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Fischtagebuch



Monday, February 26th, 2007

Ottoeier

Jetzt wohnen also in diesem Ding da, das praktisch über Nacht in unser Wohnzimmer gestellt wurde, drei Schwertträger, zwei Cichliden, drei Otocinclus, drei Corys und zehn Barben. Einundzwanzig Fische, mit anderen Worten. Eine kleine Armee. Eine Invasion. Eine Enklave.
Innerhalb der Enklave herrschen schon wenige Tage nach dem Einzug klare Hierarchien. Unter den Barben regiert Augustus mit eiserner, nun ja, Flosse, übergeordnet die Schwertträger, denen jede Barbe ohne Widerstand weicht, noch eins drüber die Cichlids, Schwimmkünstler, Denkkönige, Beckenmeister, das Männchen hat sich das Schloss gekrallt und residiert dort, zurückhaltend und würdevoll, endlich ein richtiger, bunter König in diesem verwarzten Algenpalast, sein Weibchen paradiert auf und ab, krümmt sich lasziv, wann immer das Männchen guckt, ein munteres, verderbtes Treiben.
Und unabhängig von dieser Hierarchie, dieser Fischpyramide, leben vor sich hin die Ottos und die Corys. Die Corys taumeln wie schwerfällige Riesenschnauzer durch die Vegetation, dick, ungelenkt und mit einem zitternden, regen Schnurrbart unter dem gutmütigen Gesicht, kleine Hunde, die im Unterholz stöbern, eine tiefe Bassstimme hätten sie, wenn sie eine Stimme hätten. Und dann die Ottos, kleine Haie, immer auf der Jagd nach einem schmierigen Algenfilm, erbarmungslose, lautlose Killer. Oder jedenfalls Sauger und Nuckler. Erbarmungslose, stumme Sauger und Nuckler. Niemand kümmert sich um diese Bodenbewohner, und sie kümmern sich um niemanden. Nur Augustus stellt mitunter einem Coryhund nach, aber nach wenigen Sekunden wird ihm das stets langweilig und der Hund trottet weiter, woanders bellen oder wühlen.
Statt seiner kommt jetzt ein Otto vor der Kamera vorbeigeschwommen und presst den dicken Bauch gegen die Scheibe und mir quasi direkt ins Gesicht. Und was sehe ich da im dicken Bauch? Kleine gelbe Kügelchen. Ottoeier. Und als hätte meine Entdeckung des Eiersegens dafür gesorgt, fängt nun Frau Otto auch an, den Ottokaviar rauszupressen, Ei um Ei. Bilder von Rissen in winzigen gelben Kugeln, winzigem Ottonachwuchs der das Ottogesicht aus der Eischale steckt und lachenden Ottokinderschwärmen tanzen vor meinem inneren Auge, während die Fischin vor meinen Augen den Geburtstanz tanzt. Noch ein Ei, und noch eins, presst sie sich mühsam ab, es sieht ein bisschen aus wie ich mir das bei Menschen vorstelle, jedenfalls ideell und abstrakt stimmt das ein kleines bisschen. Jetzt schwimmt sie an die Oberfläche, ein wenig Luft schnappen vielleicht in der Gebärpause, und bleibt dann reglos dort hängen. Oder vielmehr leblos, denn Frau Otto ist soeben, beim Eierlegen, vom Blitz getroffen worden und jetzt tot. Die Eier aber holen die Barben.
Wer fragt, wo die Natur denn ihren Stachel habe, hat wohl nicht richtig hingeguckt.

