Search

Etwas steif steige ich vom Rad. Nicht, weil die eisige Kälte mir die Kniegelenke blockiert, sondern um Kontakt zwischen Hose und Bein zu vermeiden. Das Eiswasser soll nicht noch mehr von meiner Körperwärme haben dürfen. Es tropft mir von der tief hängenden Kapuze auf die Nase, als ich die Tür aufschliesse und das Rad in den Hausflur wuchte. Wie immer passt der erste Schlüssel nicht ins erste Schloss, und wie immer denke ich: da müsste ich auch mal Markierungen dran machen an die Schlüssel. Mehr Tropfen fallen auf meine Nase, der Schlüssel passt ins andere Schloss, der andere ins erste, die Tür geht auf. Aus dem Augenwinkel sehe ich einen kleinen See, ich gehe in die Wohnung.

Und komme sofort wieder raus. See? Augenwinkel? Hausflur? Von der Brüstung im ersten Stock fällt ein lustiger Vorhang aus Wassertropfen, an der Decke wölbt sich die Latexfarbe. Ich gucke ein bisschen ratlos und gehe dann in den zweiten Stock, wo es noch schlimmer aussieht. Dritter Stock: es strömt von der Decke. Vierter Stock: erst sehe ich nichts, dann vier dünne Rinnsale an der Wand, die munter unter einer Zierleiste an der Decke hervorsprudeln. Sieht harmlos aus, aber als ich einen Finger dranhalte, wird er von der starken Strömung davongespült. Ich finde ihn später im Keller wieder.

Noch einen Stock höher wohnt das Dach und auf diesem Dach, direkt vor der Dachtür, wohnt neuerdings ein See. Zehn Zentimeter tief, sechs Meter breit, eiskalt, vier Meter lang, macht 2400 Liter eiskaltes Wasser. Zweieinhalb Tonnen. Das ist natürlich zu hoch geschätzt, weil der See an zwei Seiten flach ausläuft, aber eine Tonne Wasser ist auch schon ganz schön viel Holz. Die von uns mittlerweile im Hausflur verteilten Müll- sind mit Tonnen von Wasser jedenfalls überfordert. Für den Keller wär das ein Klacks, aber da muss das Wasser dann ja erstmal hinfinden und wenn es sich verläuft landet es bei uns im Bücherregal. Wasser, verläuft, haha.

Bis der mehrfach angerufene Vermieter einsieht, dass es diesmal nicht nur ein bisschen aus dem Oberlicht tropft, sondern eine echte, richtige Katastrophe droht, gehen fünf Telefonate ins Land. Unterdessen anderswo: es tropft in unseren Kleiderschrank, die Wand in unserem Büro wölbt sich unter Wasserdruck nach aussen, im Badezimmer rinnt rostfarbene Modersuppe aus Deckenblasen, eine davon immerhin und ganz praktisch direkt über der Kloschüssel, und es tropft aus der Deckenlampe. Das mit der Deckenlampe ist nicht so schön. Wir machen sie vorsichtshalber mal aus.

Als der Vermieter kommt, ein zierlicher ergrauter Ungar, ist er den Tränen nahe. Oder halt nassgeregnet. Er leiht sich eine Stirnlampe von uns, und watet in den eisigen Dachsee, zieht heroisch einen Tennisball aus dem Ablauf, und rettet uns alle vor dem Ertrinken. Der See läuft weg, und schon eine Stunde später hört es dann auch bei uns im Erdgeschoss zu tropfen auf.

Später in der Nacht fallen mit lautem Klatschen noch ein paar Deckenplatten runter, in der Wohnung über uns und im Flur. Das wär aber eigentlich schon gar nicht mehr nötig gewesen.

Deprecated: Function link_pages is deprecated since version 2.1.0! Use wp_link_pages() instead. in /mnt/web224/a3/17/5110917/htdocs/engine/wp-includes/functions.php on line 6170

Something to say?

Warning: Undefined variable $user_ID in /mnt/web224/a3/17/5110917/htdocs/engine/wp-content/themes/wuhan/comments.php on line 73