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Wednesday, June 2nd, 2010

Der Colonel hört nicht

I
Peinliche Zeiten. Weinerlichrotes Kryptonit bloggen; zum ersten Mal im Leben die Bohemian Rhapsody “so richtig hören” und prompt heulen müssen; alle verfügbaren Emotionen zugleich bei vollem Bewusstsein in ihre jeweiligen Sackgassen fahren und den Rückwärtsgang nicht finden. Und sich dann aber auch noch beschweren wollen dauernd. Mal sehen, ob ich die Latte nicht noch ein bisschen tiefer gelegt kriege, bevor dieser Spass sein Ende hat. Lyrik, vielleicht.

II
“If you can’t change your mind, are you sure you have one?” fragt die junge Frau, die die Treppe runterkommt, in der Sprache der T-Shirts. Grade überlege ich mir eine Antwort auf diese kluge Kopfnuss, da sehe ich zugleich an der Bahnsteigkante einen zerrupften Herrn stehen, dessen Shirt mit “Sorry, mind closed until further notice” gegenhält. Ja fein! Und überlasse die beiden Weltgeist-Reisenden hübsch ihrem Dialog. Kommt auch der Zug, muss ich Rad reinwuchten und Scheuererklärung finden. Dazu gleich.

III
What do you want, Colonel, fragt der Herr hinter der Theke den Herrn vor der Theke, aber der Herr vor der Theke antwortet nicht. Also wendet der Herr hinter der Theke sich stattdessen an mich, ich bin immerhin auch ein Vortheke. The Colonel is a bit hard of hearing, erinnert er mich, als seien wir Vortheken alle eine grosse Familie von Colonels, und warum auch nicht, könnte ja sein, sieht man vermutlich schlecht von hinter der Theke. “I’d like two Rollmöpse, please”, sage ich, ein bisschen, weil ich den Satz unbedingt sagen will, und ein anderes bisschen, weil ich tatsächlich zwei Rollmöchte möpse. Grundmultitasking. Nachdem er mir die Möpse zugestellt hat, versucht es der Mann hinter der Theke noch mal, aber der Colonel hört immer noch nicht. Die Hintertheken habens auch nicht leicht.

IV
Seit Wochen schon schwankt mein Klapprad sonderbar beim Rollen. Nicht besorgniserregend, eher so, als habe es sich einen kleinen Schwipps angezwitschert und könne jetzt nicht mehr gradeaus gurken. Ich schob das Gewackel auf die Gabelführung und dachte mir nichts weiter, jedenfalls nicht übers Rad. Bis dann auch noch das Hinterrad am Rahmen scheuerte beim Fahren. Bei dummen Fahrrädern liegt das an gelockerten Radachsmuttern und erfordert eine Achsgraderückung, aber beim Brompton verbeissen sich Unterlegscheiben mit Vampirzähnen ins Rahmenmaterial, und die Achse sitzt bei jedem Wind und Wetter bombenfest.

Bescheuerterweise scheuerte es aber trotzdem. Wer Schlingern ignoriert, kann auch bei Scheuern die Augen schliessen, dachte ich mir, irrte aber, weil, bergauf gegen scheuernde Räder anstrampeln grenzt an Arbeit. Obendrein muss man dabei ziemlich fluchen, und wenn man das richtig macht, geht Ignorieren auch schlecht.

Erst im Pendelzug guckte ich mir das dann näher an. Und staunte. Am Hinterrad waren nur noch die Hälfte der Speichen am Leben, der Rest an der Nabe abgebrochen, und von den Lebenden wiederum war die Hälfte reichlich lose. Die Felge liess sich gegenüber der Nabe zentimeterweit verdrehen. Eine rollende Todesfalle. Beim Bruch der nächsten Speiche wäre das Hinterrad auf der Stelle implodiert und von den rauhen Strassen Jerseys zu feinem Staub zermahlen worden. Wäre ich grade auf einen Alligator zugefahren, oder einen weitoffenen Nilpferdschlund, man mag gar nicht drüber nachdenken. Hingefallen wäre ich womöglich auch noch.

V
Wenn er nur endlich ein Ende hätte, der Spass. Ich liesse mir sogar mal wieder ein schlechtes Gedicht gefallen von mir. T minus eins.

Saturday, May 29th, 2010

Kritik der Körperlichkeit

Interessant, wie Urteilskraft sich auflöst, wenn der Verstand sich erreimt hat, dass dem Gefühl nicht zu trauen sei. Nicht, dass die Hilflosigkeit des reinen Verstandes eine neue Erkenntnis wäre, findet man bei Hume zum Beispiel, aber sie mal eben so unmittelbar am eigenen Leib auszuprobieren, man kriegte das Experiment durch keine Ethikkommission. Und mir wirds gratis geliefert. Danke, Natur.

Verlassenheit, Beistand und Verrat, Erwartung und Enttäuschung: wacklige Interpretationen alle. Selbst klar formulierte Sätze und die Intentionen einfacher Handlungen sind ratternden und schlecht geölten Deutungsmaschinen unterworfen, die, wenn sie aufhören, rund zu laufen, schwarze Rauchschwaden werfen, fumata nera, und da steh ich dann, entscheidungslos hustend im Faktennebel. Unfehlbarkeit ade.

Was man anderen anvertraut und vorhält, Gründe, aus denen man sich freut, Ursachen der Verletzung: es ist ja alles konfabuliert und fürs Selbstbegreifen irrelevant. Man fühlt diffus vor sich hin, sucht im Katalog der Überzeugungen eine farblich zum Feeling passende Rationalisierung, und bestellt dann blind: wird schon passen. Und passt wegen starker Dehnbarkeit auch meist. Bei arger Dissonanz winkt stillschweigender Umtausch.

Sollte sich diagnostisch herausstellen, dass nichts von meiner Malaise aufs Konto des vermuteten Tumors geht, wenn das Peptid bloss den Normalfall probt, und also alle Verirrungen und Verwirrungen nicht der Drüse, sondern eben doch wieder dem Hirn zur Last zu legen wären, warum eigentlich wäre das schlimmer? Warum sollte ich verantwortlich sein, wenn mein Gehirn selbst spinnt, aber nicht, wenns nur spinnt, weils in einer Nebenschilddrüse rappelt? Warum muss überhaupt immer irgendwer schuld sein, und nicht vielmehr nichts? Kann ich denn was für den Unsinn, den meine Zellen so treiben?

Kollateral der Selbstunterwanderung: festen Grund zu finden im Sumpf zwischen Paranoia und Vertrauen ist unmöglich, wenn man schon den eigenen Füssen nicht traut. Was aber macht man mit denen, denen man entweder den Kopf mit sauren Kieseln waschen müsste, oder aber reuig die Hand reichen, und man weiss aber nicht welches? Kopf mit der Hand waschen? Saure Kiesel reichen? Und wenn man dann vorsichtshalber gar nichts macht, ist das nicht ein Punkt für die Paranoia?

Und wozu eigentlich die Nabelschau? Das Internet hat doch gar keine Ohren, nur ein System von Röhren, und eine Armee von Katzen auf der Suche nach Noms. Aber immerhin vergeht so die Zeit. Den ganzen Tag XBox geht ja auch nicht.

T minus fünf.

Thursday, May 27th, 2010

Lösungen an der Bahnsteigkante

That’s a folding bike. Euphorisch kommt das Geräusch aus dem Dreitagebart, und dann dreht er sich auch schon wieder um. Erst halte ich es für den süssen Rausch einer Weltverstehensillusion, aber eine hohe Anzugsglatze neben mir lässt ein langgezogenes und schwer zweifelndes Hmmm fahren, und hat ja recht: man sieht in andere Menschen nicht hinein und soll keine eiligen Urteile über ihre Räusche fällen. (Nebenbei: wenn im Wald ein Urteil fällt, und keiner hörts, ist dann überhaupt jemand da?)

Wirklich war es gar nicht Weltverständnis, sondern Erfindergeist, der den Bart beglückte. Jetzt dreht er sich nämlich nochmal um, die innere Blaupause ist fertiggekritzelt, und entwickelt in schnellen, präzisen Formulierungen die Vorstellungen eines Fahrradrahmens gefüllt mit Wasser, mit einem kleinen Trinkschlauch und unter Strom gesetzt, wohl um das Rosten zu verhindern. Das sei perfekt, gerade auch für Radrennen. Und dreht sich wieder weg. Eine tolle Idee, will ich den Bart schon loben, da macht es von links hinter mir wiederum “Hmmm”. Recht hat Glatze, schon wieder. Das ist doch Quatsch, wer fährt denn Rennen mit einem Klappfahrrad?

Ein drittes Mal wendet sich nun der Bart. I just had this idea, right now, right here, when I was looking at your bike, ein Geistesblitz, ein Geniestreich, und ich habe das warm rieselnde Gefühl, dabeigewesen zu sein, als Fahrradgeschichte geschrieben wurde. Hmmm, macht auch Glatze noch einmal, als der Zug schon einrollt, und fasst sich dann ein Herz und fängt doch noch zu sprechen an. This bike, sagt er und macht ein dramatisches Sprechpäuschen. I bet the Japanese didn’t make it. No, antworte ich schlagfertig. The British did.

Glatze nickt zufrieden, der Zug hält, wo er immer hält, und öffnet eine Wagentür direkt vor unserer Dreiergruppe. Glatze aber eilt einen Wagen nach rechts, Bart einen nach links, und ich gehe, ein wenig verwirrt, geradeaus, die kleine Konferenz abrupt beendet. Es wird schon alles seinen Sinn haben, vielleicht.

Wenn man übrigens unter den Sitzen der Nahverkehrszüge kleine Bier- oder Whiskyfässchen installierte, und Schläuche durchs Haltegestänge führte, man könnte sich zufriedenstellend zuballern auf dem Weg vom einen lausigen Ort an den anderen, zum Beispiel auf dem Weg von A nach B, und alles wäre ein bisschen besser, subjektiv jedenfalls. Das fiel mir jetzt grade ein, beim Schreiben übers Warten auf dem Bahnsteig. Nur falls dann später wieder die Japaner behaupten wollen, sie seiens gewesen.

Wednesday, May 19th, 2010

+2

10
Die Erde bebt bei jedem ihrer Schritte und im Gesicht trägt die Labordame die grimmige Maske der benachteiligten Minderheit, dass sofort eine rechte Gottesfurcht in jeden Patienten fahre und ihn senkrecht halte. Weshalb sie ihn ja vermutlich aufsetzt, den Grimm. Zimmer zwei, bellt sie jetzt in eine unbestimmte Richtung ins Wartezimmer hinein, ich erschrecke, und weiss also, ich bin gemeint.

In Zimmer zwei lege ich ihr den alten Laborauftrag vor, das “PTH related peptide” eingekreist und ein “follow up” daneben vermerkt. Ich erwarte jetzt ein Schauspiel der Verwirrung, aber sie ruft ohne Zögern souverän die Krankenkasse an, und lässt sich den Buchungscode für den mysteriösen Test geben. Das zieht nun auch die andere Labordame ins Zimmer, die vom Freitag. Peptide!, flötet sie begeistert, it doesn’t exist! I tried to call the doctor, aber Schwester Grimm gibt schon den errungenen Code in die Maschine ein, und der Test erscheint. Aha! Protein! ruft die ursprüngliche Schwester triumphierend, I knew the doctor wrote it wrong. Dann geht sie zufrieden davon, und ich blute noch schnell ein “Röhrchen mit lila Deckel” und ein “Röhrchen mit grünem Deckel” voll. Ich hoffe man hält mich nicht für arrogant, weil ich diese Fachausdrücke des Laborantengewerbes benutze. Der Jargon färbt ab.

Als Schwester Grimm dann “should be done in about a day or two” sagt, und ich sage, das sei durchaus in Ordnung so, und sich aber herausstellt, dass sie zwar zimmerlaut und in meine Richtung, aber eben trotzdem mit der Kollegin im Nachbarzimmer gesprochen hat, und ich dann sage, das gehe trotzdem klar mit mir, lacht sie dann doch noch. Ich sehe es in ihrem Gesicht, und spüre es im Fussboden. Geht doch.

11
Telefon am Morgen, es ist die Sprechstundenhilfe des Arztes. Die Testergebnisse seien da. Bis auf diesen einen Test da, da habe das Labor angerufen, den könnten sie da wohl nicht durchführen. PTH related Peptide, frage ich. Ja, sagt sie. Das ist geklärt, sage ich, der ist gemacht. Da gab es ein Missverständnis, das Labor verstand nichts von Peptiden, und daran habe sich zwar nun nichts geändert, aber der Test sei trotzdem planmässig durchgezogen und also alles in Butter, nämlich das PTH related protein gemessen, in bunt bedeckelten Röllchen, und das Ergebnis sei nun praktisch schon auf dem Weg in die Akte. Schön und gut, wendet die Sprechstundenhilfe schüchtern ein, aber was denn mit dem PTH related phosphate nun sei? Dann folgen ein paar Sekunden Schweigen in der spannungsvoll knisternden Leitung.

Nachdem sie meine Frage, ob sie mit Phosphaten Peptide meine, bejaht hat, erkläre ich dann noch einmal den ganzen Summs und Brumms, und sie gibt dann an, dem Doktor von diesen erfreulichen Umständen umgehend Bericht geben zu wollen. Dann legt sie auf. Ich bin in guten Händen.

Friday, May 14th, 2010

Neun Röllchen

1
Neun Röllchen liegen hier nebeneinander, so viel Röllchen war nie. Zehn wären es geworden, hätte Haroon Rashid – der Nephrologe wurde anstelle des Nephrologen – nicht “Peptide” auf meine Überweisung geschrieben statt “Protein”. Peptid, das Wort kennen sie nicht, es handelt sich schliesslich um ein diagnostisches Labor und nicht um ein Lexikon. Protein hätte es gegeben im System, das ist doch dasselbe, sage ich ohne echte Energie und Hoffnung. We can’t guess, und der Arzt geht nicht ans Telefon. Muss ich eben wiederkommen fürs letzte Röllchen und fürs Peptidprotein. Isschongud.

2
You’re done sagt sie und klebt zwei Streifen über die Haare auf meinem Arm. Machen sie immer, Blut saugen und Haare verkleben, obwohls kompletter Unsinn ist, es blutet praktisch nie nach bei mir, dafür muss ich jetzt Haare ausreissen. I think you still need to give me the bottle, murmle ich, und sie zeigt auf die Flasche, 60 Zentimeter hoch und knallorange direkt vor mir. I already did in the beginning. Ich erschrecke ein bisschen, oh yes, I kind of remember that now, sage ich, und es ist nicht mal gelogen: I kind of wirklich do.

3
Bindungspsychophysik: aus dem See aller möglichen Verbindungen hebt Oxytocin einzelne heraus, manche höher, manche kaum wahrnehmbar, und im Verbindungssee, der ruhig und einsam und kalt da liegt wie ein Gletscherausfluss, bleibt dann ein warmes Loch, in dem man sich verkriechen kann. Oben schwebt das Gelichter eine kleine Weile haltlos, fällt schliesslich zurück und verschwindet im See. Es wird dann negative Energie frei.

4
Dass man das kann, in Schleifen denken, und nicht nur ein Ereignis, sondern auch seine Mitteilung und die Umstände seiner Mitteilung und der Kontext der Umstände und die Geschichte des Kontexts bewerten und sich zu Herzen nehmen und zu Tode begrübeln, das ist doch eher: lästig. Hirn schön und gut und nützlich, aber es geht doch auch eine Menge Käse drin vor.

Schuhe binden, andererseits, und mit Doppelschleife: kann man brauchen. Dafür danke, Kindheit.

5
Der Unterarm ruht warm auf meiner Hüfte während sie mir verschleimtes Plastik in die Rippen drückt. Eine vage Erinnerung an Erotik, und ein: vergiss es.

Kurz frage ich mich, warums eigentlich nicht brummt, aber dann: ist ja ultra. Ultra brummt net.

6
Ergebnisse gibt es keine, sagt die Dame vom Ultraschall zu mir, I don’t read these, mit entschuldigendem Lächeln. Dabei starrte sie doch minutenlang auf Schallbilder meiner Eingeweide, das ist ja wohl lesen, wie ein Augur in der Gans oder Taube liest. Sag mir, was du sahst, schöne Frau, und mach die Angst weg und das Elend. Aber ich nicke natürlich nur stumm, schon auf dem Weg nach draussen, an den anderen Angespülten vorbei. Furchtsame Gesichter in Wartezimmern: eine Photodokumentation.