Friday, February 23rd, 2007

Schwertträger

Als nach zwei Tagen wie vorhergesagt die Schwaden sich legen und die Umrisse vereinzelter Gegenstände sich aus dem Lehmsturm schälen, müssen nun wohl oder übel die Pflanzen eingesetzt werden. Das muss schnell geschehen, denn der Einpflanzvorgang selbst wird so viel Lehm aufwirbeln, dass man schon von aktivem Verbergen des Grünzeugs sprechen muss, Salatversteck. Ich beeile mich also, muss aber trotzdem nach der Hälfte der Pflanzen wiederum blind Wurzeln in Lehmkies stopfen. Bilder einer grotesk fehlbepflanzten Unterwasserlandschaft vor dem inneren Auge, zupfende Barbenmünder am Unterarm – sehen die Biester also selbst unter diesen fischfeindlichen Umständen noch und verschlängen mich, wenn sie nur könnten? – es ist eine Art kleine Krise und macht jedenfalls viel Dreck.
Zum Glück ist die wirkliche Welt kein Aquarium. Niemand könnte sonst dem schönen Rat folgen, in der Stunde der Not noch rasch ein Apfelbäumchen zu pflanzen, ohne dabei die ganze Nachbarschaft mit Dreckschwaden einzunebeln. Und dann sähe man das Bäumchen ja gar nicht mehr. Zudem würde ein Apfelbäumchen unter Wasser ja auch verfaulen. Da ist es schon besser so, wie es ist.
Im Becken verziehen sich drei Tage später erneut die Schwaden, und es ist wider Erwarten gar nicht alles komplett fürchterlich. Nur hier und da muss eine Wurzel weggesteckt und ein Strunk geradegerückt werden, aber im Ganzen wäre alles ganz proper, sähe es nicht einem Modell der Todeszone rund um Tschernobyl so ähnlich. Pflanzen mit einer millimeterdicken sozusagen radioaktiven Staubschicht überzogen, Menschen mit Flossen statt Armen und schuppiger, gestreifter Haut, und mitten in all dem Wahnsinn ein absurdes Gebäude.
Leider ging mir mitten im schmutzigen Pflanzrausch das Grünzeug aus, und also gähnen ausserdem lehmige Leerstellen in der verwüsteten Pflanzendecke. Das immerhin ist halb so schlimm, denn ohnehin sollen ja noch mehr Fische herbeigeschafft werden, da können dann ja auch Pflanzen mitkommen. Von der Anschaffung zuvieler Fische auf einmal riet Patrick ab, wegen drohender Überkackung, wenn ich das Fachchinesisch richtig gedeutet habe, aber jetzt ist ja schon eine Woche vergangen, und es kann also weitergehen mit dem Irrsinn.
Drei Schwertträger (Xiphophorus helleri) werden diesmal selektiert, lebendgebärende Zahnkarpfen mit hinreissend beklopptem Gesichtsausdruck und einem orangenen Röckchen an, die in Windeseile das Becken mit ihren Jungfischen zupflastern sollen. Ausserdem noch irgendwas Grünes, diesmal was mit grösseren Blättern.
Dass das alles mittlerweile industrielle Ausmasse annimmt, ist mir übrigens noch nicht aufgefallen.

Thursday, February 22nd, 2007

Lehmexplosion

Alles erzählte er mir freilich nicht, der Brite mit dem Wollhut namens Patrick. Also der Brite hiess Patrick, nicht der Wollhut, aber das wisst Ihr ja. Er erzählte mir, dass Edelstahlionen und Sondermetallteilchen sich selbst am Lehm festschrauben, und der Lehm dann wiederum mit dem Wurzeln Sex hat, und dabei kommen dann Pflanzennährstoffe raus. So ähnlich jedenfalls, eine Schweinerei sicherlich, aber eher im übertragenen Sinn. Ausserdem erwähnte er auch noch, dass das Lehmsubstrat eventuell ein klein wenig Wölkchen verursache im Wasser, aber man könne es ja waschen, bevor man es ins Becken gebe, dann sei das nicht so schlimm. Und nach ein paar Tagen seien die Schwebeteilchen dann auch ratzputz weg.
Kein Wort davon, dass nicht der schamlose Wurzelsex, sondern diese Lehmhaftigkeit des Lehms die eigentliche und durchaus bodenlose Schweinerei beim Aquariumbepflanzen vorstellt. Als ich nämlich den Lehmbatzen im Badezimmer in eine Schüssel gebe und dann Wasser draufgebe, explodiert die Welt und zerfällt in eine schmierige Lehmwolke, die durch Kapillarkräfte oder subnukleares Lehmtunneln in Windeseile die gesamte Badewanne einnegert. Das wiederholt sich noch zweimal mit neuen Wasserladungen, und allmählich schwant mir was, aber das ist kein weisses Schwanen, sondern ein dunkelbraun klebriges. Nicht zuviel waschen, hatte Patrick nämlich auch geraten, und einerseits ist zwar nach drei Waschgängen nicht merklich weniger Dreck in der Schüssel, aber so erheblich viel mehr Dreck in der Badewanne, dass mir um die Pflanzen und ihren Wurzelsex bange wird. Aber wenn ich diesen lehmige Mist ins Becken kippe, sterben die Fische ja auf der Stelle an Blindheit, das ist wiederum auch klar.
Aber ich bin ja pfiffig, und stecke also den Schmierbatzen zurück in seine Tüte. Diese Tüte werde ich dann geschlossen im Becken versenken und vorsichtig Brocken um Brocken das Substrat rausklauben, dabei sorgfältig alle Bewölkung des Wassers vermeidend. So wirds also gemacht, erst setze ich die neue Fischherde im Wasser aus, dann wird die Tüte versenkt, und Stück um Stück der Lehm herausgenommen und im Aquarium deponiert. Und tatsächlich gelingt der Plan ein klein wenig, denn erst nach der dritten Handvoll ist das Becken tatsächlich so restlos mit Lehmwolken zugenebelt, dass man die Fische auch dann nicht mehr sieht, wenn sie direkt an der Scheibe vorbeischwimmen.
Im Blindflug verteile ich also das Substrat am Beckenboden so gut es eben geht, und für die nächsten drei Tage ist das Aquarium dann ein düster glimmender, 120 Liter mächtiger Lehmblock. Gelegentlich schwimmt dunkel ein Schatten, und verschwindet wieder in der Tiefe des Drecks.

