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Monday, December 18th, 2006

Hungerstreik

Ich muss nun zugeben, in der sozialen Frage nicht vollständig auf dem Laufenden zu sein. Viele interessante und wichtige Dinge gibt es in der heutigen komplexen Welt, und wer über die aktuellen Videoangebote sich zum Obst machender Jugendlicher und wegen Kaubonbons explodierender Flaschen mit Diätlimonade unterrichtet zu sein wünscht, kann nicht auch noch die Klassiker sozio-ökonomischer Analyse studieren, das wäre zu viel verlangt und muss auch dem hartleibigsten Revolutionär einleuchten und ihn gefügig machen.
Selbst nach dieser Vorrede allerdings muss ich die fast völlige und sattelfesteste Sicherheit zu Protokoll geben, mit der ich über das Vorkommen von Hungerstreiks unter der herrschenden Klasse unterrichtet zu sein vorgebe. Solche Streiks, so weiss ich nämlich messerscharf, gibt es rein gar keine, es ist der Hungerstreik nun einmal definitiv kein Herrschaftsinstrument sondern die letzte Zuflucht der Machtfernen. Nämlich ist es vielmehr umgekehrt ja so, dass wenn die Armen kein Brot essen wollen, aber die Reichen keinen Kuchen haben, dann Versorgungsengpässe entstehen und die folgende Mehlknappheit, nein, vom Bäckerwesen verstehe ich ja gleichfalls nichts und breche diesen Gedanken hier ab.
Was also, so muss man fragen, nachdem nun die Sinnlosigkeit seines Tuns quasi durch politische Theorie abgesichert und festgestellt ist, reitet den Fisch Augustus, dass er, der doch Inhaber und alleiniger Bewohner des bunten Schlosses ist, seit Tagen schon das Futter verweigert? Oder genauer gesagt, es erst einnimmt und dann sofort angewidert wieder ausspeit?
Möchte er, seiner durch Plastikwände und Endlichkeit der beherrschten Wassermassen eingeschränkten absolutistischen Machtvollkommenheit bewusst, die Errichtung weiterer Satrapenschlösser oder Fischpfalzen erpressen? Die man ja durch eine einfache syntaktische Operation aus einem Fisch und einer Pflanze leicht herstellen könnte – der dumme Augustus würde es zweifellos nicht spannen und wärs vielleicht sogar zufrieden.
Oder wünscht er vielleicht die Vermehrung seiner Untertanenschar um weitere armselige Fischgestalten, um letztendlich ein Fischheer ausheben und in unser Wohnzimmer mit böser Absicht einmarschieren zu können?
Andererseits will vielleicht mit seinem Protest der Fischadlige nur zu verstehen geben, dass der Flockenfrass ihm nicht wie Kuchen, sondern wie Brot vorkomme, oder sogar wie die Abwesenheit von Brot, und also den Speiseplan durch demonstrative Verweigerung umwerfen und revolutionieren.
Aber natürlich erreicht das Tier das reine, kugelrund genaue Gegenteil durch sein Verhalten. Denn jetzt geht es erstmal dem Sinnbild seiner Macht, dem Algenteppich, ans Leder. Gleich morgen.
Na warte, Augustus.

Sunday, December 17th, 2006

Ackerbau

Aber erstmal passiert etwas ganz Unerwartetes, jedenfalls wenn man in geologischen Massstäben rechnet, wie man das ja beim Betrachten von Biotopen und Ökosystemen ganz automatisch muss. Rechnet man nach dem menschlichen Kalender, konnte man es andererseits längst kommen sehen, denn die langen, fussligen Spinnenfinger der Ablegerwurzeln bilden sich ja nicht über Nacht. Der Spinat ist der erste, der sich mopsig macht, an der Spitze jedes einzelnen Blattes haben sich noch kleinere Blätter gebildet, Fraktalspinat möchte man sagen, würde nicht auch unten an den kleinen, neuen Blättern dran sich zusätzlich der erwähnte Wurzelstock gebildet haben, der das ganze aus dem Reich der mathematischen Visualisierung in die finstere Grube der Perversion rückt oder zerrt. Pflanzen sollen sich nicht selbst wie ein Tumor vermehren, sondern sich schöne Blüten wachsen lassen, mit strotzenden, prangenden Blütenblättern, in die wir geniesserisch unsere Nasen versenken können, um uns an früher zu erinnern, als wir schon Mal so eine Pflanze gerochen haben, damals, im Krieg – bildlich gesprochen. Aber die bereits erwähnte Tatsache, dass Fische keine Nasen in unserem Sinn haben, hätte einen natürlich misstrauisch machen können.
Der Unterwasserspinat also baut keine Blüten, sondern wie Monster aus dem Horrorfilm kleine Kopien von sich selber, die er dann aussendet, damit sie die Welt unterwerfen. Eine Weile sehe ich mir das mit an, man ist ja langmütig, aber dann wird es mir zu dumm und ich zwicke die Klonkrieger vom Mutterschiff ab und verräume sie im nahegelegenen Kiesbett. Das wird ihnen eine Lehre sein. Saubande, grüne.
Als nächstes dann findet sich im Gewächs mit den lanzenförmigen Blättern ein winziges anderes Pflänzchen derselben Art, ohne dass sich erkennen liesse, wo es herkomme. Zwei winzige Blätter am Pflanzenkind sehen Keimblättern zwar verdächtig ähnlich, aber weder Blüte noch Saatgut sind ja in Sicht. Ein Mysterium. Auch dieser Pflanzenwaise wird nun zügig verbracht, um eine eventuelle Zusammenrottung gleich im Keim zu ersticken. Wer weiss, wozu zwei von diesen Dingern mit ihren Lanzen noch in der Lage wären.
Die dritte Pflanzensorte, ein mächtiger Strunk mit Blattauswüchsen dran, zeigt noch keine Anzeichen des Fortpflanzungswillens, arbeitet also sicherlich verdeckt schon an einer Geheimwaffe, mittels derer das Aquarium mit Angst und Schrecken und neuen Strünken überzogen werden wird.
Werden würde, vielmehr. Denn ich bin ja ein knitzer Kniffel und auf der Hut.

Saturday, December 16th, 2006

Schlossbesetzer

Es ist kein Wunder, dass das Schloss, kaum ist es prunkhaft verziert und statussymbolhaft angeschmiert, das Interesse der sozialen Aufsteiger unter der Fischbesatzung auf sich zieht. In einem Plastikbatzen, der derart absolutistisch herrlich und statusaufgeladen prangt und protzt, will natürlich jedes Insekt gerne Hausherr sein, und also herrscht ein reges Reinkommen und wieder Rausgeschmissenwerden auf dem herrschaftlichen Gut.
Besonders ein Barbenrüde tut sich als Hausbesetzer hervor. Man kann ihn am kleinen schwarzen Fleck zwischen seinen Streifen erkennen, einem besonderen Abzeichen wohl, das ihn zum Aufseher über all die anderen Barben macht. Kommt ein Fisch dem Schloss zu nahe, wird er umgehend einmal quer durchs Aquarium gehetzt, dann kehrt der rüde Rüde stracks an seinen Standort in der Schlosslobby zurück und der Spass beginnt von vorn. Ununterbrochen quasi geht der Fisch, der noch nicht einmal der grösste in der Herde ist, gegen jedes Eindringen in sein Schloss mit eiserner Flosse vor. Dass er keine Waffen für sein schlimmes Treiben benutzt, liegt sicherlich nicht an mangelnder Gewaltbereitschaft, das sieht man dem Tier an. Wir taufen ihn deshalb erst Ernst-August, dann, um ihm endgültig eine Lehre zu erteilen und ihn praktisch durch Benennung vom Ding zur verantwortlichen Person zu machen, und so zu zähmen, nennen wir ihn Augustus. Es hilft aber alles nichts, es bleibt der Fisch ein Trubelmacher.
Wer hätte das gedacht, möchte man da sinnend fragen, dass also auch im niederen Tierreich materielle Güter den Charakter so gründlich verderben können, und dass ein bisschen Algenwachstum aus einem friedliebenden, geradezu lieblich freundlichen Fisch eine reissende Bestie macht. Aber man ist natürlich von den ständigen Unterwasser-Schlägereien vollständig abgelenkt und fasziniert und kommt zu gar nichts mehr, schon gar nicht zu sinnendem Fragen oder wohlbedachten Antworten darauf.
Dass alles Fragen und Erklären sich zu Ende drehe, ist eine verbreitete Begleiterscheinung sozialer Unruhen und einer der Gründe, aus denen diese Unruhen manchmal nicht so positiv gesehen werden wie das Wort „Unruhe“ das eigentlich erwarten liesse. Auch hier im Becken ist das so.
Die Algen müssen also weg.

Friday, December 15th, 2006

Nicht saugen!

