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Berkeley



Tuesday, November 21st, 2006

Klick, Klack

Er führt nicht. Noch immer tragen die Fische im Paartagesabstand weisse Punkte im Gesicht und am Gesäß, und allmählich pfeifen die Flankenatmer auf der letzten Kieme. Die Fancies schwimmen noch ein gutes Stück mühsamer und ratloser als es sowieso schon ihre fehlgezüchtete Art ist durch die Gegend, aber auch der genreine Urgoldfisch sieht schwer urlaubsreif aus.
Dann hängt Klick eines Abends am Einsaugstutzen des Filters fest, wedelt hilflos mit der Flosse, und das Mass ist voll. Behutsam wird der Fisch aus dem Maelstrom gepflückt, und mit seinem Kollegen Klack zur Schnecke in die Aquarienaussenstelle verfrachtet, denn zu einem Überleben im Grossstadtdschungel Kleinaquarium fehlt den beiden Fischbällchen offenbar im Augenblick die nötige Verve oder Chuzpe oder Aquarität oder was. Wir geben nochmal ein paar Tropfen blaues Malachitgrün ins Hauptbecken, fühlen uns aber im Ganzen sowohl von den Fischen als auch vom aquaristisch-industriellen Komplex und seinen Giften, der ja ohne Zweifel hinter der ganzen Misere steckt und Milliardenbeträge an Gewinn aus dem Elend unserer Goldfische zieht, und diese Leidgewinne dann sicherlich zu noch wesentlichen finstereren Zwecken verwendet, ungut verschaukelt, respektive nicht ernst genommen. Eilig zu Rate gezogene aquarienerfahrene Freunde können da auch nur ratlos mit den Schultern zucken.
Am Morgen nach ihrer Ausquartierung schwimmen dann sowohl Klick als auch Klack kieloben, und eine Tristessetapete kleistert sich selbst in unsere muffigen Oberstuben. Weh, als ahne er das nahende Ende, driftet auch der Urfisch durch seine blaue Suppe, weisse Punkte an der Flosse, sogar mitten auf jedem müden Auge befindet sich so ein weisser Punkt.
Laus! Höhnst Du uns? Ha, wie unrecht!

Monday, November 20th, 2006

Formalin und Malachitgrün

Die Fischlaus mit den tausend Jungen (Iä! und abermals Iä!) ist zwar, wenn am Fisch angebracht oder in der Kapsel aufbewahrt, unerreichbar für konventionelle, chemische, biologische und atomare Sprengköpfe. Aber wenn die Lausekinder schwärmen, kann man dem Ich die Suppe versalzen. Ins Aquarienwasser gegeben sorgt Salz nämlich auf biologisch abbaubare und umweltfreundliche Weise dafür, dass Wirbellosen der Saft entzogen wird, als leblose Hülle falle Ich dann zu Boden, sagt das Internet, und schon nach zwei versalzenen Lebensyklen, einer Woche also, sei alles wieder in schöner Ordnung. Die einzige Komplikation, die Tatsache nämlich, dass ja auch die Rennschnecke als ordentlich Wirbellose unter den Auswirkungen einer Einsalzung zu leiden hätte, wird durch ein Ausquartieren des Schleimrasers in eine handelsübliche Küchentupperdose elegant umschifft. Die Dose ist aber natürlich nicht wirklich von Tupper, es ist einfach irgendeine Plastikdose. Das nur für die Puristen.
Die Schnecke wohnt nun also in der Schüssel, derweil die drei Fischstooges mit Argusaugen beworfen werden und unter der ungewohnten Aufmerksamkeit mal hierhin und mal dahin schwimmen. Die Tage ziehen salzig ins Land, die Schnecke dreht Kreise in der Schüssel, die Fische haben mal Weisspunktausschlag, mal haben sie keinen – ein unter Parasitologen sicherlich als Ichschwankung bekanntes Phänomen – und es geht ihnen jedenfalls mit jedem Tag ein bisschen schlechter. Salz an lebende Fische zu geben, führt offensichtlich zu rein gar nichts, und die Ökobehandlung wird abgebrochen.
Stattdessen kaufen wir beim Fisch-Fascho, wie wir unseren bärtigen und mürrischen Aquaristen liebevoll nennen, ein Riesenfass einer Mischung aus Malachitgrün und Formalin, die man ohne zu übertreiben als Giftcocktail bezeichnen kann, und geben nach Anleitung ein paar winzige Tropfen des Teufelszeugs ins Wasser. Malachitgrün färbt putzigerweise alles, womit es in Berührung kommt, und das durch diesen Kontakt nicht auf der Stelle eingeht oder zerfällt, blau. Daher wohl der Name, Malachitgrün. Chemikerhumor, lustig. Aber führt Chemikerhumor zuverlässig zum Ichzerfall?