Tuesday, February 20th, 2007

Aufstockung

Fischfascho und Mundgeruch, beiden ist, das haben die Ereignisse der letzten Wochen gezigt, nicht recht zu trauen. Trotzdem mache ich auf meiner Shoptour beim Mundgeruchsmann kurz Station, aber die Inspektion der Schirme im Fernsehraum zeigt die traurige Übertragung eines Programms der Siechheit. In einem Becken dümpelt ein toter Fisch, bei den Barben schwimmen zahlreiche Fische mit nur noch halben Schwänzen, andere Bildschirme zeigen gleich gar keine Fische. Nein, so geht es nun wirklich nicht.
Stattdessen also rutsche ich mit dem Rad etliche Kilometer nordwärts, wo im Schatten des kleinen Hügels der Geek haust und seine Fische auf der Plantage hütet. Zwar, und das ist der Nachteil dieses Ladens, wohnen die Tropenfische auf engem Raum unterm Dach, und das Klima dort gleicht dem am Herkunftsort der meisten Fische und ist meiner arktischen Konstitution durchaus abträglich, aber was will man machen. Den Klimanachteil mehr als wett macht nämlich Patrick, der in diesem Lebensraum aus unerfindlichen Gründen eine Wollmütze und ein Langarmhemd trägt. Vielleicht weil er Brite ist, und sich auf diese Weise unter den Kaliforniern besser getarnt und also sicherer fühlt.
Unabhängig von diesem Bekleidungsirrtum ist Patrick aber im Vollbesitz seiner Kräfte, und erklärt wie ein rundumkompetenter Trommelgeek auf Duracell die chemischen und physikalischen Kräfte, die aus blossen Pflanzen glückliche Pflanzen machen. Fische sind Patrick zufolge nur eine lästige Zutat, die man hauptsächlich zum Pflanzendüngen braucht. Entsprechend ist er auch nur wirklich zufrieden in seiner Verkäuferrolle, während er mir Hochleistungsleuchtstoffröhren und Kohlenstoff- und Spurenelementdünger aufschwatzt. Die Grossbestellung Fische, fünf neue Barben, drei Schwarzrückenpanzerwelse (Corydoras Metae) sowie ein Brutpaar Purpurprachtbarsche (Pelvicachromis Pulcher) fummelt er zwar nach vager Beratung demütig aus ihren jeweiligen Becken, aber erst als es ans Einsammeln verschiedener Wasserpflanzen zur Erquickung der Fischbrut geht, die dann unter der neuen Hochleistungssonne wuchern sollen wie weiland die Apfelbäume im Paradiese, ist seine Leidenschaft wieder erweckt. „This will grow very well“ sagt Patrick bei jeder einzelnen Pflanze, „those are very nice“, und die positive Grundhaltung zusammen mit dem niedlichen Akzent machen mich eine ganze Salatschüssel voll Grünzeug und einen Riesensack Lehmzement fürs Substrat kaufen.
Ich bin nämlich auf einem Roll, und zwar auf dem Fahrrad, nach Hause, mit einer schweren Tasche voller Fisch um den Hals, einer Papiertüte mit Pflanzen links am Lenker hängend, dem sehr schweren Lehmsack rechts, den Leuchtstoffröhren in ihrer Pappschachtel quer überm Lenker und einem „Vorsicht Überlänge“-Warnblinker in der Arschtasche.
Unerwartet versterbe ich auf dem Heimweg aber nicht, und es fällt auch nichts runter. Ein gutes Omen? Bestimmt.