Fische sind feige Hunde. Das klingt paradox, aber die Fakten sprechen eine deutliche, wenn auch etwas leise, Sprache. Es ist eigentlich gar keine richtige Sprache, genaugenommen. Weil man ja unter Wasser zwar sprechen kann, aber fast gar nicht verstehen, was gesprochen wird, hat die Natur nämlich von der Entwicklung von Unterwassersprachen ursprünglich abgesehen, und sie nur nachträglich bei Delfinen und Walfischen doch noch eingebaut, weil die sich an Land schon ans Plaudern gewöhnt hatten und ihnen im Meer dann langweilig gewesen wäre. Fische hingegen sind stumm wie ein Pantomime mit Schuppen und breitem Fischschwanz, und es macht ihnen nicht mal etwas aus.
Es ist aber trotzdem offensichtlich, dass die Fische Angst haben. Das erkennt man daran, dass sie sich hinter dem Schloss verstecken, in einer engen Gruppe zusammensteckend, und kleine Schilder hochhalten, auf denen „Oh!“ und „Ach!“ steht. Auch pinkeln sie ängstlich und wie in Panik, vielleicht. Man müsste mal nachsehen. Was aber macht den Fischen so arge Angst?
Es sind ich und mein Staubsauger. Und wenn ich ehrlich bin, würde mich ja ein hundert Meter hoher Zylinder (suius! suius! suius!), der durch die Strassen ramentert und Gegenstände mittels eines zehn Meter durchmessenden Schlauches fortstiehlt, auch ein wenig beunruhigen. Zumal, wenn das Ding Lärm machte wie eine Herde Bassbarsche beim Fischkonzert. Ich selbst finde ja schon das normal grosse Staubsaugergeräusch ehrfurchteinflössend und andachtgebietend unangenehm. Wäre ich klein wie eine Barbe, ich hätte wohl selber die Hosen voll jetzt, und habe also Mitleid mit der Angstdemonstration der Mikrokarpfen hinterm Schloss im Becken im Wohnzimmer im Apartmenthaus in Berkeley. In Amerika.
Andererseits ist es aber auch wieder lustig, die vorlauten und beisswütigen Barben auch mal in ihre Schranken gewiesen zu sehen. Man kann ihnen lebende Ratten zeigen, Bilder von Angelhaken und Chemieunfällen, Haifischpostkarten und Harpunen, nichts rührt sie. Aber mit dem Staubsauger kriegt man sie dran. Haha.
Idioten.

Friday, December 15th, 2006

Das bunte Schloss

Zuhause derweil ist alles in Ordnung, rede ich mir ein, während doch in Wahrheit alle verfügbaren Oberflächen im Wasser vor Algen nur so strotzen. Ein gelber Acrylschwamm wurde unterdessen angeschafft, der das Gewächs von der Scheibe kratzen hilft, ohne die Scheibe selber mit abzukratzen. Das gelingt auch wirklich, aber nur dort, wo man mit einem angewinkelten Arm auch hinkommt, und nur unter erheblichem Beckengeschwappe. Ein regelrechter Algenvernichtungstsunami tobt jeden Abend durch die kleine Fischwelt und tobt anschliessend dann auf unserem Teppich noch ein wenig weiter, jedenfalls riecht es bedenklich, wenn man die Nase reinsteckt in dieses Toben, was ich deswegen hübsch bleiben lasse. Bin ja nicht bescheuert.
Stattdessen nehme ich meine Augen und halte sie unverwandt aufs Schloss drauf, denn was der Scheibe zum Nachteil gereicht, steht dem Plastikschloss gut zu Gesicht. Die Fassade ergrünt und erbraunt in schönster Algenpatina. Kämen japanische Fische meine Barben besuchen, sie fertigten beglückt ganze Fotoserien davon an und kauften sich T-Shirts oder Schnappsgläschen, die sie für Saketässchen hielten, bedruckt mit der Schlossansicht, um sie dann zuhause mit den Fotos zu vergleichen. Es ist, mit anderen Worten, ein zuckerschönes Schloss wie von Ludwig selbst in mein Aquarium geschmissen.
Weniger schön ist, dass der umliegende Ackerbau der Schlossverschönerung wegen darniederliegt, weil alle braven Pflanzenmenschen unter der Algenlast ächzen und stöhnen müssen. Gibt es denn keinen Gewinn, ohne dass ein anderer zu leiden hätte, keinen Luxus ohne Armut, kein buntes Plastikschloss ohne welken Javaspinat?
Bis die Frage beantwortet ist, reibe ich eben selber die Pest der Unterdrückung von den Blättern, aber es gelingt mir nur halb, vielleicht weil ich mit den Ausbeutern selbst im Bunde stehe und sie, qua Fischkack, dick und fett mäste. Vielleicht müsste mal eine Revolution angezettelt werden, auch gegen mich, im gebeutelten Becken. Aber woher einen aufgeklärten Fisch nehmen, der die Ketten, die es zu sprengen gälte, auch nur wahrnähme? Ken ist ja nun leider tot und von einem Marxfisch oder Engelsbarsch weit und breit nichts zu sehen.
Vielleicht besser so, es würde ja vermutlich ohnehin nach ein-, zweihundert Jahren das Experiment scheitern und irgendwas Schlimmes im Aquarium geschehen, Totalitarismus zum Beispiel. Und da sei GOtt vor.

