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Ich bin spät gekommen, deshalb haben alle jetzt zu große Köpfe. Sie gehen um eine Kalkgrube herum, ich nehme jedenfalls an, dass das eine Kalkgrube ist. “Toll” hat eine Dame neben mir gesagt, allerdings während des Abspanns, nicht als die Menschen mit den großen Köpfen um die Kalkgrube gingen. Obwohl das auch toll war. Zuerst hatte ich “ältere Dame” geschrieben, aber das steckt ja sozusagen schon drin in der Dame, das Alter. Auch für die Dame hatten die Tänzer alle große Köpfe, vielleicht wollte ich deshalb ihr Urteil zu meinem machen: die Gemeinschaft der Schrägvonuntengucker der ersten Reihe, Club der Zuletztgekommenen.

Die Dame setzt sich eine Pelzmütze auf, jetzt hat sie auch einen zu großen Kopf. Ich hole die Dose mit dem WD-40 unter meinem Sitz hervor. Das Plastikrohr, das das Versprühen von Ölschaum in enge Winkel erlaubt, ist mal wieder abgefallen und nicht zu sehen. Es fällt dauernd ab, ist nur mit einem Streifen Klebeband aussen an die Dose geklebt, so hab ichs gekauft, und noch nicht geschafft, mir eine bessere Befestigung auszudenken. Jetzt fällt es halt dauernd ab. “Fehlt Ihnen etwas”, fragt die Frau mit der riesigen Pelzmütze. “Ein kleiner, roter Schlauch”, sage ich, und ärgere mich sofort, weil das Wort Schlauch Biegsamkeit suggeriert, die das gesuchte Stück Plastik gar nicht hat. Wie soll sie denn ein Röhrchen finden, wenn sie einen Schlauch sucht?

“Ich sehe nichts”, sagt sie deshalb, und ich sehe aber auch nichts. “Weg ist weg”, sagt die Dame leichthin und heiter, und ich nicke, gucke aber trotzdem nochmal unter den Polstersitz, denn nochmal geguckt ist halt auch nochmal geguckt. Der Weg nach draußen ist voller Schuhe und Hosenbeine, und ohne Röhren oder Schläuche, aber vorm Kino liegt es dann zwischen nach Hause tanzenden Füßen. Ich hebe es auf und warte noch einen Moment, um der Dame mit dem großen Kopf das Ende der spannenden Geschichte vom Röhrchen zu erzählen. “Haben sies gefunden?”, fragt sie beim Rauskommen. Ich mache eine improvisierte Geste, die “ja, es lag hier” ausdrückt, sags sicherheitshalber aber auch noch, ich kann ja schließlich gar nicht tanzen. Sie lächelt. Gemeinsam haben wir ein kleines Stück Zerfall besiegt, die Bürgersdame und ich. Und gleich steigt sie jetzt in ihre Autolimousine und lässt sich von ihrem Butler nach Hause fahren, und ich gehe zu meinem Rad und radle nach Hause.

Aus dem Augenwinkel sehe ich einen Moment später wie sie und ihr Mann ihre Fahrräder aufschließen, der große Pelzkopf hüpft ein wenig, als sie aufsteigt. Mein Euphorietöpfchen kocht schlagartig über, und beim Wegrollen steige ich auf meinem Rad auf die Pedale, ich schwebe, ich fliege, strecke mich, drei Meter groß, und kichere aus dieser enormen Höhe hinab auf Asphalt und Steine und all die anderen Dinge mit Gewicht.

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