beispiel heraus, dass die Wurzeln unten aus den Pflanzen herauskommen und in Erde gesteckt werden müssen, dass auch Pflanzen Sex haben und man das Insekten nennt, und dass man alle Pflanzenteile essen kann, aber nur bei ganz Bestimmten dann auch was Interessantes passiert. So kam die sogenannte Bauernschläue in die Welt und blieb da sitzen bis heute.
All das hilft mir jetzt aber rein gar nicht beim Versuch, den Umzug aus dem kleinen ins turmhoch darüber aufragende grössere Becken zu planen. Pflug, Esse und Kunstdünger mögen ihren Platz haben, wenn auf dem Hofgut Einsiedel die Zuckerrübe genährt werden soll, in meinem Aquarium geht es um andere Dinge. Oder vielleicht würde ein gründliches Durchpflügen hier auch helfen, locker ausgeworfene Furchen, aufragend in der Mitte der Zusammenschmiss, werweiss wüchse der Spinat dann noch einen Tick furioser in die Höhe. Ich werde es nie erfahren, mangels Pflug.
Aus der vergangenen Unbill weiss ich mir herzuleiten, dass Nitronella und Nitrierchen einen festen Fuss fassen müssen, ehe vergleichsweise höheres Leben, also zum Beispiel Barben und Ottos, sich tummeln können. Nun bin ich ja heutzutage in der vergleichsweise glücklichen Lage, über von Nitrobakter-Zivilisationen im mindestens schon präatomaren Zeitalter überzogene, man könnte fast von Verschleimung sprechen, Steinchen und Gebilde zu verfügen, die in nitrobakterreichen Fluten baden. Ganz zu schweigen von den Pflanzen. Und dem Schloss! Es ist also ausgemachte Sache: erst zieht das Wasser, dann der Kies, dann die Deko, dann die Pflanzen ins neue Becken um. Und wenn dann dort ein neues Nitrozeitalter heraufgezogen ist, werden mit dem Schleppnetz auch die Fische aus dem verödeten Altqaurium geklaubt und ins neue geworfen. Fein, so also wird es gemacht.
Leider bringt aber so Wasser neben Nässe auch erklecklich Gewicht mit, ein Gramm pro Kubikzentimeter mal Joule durch Kelvin, und das alte Aquarium ist weder mit gutem Zureden noch durch dran Rumzerren vom Müll namens Tisch zu bekommen, aus Gründen dieses Gewichts, also seiner schweren Masse. Das neue hingegen wiegt schon leer und nur mit einer niedrigen Kiesgrundlage befüllt, so viel, dass es nur noch mit grosser Mühe anzuheben ist. Füllte man Wasser hinzu, würde es noch schwerer! Knifflig! In einem Eimer könnte man wohl das Wasser zwischenstauen, aber woher einen Eimer nehmen, in dem nicht Seifenpartikel Fischfeindlichkeit etabliert haben?
Am Ende lasse ich einfach pfiffig ein starkes Drittel des Altwassers über den Saugschlauch ins Neuaquarium ab. Beide Becken sind nun unter Ächzen und Keuchen grade so eben bewegbar, und es schwappt aus dem Alten auch fast gar nichts oben raus, als ich es vom Müll nehme und auf den Boden stelle. Oder jedenfalls ist es nur Wasser, das da rausschwappt, und so eine Wohnung ist ja nicht aus Zucker.
Jetzt geht alles Schlag auf Schlag. Weiteres Wasser wird umgesiedelt, dann mit voller Hand der vollgekackte Fischkies eingestreut, und die Pflanzen aus dem Grund gerissen und strategisch ins jungfräuliche Kiesbett gesetzt. Der promiskuitive Spinat hat seit seiner Ankunft hier sage und schreibe sieben Ableger produziert, echter Fickspinat, beziehungsweise Masturbationsspinat, weil es sind ja keine weiblichen Spinate im Spiel. Es ist ein Segen, dass im Aquarium kein Pflug vorhanden ist, es wäre sonst das Lustgewächs gar nicht mehr unter Kontrolle zu bekommen. Diese Sieben und die anderen Pflanzen gründlich im Boden verankert, den Lavastein und das Schloss neu errichtet, steht einer endgültigen Befüllung des neuen Lebensraums nun nichts mehr im Wege.
Mangels eines langen Schlauches wird das aber ein bisschen dauern. 100 Liter lang.