Thursday, December 14th, 2006

Absturz

Als ich an diesem Morgen zur Arbeit komme, ist etwas nicht so, wie es immer ist.
Ist es das Licht? Das Wetter? Wurde einer der Bäume vor dem Fenster umgelegt über Nacht, vor seiner Zeit? Es dauert noch einen weiteren Moment, aber dann fällt es mir auf: Ken, der sonst kurz nach meinem Auftauchen die Nase aus dem Schloss steckt, ist nicht da. Beziehungsweise sein nasenförmiges Fischgewebe ist nicht da, um genau zu sein.
Ich öffne am Aquariendeckel die Klappe. Das geschieht stets nur, um Futter ins Kenbiotop zu werfen, was der kleine Racker auch weiss, und deshalb täglich mit geschwommenen Spiralen seine Freude ausdruckstanzt. Heute aber bleibt das Becken spiralenfrei und mir wird seltsam zumute.
Ich nehme den Deckel komplett ab, hebe das Schloss an und nehme es dann heraus, gleichfalls die Sonnenbrille. Ratlos und eine Spur dämlich spähe ich von unten in die lind schleimigen Fischmöbel, aber es ist nichts drinnen ausser eben Schleim. Im Becken aber ist jetzt nur noch blanker Kies.
In dem ich jetzt also wühle, den Fisch zu finden. Erst zaghaft und vorsichtig, dann mit allen Fingern zugleich siebe ich den Kies bis auf den Acrylgrund. Auch hier kein Fisch. Ich blicke mich nun völlig verdummt im Zimmer um und suche die versteckte Kamera oder den Kollegen, der feixend die Tüte mit dem Fisch hereintrüge und „Oktober, Oktober“ riefe. Andere Länder haben ja nämlich immer noch andere Sitten. Es kommt aber niemand.
Ich hebe das Aquarium an. Nichts drunter. Ich untersuche den Tisch. Nichts drauf. Ich gucke unterm Tisch. Fischfehlanzeige. Ich hebe das Aquarium nochmal an. Immer noch nichts.
An dieser Stelle schaltet sich in meinem sonderbaren Kopf erstmals die Logikmaschine zu. Wenn, so sagt die Logikmaschine, der Fisch nicht im Becken ist und nicht auf dem Tisch, und nicht unter dem Tisch, dann muss er woanders sein. Dankeschön, Logikmaschine.
Und so fange ich also an, auch an Stellen zu suchen, wo der Fisch gar nicht sein kann, auf meinem Kopf, in meinen Schuhen, in der Teetasse. Aber wenn ich ehrlich bin, stimmt das gar nicht, und ich versuche nur, dem traurigen Ende ein wenig Komödie beizumischen. Tatsächlich nämlich suche ich nur erneut unter dem Tisch, auf allen Vieren krabble ich, und sehe den vertrockneten Fisch dann unter dem Nachbartisch liegen. Ein arger Laut des Elends entringt sich mir.
Wie die Untersuchungen ergeben, hat der Schlauch, durch den das Aquarium belüftet wurde, den Deckel an einer Seite weit genug aufgehalten, um dem wild springenden Ken Durchschlupf zu gewähren. Vom Schlupfspalt dann sprang das Tier in die schmale Lücke zwischen den beiden Schreibtischen, und dann, zügig verendend, auf dem Boden unter den Nachbarstisch. Man möchte es sich gar nicht ausmalen, wie der Fisch mit brechenden Augen verschieden sein muss, die Flossen anklagend emporgereckt. „Warum?“ riefen die rissigen Lippen.
Offenbar springen Loache gerne in die Höhe, und Loachaquarien müssen deshalb fugenlos loachdicht gemacht werden. Erfahre ich jetzt, von meinem schizophrenen Freund. Ein wenig spät, schizophrener Freund, findest Du nicht?
Tschüss, Ken. Es war schön mit Dir.

