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Jersey



Saturday, December 13th, 2008

Water, water everywhere

Etwas steif steige ich vom Rad. Nicht, weil die eisige Kälte mir die Kniegelenke blockiert, sondern um Kontakt zwischen Hose und Bein zu vermeiden. Das Eiswasser soll nicht noch mehr von meiner Körperwärme haben dürfen. Es tropft mir von der tief hängenden Kapuze auf die Nase, als ich die Tür aufschliesse und das Rad in den Hausflur wuchte. Wie immer passt der erste Schlüssel nicht ins erste Schloss, und wie immer denke ich: da müsste ich auch mal Markierungen dran machen an die Schlüssel. Mehr Tropfen fallen auf meine Nase, der Schlüssel passt ins andere Schloss, der andere ins erste, die Tür geht auf. Aus dem Augenwinkel sehe ich einen kleinen See, ich gehe in die Wohnung.

Und komme sofort wieder raus. See? Augenwinkel? Hausflur? Von der Brüstung im ersten Stock fällt ein lustiger Vorhang aus Wassertropfen, an der Decke wölbt sich die Latexfarbe. Ich gucke ein bisschen ratlos und gehe dann in den zweiten Stock, wo es noch schlimmer aussieht. Dritter Stock: es strömt von der Decke. Vierter Stock: erst sehe ich nichts, dann vier dünne Rinnsale an der Wand, die munter unter einer Zierleiste an der Decke hervorsprudeln. Sieht harmlos aus, aber als ich einen Finger dranhalte, wird er von der starken Strömung davongespült. Ich finde ihn später im Keller wieder.

Noch einen Stock höher wohnt das Dach und auf diesem Dach, direkt vor der Dachtür, wohnt neuerdings ein See. Zehn Zentimeter tief, sechs Meter breit, eiskalt, vier Meter lang, macht 2400 Liter eiskaltes Wasser. Zweieinhalb Tonnen. Das ist natürlich zu hoch geschätzt, weil der See an zwei Seiten flach ausläuft, aber eine Tonne Wasser ist auch schon ganz schön viel Holz. Die von uns mittlerweile im Hausflur verteilten Müll- sind mit Tonnen von Wasser jedenfalls überfordert. Für den Keller wär das ein Klacks, aber da muss das Wasser dann ja erstmal hinfinden und wenn es sich verläuft landet es bei uns im Bücherregal. Wasser, verläuft, haha.

Bis der mehrfach angerufene Vermieter einsieht, dass es diesmal nicht nur ein bisschen aus dem Oberlicht tropft, sondern eine echte, richtige Katastrophe droht, gehen fünf Telefonate ins Land. Unterdessen anderswo: es tropft in unseren Kleiderschrank, die Wand in unserem Büro wölbt sich unter Wasserdruck nach aussen, im Badezimmer rinnt rostfarbene Modersuppe aus Deckenblasen, eine davon immerhin und ganz praktisch direkt über der Kloschüssel, und es tropft aus der Deckenlampe. Das mit der Deckenlampe ist nicht so schön. Wir machen sie vorsichtshalber mal aus.

Als der Vermieter kommt, ein zierlicher ergrauter Ungar, ist er den Tränen nahe. Oder halt nassgeregnet. Er leiht sich eine Stirnlampe von uns, und watet in den eisigen Dachsee, zieht heroisch einen Tennisball aus dem Ablauf, und rettet uns alle vor dem Ertrinken. Der See läuft weg, und schon eine Stunde später hört es dann auch bei uns im Erdgeschoss zu tropfen auf.

Später in der Nacht fallen mit lautem Klatschen noch ein paar Deckenplatten runter, in der Wohnung über uns und im Flur. Das wär aber eigentlich schon gar nicht mehr nötig gewesen.

Thursday, December 11th, 2008

Türhütchenspiel

Ich navigiere nach Sternchen. Der Regen hat mir die Brille vollgekleckert, aber das hundertfache Spratzeln im Weihnachtsbaum vor dem Gebäude ist nicht zu übersehen. Auf den Stufen winkt mir ein Türhüter zu, schnell falte ich das Rad zusammen und folge dem Wink, Türhüter lässt man nicht warten.

