In den Eingeweiden des Internet liegt ein scherzhafter Psychotest vergraben, bei dem man für verschiedene soziale Problemstellungen an einer Pissoirzeile die jeweils passende Antwort zu finden hat. Ähnlich schwierig, aber wegen weniger Geschlechtsorgannähe meines Wissens noch nicht originell beleuchtet ist das Problem des Sitzplatzes in der U-Bahn. Haltestangen, andere Passagiere, ihr Geschlecht, ihre Laune, die Einschätzung ihrer Gesprächigkeit, zurückgelassener Müll, Türnähe, Wärmegradienten – das alles schafft eine komplexe Umgebung, durch die Menschen oft in Sekundenbruchteilen zu navigieren verstehen. Bis die Roboterhunde von Sony so weit sind, werden noch viele Pissoirprobleme gelöst werden.
Er setzt sich links neben mich, ans Ende der Sitzbank und lässt einen freien Sitz zwischen uns. Sein Interesse am Brompton umweht ihn in meinem Augenwinkel wie die Körperaura ein Esoterikopfer, und natürlich dauert es nur Sekunden bis zur unvermeidlichen Frage nach dem Preis und der immergleichen Antwort. Nach seiner Auskunft, so eins noch nie gesehen zu haben, lese ich weiter. Er tippt mir über den Sitzgraben hinweg leicht ans Knie. Ich schliesse das Buch.
Seit Jahrzehnten wohnt er in Jersey City, nachdem er als junger Knabe aus East Orange, zehn Meilen westlich von hier, dorthin umgezogen war. Damals hatte er ein Dreigangrad, und als er seine Liebe zu diesem nun wohl in der Vergangenheit versunkenen Relikt erklärt, verklären sich seine Augen ein wenig. Oder vielleicht will ich das auch nur sehen. Einmal sei er mit diesem Dreigangfahrrad über eine der grossen Brücken gefahren. Hinauf habe er es geschoben, über einen engen Seitenstreifen hinweg, aber dann sei er auf der anderen Brückenseite bergab gefahren, wacklig, gefährlich. Die Erinnerung an den Teufelsritt des Knaben spielt wie ein Film in den Falten seines Gesichts, ein Stück damals das jetzt in einer ruhigen, geraden Linie über die Gleise nach Jersey City gezogen wird.
Seit Jahrzehnten gehe er hinter seinem Haus den Hang bergab und dann über die Eisenbahnbrücke in das Sumpfgebiet der Meadowlands hinein zum Angeln. Vor einiger Zeit hat der Sumpf den Besitzer gewechselt, und noch immer gehe er jetzt über die Eisenbahnbrücke dort hinunter, aber die Sicherheitsleute des neuen Inhabers vertrieben ihn, wenn sie ihn sähen. They run me off, sagt er, aber als ich nachfrage, wie man sich das Verscheuchen eines angelnden Rentners aus den Sümpfen Jerseys vorzustellen habe, stellt sich heraus, dass der Aufseher stattdessen sagte, dass er ihn verscheuchen müsse, wenn er ihn sehe, und er also lieber hinter einigen Büschen angeln solle.
Dann stürzt die vom Rad über den leeren Sitz gebaute Brücke ein und der Fischer und der Radler schweigen, bis er aussteigt am Journal Square und ich noch ein wenig weiter fahre.