Monday, November 20th, 2006

IKEA, Emeryville

1
Lederpöang wippt leicht unter meinem Gewicht, Echo der von hunderten von jungen Paaren ausgelösten Schwingungen, die durch den Boden der Dauerausstellung im ersten Stock des IKEA Emeryville laufen, ein andauerndes, leises Erdbeben. Ich bin erschöpft von gar nichts, Begleiterscheinung der Rekonvaleszenz, und beobachte das Stuhltestverhalten der IKEAkunden. Eine junge Japanerin läuft vor mir vorbei, zieht am Bezug von Pöang, findet nichts, geht scheinbar wahllos zu zwei anderen Sesseln inmitten der gut zwei Dutzend, die hier stehen und kontrolliert die Lücke zwischen Rückenpolster und Sitzpolster, vielleicht braucht sie Kleingeld für eine Waschmaschinenatrappe. Eine weitere Japanerin gesellt sich dazu, sie kommunizieren ohne Worte, weitere Stühle werden getestet, noch immer wahllos. Eine dritte kniet sich vor einen Roterstoffbezugpöang mir gegenüber, stellt eine grosse Vase mit einer Handbreit Wasser und einem lebenden Goldfisch darin neben sich ab, und sucht das Fahrwerk des Sessels ab. Ich stehe auf, obwohl ich noch immer müde bin, und gehe weiter.

2
Die junge Frau ereicht die mässig vollbesetzte Cafeteria nach ihrem Einkaufswagen, aber vor den beiden älteren Frauen, die sie begleiten. Sie setzt sich an einen der grossen, runden Tische, parkt ihren Einkaufswagen so, dass er vier Sitzplätze blockiert, setzt sich selbst auf einen freien Stuhl und legt die Beine auf einen der blockierten Stühle zu ihrer Linken. Während der gesamten Zeit, die ich am Tisch sitze und Koettbullar in mich hineinrolle, sehe ich aus dem Augenwinkel ihre Schuhe auf dem Stuhl wie einen blutigen Verkehrsunfall, und ärgere mich über ihre rücksichtslose Verwöhntheit und meine eigene moralische Projektion zu gleichen Teilen.

3
Das kleine Apartment, das an einer Biegung des durch den Ausstellungsraum führenden Wanderweges liegt, wird offensichtlich von jungen Smarties bewohnt, auf dem Beistelltischchen liegt ein Wired, auf allen waagerechten Flächen stehen Flachbildschirmattrappen und simulieren Modernität. Ich allerdings bin mehr an der Eckcouch interessiert. Sie liegt voller nickliger Kissen, die in diesem allegorischen Gemälde wohl die Geschmacksarmut des jungen Programmierers vertreten, und die sich nun auf einen sich türmenden Haufen konzentriert finden. In die entstehende Kissenlücke sinke ich, und blättere blicklos im Wired. Excuse me, sagt eine Frau, als sie mir nahekommt, um ein Möbel zu inspizieren, als sei das hier tatsächlich mein Wohnzimmer. Derart aus der Mediation gerissen, blicke ich um mich, und entdecke auf der Korkwand, die offenbar für jedes Familienmitglied einen Abschnitt hat, einen Zettel mit der Aufschrift “I hate you”. Beim Versuch, ihn zu fotografieren, verhakt sich etwas in der Mechanik des Kameraspiegels, der Bildschirm zeigt Err 99, und die Kamera versagt den Dienst.

4
Kurz vor den Kassen des Möbelmolochs hat der Schwede die As-Is Abteilung montiert. In der As-Is Abteilung stehen leicht angeschimmelte und -dellte Möbel und warten auf neue Herrchen, die sie adoptieren. Oder sich auf sie draufsetzen und wegdriften, so wie ich und die Frau neben mir. Zwischendurch erwache ich mehrfach aus dem Dösen und beobachte, wie die Menschen zu meiner Linken den As-Is Bereich betreten, und ihn nach einer Schleife durch die Wrackversammlung hinter mir zu meiner Rechten wieder verlassen. Ein junges Paar bleibt am Rande meines Blickfeldes stehen, diskutiert, dann scheint eine Entscheidung gefallen und er geht resolut davon und beginnt, Waren von einem Einkaufswagen zu laden. Gemeinsam wuchtet das Paar einen ausgesprochen hässlichen Eckschrank auf den nun leeren Wagen. Wieder entspinnt sich nun eine Diskussion zwischen den beiden.
Unterdessen kam die Begleiterin meiner Nebensitzerin zurück, “where is our cart” fragt sie, und meine Nebensitzerin deutet vage vorwärts, “over there, the one with the flat stuff”. Beide begutachten nun die pappschachtelfarbenen Pappschachteln, und kommen aber rasch zum Schluss, dass das nicht ihr Wagen ist. Sie blicken sich, sehr ratlos, um, und kurz bevor sie ihre ausgewählten Möbel an der Seite eines Ausstellungsstückes lehnend finden, setzt auch in meinem Kopf Dämmerung ein.
Hektischer blicken die beiden Frauen nun um sich, eine nähert sich dem hässlichen Eckschrank und dem ihn bewachenden Weibchen, “did you take a cart from over there” fragt sie, die Antwort ist unhörbar, aber wie aus dem nichts taucht jetzt das Männchen des Weibchens auf, und beide schnüren, Eckschrank und einen zweiten Wagen im Schlepptau, davon. Ratlos zurück bleiben die beiden geprellten, die offenbar nicht nur bestohlen, sondern auch noch belogen wurden, und ich muss erneut den Fläzort wechseln, des guten Geschmacks wegen. Einkaufen ist anstrengend.

Monday, November 20th, 2006

Ichpinzettenbedarf

Ein Gespenst geht um im Aquarium, das Gespenst der Beulenpest. Über Nacht nämlich haben sich auf allen Fischen weise Flecken gebildet, mitten auf dem Auge bei einem der Goldfische, entlang der Flossenkante und an der Fischflanke.
Kleine weisse Punkte, so belehrt uns das Internet, sind ein Parasit namens Ichthyophthirius multifilis, übersetzt also „die Fischlaus mit den tausend Kindern“, Iä, Iä! Kurz sagt der Lausekenner dem kleinen Tierchen „Ich“, das spricht sich im englischen aus wie ein vom schönen Wort icky abgeleiteter Ekligkeitsausruf, und sieht im Deutschen aus, als wäre man selbst es, der die Fische plagt: Gesamtkunstwerk Laus.
Ich ist ein schlimmer Geselle, hat einen ungefähr drei Tage langen Lebenszyklus, in dem er erst sich nährend am Fisch nuckelt, dann in eine selbstgebaute Rettungskapsel steigt und sich absprengt, und schliesslich im Inneren der auf dem Aquariengrund liegenden Kapsel mittels Lausporno und Spucke die im Namen erwähnten tausend Kinder zeugt. Dann geht die Kapsel auf, die Brut befällt die Fische wie ein Kindergartenausflug den Streichelzoo, und der ganze Jammer beginnt von vorne. Mal tausend.
Unsere drei Goldfische tragen vorerst ihre Ichs noch mit Würde spazieren, aber bald schon, das ist offensichtlich und unvermeidlich, wird die Ichlast die harmlosen Tiere in die Flossen zwingen und dem Fischlachen ein Ende bereiten, denn unbehandelt, da sind sich die rechtschreibkreativen Onlinefischexperten einig, gibt es zur Laus nur eine simple, grausame Wahrheit: Ich tötet.

Friday, November 17th, 2006

Ken und Schnecke

Drei Fische! Es ist eine regelrechte Fischstadt, die sich da auf unserem Teppich gebildet hat, eine Art Urzeugung könnte man das nennen, wenn nicht mit grosser Wahrscheinlichkeit sowieso schon zahlreiche Milbenmetropolen in und unter unserem Teppich einen Wettstreit der Zivilisationen austrügen und also von Urzeugung nicht die Rede sein könnte. Um die Überlegenheit der Fische über diese Vorläufermodelle auch geographisch deutlich zu machen, holen wir uns Müll von der Strasse, nennen den Müll Tisch, und stellen das Aquarium drauf. Fertig ist die Oberstadt.
Das hat aber leider auch einen Nachteil, den wir nicht bedacht haben: man sieht die Fische jetzt viel besser. Was also können unsere Gäste Robert und Beret dafür, dass sie, als sie morgens die müden Augen aufschlagen und als erstes die zu einer Zivilisation erster Stufe erhobene Fischtrias erblicken, sofort und unrettbar in ehrlich empfundene Liebe zum schuppigen Gesindel verfallen? Nichts, natürlich, es ist ja praktisch unvermeidlich. Selbst ich sehe mich Sympathieanbrandungen ausgesetzt, und ich kenne die Fische und ihre Tricks doch schon seit ein paar Tagen und habe ausserdem das Aquarium auf den „Tisch“ gewuchtet und mir dabei den Kopf verrenkt. Aber das gehört hier nicht her.
Robert und Beret jedenfalls sind den Vagabunden der Meere, wie man Goldfische ja auch nennt, rettungslos verfallen, und kaufen ihnen folgerichtig, oder jedenfalls in annähernder Folgerichtigkeit durch einen asiatischen Tierladenangestellten komplett fehlberaten, einen striped tiger loach und eine Schnecke als Weggefährten auf der grossen Reise, die das Leben ist. A moll, G dur, C.
Die Schnecke macht es sich gleich gemütlich, rennt kreuz und quer durchs Becken, steigt das Schloss rauf, fällt runter und führt sich überhaupt auf wie ein harmloser und sympathischer Irrer. Der Loach Ken hingegen – der Name wurde quasi mit dem Tier schon mitgeliefert, so offensichtlich ist er – ein länglicher Fisch mit bösen Gesichtstentakeln und einem fiesen Charakter, beginnt seinen Aufenthalt bei uns, indem er einen simplen Patrouillenplan aufstellt – „erst Schloß, dann Plastikstein, dann wieder Schloss, usw. Allen anderen in den Arsch treten“ – und sich mit bewundernswerter Disziplin an die Umsetzung der ehrgeizigen Unternehmung macht. Nach kurzer Zeit treiben im Becken drei nervöse Goldfischwracks, und es kann so ganz offensichtlich nicht weitergehen.
SS Ken also wird nun mit einem Netz eingefangen und weggebracht. Niemand bekommt gesagt, wohin, und es fragt auch niemand. Nacht bricht herein. Irgendwo rast eine Schnecke.

Friday, November 17th, 2006

Fancy Shmancy

Der Fisch hat sich eingewöhnt, eingewohnt sogar schon. Mal schwimmt er nach links, mal nach rechts, man könnte sich selber ans Zugucken regelrecht auch gewöhnen, beziehungsweise Spass daran haben, wenn es nicht nach wie vor so sehr langweilig wäre. Warum aber ist eine solche Langeweile um den an sich doch lustigen Fisch (Keine Beine! Mund auf, Mund zu!)? Weil der Fisch alleine ist. Und es ist nicht gut, dass der Fisch alleine sei. Seltsamerweise bin ich es, der sich zu dieser ein wenig wackligen Schlussfolgerung genötigt sieht, und nicht C., aber es ist nunmal, wie es eben ist, und also werden, zack, zwo neue Fische gekauft, zur Vergesellschaftung des edlen Wilden, und zur Reizzufuhr auch.
Diese neuen Fische aber sind seltsam von Gestalt und Wesen. Der Mensch, in seiner überschaubaren Weisheit, sah sich offenbar über die Jahrhunderte weg Goldfische an, lachte sich über einzelne, ein wenig verwachsene Exemplare kaputt, und setzte sie in ein Humoraquarium, wo sie mit anderen verwachsenen Freaks unerhörte sexuelle Orgien veranstalteten und noch entstelltere Kinderfische rauskackten. So pflanzen sich Fische nämlich fort, es ist nicht schön, aber Biologie.
Die beiden neuen Fische sind deshalb ungefähr kugelförmig, mit gespaltenen, mächtigen Schwänzen und Farbklecksen auf den Schuppen, schwimmen als wüssten sie nicht, wies geht und heissen deshalb Fancy Goldfish, als wir sie kaufen. Wenig später, als sie spastisch zuckend um unser Plastikschloss taumeln, heissen sie aber schon Klick und Klack und alles ist wieder in Ordnung. Vereinzelt schwimmt jetzt sogar mal ein Fisch ins Schloss hinein und wieder heraus. Lebensfreude pur.