Drinnen blockiert ein Kinderchor meinen Weg. Hinter dem Kinderchor ein Beamtenheer in Weihnachtsmützen, und hinter dem Heer ein zweiter Kinderchor. Den Bewegungen von Mund und Kinderkörpern nach zu urteilen wird da in der Lobby gesungen, wegen heftigen Heergeschnatters ist aber nichts zu hören. Mein Gerichtssaal ist 105, ich habe noch fünf Minuten und ignoriere also Heer und Chöre. Ein grosses Schild zeigt nach 104. Für den Anfang nicht schlecht. Ich eile pfeilwärts.

Der Gang endet an der Tür zu 104. In der anderen Richtung werden die Nummern kleiner, in der Mitte springt ein Kinderchor, also weiche ich klug in den ersten Stock aus. Der Amerikaner sagt zweiter Stock dazu. Hier huschen Aktenträger von Tür zu Tür, zu schnell, sie anzusprechen, aber vor dem Büro eines Herrn Mayor steht ein Geheimagentlookalike und bewacht. Wo denn Raum 105 sei, frage ich. Er guckt. Ich wiederhole. Er guckt immer noch. 104, sagt er, ist da unten. Er zeigt auf den Boden. Er macht eine Pause. 106, sagt er, ist da hinten rechts unten. Da müsste dann auch 105 sein. Kinderchor, sage ich, Blockade. Er zeigt mir eine Umgehung und eine andere Treppe.

Der Gang, in den der Treppenschacht sich öffnet, endet an der Tür zu Raum 106. In der anderen Richtung werden die Nummern grösser. Ich betrete Raum 106 und frage die hinter einer enormen Theke verschwindende Rezeptionistin nach Raum 105. In diesem Gebäude, sagt sie, gibt es keinen Raum 105. Vorladung sage ich und wedle mit dem Zettel. Oh, sagt sie, ein Strafzettel. You want the court. Next building. Kurze Pause. Kinderchor, sage ich. Sie zeigt mir eine Umgehung und einen anderen Ausgang.

Draussen kleckert mir Regen auf die Brille. Es ist jetzt fünf Minuten zu spät, und das Rad in meiner Hand etliche Kilo zu schwer. Gerichtsgebäude. Ich stehe vor dem Securitycheck, lese Schilder, um sicherzugehen, dass es hier einen Raum 105 gibt, man weiss ja nie heutzutage. Can I help you, Sir, fragt eine Polizistin, in eigenartiger Mischung von Fürsorge und Misstrauen. Ich habe aber mittlerweile eine 105 auf dem Schild gefunden und trete an den Metalldetektor. I need to go in, sage ich ein bisschen sinnlos. Was sollte ich sonst hier wollen? Knüppelsuppe?

Sie guckt mein Rad an, dann mich. Dann einen dicken Beamten, der hinter ihr auf der Treppe steht. What should I do with the wheelchair, fragt sie den Beamten. Der Beamte starrt. Show me, sagt er schliesslich. It’s a bike, sage ich, und zeige ihm das Fahrrad. Just bring it through and step out again. Der Metalldetektor piept einmal beim Reingehen und einmal beim Rauskommen. Ich lege meinen restlichen Metallkram in ein Plastikkörbchen, gehe unbepiept durch den Detektor, sehe zu, wie das Körbchen unbeobachtet durch die Durchleuchtung rollt, während die Durchleuchterin sich um das Befüllen der Körbchen derer kümmert, die nach mir kommen. Ich klaube meine Sachen auf, nehme meinen Rollstuhl und gehe wohin der Pfeil mit der 105 drauf mich schickt.