Saturday, January 27th, 2007

Ein Becken fährt Rad

Wenn man als Mensch ein neues Becken braucht, muss man erstmal eine Treppe runterfallen, dann vernehmlich „Aua“ sagen und zum Arzt gehen, und sogar dann ist der Vorgang langwierig, schmerzhaft und ziemlich teuer. Fische hätten es da eigentlich leichter, brauchten nur im Internet nach einem gebrauchten Aquarium zu suchen, ein oder zwei Emails verschicken, und das billig gefundene neue Heim nach Hause karren. Aber zu all dem sind Fische natürlich zu klein, zu nass und zu dämlich, und deshalb muss ihnen wieder einmal der Mensch unter die Flossen greifen und helfend einschreiten.
Per Email also frage ich nun an Fisches statt bei Jason an, der der Inhaber einer Kleinanzeige ist, ob sein altes Aquarium auch einen Filter mit im Paket habe, und noch zu haben sei. Stunden später dann schon die Antwort, verwirrenderweise nicht von Jason, sondern von James. Filter habe er keinen, Licht aber und Heizstab, und einen Kraftkopf werfe er mir gratis noch mit in den Deal. Und Kies ja obendrein. Kraftkopf, Kies, mir summt die Milch, aber ich danke James, vereinbare einen Zeitpunkt, zu dem ich an Fisches statt bei ihm auftauchen werde, und tauche dann zu diesem vereinbarten Zeitpunkt auch tatsächlich an Fisches statt bei ihm auf. James wohnt im ersten Stock eines kleinen grauen Häuschens, über eine kleine graue Aussentreppe geht es da nach oben, auf der als ich mit dem Rad anrolle schon ein junger Mann erwartungsvoll steht. Das ist aber nicht James, sondern er geht grade. James sei „up there“, und dann kommt auch schon jemand raus, „hey Jason, someone here for your brother“ ruft der Abgängige rauf, stimmt aber gar nicht, weil mein Geschäftspartner nun angeblich doch Jason heissen will, und James nur den Email-Account für die Transaktion hergegeben habe – das tischt mir „Jason“ nun jedenfalls so auf. James werde ich im Verlauf des Folgenden nicht zu Gesicht bekommen. Vielleicht gibt es ihn gar nicht.
Schon beim Eintritt versucht „Jason“ meine Zweifel zu zerstreuen, indem er mir einen Plastikeimer mit Kies zeigt. Den könne ich gerne mitnehmen, wenn ich wolle. So leicht bin ich aber nicht über den Tisch zu ziehen, erst will ich das Aquarium sehen, dann können wir über den Kies reden, Freundchen, denke ich, nicke aber freundlich. Man muss in Geschäftsdingen sehr aufpassen!
Im Wohnzimmer dann sehe ich gleich das Becken. Man will mich wohl für dumm verkaufen, das Ding ist völlig verdreckt und voller Gerümpel, ausserdem bis zum Rand voll Wasser und sowieso viel zu gross. 29 Gallonen sagte ich, nicht 55, sogenannter „Jason“! Wie sich aber schnell auflöst, handelt es sich bei dem grossen Becken um sein eigenes Aquarium, das Gerümpel sind Korallen, der Dreck Fische, die ich wegen ihrer enormen Grösse erst gar nicht als solche erkannt habe, und das eigentliche Becken steht vor mir am Boden. Na bitte, geht doch. Nur „James“ ist nirgendwo zu entdecken, man hat mich also schon auf der Treppe belogen.
Ansonsten scheint alles seine liebe Ordnung zu haben, durch die Scheiben kann man durchgucken, an der Leuchtröhre sind alle vorgeschriebenen Kabel dran, und also kaufe ich das Ding. Den Kies lasse ich aber, trotz „Jason“s Drängen, stehen.
Jetzt will das Monster nur noch nach Hause gebracht werden. Es ist schwer und gross und sperrig und voller Kraftkopf, Leuchtröhre und Heizdildo, und muss also auf die Querstange am Fahrrad gestellt werden, das ist ja klar. Dann schiebe ich das Fahrrad die paar Blocks nach Hause, im sicheren Gefühl, die künftige Heimstatt der angeknacksten Barbenherde dabei der maximal erreichbaren Bruchgefahr auszusetzen und also sozusagen Feuerzutaufen. Danach kann dann von Rechts wegen nichts mehr passieren.
Ein kleiner Höhepunkt ereignet sich, als ich das Aquarium auf dem Rad balanciere und dabei gleichzeitig die gefederte Haustür entriegle und öffne, Hei!, das ist ein Schwanken und Dräuen. Einer der Nachbarn flieht dann auch schnell vor der Explosionsgefahr in seine Wohnung, kommt aber sofort wieder rausgepoppt.
„Oh. Ein Aquarium“ sagt er, aber auf Englisch. Und zischt wieder rein. Recht hat er.