Monday, February 19th, 2007

Umzug

Wird man mit etwas vertraut, einem Ding, einem Menschen, einem Sachverhalt, dann verliert dieses Objekt der Gewöhnung mit dem Nimbus der Neuheit in der Wahrnehmung auch seine spezifischen Details. Statt Eigenschaften sieht man nur noch die Gestalt des Vertrauten, gegen die selbst erkleckliche Änderungen nur mit Mühe sich abzusetzen vermögen. Wo Neue Sachverhalte und Gegenstände von der Wahrnehmung mühsam aus den Details zusammengepuzzelt werden müssen, ist es umgekehrt die Gestalt des Vertrauten, die seine Einzelheiten impliziert und unabhängig von ihrem tatsächlichen Vorhandensein enthält. Die neue Frisur eines guten Bekannten ist darum ebenso unsichtbar wie die neue Brille eines oft benutzten Klos.
Verändern sich aber nicht nur einige wenige Details, sondern die ganze Umgebung, dann entsteht dasselbe halb beunruhigende, halb erregende Gefühl, das manchmal ohne Anlass aus Vertrauten Fremde macht, und dann jamais vu heisst, nie gesehen!, und man ist wie in ein neues Becken geworfen, schwimmt ratlos hierhin und dorthin und drückt sich das Nasengewebe an den Scheiben platt. Genauso aber geht es jetzt ja den Fischen. Jamais Vu, Barbenherde!
Aus dem alten Becken erst rausgekäschert, dann an die Temperatur im neuen Quartier gewöhnt und schliesslich in die enorme Leere entlassen – das alles, sagte Augustus sichtlich beim Überschreiten des Plastikrubikon zu den anderen Fischen, wird einmal mir gehören – stehen sie nun ratlos und vereinzelt in der grossen Leere. Traurig sieht das aus, winzige Fische im öden Weltall, Planetoiden aus Fisch, einsame Kometen mit lädierten Schwänzen. Quälend langsam bewegen sie sich durch die endlosen Weiten, kaum begegnen sie einander. Vereinzelte Wasserstoffatome bremsen die Fischfortbewegung, und fern über den nun turmhoch aufragenden Wassern funzelt halbgar die alte Neonröhre, ihre Strahlen machtlos gegen die Dunkelheit, die in den Ecken des neuen Grossbeckens sich bereits eingenistet hat.
Es muss sich dieses neue Universum also jetzt mit Materie füllen und mit Licht, damit die Schöpfung voranschreiten kann, und Liebe und Leben ihren Platz in der Kargheit der Existenz einnehmen. Oder so ähnlich. Jedenfalls also Einkaufszeit.

Monday, January 29th, 2007

Filter

Als wir das neue Aquarium zuletzt gesehen haben, lieber Leser, da war schon ein Kiesgrund eingezogen, mit Dekorationen darauf und Pflanzen darin. Das Wasser aber stand nur eine Handbreit hoch über dieser fruchtbaren Urlandschaft, man kann also zwar von einer Überschwemmung sprechen, nicht aber schon eigentlich von einem Aquarium. Zumal weil dieses spezielle Aquarium ungefähr genauso hoch ist, wie mein Arm lang, was ich hauptsächlich erwähne, um Respekt für meine Pflanzkünste zu erwecken. Man muss sich das Pflanzen pflanzen in diesem Becken nämlich so vorstellen, als würde der Bauer vom Scheunendach aus den Weizen im Nachbardorf säen, oder, anderes Beispiel, als würde jemand auf einen Berg steigen, um im Tal drunten ein Kind zu zeugen oder einen Baum zu pflanzen. So weit ist also der Kiesgrund vom Beckenrand entfernt, in metaphorischen Einheiten gemessen.
Das ist aber auch über das Eigenlob hinaus wichtig, weil nämlich die meisten Filteranlagen ja am Beckenrand montiert sind, und also mit nur einer Handbreit Wasser, das sich ja der Schwerkraft wegen am Beckengrund aufhält, nicht zu speisen sind. Füllt man aber das Becken mit Wasser auf, ändert sich das schlagartig, weswegen der kluge Mann sich einen Vorbau beschafft, das heisst, schon vor dem Wassereinfüllen eine Filteranlage ins Haus holt, die dann nur noch zugeschaltet zu werden braucht.
Der erste Versuch einer Anschaffung findet beim Fisch-Fascho statt, der auch sofort auf einen hüfthohen Zylinder deutet, der das Nonplusultra der Filtertechnologie darstelle und folgerichtig dreimal so viel kosten soll, wie „Jason“ pauschal für Aquarium, Kraftkopf, Dildo und Lampe haben wollte. Dafür sei der Zylinder aber auch in Deutschland gefertigt, und nicht wie der mindere Filtermüll, hier zeigt er auf die Aussenfilterbüchsen aus Plastik, in Südasien. Ein kluger Schachzug des Faschos, noch vertrackter und verfänglicher gemacht dadurch, dass auch die asiatischen Filter bei ihm um zirka die Hälfte zu teuer sind und also den verständigen Käufer auch auf diese Weise auf den Luxuszylinder hinsteuern. Er benötigt die so erzielten Mehreinnahmen vermutlich zur Finanzierung der zahllosen schlüpfrigen Bemerkungen über das Sexual- und Ausscheidungsverhalten seiner Fische, die er jetzt fallen lässt, und schnell verlassen wir nach einer halben Stunde Fischanekdoten deshalb auch den Laden. Koprophagen! Geschlechtsumwandlung! Hilfe!
Stattdessen ging es nun zum Fischhändler mit dem Mundgeruch, der gerne zwischen zwei Atemzügen einen Filter rausrückt, für durchaus gefällige Beträge. Es ist eben doch nicht alles gut am Faschismus, verglichen mit dem Mundgeruch.
Zurück ins heute. Der Filter ist ja schon an den Beckenrand montiert, aber noch immer steht nur eine Handbreit Wasser im Becken und der Filteransaugstutzen ragt blöde in die leere Luft. Eine Gallone fasst die Flasche, die ich zum Tankbefüllen nehme, und fünfundzwanzig Mal muss ich also fünf Tropfen Wasserentgifter reinträufeln, zum Waschbecken schlendern, eine Gallone einlaufen lassen, zum Becken wuchten, reingiessen. Ich könnte natürlich auch die Tropfen pauschal für die gesamte Füllmenge gleich ins Becken giessen, aber das ist bestimmt nicht gesund für die Steine. Oder das Glas. Es lauern Gefahren ja überall.
Nach ungefähr der Hälfte des sisyphoiden Arbeitseinsatzes fasst der Filterrüssel Wasser, und schlürfend springt der Apparat ins Leben. Noch fünf weitere Flaschen lang dauert es, bis die Wassersäule über den Rand des Filterbeckens gezogen ist und der Kreislauf durch Schwamm, Aktivkohle und Biosteine ernstlich in Gang gerät. Und dann ist das Becken auch schon voll. Toll.
Im kleinen Becken sitzen unterdessen die Fische, kaum sichtbar, in einer trüben Wolke aus aufgewirbeltem Dreck über den verstreuten Kiesresten und treten ratlos Wasser. Euch holen sie als nächstes, Fische. Ha!