(to be continued)

Wednesday, December 10th, 2008

Vor dem Gesetz

Morgen trete ich beim städtischen Gericht zum Termin an. Am Tag als Obama zum obersten Hab-Dich-Lieb-Bärchi von der ganzen weiten Welt gewählt wurde, wollte ich, viel bescheidener, einfach nur mit meiner Monatskarte Zug fahren. Das erste Drehkreuz sagte: Karte doof. Das zweite sagte: Karte grade erst benutzt. Das dritte sagte das auch. Der Zug stand schon da, jemand ging durch den Behinderteneingang und ich witschte hinterher, bevor er sich wieder schloss, wie ein Wiesel so flink. Es witschten aber auch drei bullige Polizisten, und zwar er-, und zwar mich. Sie schrieben Lügen auf einen Zettel (“actor entered fare zone without attempting to make posted payment”), streckten die Pistolenseite ihrer Hüfte in die kühle Luft und schickten mich in die Nacht. Ich würde dann von ihnen hören. Bzw vom GESETZ. Muaha. Ha.

Einem Kollegen war exakt dasselbe passiert, ein paar Tage vorher, und als ich vor einer Woche die Vorladung bekam und ihm davon erzählte, wunderte er sich, dass er noch keine hatte. Er rief beim Gericht an und staunte nicht schlecht: ein Haftbefehl war schon ausgestellt. Wegen Nichtdurchziehens einer bezahlten Monatskarte. Es mag ja gegen die Beförderungsbedingungen verstossen, aber ist es nicht wichtiger, dass der Geist des Gesetzes rhabarber kompott?

Gestern im Schnapsladen dann las ich auf einem Plakat, dass man Minderjährigen doch bitte keinen Alkohol kaufen solle, denn: It’s not only illegal, it’s also wrong!

Und so gab alles doch noch einen schönen Sinn.

Ich dreh mich schon gar nicht mehr um wenn ich von hinten angesprochen werde, aber diesmal hab ich nix verstanden und muss doch. Is that a Brompton, fragt der stämmige Schwarze. Yes, sage ich, it is. How is it for bigger people? fragt er. Us bigger people, meint er vermutlich.

Das ist immerhin zweites Level der Fahrradverehrung. Menschen, die von Klappfahrrädern wissen und praktische Fragen haben anstelle der Frage nach dem Herkunftsplaneten des UFOs. Well, sage ich, it’s fine for me. Die Sattelstange gebe gelegentlich ein wenig nach, aber ansonsten sei alles gut am Rad. Ja, auch der Reifendruck sei mir durchaus gewachsen.

Die Rolltreppe endet mit der üblichen Frage nach dem Preis, dann hebe ich das Fahradpaket übers Drehkreuz und geh auf den leeren Bahnsteig. Zug grade weg. Kein Problem. Buch.

That folds up tight sagt der beleibte Schwarze als er sich neben mich setzt. Yes, sage ich, ohne aufzublicken, and it folds really quick. I never had a Dahon, but these are much better designed for folding up. Ich ramble noch ein paar Sätze weiter und blicke nun doch auf, und da sitzt ein ganz anderer dicker Schwarzer und guckt als werde er grade in Reaktion auf eine kurze Bemerkung mit rätselhaftem Zeug zugequatscht.

Ich bin dann still und er telefoniert und ich lese im Buch.

Sunday, August 24th, 2008

fishing

In den Eingeweiden des Internet liegt ein scherzhafter Psychotest vergraben, bei dem man für verschiedene soziale Problemstellungen an einer Pissoirzeile die jeweils passende Antwort zu finden hat. Ähnlich schwierig, aber wegen weniger Geschlechtsorgannähe meines Wissens noch nicht originell beleuchtet ist das Problem des Sitzplatzes in der U-Bahn. Haltestangen, andere Passagiere, ihr Geschlecht, ihre Laune, die Einschätzung ihrer Gesprächigkeit, zurückgelassener Müll, Türnähe, Wärmegradienten – das alles schafft eine komplexe Umgebung, durch die Menschen oft in Sekundenbruchteilen zu navigieren verstehen. Bis die Roboterhunde von Sony so weit sind, werden noch viele Pissoirprobleme gelöst werden.

