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Treets!
III. Unterdessen, anderswo.

“I feel I must interject here. You’re getting carried away feeling sorry for yourself” (Postal Service, Nothing Better)

Es ist ja nicht so, dass mich diese Dinge nicht interessierten. Billy Wilder soll einen flüchtigen Ideenschmetterling, der ihm mehrfach nachts durch die Träume flatterte, und der jeweils am nächsten Morgen verschwunden war, in einem Zettel-und-Stift-Netz neben seinem Bett gefangen haben, und als er das schillernde Insekt am nächsten Morgen bestaunen wollte, gespannt auf den Einfall, der dem Traum zufolge zum besten Film führen würde, den er je gedreht hatte, stand auf dem Zettel: “boy meets girl”. Denn es ist ja so: alles ist interessant und wichtig für den, der die Hauptrolle spielt. Und dem Publikum ist aber vieles fad und banal. Beziehungen bröseln unter Stress und mit der Zeit, Freundschaften sind schwierig, wo die Liebe mitmischt, Geldsorgen essen Seele auf, der Tod ist gross und wir die seinen, filled with the faults they had. Und so weiter, in ewiger Wiederkehr. Und eben Widerkehr auch.

Alles natürlich monumental, wenn man drin eingesperrt ist, aber gleichzeitig doch auch sehr bla, Alltagsgewürge, banaler Kram letztlich. Der Mist dieses Kleinviehs kann doch nicht sein, weswegen ich jetzt Pillen schlucke als wärens Treets, und trotzdem die Hälfte der Zeit emotional durch die Gegend taumle wie ein angetrunkener Albatross beim Landen.

Moment. Treets?

An Treets hatte ich zwanzig Jahre lang nicht gedacht, und dann fiel mir neulich in einem Gespräch über Affenspezialfutter plötzlich ein: die hiessen so, weil es treats sind: Feiertagsnüsschen im Schokomantel. Das Strahlen der Erkenntnis in meinem Gesicht, das rein gar nicht in dieses Gespräch passte, versuchte ich dann umständlich zu erklären, es blieb aber wohl unverstanden. Treets. Mannmann.
Im Hirnsieb sammelt sich so viel Schotter über die Jahre, es ist ein kleines Wunder, dass aus dem Kopf überhaupt noch sinnvolle Geräusche kommen ab zirka dreissig, und nicht nur noch inkohärente Nostalgie und Assoziationen zu Stellvertretersachen für ein damals und ein dort, für eine Kultur und ein Milieu. “Kennst du das” und “weisst du noch”, die Hauptsätze der Zugehörigkeitsrechnung. Dabei ist Differentialrechnung doch viel interessanter. Gleichheit definiert die Spezies, der Unterschied macht das Individuum.

Trotzdem, Auswanderer kleben weltweit zusammen wie ein Bienenschwarm auf Höhlensuche. Mir war lange nicht klar, warum das so ist, es schien wie das Klischeeeisbein (Triple-E Qualität! Kein Flachs!), des deutschen Urlaubers im Süden, ein ängstlich paradoxes Klammern ans Vertraute, wo man doch reist, um die und das Fremde zu erleben. