Vor dem Bahnhof tummeln sich ungewohnt viele Menschen, schwer, mit dem Rad durchzukommen, ohne dass sich wer bedroht fühlt, und je näher ich der Treppe komme, desto dichter wird der Menschenauflauf. St. Patricks trinkt demonstrativ ein Erklärungsbier in meinem Kopf, aber sein Tag ist ja erst morgen, und betrunken oder grün ist hier auch keiner. Alle fünf Rolltreppen funktionieren, ein statistischer Ausreisser, der nur durch einen grösseren Defekt anderswo nicht zu einem Ungleichgewicht im Gefüge der Natur führen kann, und so weiss ich dann auch schon bevor ich es den dicken Mann in der Uniform sagen höre, dass keine Züge fahren. Wie lange es dauert, kann niemand sagen, eine halbe Stunde aber mindestens. Na gut, geh ich halt was essen.
Hinter dem Bahnhof, an der Brücke über die Gleise, noch ein Auflauf, Menschen auf Zehenspitzen diesmal. Die gaffen wohl kaputte Züge, denke ich augenrollend, gleite noch ein paar Meter würdevoll am Gafferspalier vorbei, knicke ein, steige ab und gaffe mit. This will happen a lot more, sagt einer, with the way the economy is going. Zwei Züge stehen ausserhalb des Bahnhofs rum, Gleisarbeiter dazwischen, es ist kein Problem zu sehen. From the bridge? fragt jemand. No, from the other train, sagt jemand anders, und langsam verwandelt sich das technische Problem unter mir in einen Selbstmord. Clear the wall, ruft ein weiterer dicker Mann in Uniform, eine schwarze Limousine mit Blaulicht hält am Strassenrand. Ich stehe noch einen Moment, ein undefinierbares Gefühl im Bauch. Vielleicht Hunger.
Die Salatbar im Deli um die Ecke ist erstaunlich gut sortiert, der Essbereich schäbig, fensterlos und überheizt. Auf dem unvermeidlichen Fernsehschirm schreien sich drei Männer an. Einer, der sich bisher für den Vater seiner beiden Kinder hielt, zwei andere, die auch in Frage kommen, zwischen ihnen die weinende Mutter und ein dicker Moderator mit Glatze. Nach jedem emotionalen Ausfall, jedem Geschrei, applaudiert das Publikum höflich und zivilisiert, dann ist der nächste dran. Schliesslich verliest der dicke Moderator mit dramatischen Pausen die Ergebnisse des Vaterschaftstests. Schnitt auf die weinende Mutter, den fassungslosen Nichtvater, den ausdruckslosen Jetztvater. Applaus.
Die Züge fahren eine halbe Stunde später immer noch nicht, der einzige Bus ist überfüllt, bleibt nur, mit dem Fahrrad quer durch den Sumpf und über ein Gewirr aus Zubringern und Schrottbrücken zu fahren, über Russhaufen gespickt mit Unfallscherben. Wie ein gejagtes Kaninchen hopple ich über die Autobahnauffahrt, als sich zwischen den Sattelschleppern kurz eine Lücke öffnet, und dann vorbei an zerbröselnden Fabriken, nach Newark und zwischen seinen Banktürmen hindurch zu unserem kleinen Campus. Ich komme exakt rechtzeitig.
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