Friday, January 26th, 2007

Die Eisenhowerlösung

Und es wurde Morgen und es wurde Abend, der dritte Tag. Und zwar der dritte Tag im Kalender des grünen Giftes. Nach zwei Tagen Grünglut, so stehts auf der Flasche, soll man dem Aquarium eine zweite Dosis zusetzen, und also goss ich am Vorabend nochmal siebeneinhalb Mililili ins Filterbecken und beobachtete abermals bass erstaunt, oder vielmehr eher bassbariton erstaunt, wie aus orangefarbenem Gift giftgrünes Wasser wird. Ein Chemiker erklärte mir, dass das Gift unter Lichteinfall angeregt werde und dann fluoresziere, und in hoher Konzentration diese nun ausfluoreszierten sekundären Photonen wieder aufgefangen würden, und also höhere Anregungsgrade erzielt werden können, die dann orange aussehen, oder aber das Fluoreszenzgrün einfach weggefangen wird, und deswegen sieht es dann orange aus, oder wieder ganz anders, ich konnte nicht recht folgen. Ich glaube darum vorsichtshalber kein Wort, und also stattdessen weiterhin an schwarze Magie. Beziehungsweise plutoniumgrüne.
Sieht man sich nun durchs halbgewusste grüne Glimmen hindurch die neuerlich unter Führerattacken leidenden Fische näher an, sieht man zweierlei. Zum einen sind die Tiere noch immer nicht gesund, sondern vom Pilz zernagt und von der Lethargie geplagt, zum anderen aber scheint der unmittelbare Flossenbrand gestoppt, und die weisslichen Ränder in der Abheilung vielleicht begriffen zu sein und also eine Wende vor der Tür zu stehen. Die aber andererseits vom Fischkillerfisch Augustus sofort wieder zunichte gemacht würde.
Muss also doch noch die Todesstrafe verhängt werden über das renitenten Geschöpf? Augustus eingefangen, in eine Plastiktüte mit Wasser gesteckt und ins Gefrierfach getan, damit er sanft in den Kälteschlaf gleiten und im Fischjenseits wieder aufwachen kann, jenseits der grünen Wiese, wo gebratene Geisterschrimpe aus der Luft ins Wasser fallen und zartgliedrige Fischelfen Rumba tanzen? Wo der Fisch des Fisches Freund ist, oder doch zumindest ein unbeteiligter Passant oder Zuschauer, und nicht ein Wolf im Barbenpelz?
Es ist verlockend, einerseits. Aber pah, nix da, Rumba! So weit kommts noch!
So sinnvoll eine solche Hinrichtung im Hinblick auf das Wohlbefinden der Gesamtbevölkerung nämlich auch sein mag, so rational, so ganz im Sinne des Utilitarismus und durch und durch ethisch, ich kann mich zu dergleichen Frivolitäten nicht durchringen – man hat mich ja noch nicht mal in mein Hinrichteramt hineingewählt, sondern ich bin sozusagen selbsternannt – und entscheide mich stattdessen für den diametral entgegengesetzten, und also völlig irrationalen und wahnsinnigen Weg, den der grosse Fischfreund Dwight D. Eisenhower vor geraumer Zeit schon messerscharf vorhersah: wenn man ein Problem nicht lösen kann, orakelte der kluge Mann, dann muss man es vergrössern. Und zwar von 10 auf 29 Gallonen.
Damit nämlich dann in den endlosen Weiten dieser neuen unkartierten Wasserwüste der Fischfaschist Augustus sich rettungslos verlaufe, und niemanden mehr zum Zwacken oder Trietzen finde und so seine Lektion doch noch eingebimst bekomme. Jawohl, so soll es geschehen, ein neues Aquarium muss her.
In den letzten Zügen glimmt jetzt somit grün das alte Becken. Geniesst euer Gift, Fische, bald kommt eine neue Welt.

Thursday, January 25th, 2007

Rückkehr und Abschied

Die Menschen sprechen davon, dass morgens die Sonne aufgehe, im Osten, dann aufsteige über das Himmelsrund und schliesslich im Westen wieder untergehe, das alte Stück, um die Welt der finsteren Nacht zu überlassen. Und dann freilich wiederzukehren, für Nachschlag. Epistemologisch wird der Vorgang gerne als Beispiel für die Unmöglichkeit induktiven Schliessens hergenommen, denn nichts kann uns Sicherheit darüber geben, dass der Sonnenlauf auch morgen so sich ereigne und nicht etwa andersrum. Epistemologisch verlässt man sich am Besten auf gar nichts.
Obendrein ist aber diese ganze Darstellung, mit ihren Unter- und Zwischentönen von Hoffnung und Aufbau, von Höhepunkt und von sehnsuchtsvollem Abschied, ein gewaltiger Irrtum. In Wahrheit dreht sich ja die Erde wie ein Brummkreisel um ihren eigenen Nabel, den Nordpol, nichts steigt, nichts sinkt, und der monströse Feuerball Sonne ballert hirnlos Strahlung in die Schwärze, als gäbe es keinen Morgen und keinen Abend, und auch sonst ohne sich um unsere Illusion eines Tagesablaufs zu scheren.
Diese Einschränkungen halte man im Hinterkopf, wenn ich nun erzähle, dass an diesem Morgen die Sonne über einer traurigen, grünglühenden Szene aufging, und einer der gestreiften Fische leblos am Filterstutzen klebte, angesogen von der Strömung, aber vom minderen Druck natürlich nicht durch die Öffnungen gesaugt, blöde Frage. Eine Atmosphäre Überdruck saugt nicht mordlustige Weltraummonsterköniginnen durch ein kleines Loch ins Vakuum, und auch die totgemordeten Opfer eines Fischtyrannen haben Zusammenhalt, und zerstäuben nicht sofort in ihre Bestandteile wenn die Entropie an ihnen zerrt. Stattdessen wird die Fischleiche nun von mir behutsam gepflückt und landet im Müll. Das mag fühllos scheinen, aber Sonne und Universum scheren sich schliesslich auch nicht.
Wie nun erging es unterdessen Augustus? Gab ihm der Tod des unschuldigen Kofisches zu denken, den er doch durch sein Flitzen und Jagen verschuldet hat? Trauert er nun womöglich um den verreckten Gefährten, beklagt dessen gebrochene Augen? Die Schwanzflosse, die nicht mehr schlägt, das stolze Herz, und so weiter? Es ist schwer zu sagen, denn Augustus ist nicht aufzufinden.
Am Vortag hatte ich dem Verbrecher, von seinem angstvollen Verharren wider Willen angerührt, die alte Sonnenbrille in den Schwimmknast geworfen, hinter der Ken immer so keck, so jugendlich dynamisch gewirkt hatte, damit auch Augustus sich nun hinter ihren getönten Gläsern verbergen und aus dieser Sicherheit heraus vielleicht resozialisiert werden könne. Und muss nun also erstmal die Brille rausnehmen, ehe ich glaube, dass der Malefitzfisch tatsächlich ausgebrochen ist, die blöde Sau. Und wirklich, nachdem sich meine Augen wieder ans grüne Glimmen gewöhnt haben, sehe ich ihn putzmunter und kreuzfidel zwischen den kränkelnden Übriggebliebenen auf und ab sausen und zweifellos spitze Bemerkungen streuen und Zwietracht säen. Er muss in einem kecken Anflug von Mut den Sprung gewagt haben über die aufragende Plastikwand und in die Freiheit.
Enttäuscht wende ich mich nach einer Weile vom Schauspiel ab, aus dessen unveränderter Konstellation siecher Opferfische und fröhlicher Täterfische mir keine Freude erwachsen mag. Weil ich zu lange ins Grün gestarrt habe, scheint mir nun die ganze Welt orangerot, als ginge so kurz nach ihrem Aufgang die Sonne auch schon wieder unter, rotfeurig, denn Blut wurde vergossen an diesem Tag.
Das ist aber nur eine Illusion und geht bald vorbei.