7
Wenn ich mir das ausdenke und zusammenhypochondriere, diesen Schmerz beim Urinieren, das Unwohlsein, den dumpfen Druck, die ganzen verdächtig passenden Symptome; wenn die überfunktionierende Drüse das unterfunktionierende Ich nicht erklärt obwohl sies könnte; wenn es keine Operation geben wird, oder sie dabei die Verzweiflung im Bauch vergessen am Ende, und mich aber trotzdem wieder zunähen: wer nimmt mich dann freundlich bei der Hand? Mutter Natur, wo ist dein Lolli?

8
Ich starre dem Geld in die Gesichter, fünfzig Cent brauche ich, warum brauche ich die noch mal, und wie viele sind da in meiner Hand, zwei kleine, ein mittleres und ein grosses Gesicht, sind das denn fünfzig? Ich presse angestrengt, aber die Zahlen kommen nicht, Kanal verstopft. I’m broken sage ich nach einer Weile, und you’ll get over it antwortet der dicke Pizzabäcker sofort und zuversichtlich. Neben ihm steht die Hübsche, die immer schon vorher weiss, was ich gleich bei ihr bestelle. Ich würde gerne mal mit ihr reden, aber ich weiss nicht, wie.

9
Gatterklettern, Bretterpfad durch Mangroven, Vogelrufe im lichtlosen Unterholz. Die Unterhaltungen der in Grüppchen und Paaren dem Partylärm Entflohenen werden leiser und verschwinden in Wind und Laub. Am Strand erschöpftes Liegen, allein im Brandungs- und Gedankenrauschen, in das sich bald Stimmen drängen: eine bekannte darunter, vielleicht. Zögernd nähere ich mich der kleinen Silhouettengalaxie mit ihren Partyleuchtringen, aber nur Stimmfetzen schweben über den Wassern. Trunken und dunkel in Wurfweite stehe ich, bis der Schatten laut genug spricht und ich ihn doch noch erkenne. I know that guy, rufe ich beim Näherkommen, aber es hilft nicht, die Nachtstrandkonventionen sind verletzt, ich bin jetzt der Mann aus dem Dunkel. Ich fliehe ins Meer, und tanze die schwankende Devolution. Einzeller, ich komme.

Nach der Diskussion über Neurophilosophie mit einem anderen Schatten schwimme ich weiter nach draussen und fange leuchtende Tiere in meiner Unterhose. Universen aus Wolken und Sternen und Galaxien, die momentweise auflodern und wieder vergehen. You really creeped the girls out, sagt der bekannte Schatten später, und ist seltsam begeistert davon, vielleicht weil er sie so selbst in Schutz nehmen konnte vor dem Monstrum. Nichts Neues. I’ll get over it.

Thursday, April 29th, 2010

MADDness

Reasons to keep the drinking age at 21: Since the drinking age in New Jersey was raised to 21, the number of young people killed in drunk driving crashes has dropped nearly 78%. Need we say more…

I’ve stared at this claim numerous times, while being carried hither and tither by PATH. In it, MADD, the non-profit that took its name from Alhazred’s infamous Acronomicon (A Complete Reference Of Nerdy Or Maximally Impossibly Convoluted Organization Names) is trying to rally support for their cause, and they’re doing it in a way that makes my number sense go off. To the Mathcave!

First: they don’t tell us what they base their numbers, excuse me, what they base their number on. 78% of what, taken from which source, and calculated how? I realize it’s just a small subway ad, but it does manage to mimic a statistical claim quite well. Which it frankly isn’t. It’s an unfounded and barely even meaningful assertion.

Second, they don’t mention when exactly this raising of the drinking age happened, do they? It happened way back in 1982. In the 28 years since, the number of fatal accidents overall might have dropped considerably. Given the safety advances since then, it’s a fair bet it has. If it had dropped by as much as 80%, the number MADD gives us for drunksters would be merely the average drop. The same were true if just the number of young people on the road, or the number of young involved in any kind of crash, had dropped by 80%. In fact, there is a whole host of variables that a claim like this one needs to be controlled against for it to have meaning.

Third, the drop is in “young people killed in drunk driving crashes”. Sounds like that also includes crashes caused by drunk adults. Which are irrelevant to the question of drinking age.

And fourth, how many saved lives do those 78% actually correspond to, and what fraction are they of the total number of young people killed in traffic accidents? If both were small numbers, would the good of the few really outweigh the good of the many here? While this argument assumes there is a net benefit from getting drunk, which itself may seem debatable, there is no foregone conclusion either way. Not allowing people under 21 to drive at all would make their fatalities drop even further, yet I don’t envision that implemented any time soon. The cost would be too high.