Monday, January 29th, 2007

Plantage

Im Zuge der Urbarmachung des Sands und der Steine erlernte der Mensch allerlei Dinge über den Teil der Welt, der grün angestrichen ist – beziehungsweise innen drin grüne Farbbeutelchen namens Chloroplasten enthält, wie wir heute wissen. Es stellte sich zum Beispiel heraus, dass die Wurzeln unten aus den Pflanzen herauskommen und in Erde gesteckt werden müssen, dass auch Pflanzen Sex haben und man das Insekten nennt, und dass man alle Pflanzenteile essen kann, aber nur bei ganz Bestimmten dann auch was Interessantes passiert. So kam die sogenannte Bauernschläue in die Welt und blieb da sitzen bis heute.
All das hilft mir jetzt aber rein gar nicht beim Versuch, den Umzug aus dem kleinen ins turmhoch darüber aufragende grössere Becken zu planen. Pflug, Esse und Kunstdünger mögen ihren Platz haben, wenn auf dem Hofgut Einsiedel die Zuckerrübe genährt werden soll, in meinem Aquarium geht es um andere Dinge. Oder vielleicht würde ein gründliches Durchpflügen hier auch helfen, locker ausgeworfene Furchen, aufragend in der Mitte der Zusammenschmiss, werweiss wüchse der Spinat dann noch einen Tick furioser in die Höhe. Ich werde es nie erfahren, mangels Pflug.
Aus der vergangenen Unbill weiss ich mir herzuleiten, dass Nitronella und Nitrierchen einen festen Fuss fassen müssen, ehe vergleichsweise höheres Leben, also zum Beispiel Barben und Ottos, sich tummeln können. Nun bin ich ja heutzutage in der vergleichsweise glücklichen Lage, über von Nitrobakter-Zivilisationen im mindestens schon präatomaren Zeitalter überzogene, man könnte fast von Verschleimung sprechen, Steinchen und Gebilde zu verfügen, die in nitrobakterreichen Fluten baden. Ganz zu schweigen von den Pflanzen. Und dem Schloss! Es ist also ausgemachte Sache: erst zieht das Wasser, dann der Kies, dann die Deko, dann die Pflanzen ins neue Becken um. Und wenn dann dort ein neues Nitrozeitalter heraufgezogen ist, werden mit dem Schleppnetz auch die Fische aus dem verödeten Altqaurium geklaubt und ins neue geworfen. Fein, so also wird es gemacht.
Leider bringt aber so Wasser neben Nässe auch erklecklich Gewicht mit, ein Gramm pro Kubikzentimeter mal Joule durch Kelvin, und das alte Aquarium ist weder mit gutem Zureden noch durch dran Rumzerren vom Müll namens Tisch zu bekommen, aus Gründen dieses Gewichts, also seiner schweren Masse. Das neue hingegen wiegt schon leer und nur mit einer niedrigen Kiesgrundlage befüllt, so viel, dass es nur noch mit grosser Mühe anzuheben ist. Füllte man Wasser hinzu, würde es noch schwerer! Knifflig! In einem Eimer könnte man wohl das Wasser zwischenstauen, aber woher einen Eimer nehmen, in dem nicht Seifenpartikel Fischfeindlichkeit etabliert haben?
Am Ende lasse ich einfach pfiffig ein starkes Drittel des Altwassers über den Saugschlauch ins Neuaquarium ab. Beide Becken sind nun unter Ächzen und Keuchen grade so eben bewegbar, und es schwappt aus dem Alten auch fast gar nichts oben raus, als ich es vom Müll nehme und auf den Boden stelle. Oder jedenfalls ist es nur Wasser, das da rausschwappt, und so eine Wohnung ist ja nicht aus Zucker.
Jetzt geht alles Schlag auf Schlag. Weiteres Wasser wird umgesiedelt, dann mit voller Hand der vollgekackte Fischkies eingestreut, und die Pflanzen aus dem Grund gerissen und strategisch ins jungfräuliche Kiesbett gesetzt. Der promiskuitive Spinat hat seit seiner Ankunft hier sage und schreibe sieben Ableger produziert, echter Fickspinat, beziehungsweise Masturbationsspinat, weil es sind ja keine weiblichen Spinate im Spiel. Es ist ein Segen, dass im Aquarium kein Pflug vorhanden ist, es wäre sonst das Lustgewächs gar nicht mehr unter Kontrolle zu bekommen. Diese Sieben und die anderen Pflanzen gründlich im Boden verankert, den Lavastein und das Schloss neu errichtet, steht einer endgültigen Befüllung des neuen Lebensraums nun nichts mehr im Wege.
Mangels eines langen Schlauches wird das aber ein bisschen dauern. 100 Liter lang.