Er setzt sich links neben mich, ans Ende der Sitzbank und lässt einen freien Sitz zwischen uns. Sein Interesse am Brompton umweht ihn in meinem Augenwinkel wie die Körperaura ein Esoterikopfer, und natürlich dauert es nur Sekunden bis zur unvermeidlichen Frage nach dem Preis und der immergleichen Antwort. Nach seiner Auskunft, so eins noch nie gesehen zu haben, lese ich weiter. Er tippt mir über den Sitzgraben hinweg leicht ans Knie. Ich schliesse das Buch.

Seit Jahrzehnten wohnt er in Jersey City, nachdem er als junger Knabe aus East Orange, zehn Meilen westlich von hier, dorthin umgezogen war. Damals hatte er ein Dreigangrad, und als er seine Liebe zu diesem nun wohl in der Vergangenheit versunkenen Relikt erklärt, verklären sich seine Augen ein wenig. Oder vielleicht will ich das auch nur sehen. Einmal sei er mit diesem Dreigangfahrrad über eine der grossen Brücken gefahren. Hinauf habe er es geschoben, über einen engen Seitenstreifen hinweg, aber dann sei er auf der anderen Brückenseite bergab gefahren, wacklig, gefährlich. Die Erinnerung an den Teufelsritt des Knaben spielt wie ein Film in den Falten seines Gesichts, ein Stück damals das jetzt in einer ruhigen, geraden Linie über die Gleise nach Jersey City gezogen wird.

Seit Jahrzehnten gehe er hinter seinem Haus den Hang bergab und dann über die Eisenbahnbrücke in das Sumpfgebiet der Meadowlands hinein zum Angeln. Vor einiger Zeit hat der Sumpf den Besitzer gewechselt, und noch immer gehe er jetzt über die Eisenbahnbrücke dort hinunter, aber die Sicherheitsleute des neuen Inhabers vertrieben ihn, wenn sie ihn sähen. They run me off, sagt er, aber als ich nachfrage, wie man sich das Verscheuchen eines angelnden Rentners aus den Sümpfen Jerseys vorzustellen habe, stellt sich heraus, dass der Aufseher stattdessen sagte, dass er ihn verscheuchen müsse, wenn er ihn sehe, und er also lieber hinter einigen Büschen angeln solle.

Dann stürzt die vom Rad über den leeren Sitz gebaute Brücke ein und der Fischer und der Radler schweigen, bis er aussteigt am Journal Square und ich noch ein wenig weiter fahre.

Sunday, August 24th, 2008

reasons

If I don’t live in Hoboken
It’s not just Lackawanna,
I also couldn’t pay the rent,
And prolly nevaganna.

Wednesday, August 13th, 2008

Ballistik

Eine tiefschwarze Gewitterfront, ein Weltende nähert sich aus dem Inneren Jerseys. Südlich der Bahnlinie öffnet ein Kumulonimbus die Unterbuxe und lässt einen zylindrischen Wasserwirbel auf den Ironbound hängen, gesäumt von Blitzen, die sich sekundenlang in meine Netzhaut brennen: Lösungen für ein Problem der Elektrodynamik, das schon nicht mehr existiert. Jeder dieser Blitze trifft ein Ziel, schlägt irgendwo ein, dort im Ironbound, erst jetzt begreife ich diese simple Gewitterwahrheit, oder denke jedenfalls, dass ich sie erst jetzt begreife. Ich zähle Blitze und lasse es dann wieder.

Die Betonbodenplatten der Tankstelle wurde von Zeit und Ghettoschleudern und Tanklastern verschieden stark in den feuchten Untergrund gedrückt. Die Höhenunterschiede der Plattenkanten sind ausreichend, mein Rad aus der Bahn zu werfen, die Kreuzungspunkte ihrer schwankenden Geometrie markieren einen sicheren Pfad. Ich folge ihm automatisch und ohne hinzusehen, Heimatsumpferde unter den grauen Platten. Ein Jahr.