Thursday, November 16th, 2006

Totfisch

Jetzt tut es mir doch ein bisschen leid, dass ich den Fisch einen Scheissfisch schalt, denn nun ist er tot. Fische verfügen, in Gefangenschaft jedenfalls, über keinerlei erkennungsdienstliche Infrastruktur oder polizeiliche Oberaufsicht, wir wissen also nicht mal, ob es Mord war oder ein Unfall. Vielleicht hat der Fisch einfach den Alkohol nicht vertragen und wurde vom Kater geholt, wenn ich mir diesen kleinen Scherz im Angesicht des grimmen Schnitters Tod erlauben darf. Wir sind die seinen, blubb, blubb.
Totengräber gibt es bei Fischens offenbar auch keine, das verstorbene Tier wird vom Wasserstrom aus dem Filterkasten in eine Ecke gedrängt und bleibt dort zäh sitzen. Dann geht es aber auf die Toilette und kommt nicht zurück. Auch eine Lösung.
Für den verbleibenden Fisch werden jetzt in Windeseile Kieselsteine angeschafft und ins Aquarium gestreut, es muss sehr schnell gehen, ehe auch dieser letzte Fisch noch stirbt und wir ganz sinnlos mit einem leeren Aquarium dastehen. So muss es Gott damals auch ergangen sein, bei seiner Schöpfung. Der Mensch war schon fertig, und guckte neugierig mit dem einen Auge, während er mit dem anderen schon Pestizide ausschwitzte, und Gott musste schnell noch Schnabeltier, Giraffen und Ameisenigel fertigbasteln, ehe der Affe wieder ausstirbt und alles für die Katz war. Anders kann man sich die ganzen Designfehler doch gar nicht erklären.

Thursday, November 16th, 2006

Fischwasser, Marsch!

Was nun tun? Zwo Fische sitzen, vorübergehend so quartiert, in einem Plastikgefäss und gucken, seien wir ehrlich, ziemlich doof. Mund auf, Mund zu. Schwimmen nach links, nach rechts, im Kreis. Was soll das, Fische, zeugt das von Geist, Verstand, Herzensbildung? Oder nicht vielmehr tatsächlich von blinder Vertiertheit? Seid ihr denn wirklich nichts als ein monströser Irrtum der sogenannten Evolution, der Blinddarm der Tierwelt?
Immerhin gefällt es den beiden Flossenträgern nicht recht in ihrem neuen Quartier, das zeugt von Geschmack und gibt Hoffnung, womöglich kann das Tier sich bessern, und, dem Laubfrosche gleich, eine intellektuelle Karriereleiter erklimmen, an deren Ende dann immerhin Gespräche übers Wetter stehen könnten. Obwohl andererseits Gespräche übers nordkalifornische Wetter noch ein bisschen fader verlaufen als das Leben von Amphibien oder Goldfischoiden ohnehin schon.
Jedenfalls aber lädt C. in Sekundenschnelle nun ein Aquarium aus dem Internet herunter, samt Filteranlage, Sprudelstein, Plastikschloss, Plastikstein und Fischwasser drin. So jedenfalls finde ich das Möbelstück vor, als ich nach Hause komme und meinen Hut an den Schirmständer leime, neben dem Fernseher am Boden, und drin sitzen die Insektenartigen und glotzen. Mund auf, Mund zu. Goldfischflocken wurden als Attachment mitgeliefert, es ist für alles gesorgt, und die schönsten Klischeebilder aus Funk und Fernsehen können sich jetzt täglich in unserem kleinen Haushalt wiederholen oder vielleicht sogar erstmalig entfalten. Scheissfische.