Saturday, January 27th, 2007

Ein Becken fährt Rad

Wenn man als Mensch ein neues Becken braucht, muss man erstmal eine Treppe runterfallen, dann vernehmlich „Aua“ sagen und zum Arzt gehen, und sogar dann ist der Vorgang langwierig, schmerzhaft und ziemlich teuer. Fische hätten es da eigentlich leichter, brauchten nur im Internet nach einem gebrauchten Aquarium zu suchen, ein oder zwei Emails verschicken, und das billig gefundene neue Heim nach Hause karren. Aber zu all dem sind Fische natürlich zu klein, zu nass und zu dämlich, und deshalb muss ihnen wieder einmal der Mensch unter die Flossen greifen und helfend einschreiten.
Per Email also frage ich nun an Fisches statt bei Jason an, der der Inhaber einer Kleinanzeige ist, ob sein altes Aquarium auch einen Filter mit im Paket habe, und noch zu haben sei. Stunden später dann schon die Antwort, verwirrenderweise nicht von Jason, sondern von James. Filter habe er keinen, Licht aber und Heizstab, und einen Kraftkopf werfe er mir gratis noch mit in den Deal. Und Kies ja obendrein. Kraftkopf, Kies, mir summt die Milch, aber ich danke James, vereinbare einen Zeitpunkt, zu dem ich an Fisches statt bei ihm auftauchen werde, und tauche dann zu diesem vereinbarten Zeitpunkt auch tatsächlich an Fisches statt bei ihm auf. James wohnt im ersten Stock eines kleinen grauen Häuschens, über eine kleine graue Aussentreppe geht es da nach oben, auf der als ich mit dem Rad anrolle schon ein junger Mann erwartungsvoll steht. Das ist aber nicht James, sondern er geht grade. James sei „up there“, und dann kommt auch schon jemand raus, „hey Jason, someone here for your brother“ ruft der Abgängige rauf, stimmt aber gar nicht, weil mein Geschäftspartner nun angeblich doch Jason heissen will, und James nur den Email-Account für die Transaktion hergegeben habe – das tischt mir „Jason“ nun jedenfalls so auf. James werde ich im Verlauf des Folgenden nicht zu Gesicht bekommen. Vielleicht gibt es ihn gar nicht.
Schon beim Eintritt versucht „Jason“ meine Zweifel zu zerstreuen, indem er mir einen Plastikeimer mit Kies zeigt. Den könne ich gerne mitnehmen, wenn ich wolle. So leicht bin ich aber nicht über den Tisch zu ziehen, erst will ich das Aquarium sehen, dann können wir über den Kies reden, Freundchen, denke ich, nicke aber freundlich. Man muss in Geschäftsdingen sehr aufpassen!
Im Wohnzimmer dann sehe ich gleich das Becken. Man will mich wohl für dumm verkaufen, das Ding ist völlig verdreckt und voller Gerümpel, ausserdem bis zum Rand voll Wasser und sowieso viel zu gross. 29 Gallonen sagte ich, nicht 55, sogenannter „Jason“! Wie sich aber schnell auflöst, handelt es sich bei dem grossen Becken um sein eigenes Aquarium, das Gerümpel sind Korallen, der Dreck Fische, die ich wegen ihrer enormen Grösse erst gar nicht als solche erkannt habe, und das eigentliche Becken steht vor mir am Boden. Na bitte, geht doch. Nur „James“ ist nirgendwo zu entdecken, man hat mich also schon auf der Treppe belogen.
Ansonsten scheint alles seine liebe Ordnung zu haben, durch die Scheiben kann man durchgucken, an der Leuchtröhre sind alle vorgeschriebenen Kabel dran, und also kaufe ich das Ding. Den Kies lasse ich aber, trotz „Jason“s Drängen, stehen.
Jetzt will das Monster nur noch nach Hause gebracht werden. Es ist schwer und gross und sperrig und voller Kraftkopf, Leuchtröhre und Heizdildo, und muss also auf die Querstange am Fahrrad gestellt werden, das ist ja klar. Dann schiebe ich das Fahrrad die paar Blocks nach Hause, im sicheren Gefühl, die künftige Heimstatt der angeknacksten Barbenherde dabei der maximal erreichbaren Bruchgefahr auszusetzen und also sozusagen Feuerzutaufen. Danach kann dann von Rechts wegen nichts mehr passieren.
Ein kleiner Höhepunkt ereignet sich, als ich das Aquarium auf dem Rad balanciere und dabei gleichzeitig die gefederte Haustür entriegle und öffne, Hei!, das ist ein Schwanken und Dräuen. Einer der Nachbarn flieht dann auch schnell vor der Explosionsgefahr in seine Wohnung, kommt aber sofort wieder rausgepoppt.
„Oh. Ein Aquarium“ sagt er, aber auf Englisch. Und zischt wieder rein. Recht hat er.