Über die feuchte Brache hallt später ein Schuss von der Tankstelle her. Halblaute, erregte Stimmen folgen dem Knall, Mitternacht. Ich finde mit geschlossenen Augen meinen Weg um das Warten auf Sirenen oder weitere Schüsse herum, und schlafe ein, eine abgefeuerte Kugel auf dem Weg zur Wand.

Friday, June 20th, 2008

willkommen zurück

Mindestens fünf verschwundene Fische, Inbox leer, die dicke Ratte hat Schlagseite, das Fahrrad einen Platten. Glassplitter im Mantel. Der Ersatzschlauch bekommt ein Loch beim Reparaturversuch, dunkle Russstreifen auf der Hose. Eine zerschmetterte Thermosflasche hinterm Haus, die verspiegelten Glasscherben verstreut zwischen den Sonnenblumenkernen. Raffineriegeruch in der milden Frühsommerluft. Is that your bike, sagt der Briefträger, der die Rechnungen bringt und die Kreditkartenangebote, als ich es für ein paar Sekunden vor der Tür stehen lasse, um Vergessenes zu holen. Ich nicke, erwarte die üblichen Fragen, stattdessen Wouldn’t do that here, they’ll take it in a minute, und geht zum nächsten Haus, ohne Antwort abzuwarten. In Newark dann, beim Strasse überqueren, ruft der stämmige Neger That’s my bike, punk. Ich lache kurz und schimpansoid, Zähne zeigen statt Konfrontation, beweis mir doch, dass ich es nicht wirklich lustig finde, Welt. Weit genug weg von ihm werfe ich dann noch mit Worten, hier nämlich, und lause mir dabei ein bisschen den Kopf. Ich steh doch über Dir, Jersey, Du verpupster Misthaufen aus Dreck.

Saturday, May 17th, 2008

Absteigen

Dunkle Strasse, fühllose Hände an den Bremsen. Feiner Nieselregen bricht die kaputte Leuchtreklame in kleine Scherben auf meiner Brille: “ite Ai”. Ich halte mich von den dunklen Silhouetten der geparkten Autos entfernt in der Mitte der beiden Spuren, erwarte Passanten. Nicht gefasst bin ich darauf, dass eine der Silhouetten selbst mir jetzt schräg in den Weg rollt, die Bremsklötze greifen kaum, aber doch genug, dass mir auf dem schmierigen Asphalt das winzige Vorderrad ausbricht, ich versuche mit dem Bein abzufangen, das Auto jetzt quer vor mir, das Rad gleitet unter mir weg, Schulter und Hüfte hart auf Asphalt, mit gespreizten Armen schliddere ich noch ein Stück, warte auf ein Hupen oder Brummen von hinten, aber’s brummt net.

“Aaite?” höre ich aus Richtung der Leuchtreklame, ein schlanker Schatten geht hinter den Schatten. Ich klaube das Fahrrad auf und entfalte es, drehe mich nach dem Auto um, das seine Wende beendet hat und wegfährt. Wut entflammt und verpufft, ich steige wieder auf. “Yeah,” sage ich, “thanks.”

Friday, April 25th, 2008

Frühling in Jersey City

I must not fear.
Fear is the mind-killer.
Fear is the little-death that brings total obliteration.
I will face my fear.
I will permit it to pass over me and through me.
And when it has gone past I will turn the inner eye to see its path.
Where the fear has gone there will be nothing.
Only I will remain.
(Frank Herbert: Litany Against Fear)