Just to be clear: I think drunk driving is irresponsible and stupid at any age, and young people, especially males, are much more likely than the average to do it. They can’t help it, their frontal lobes are hormonal mush. But whether or not raising the drinking age lowers the risk is an empirical question that deserves proper treatment. Mothers, do not mislead us! It makes us SADD (Scientists Against Data Distortion).

Wednesday, April 28th, 2010

A story about Fodor

And here [Pinker] is on why we like to read fiction: ‘Fictional narratives supply us with a mental catalogue of the fatal conundrums we might face someday and the outcomes of strategies we could deploy in them. What are the options if I were to suspect that my uncle killed my father, took his position, and married my mother?’ Good question. Or what if it turns out that, having just used the ring that I got by kidnapping a dwarf to pay off the giants who built me my new castle, I should discover that it is the very ring that I need in order to continue to be immortal and rule the world? It’s important to think out the options betimes, because a thing like that could happen to anyone and you can never have too much insurance.

Says Jerry Fodor, in his review of Pinker’s How the Mind Works. I am fascinated whenever clever people say stupid things, and this certainly looks like a prime specimen. Can Fodor really think that the above constitutes a valid argument of any kind? That stories, if they are useful as mental sandboxes, must be literal mental sandboxes? That rings must be rings, dwarves must be dwarves and immortals must never die? That, in other words, there is a naively naturalistic mapping for everything mentioned in a story to the identical thing in the world, and allegory and metaphor do not even exist, nor usually carry intentional and ofter moral arguments? Surely that would be ludicrous, but just as surely, the above “argument” seems founded on such ludicrosity.

There certainly are interesting things one could learn from this, about how one’s pet theories bias the mind, or how being too immersed in the dreamy Language of Thought will make one ignore reality. It’s called cognitive dissonance and quite a fascinating phenomenon itself. But I think what I’ll take away is not to read book reviews by people I heartily disagree with and listen to Das Rheingold instead. Wagala weia.

Tuesday, April 27th, 2010

Inventur

Dies ist meine Niere,
dies meine Galle,
hier zuviel Kalzium,
im Blutstrom gelöst.

Herzesschläge:
sind schnell, sind erratisch,
Elektroden und Plotter,
zerkratztes Papier.

Die Kurve, so sagt er,
ist harmlos verändert,
neidvolle Blicke
begleiten zur Tür.

Im Blutstrom derweil
Gespanntheit und Drängen,
im Überdruck treibt
viel Cholesterin.

Die Leber erzeugt es,
im emsigen Treiben,
der Bändigung tauge
Atorvastatin.

Die Nierenmalaise
fürcht ich am meisten:
schon zeigen sich Spuren
im fahlgelben Saft.

Dies ist mein Neuron,
dies seine Schwärze,
dies der Transmitter,
dies ist mein Hirn.

Thursday, April 22nd, 2010

Und was führt Sie her?

  • zucken tote Fische Kochsalz
  • brompton stupid
  • wie heißt das auf deutsch; Take it hau i t on the kopp of a to give of
  • fische sind feige
  • sex with animals
  • riesiger steinklumpen
  • rausgeschnittene zunge
  • kaputte typen homepage
  • stilles trinkwasser bunte getränkeflasche
  • kummer dose diktat
  • The Perfect Ass – Riesen-Po black
  • Feeling Like a Fraud german
  • fische selbstzerstörerisch
  • würmer in der küche
  • defenition of the word ¨untenrum¨
  • translate der hund ist ja sweet


Tuesday, April 20th, 2010

Phänomenologie des Geisteskranken (3)

Treets!
III. Unterdessen, anderswo.

“I feel I must interject here. You’re getting carried away feeling sorry for yourself” (Postal Service, Nothing Better)

Es ist ja nicht so, dass mich diese Dinge nicht interessierten. Billy Wilder soll einen flüchtigen Ideenschmetterling, der ihm mehrfach nachts durch die Träume flatterte, und der jeweils am nächsten Morgen verschwunden war, in einem Zettel-und-Stift-Netz neben seinem Bett gefangen haben, und als er das schillernde Insekt am nächsten Morgen bestaunen wollte, gespannt auf den Einfall, der dem Traum zufolge zum besten Film führen würde, den er je gedreht hatte, stand auf dem Zettel: “boy meets girl”. Denn es ist ja so: alles ist interessant und wichtig für den, der die Hauptrolle spielt. Und dem Publikum ist aber vieles fad und banal. Beziehungen bröseln unter Stress und mit der Zeit, Freundschaften sind schwierig, wo die Liebe mitmischt, Geldsorgen essen Seele auf, der Tod ist gross und wir die seinen, filled with the faults they had. Und so weiter, in ewiger Wiederkehr. Und eben Widerkehr auch.