Wednesday, December 13th, 2006

Stabilisierung

Findet man, so sagt der schizophrene Irre, der das Internet vollschreibt, in einem neuen Aquarium Nitrit, dann ist das ganz gut, es ist aber auch total schlecht. Gut, weil also Nitronella anwesend ist und das Wasser nitritifiziert. Schlecht, weil nicht ausreichend Nitrierchen die anschliessende Nitratifikation des Nitritifikats durchführen. Und tatsächlich weist der Indikatorstreifen auch keinerlei Nitrat aus, erkennbar wie je am bioeierschalfarbenen Quadrat.
Aber Zeit, die eindimensionale Schnepfe mit der schmutzigen Phantasie, pflastert alle Kratzer im Weltgefüge mit Schorf zu, und so ist denn auch nach noch ein paar weiteren Tagen und einem weiteren Ausflug ins Essigsaure das Nitrit in den Keller, das Nitrat auf den aufsteigenden Ast umgezogen, der Säurepegel stabil und die Krise endgültig und ein für alle mal überwunden, denn jetzt ist das Aquarium eingewohnt.
Die Barben kennen sich auch schon blendend aus, nur ganz selten verschwimmt sich mal eins, biegt hinterm Schloss zum Beispiel falsch ab, stösst unerwartet auf eine Pflanze und hängt dann verwirrt im Wasser wie Christbaumschmuck an der Zimmerpalme. Meistens nehmen die Tiere aber die richtige Abzweigung, stossen dann auf eine Pflanze und hängen verwirrt im Wasser, aber mit voller Absicht und also quasi planvoll. Die stille Würde der Natur wird hier nur übertroffen vom stillen Lächeln des Betrachters.
Wenn es aber Futter gibt, lässt der Fisch den Schabernack einen guten Mann sein – er versteht nichts von der Materie, weil er nicht in Worten denkt, sondern in Blasen – und tritt prompt zur Fütterung an. Eine kleine Wolke Fisch szintilliert erregt, nur hingeschrieben sieht das noch besser aus als im Aquarium selbst, und stürzt sich gierig auf die Flockenfragmente, die aus der Hand ihres GOttes auf sie runterregnen, oder runtererdeln, oder wie man das im Wasser nennt. Und dieser GOtt bin ja ich. Ein tolles Gefühl.

Sunday, December 10th, 2006

Die Algenpest

Kennen Sie den? Kommt eine Barbe in die Bierbar von Sevilla und sagt „einmal Haareschneiden bitte“.
Jetzt, wo die Stimmung gelöst ist und die Krawatten gelockert, können wir vielleicht mal ein ernstes Wörtchen reden, liebe Leser. Und dieses ernste Wörtchen, beziehungsweise Wort, es ist nämlich relativ lang, ist „Algenpest“. Na gut, nicht so lang wie „Ammoniakvergiftung“, aber immerhin.
Das Teuflische nämlich ist dies: jede Flocke, die ich arglos ins Wasser werfe, um die Fische frohlocken zu sehen, wird zwar erst gefressen, dann aber später, wenn ich nicht hingucke, wieder rausgekackt, und sodann von Nitronella und Nitrierchen zu Nitratpartikeln umgebaut. Aber damit hat der Irrsinn ja noch kein Ende: auf den Nitratpartikeln siedelt sich Algengen an, eine Substanz, die in der Lage ist, Algen hervorzubringen also, und bringt von da an unverlangt und wie aus dem Nichts Algen hervor. Vermaledeites Algengen!
Überall im Becken wuchert es nun braun daher, auf dem Schloss zuerst, dann an den Wänden, auf dem Heizstab, dem Sprudelschlauch, den Steinchen. Nichts ist der fiesen Alge heilig, auch auf den Pflanzen macht sie sich breit. Sogar auf den Algen selber wachsen Algen.
Das Internet, das ich natürlich sofort um Hilfe bitte, weiss auch nicht so recht. Mal rät es zur sofortigen Algenvertilgung, dann wieder sagt es, dass Algen Nitrat aus dem Wasser rausnehmen und im Austausch Sauerstoff per Chlorophyllese reintun, und dass man sie ruhig machen lassen soll. Schizophrenes Internet, wie charmant sind deine Ratschläge!
Ich halte mich dann auch prompt daran, lasse die Algen auf Schloss und Stein gewähren, schrubbe sie aber sorgfältig von den Fensterscheiben und den Pflanzen runter, mal hü, mal hott. Es ist zwar nicht gut, dass der Mensch oder der Fisch allein sei, aber die Pflanze schon. Die Chlorophyllese gelänge ihr unter einem Algenteppich nämlich nur schlecht, sie wäre dauernd abgelenkt.
Im Rahmen des bekloppten Sauberrubbelns finde ich dann übrigens auch die Antwort auf eine äonenalte Menschheitsfrage: Barben beissen. Es kitzelt aber mehr so.