Friday, January 19th, 2007

Plutonium

Man mag vom kleinen Prinzen halten, was man will – nichts, zum Beispiel, oder die Luft an, bis was passiert –, aber in der Frage der Zähmung des Fuchses ist der Kitschexplosion aus dem Niedall nicht viel entgegenzusetzen. Hat man ein Geschöpf gezähmt und also durch Zuwendung in Abhängigkeit gebracht, dann ist man doppelt dafür verantwortlich: moralisch für die Befriedigung der Bedürfnisse dieser Abhängigkeit, emotional, indem die Verschränkung der Schicksale einen Anker ins eigene Herz pflanzte. Eine schwere Kette hängt an diesem Anker, über die die Freuden und Leiden des Geschöpfes wie über ein Dosentelefon übertragen werden, und es lässt sich nichts mehr machen.
Ungut also schlägt mir der Anblick der leidenden Fische zu Buche, sowohl der schwanzlahmen Opfer als auch des Täters Augustus, der depressiv in einer Ecke seines kalten Beckens kauert und die Welt nicht begreift. Das immerhin war auch vorher schon so, aber da schwamm er immerhin noch fröhlich durch die Gegend. Als Mordmaschine, andererseits, aber die Kinderlektion über Moral hatten wir ja letzte Stunde. Jetzt: Chemikalien raus, Gesundungsarbeit.
Aber erst setze ich noch den Schwimmknast ein, eine Plastikwanne mit Auftrieb erzeugenden Henkeln, vergittert, um Strömung zu erlauben, die laut Packungsaufdruck sowohl zur Aufzucht von Junggefisch wie der Züchtigung delinquenter Altfische taugt. Das Becken schwimmt, den lethargischen Tyrannen einzufangen ist ein Kinderspiel, und schon sitzt er wieder im Hauptbecken, von seinen kränkelnden Opfern aber durch ihm unbegreifliches Klarplastik getrennt. Vorerst ist es ihm aber noch egal.
Nun also die Chemie. Im Fläschchen ist drolligerweise trotz der Aufschrift aussen keine grüne Flüssigkeit, sondern eine tieforange, und mir kommen Zweifel. Grün, das hätte mir eingeleuchtet, das wäre in Ordnung gewesen, und hätte sicherlich die Lage verbessert. Orange, andererseits: ein Designfehlgriff. Aber es hilft nun alles nichts, es ist eben nur dieser orange Scheiss im Haus, siebeneinhalb Milliliter, tolles Wort, Millilliliter, Billilleliloter, sind abgemessen und werden in den Filterkasten gegossen – die Aktivkohle vorher entfernt, professionelle Brunnenvergiftung also –, und dann, aber, hallo, he, nanu.
Eine giftig plutoniumgrüne Wolke nämlich schwappt jetzt aus dem Filterauslass ins Becken, glüht fluoreszierend und ist so dicht, dass es nicht aussieht als werde hier Wasser gefärbt, sondern vielmehr als werde es von einem Plutoniumnebelgeschöpf aus dem Weltraum verdrängt. Dagegen ist der kleine Prinz ein Dreck. Das Neonröhrenlicht verblasst merklich, nur ein vages Rechteck scheint noch funzlig durch die Schwaden; stattdessen leuchtet das Becken selbst jetzt wie der Reaktorbrennstab, der dem Mann immer hinten in den Kragen fällt, in dieser Sendung da, ein diffuses, giftgrünes Glimmen. Es scheint gute Medizin zu sein, gute Medizin.
Die Barbenbevölkerung ist zu beschäftigt mit ihren Gebrechen, um Notiz von den veränderten Verhältnissen zu nehmen, Barbenbarbar Augustus sitzt gleichgültig am Zellenboden und kratzt mit den Flossen obszöne Zeichnungen in den Schmierfilm, aber auch die drei Otocincli nehmen die plötzliche Ergrünung einfach hin. Das Glühen ist also wohl fischneutral.
Es sind den Fischen wohl die Flossenpilze, denen diese farbwandelnde Teufelschemikalie zu Leibe rücken soll, von keinerlei emotionalem Interesse. Wäre der Pilz des Fisches Haustier, die Dinge lägen sicherlich anders.