Alles natürlich monumental, wenn man drin eingesperrt ist, aber gleichzeitig doch auch sehr bla, Alltagsgewürge, banaler Kram letztlich. Der Mist dieses Kleinviehs kann doch nicht sein, weswegen ich jetzt Pillen schlucke als wärens Treets, und trotzdem die Hälfte der Zeit emotional durch die Gegend taumle wie ein angetrunkener Albatross beim Landen.

Moment. Treets?

An Treets hatte ich zwanzig Jahre lang nicht gedacht, und dann fiel mir neulich in einem Gespräch über Affenspezialfutter plötzlich ein: die hiessen so, weil es treats sind: Feiertagsnüsschen im Schokomantel. Das Strahlen der Erkenntnis in meinem Gesicht, das rein gar nicht in dieses Gespräch passte, versuchte ich dann umständlich zu erklären, es blieb aber wohl unverstanden. Treets. Mannmann.
Im Hirnsieb sammelt sich so viel Schotter über die Jahre, es ist ein kleines Wunder, dass aus dem Kopf überhaupt noch sinnvolle Geräusche kommen ab zirka dreissig, und nicht nur noch inkohärente Nostalgie und Assoziationen zu Stellvertretersachen für ein damals und ein dort, für eine Kultur und ein Milieu. “Kennst du das” und “weisst du noch”, die Hauptsätze der Zugehörigkeitsrechnung. Dabei ist Differentialrechnung doch viel interessanter. Gleichheit definiert die Spezies, der Unterschied macht das Individuum.

Trotzdem, Auswanderer kleben weltweit zusammen wie ein Bienenschwarm auf Höhlensuche. Mir war lange nicht klar, warum das so ist, es schien wie das Klischeeeisbein (Triple-E Qualität! Kein Flachs!), des deutschen Urlaubers im Süden, ein ängstlich paradoxes Klammern ans Vertraute, wo man doch reist, um die und das Fremde zu erleben. Oder jedenfalls das Gefühl des Erlebnisses zu haben. Möglicherweise ist das Kennenlernen der Fremde ja ebenso unmöglich, wie einem Japaner unmöglich ist, die R- und L-Raute zu unterscheiden, aber herrje, versuchen kann mans doch wenigstens.
Aber nichts da. Beim Chinesen auf Spadina sitzen die Chinesen und speien gemütlich die Knorpel auf die Tische, im Latino-Supermarkt von Jersey City shoppen die Latinos in sauber nach südamerikanischem Land geordneten Regalreihen, wie zu Hause in der alten Heimat, und deutsche Besucher sind begeistert, wenn es irgendwo Bratwurst gibt und richtiges Bier. In New York!

Aber wer braucht Bratwurst, wenn er Internet hat? Man kann mich unter die Hippies werfen und unter die Homies, dachte ich, es bleibt immer der Rückzug in die Online-Horde, in die Ersatzfamilie, anstelle der dysfunktionalen echten. Nur dass diese Horde aus Einsen und Nullen besteht, und nicht aus Menschen, und lange Ketten aus Einsen und Nullen summieren sich für den sozialen Instinkt zu einem Nichts. “Was fehlt: Fernlausen” schrieb K. jüngst in eine dieser virtuellen Hütten; denn dem bloss geschriebenen Wort ohne persönliche Rückkopplung, ohne Achselgeruch und Augenrollen und Mundwinkelzucken, fehlen Bindungskraft und affektive Eindeutigkeit. Man kann das lange ignorieren, ein Fortschritt gegenüber der guten alten Zeit, in der Exilanten gleich nach Ankunft in Finsternis versanken. Aber irgendwann wird die Rechnung trotzdem fällig. Und dann helfen nicht mal mehr Käseknacker.

Igitt.