Friday, January 26th, 2007

Die Eisenhowerlösung

Und es wurde Morgen und es wurde Abend, der dritte Tag. Und zwar der dritte Tag im Kalender des grünen Giftes. Nach zwei Tagen Grünglut, so stehts auf der Flasche, soll man dem Aquarium eine zweite Dosis zusetzen, und also goss ich am Vorabend nochmal siebeneinhalb Mililili ins Filterbecken und beobachtete abermals bass erstaunt, oder vielmehr eher bassbariton erstaunt, wie aus orangefarbenem Gift giftgrünes Wasser wird. Ein Chemiker erklärte mir, dass das Gift unter Lichteinfall angeregt werde und dann fluoresziere, und in hoher Konzentration diese nun ausfluoreszierten sekundären Photonen wieder aufgefangen würden, und also höhere Anregungsgrade erzielt werden können, die dann orange aussehen, oder aber das Fluoreszenzgrün einfach weggefangen wird, und deswegen sieht es dann orange aus, oder wieder ganz anders, ich konnte nicht recht folgen. Ich glaube darum vorsichtshalber kein Wort, und also stattdessen weiterhin an schwarze Magie. Beziehungsweise plutoniumgrüne.
Sieht man sich nun durchs halbgewusste grüne Glimmen hindurch die neuerlich unter Führerattacken leidenden Fische näher an, sieht man zweierlei. Zum einen sind die Tiere noch immer nicht gesund, sondern vom Pilz zernagt und von der Lethargie geplagt, zum anderen aber scheint der unmittelbare Flossenbrand gestoppt, und die weisslichen Ränder in der Abheilung vielleicht begriffen zu sein und also eine Wende vor der Tür zu stehen. Die aber andererseits vom Fischkillerfisch Augustus sofort wieder zunichte gemacht würde.
Muss also doch noch die Todesstrafe verhängt werden über das renitenten Geschöpf? Augustus eingefangen, in eine Plastiktüte mit Wasser gesteckt und ins Gefrierfach getan, damit er sanft in den Kälteschlaf gleiten und im Fischjenseits wieder aufwachen kann, jenseits der grünen Wiese, wo gebratene Geisterschrimpe aus der Luft ins Wasser fallen und zartgliedrige Fischelfen Rumba tanzen? Wo der Fisch des Fisches Freund ist, oder doch zumindest ein unbeteiligter Passant oder Zuschauer, und nicht ein Wolf im Barbenpelz?
Es ist verlockend, einerseits. Aber pah, nix da, Rumba! So weit kommts noch!
So sinnvoll eine solche Hinrichtung im Hinblick auf das Wohlbefinden der Gesamtbevölkerung nämlich auch sein mag, so rational, so ganz im Sinne des Utilitarismus und durch und durch ethisch, ich kann mich zu dergleichen Frivolitäten nicht durchringen – man hat mich ja noch nicht mal in mein Hinrichteramt hineingewählt, sondern ich bin sozusagen selbsternannt – und entscheide mich stattdessen für den diametral entgegengesetzten, und also völlig irrationalen und wahnsinnigen Weg, den der grosse Fischfreund Dwight D. Eisenhower vor geraumer Zeit schon messerscharf vorhersah: wenn man ein Problem nicht lösen kann, orakelte der kluge Mann, dann muss man es vergrössern. Und zwar von 10 auf 29 Gallonen.
Damit nämlich dann in den endlosen Weiten dieser neuen unkartierten Wasserwüste der Fischfaschist Augustus sich rettungslos verlaufe, und niemanden mehr zum Zwacken oder Trietzen finde und so seine Lektion doch noch eingebimst bekomme. Jawohl, so soll es geschehen, ein neues Aquarium muss her.
In den letzten Zügen glimmt jetzt somit grün das alte Becken. Geniesst euer Gift, Fische, bald kommt eine neue Welt.