Ich fasse mit der rechten Hand unter den Sattel, hebe das Rad in der Mitte leicht an und ziehe dabei die Sattelstange nach vorn. Die Hinterradaufhängung rotiert samt Hinterrad um ihr Lager unter die Rahmenstange, die beiden Standrädchen, die ein bisschen wie Stützräder aussehen und erst vor kurzem jemanden zu gutmütigem Spott anregten in der U-Bahn, wer war das noch, und wann, rotieren nach unten, ich lasse den Sattel sinken und das Rad steht platzsparend und stabil vor der Verkaufstheke. Anfangs faltete ich es in Geschäften immer komplett zusammen, trug es die Regale entlang und zeigte ihm Erbsen und Kokosmilchdosen, jetzt schiebe ich es nur noch rein, schwinge das Hinterrad unter, und lass es stehen. Haven’t seen you in a while, sagt der Ladeninhaber, lächelt freundlich und berechnet sieben Dollar fürs Sixpack Yuengling. I’ll be back soon, lüge ich während ich bezahle. Beim Liquor Store neben dem Chinarestaurant, ein Stück die Strasse runter, wo immer die Drogenhändler und Bettler stehen, kostet es nur sechs. Ein Schwung, das Hinterrad klappt aus und ich bin wieder draussen, auf der dunklen leeren Strasse am Friedhof, und keine fünf Minuten später dann zu Hause.

Die Bäume wedeln zur Zeit an allen Strassenecken mit ihren Genitalien, und wir Menschen erfreuen uns daran. Dass Blüten ästhetisch so viel ansprechender sind als Sojakeime, Kürbiskerne oder Runkelrüben ist ein wenig rätselhaft. Man kann sie nicht essen, man kann sie nicht trinken, und nur in raren Ausnahmefällen schützen sie vor Wind und Wetter. Aber Rätsel sind ja nicht schlimm, im Gegenteil. Vielleicht finden wir Geblüh toll, weil es ein Werbemedium der Geschlechterindustrie ist, vielleicht, weil eine Gegend voller Blühen einen Herbst voller Frucht verheisst, seis drum: wenn Bäume ausschlagen, sieht das gut aus. Kichernd laufen drei Japanerinnen durch den Kirschenhain am World Financial Center, zwitschern Sakura! Sakura! und sind offensichtlich derselben Ansicht. Gegenüber, im Hudson, zwitschern derweil zwei Küstenwachboote vorbei, maschinengewehrbewehrt an Bug und Heck, und eskortieren einen einsamen Kajakinsassen zurück auf die Insel, die sie doch eigentlich vor ihm beschützen sollen. Hoffentlich verhaften sie ihn, ehe er irgendeinen Schaden anrichtet mit seinen Paddeln. Wir gehen erstmal zurück nach Jersey, denn es wird jetzt Nacht in Manhattan, und nachts schlafen die Kirschen doch.

Der Frühling tut der Welt gut, er lässt flattern und wehen, er hat lang, und lässt lang hängen, warm wird es in ihm, und mild wird es, die Bäume strotzen und die Menschen tragen ihre Maschinengewehre auf den Flüssen spazieren wie Frischverliebte. Sogar Jersey City sieht plötzlich freundlich aus und bewohnbar, das frische Grün, die Erdtöne der Wohnhäuser, die Sirenen eines Polizeiwagens. Oh, noch einer.
Oh, noch einer.

Schnell fahren diese Polizeiwagen, und alle kommen sie uns entgegen, mit wichtigtuerischem Huihuihui und Geblinkbling. Kommt vor, alles schon gesehen. Da denkt man sich hier nichts bei. Statt uns also was zu denken, rufen wir ein Huhn an, verabreden uns, gehen einen kleinen Umweg und holen es ab, samt Brokkoli und Glückskeksen und Reis. Vor der Huhnwohnung kommen uns noch zwei Polizeiautos entgegen, allmählich wird es sonderbar. Denn wo die herkamen stehen sogar noch mehr. Duncan Avenue ist, hundert Meter hinter unserer kleinen Sackgasse, komplett gesperrt. Ein Kran steht da ragend in der Nacht und wirft Flutlicht auf die Fahrbahn, eine kleine Menschentraube lungert an der Absperrung, und Polizisten wimmeln durcheinander wie uniformierte Moleküle in einem Hochofen. Es sieht alles ein bisschen aus wie im Fernsehen. “Sir, get onto the sidewalk, off the street, NOW” bellt ein Polizist in einem Tonfall, der nach Bisiness klingt, ein Glatzkopf taucht auf und sieht aus wie ein echter Polizist aus The Wire, jemand wird abgeführt, He jumped, sagt eine Person in der Menge zu einer anderen, aber mehr ist nicht zu hören, und ich fühle mich fremd genug, niemanden fragen zu wollen. Als wäre jemandem, den ich nur flüchtig kenne, ein privates und ein wenig peinliches Unglück geschehen, und die Scham einer Nachfrage überwöge womöglich den Trost der Anteilnahme eines Fremden. Es wird also nicht gefragt, wozu gibt es denn schliesslich Internet.