Saturday, December 9th, 2006

Update

Rechts unten am Browserfenster geht, während ich einen Artikel über die Evolution des Altruismus lese, damit ich nicht für ein totes Projekt in Matlab programmieren muss, ein kleines Fenster auf, mit einer dunkelgrauen Wolke drin, aus der es regnet. „Berkeley – Light Rain“ steht drunter. Ich blicke auf und aus dem Fenster, und sehe nach einigen Sekunden die kleinen Tropfen im Gegenlicht.

Friday, December 8th, 2006

Pflanzenerwerb

Die heftige pH-Drift, so reime ich mir zusammen, liegt einerseits an der Ungepuffertheit unseres Leitungswassers, andererseits aber vor allem an der mangelnden Bakterienbesatzung der Wasserzone. Beidem abzuhelfen wackle ich guten Mutes zum Fisch-Fascho, denn schon sind die sieben Fische ja respektable sieben Tage alt, und also über den Sechstageberg oder Sechstagekrieg, und es ist keineswegs mehr eine Krise, sondern fischbewahrender Alltagstrott der mich jetzt zum Fachmann führt. Ein warmer Kokon aus Fischväterlichkeit umwölkt mich.
Kies ist schnell gekauft, mit puffernden Kalkbrocken drin. Pflanzen müssen nun her. Denn auf den Pflanzen seinen Wurzeln ihren Windungen wohnt Nitronella, im Geäst aber haust Nitrierchen und aus dem Äpfeln oder Beeren kann man lecker Suppe kochen, oder Kompottbrei. Verzeihung, ich besitze ein Fieber, von der Erkältung her, und weiss nicht ganz, wie mir ist. So ungefähr wird es aber schon hinkommen. Her jetzt mit dem Gewächs.
Ein Watt pro Gallone murmelt bedrohlich der karibische Fisch-Fascho-Assistent und wiegt das dreadlockige Haupt. Da gedeiht nicht viel, in einem Watt pro Gallone.
Ob er mich wohl richtig verstanden hat? Ich habe doch weder eine Gezeitenzone noch ein dekoratives Schiff in meinem Dings, Aquarium. Aber er ramentert schon weiter, zerrt hier ein Unkraut aus einer Kerbe, murmelt Unverständliches, zupft da ein Bündel Spinat aus dem Kies und schwenkt es bedenklich, wirft schliesslich noch eine grüne Wollmaus auf den Gemüsehaufen drauf („I’ll give you one of these for $2“, es ist schwindelerregend), steckt das ganze in einen Gefrierbeutel, und schickt mich fort.
Zuhause überlege ich kühn, dass eventuell vorstellig gewordene Nitriergeschöpfe ja längst im Altkies wohnen könnten, und mische also Altkies und Neukies ein wenig, lege also ein gehöriges Mischkiesparkett aus im Wohbecken, und versenke nun die Pflanzen drin. Oder vielmehr versuche es. Das ist gar nicht leicht, weil Wasserpflanzen absurderweise Auftrieb haben, weiss der Kuckuck, was das nun wieder soll. Überall gucken Wurzeln aus dem Kies und streben lampenwärts. Zudem umschwimmen Fische ratlos meine Finger, man wird nervös. Beissen Barben?
Vielleicht ist es ja grade diese Umkehrung der Verhältnisse, die luftwärts strebenden Wurzeln, die Wasserartigkeit der „Luft“ im Aquarium selbst, die in dieser „Luft“ fliegenden Vögel mit Flossen, dieser Zerrspiegel unserer eigenen Existenz, der uns das Aquarium so teuer macht. Wahrscheinlich sind es aber eher die 20 Dollar für ein schäbiges Gewächs, das man dann noch nichtmal richtig eingegraben bekommt, weil es lieber schwimmt als pflanzt.
Am Ende ist aber alles, wo es soll, ein Garten der Lüste. Säure im blauen Bereich.