Wednesday, November 15th, 2006

Komplement

Wie eine Oase aus Beton liegt das chirurgische Zentrum in einer Wüste aus Gebrauchtwagenhandelsparkplätzen, die sich bis zum Horizont erstrecken, selbst vom Wartezimmerfenster im neunten Stock aus. Aus dem Aufzug trete ich in einen Eingangsbereich voller herabhängender Kabel und Baumaterialien, ein winziges Cafe und eine kleine Apotheke sind die einzig funktionierenden Elemente der Halbruine. Ich trete zwischen die eineinhalb Regale, wähle aus Calciumcarbonattabletten mit Fruchtgeschmack und ohne, mit extra Stärke und ohne, aus Markentabletten und Hausmarke die geschmacklose Hausmarke in Minderstärke, und lese gedankenlos noch eine Tüte Knuspriges mit Cheddargeschmack auf, als Lunchersatz. Während ich meine Waren an der Kasse ablege formt sich ein Gedanke, aber noch ehe ich ihn aussprechen kann, sagt die Kassiererin “good combination”. Wir lachen.

Monday, November 13th, 2006

Blinddarm Alarm VI

Ist nicht das Leben, nicht die Welt ein einziger ausgedehnter Urlaub in einem wunderbaren Wintersportgebiet? Und ist es nicht angenehm, wenn der Druck, fortwährend Entscheidungen über Abfahrtsstrecke und Schrägungswinkel zu fällen, der den Abfahrtslauf so anstrengend und gleichzeitig aufregend macht, weggenommen wird, und man stattdessen in einem Achterbob unter jamaikanischer Leitung als Ballastsack die Bahn hinabschliddert. Man hat keinerlei Kontrolle, aber dafür kann man die Aussicht geniessen und kriegt vielleicht von leckeren Drogen ab.

Ich wurde vermutlich vom Subjekt zum Objekt dieser kleinen medizinischen Komödie, als jemand irgendwo in einer Notrufzentrale den Hörer abnahm, aber definitiv geschieht es jetzt, als Schnauz ins Zimmer tritt und mich aus dem Morphiumtaumel zurück ruft. Ich hätte tatsächlich zuviel Weisse im Blut, sagt er, und die Katze zeige eine leichte Vergrösserung des Zielorgans, und somit sei wohl alles entschieden. Man könne den Blinddarm auch gleich hier rausnehmen, sagte Schnauz, und machte eine angedeutete Bewegung auf meinen Bauch hin.

Ob er denn auch Hühnerblut und Schweineinnereien zur Hand habe – hübsches Wort, Schweineinnereieien – um die Wunderheilung angemessen durchzuziehen frage ich schlagfertig messerscharf zurück. Leider glückt mir die Äusserung nicht ganz, und ich lege stattdessen rasselndes Atmen und debiles Grinsen vor. Schnauz ist es gewohnt, und kontert mit der nächsten Nummer seiner Patientenunterhaltungsrevue: wir warten wohl besser auf den Chirurgen, der komme am Morgen und werde dann am Wochenende wohl einen schönen grossen Fisch fangen mit dem aus mir rausgeschnittenen Köder. Aber nicht, halte ich dagegen, dass der Fisch dann Blinddarmentzündung bekommt, das arme Tier, oder stelle mir jedenfalls vor, das zu sagen. Oder gesagt zu haben.

Jetzt warten wir erstmal bis ein Bett frei wird, sagt Schnauz, einfach ruhig liegen und die Fahrt geniessen. Dann jagt der Jamaikaner mir nochmal Dope in die Armbeuge, man könnte sich regelrecht dran gewöhnen, und der Schlitten, der hier mit mir gefahren wird, kommt richtig in Fahrt. Hei!