Ich navigiere nach Sternchen. Der Regen hat mir die Brille vollgekleckert, aber das hundertfache Spratzeln im Weihnachtsbaum vor dem Gebäude ist nicht zu übersehen. Auf den Stufen winkt mir ein Türhüter zu, schnell falte ich das Rad zusammen und folge dem Wink, Türhüter lässt man nicht warten.
Drinnen blockiert ein Kinderchor meinen Weg. Hinter dem Kinderchor ein Beamtenheer in Weihnachtsmützen, und hinter dem Heer ein zweiter Kinderchor. Den Bewegungen von Mund und Kinderkörpern nach zu urteilen wird da in der Lobby gesungen, wegen heftigen Heergeschnatters ist aber nichts zu hören. Mein Gerichtssaal ist 105, ich habe noch fünf Minuten und ignoriere also Heer und Chöre. Ein grosses Schild zeigt nach 104. Für den Anfang nicht schlecht. Ich eile pfeilwärts.
Der Gang endet an der Tür zu 104. In der anderen Richtung werden die Nummern kleiner, in der Mitte springt ein Kinderchor, also weiche ich klug in den ersten Stock aus. Der Amerikaner sagt zweiter Stock dazu. Hier huschen Aktenträger von Tür zu Tür, zu schnell, sie anzusprechen, aber vor dem Büro eines Herrn Mayor steht ein Geheimagentlookalike und bewacht. Wo denn Raum 105 sei, frage ich. Er guckt. Ich wiederhole. Er guckt immer noch. 104, sagt er, ist da unten. Er zeigt auf den Boden. Er macht eine Pause. 106, sagt er, ist da hinten rechts unten. Da müsste dann auch 105 sein. Kinderchor, sage ich, Blockade. Er zeigt mir eine Umgehung und eine andere Treppe.
Der Gang, in den der Treppenschacht sich öffnet, endet an der Tür zu Raum 106. In der anderen Richtung werden die Nummern grösser. Ich betrete Raum 106 und frage die hinter einer enormen Theke verschwindende Rezeptionistin nach Raum 105. In diesem Gebäude, sagt sie, gibt es keinen Raum 105. Vorladung sage ich und wedle mit dem Zettel. Oh, sagt sie, ein Strafzettel. You want the court. Next building. Kurze Pause. Kinderchor, sage ich. Sie zeigt mir eine Umgehung und einen anderen Ausgang.
Draussen kleckert mir Regen auf die Brille. Es ist jetzt fünf Minuten zu spät, und das Rad in meiner Hand etliche Kilo zu schwer. Gerichtsgebäude. Ich stehe vor dem Securitycheck, lese Schilder, um sicherzugehen, dass es hier einen Raum 105 gibt, man weiss ja nie heutzutage. Can I help you, Sir, fragt eine Polizistin, in eigenartiger Mischung von Fürsorge und Misstrauen. Ich habe aber mittlerweile eine 105 auf dem Schild gefunden und trete an den Metalldetektor. I need to go in, sage ich ein bisschen sinnlos. Was sollte ich sonst hier wollen? Knüppelsuppe?
Sie guckt mein Rad an, dann mich. Dann einen dicken Beamten, der hinter ihr auf der Treppe steht. What should I do with the wheelchair, fragt sie den Beamten. Der Beamte starrt. Show me, sagt er schliesslich. It’s a bike, sage ich, und zeige ihm das Fahrrad. Just bring it through and step out again. Der Metalldetektor piept einmal beim Reingehen und einmal beim Rauskommen. Ich lege meinen restlichen Metallkram in ein Plastikkörbchen, gehe unbepiept durch den Detektor, sehe zu, wie das Körbchen unbeobachtet durch die Durchleuchtung rollt, während die Durchleuchterin sich um das Befüllen der Körbchen derer kümmert, die nach mir kommen. Ich klaube meine Sachen auf, nehme meinen Rollstuhl und gehe wohin der Pfeil mit der 105 drauf mich schickt.
(to be continued)