In unserer Sackgasse stehen die Autos aufgereiht, die der Sperre wegen abbiegen mussten, ein kleiner Vekehrsknoten hat sich da gebildet, und einer der Polizisten leitet das Ballett der Neuankommenden und der schon Gewendeten zu einer Knotenlösungsfigur an. Als wir in die Strasse abbiegen winkt er grade einen silbern funkelnden Panzer raus, in dem Stringer Bell und Chris Partlow sitzen und Unhörbares sprechen. Oder vielleicht war es auch gar kein Panzer, ich bin ein sehr unzuverlässiger Zeuge. Der Rest stimmt aber.

Im Internet kein Wort über Flutlicht und Polizistenflut, noch nicht mal auf Twitter, und wir gehen ungeleitet zu Bett.

Am nächsten Morgen stehen wir früh auf, denn wir wollen nach Newark fahren, wo die Kirschen kirschiger blühen als anderswo. Mehr Kirschbäume gibt es da als in Washington, das doch für seine Kirschbäume berühmt ist, das sagte Larry der Tierwart, und ich glaube ihm. Obwohl er andererseits die Sternmagnolien vor der Institutstür für Dogwood hielt, aber man kann ja nicht alles wissen, man kann nicht auf jede blöde Frage eine Antwort haben.

Zum Beispiel wissen wir immer noch nicht, was eigentlich los war auf Duncan. Die Sperre ist weg, der Flutlichtkran ist weg, die Markierungen am Boden sind weg. Die Strasse liegt wieder da als sei nichts geschehen, man kann wieder ungehindert zum Hackensack fahren auf ihr, vorbei an den Projects, den Sozialbauten, die grade nach und nach abgerissen werden, und durch neue Pappschachteln aus der Retorte ersetzt.

Newark hat sich seine Führungsrolle der Alptraumstatistiken zum Teil mit dem Bau solcher Projects erstritten. Der soziale Wohnungsbau wurde geraume Zeit lang zu 100 Prozent aus Bundesmitteln bezahlt, und wo andere Städte die Konzentration der Kaputten scheuten, baute Newark mehr Armenschachteln als jede andere Stadt der USA. Die Mieteinnahmen der kostenlosen Wohnblocks füllten die Stadtkassen, und die, die sich ein vernünftiges Leben anderswo nicht leisten konnten füllten die Stadt mit Armut und Verzweiflung. 1975 wurde Newark von Harper’s Magazine mit grossem Abstand zur schlimmsten Stadt der USA erklärt, 2006 ist es ein wenig abgerutscht und zum Beispiel in der Mordhitparade nur noch auf Platz 4, nach Detroit, Baltimore und New Orleans.

Aber Kirschbäume gibts offenbar viele und schöne, und also gehen wir jetzt da hin. Der Weg zur Pathstation an Journal Square führt auf West Side Avenue nach Norden, am Friedhof entlang. Auch hier blüht alles, über den Gräbern treiben die Bäume den Leichensaft lindgrün in die Blätter, und gegenüber, am Briefkasten Ecke West Side und Highland, treibt eine andere Leiche die Blumen aus einem Schild. Votivkerzen drängen sich eng zusammen in einem kleinen Pappaltar, Kinderfotos, Kugelschreiberkondolenzen, und auf der Strasse ein grosser Blutfleck, “Bestimmt gang related” denken wir, ein Zerrbild der Hoffnung, und gehen weiter.

