Als ich an diesem Morgen zur Arbeit komme, ist etwas nicht so, wie es immer ist.
Ist es das Licht? Das Wetter? Wurde einer der Bäume vor dem Fenster umgelegt über Nacht, vor seiner Zeit? Es dauert noch einen weiteren Moment, aber dann fällt es mir auf: Ken, der sonst kurz nach meinem Auftauchen die Nase aus dem Schloss steckt, ist nicht da. Beziehungsweise sein nasenförmiges Fischgewebe ist nicht da, um genau zu sein.
Ich öffne am Aquariendeckel die Klappe. Das geschieht stets nur, um Futter ins Kenbiotop zu werfen, was der kleine Racker auch weiss, und deshalb täglich mit geschwommenen Spiralen seine Freude ausdruckstanzt. Heute aber bleibt das Becken spiralenfrei und mir wird seltsam zumute.
Ich nehme den Deckel komplett ab, hebe das Schloss an und nehme es dann heraus, gleichfalls die Sonnenbrille. Ratlos und eine Spur dämlich spähe ich von unten in die lind schleimigen Fischmöbel, aber es ist nichts drinnen ausser eben Schleim. Im Becken aber ist jetzt nur noch blanker Kies.
In dem ich jetzt also wühle, den Fisch zu finden. Erst zaghaft und vorsichtig, dann mit allen Fingern zugleich siebe ich den Kies bis auf den Acrylgrund. Auch hier kein Fisch. Ich blicke mich nun völlig verdummt im Zimmer um und suche die versteckte Kamera oder den Kollegen, der feixend die Tüte mit dem Fisch hereintrüge und „Oktober, Oktober“ riefe. Andere Länder haben ja nämlich immer noch andere Sitten. Es kommt aber niemand.
Ich hebe das Aquarium an. Nichts drunter. Ich untersuche den Tisch. Nichts drauf. Ich gucke unterm Tisch. Fischfehlanzeige. Ich hebe das Aquarium nochmal an. Immer noch nichts.
An dieser Stelle schaltet sich in meinem sonderbaren Kopf erstmals die Logikmaschine zu. Wenn, so sagt die Logikmaschine, der Fisch nicht im Becken ist und nicht auf dem Tisch, und nicht unter dem Tisch, dann muss er woanders sein. Dankeschön, Logikmaschine.
Und so fange ich also an, auch an Stellen zu suchen, wo der Fisch gar nicht sein kann, auf meinem Kopf, in meinen Schuhen, in der Teetasse. Aber wenn ich ehrlich bin, stimmt das gar nicht, und ich versuche nur, dem traurigen Ende ein wenig Komödie beizumischen. Tatsächlich nämlich suche ich nur erneut unter dem Tisch, auf allen Vieren krabble ich, und sehe den vertrockneten Fisch dann unter dem Nachbartisch liegen. Ein arger Laut des Elends entringt sich mir.
Wie die Untersuchungen ergeben, hat der Schlauch, durch den das Aquarium belüftet wurde, den Deckel an einer Seite weit genug aufgehalten, um dem wild springenden Ken Durchschlupf zu gewähren. Vom Schlupfspalt dann sprang das Tier in die schmale Lücke zwischen den beiden Schreibtischen, und dann, zügig verendend, auf dem Boden unter den Nachbarstisch. Man möchte es sich gar nicht ausmalen, wie der Fisch mit brechenden Augen verschieden sein muss, die Flossen anklagend emporgereckt. „Warum?“ riefen die rissigen Lippen.
Offenbar springen Loache gerne in die Höhe, und Loachaquarien müssen deshalb fugenlos loachdicht gemacht werden. Erfahre ich jetzt, von meinem schizophrenen Freund. Ein wenig spät, schizophrener Freund, findest Du nicht?
Tschüss, Ken. Es war schön mit Dir.
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