Thursday, January 25th, 2007

Rückkehr und Abschied

Die Menschen sprechen davon, dass morgens die Sonne aufgehe, im Osten, dann aufsteige über das Himmelsrund und schliesslich im Westen wieder untergehe, das alte Stück, um die Welt der finsteren Nacht zu überlassen. Und dann freilich wiederzukehren, für Nachschlag. Epistemologisch wird der Vorgang gerne als Beispiel für die Unmöglichkeit induktiven Schliessens hergenommen, denn nichts kann uns Sicherheit darüber geben, dass der Sonnenlauf auch morgen so sich ereigne und nicht etwa andersrum. Epistemologisch verlässt man sich am Besten auf gar nichts.
Obendrein ist aber diese ganze Darstellung, mit ihren Unter- und Zwischentönen von Hoffnung und Aufbau, von Höhepunkt und von sehnsuchtsvollem Abschied, ein gewaltiger Irrtum. In Wahrheit dreht sich ja die Erde wie ein Brummkreisel um ihren eigenen Nabel, den Nordpol, nichts steigt, nichts sinkt, und der monströse Feuerball Sonne ballert hirnlos Strahlung in die Schwärze, als gäbe es keinen Morgen und keinen Abend, und auch sonst ohne sich um unsere Illusion eines Tagesablaufs zu scheren.
Diese Einschränkungen halte man im Hinterkopf, wenn ich nun erzähle, dass an diesem Morgen die Sonne über einer traurigen, grünglühenden Szene aufging, und einer der gestreiften Fische leblos am Filterstutzen klebte, angesogen von der Strömung, aber vom minderen Druck natürlich nicht durch die Öffnungen gesaugt, blöde Frage. Eine Atmosphäre Überdruck saugt nicht mordlustige Weltraummonsterköniginnen durch ein kleines Loch ins Vakuum, und auch die totgemordeten Opfer eines Fischtyrannen haben Zusammenhalt, und zerstäuben nicht sofort in ihre Bestandteile wenn die Entropie an ihnen zerrt. Stattdessen wird die Fischleiche nun von mir behutsam gepflückt und landet im Müll. Das mag fühllos scheinen, aber Sonne und Universum scheren sich schliesslich auch nicht.
Wie nun erging es unterdessen Augustus? Gab ihm der Tod des unschuldigen Kofisches zu denken, den er doch durch sein Flitzen und Jagen verschuldet hat? Trauert er nun womöglich um den verreckten Gefährten, beklagt dessen gebrochene Augen? Die Schwanzflosse, die nicht mehr schlägt, das stolze Herz, und so weiter? Es ist schwer zu sagen, denn Augustus ist nicht aufzufinden.
Am Vortag hatte ich dem Verbrecher, von seinem angstvollen Verharren wider Willen angerührt, die alte Sonnenbrille in den Schwimmknast geworfen, hinter der Ken immer so keck, so jugendlich dynamisch gewirkt hatte, damit auch Augustus sich nun hinter ihren getönten Gläsern verbergen und aus dieser Sicherheit heraus vielleicht resozialisiert werden könne. Und muss nun also erstmal die Brille rausnehmen, ehe ich glaube, dass der Malefitzfisch tatsächlich ausgebrochen ist, die blöde Sau. Und wirklich, nachdem sich meine Augen wieder ans grüne Glimmen gewöhnt haben, sehe ich ihn putzmunter und kreuzfidel zwischen den kränkelnden Übriggebliebenen auf und ab sausen und zweifellos spitze Bemerkungen streuen und Zwietracht säen. Er muss in einem kecken Anflug von Mut den Sprung gewagt haben über die aufragende Plastikwand und in die Freiheit.
Enttäuscht wende ich mich nach einer Weile vom Schauspiel ab, aus dessen unveränderter Konstellation siecher Opferfische und fröhlicher Täterfische mir keine Freude erwachsen mag. Weil ich zu lange ins Grün gestarrt habe, scheint mir nun die ganze Welt orangerot, als ginge so kurz nach ihrem Aufgang die Sonne auch schon wieder unter, rotfeurig, denn Blut wurde vergossen an diesem Tag.
Das ist aber nur eine Illusion und geht bald vorbei.