Im ersten Wagen des Zuges fahren wir nach Newark, eine schöne Strecke durch die Industriewüste, dann mit der schicken, neuen Light Rail durch verfallene, alte Bahnhöfe und am Ende von Branch Brook Park aussteigen und drei Kilometer nach Süden laufen, vorbei an zwei Mahnmalen für tote Polizisten, und zahlreichen Transparenten fürs Cherry Blossom Land. Aber wir finden kein Cherry Blossom Land, und kein Fest und deutlich weniger Kirschblüten als versprochen. An der Kathedrale, die wir dann stattdessen besichtigen wollen, hängt vorne ein Schild: Eingang an der Seite, an der Seite aber ein Schild: Eingang vorne. Die Belegschaft ist vermutlich Ratzinger huldigen gegangen, in der Stadt, die man am Horizont im Dunst schweben sieht. Die Häuser neben der Kathedrale haben zugenagelte Fenster und Türen. Im Gemischtwarenladen, in dem wir uns statt des erhofften Sushi und Sake zwei Sandwiches kaufen, liegen die Schokoriegel diebstahlsicher hinter Plastik. Von der Zeitungstitelseite verspricht der Papst Frieden und Liebe unter den Menschen. Ich sag das nicht, weil es irgendwas bedeutet, ich sag das, weils so war.

Auf dem Rückweg wollen wir wieder in den ersten Wagen, um zu sehen, wie der Zug New Jersey frisst, aber ein Polizist kommt uns in der Tür entgegen, und von hinten ruft ein anderer “Sir, you can’t go there”. Get off the street, NOW. Ein Teenager in Handschellen wird im ersten Wagen verstaut. Gehen wir eben in den zweiten.

Die Menschentraube am Pappaltar ist grösser jetzt, eine seltsam gelöste Stimmung scheint zu herrschen, nicht fröhlich, aber entspannt. So wird es in San Francisco nach dem Erdbeben sein, die Überlebenden wühlen in den Trümmern nach den Knochen toter Hunde, oder Zeitungen vom Vortag, oder wonach man eben wühlt nach solchen Erschütterungen. Den Blutfleck waschen die Freunde des Opfers jetzt mit Alkohol von der Strasse, Schnaps aus umgekehrten Flaschen. Immer noch fühle ich mich fremd, die Fotos, die wir machen, machen wir feige aus sicherer Entfernung, Leichenfledderei.

Jetzt weiss auch das Internet Bescheid, Raubmord, Vater zweier Kinder, erschossen beim Einkaufen von einem Gleichaltrigen namens Quaheem, der bei uns um die Ecke wohnte und dort wenig später von Polizisten beschossen und gestellt wurde, das Disziplinarverfahren wegen der Schüsse schon niedergeschlagen, nichts zu sehen, gehen sie weiter.

Heute früh rollte ich wieder auf dem Brompton auf den Altar zu, hebe, klappe, stehe, schaue. Die Kerzen haben neue gemacht, kein Wunder, so eng wie die stehen, Feuerzeuge, leere Flaschen, Zigaretten, eine Zigarre liegen da, die Chiffren schlingernder Leben, ein Passant beugt sich darüber. Eine greise Asiatin spricht mich an, “Excuse me, was he from here”, und ich blicke einen Moment lang leer zurück, meine Augen tränen ein bisschen vom Fahrtwind entlang West Side. “Yes he was”, antwortet der Passant, “over there on Glenwood”, und ich nicke und bin plötzlich Teil von irgendwas. “I’ll be back”, denke ich, heute abend, und dann stelle ich da auch eine Kerze hin, vielleicht, weil die Asiatin mich gefragt hat. Ich stehe noch einen Moment ratlos rum, schnalze mir den Sonnenbrillenaufsatz ins Gesicht, klappe das Hinterrad raus, und fahre nach Newark.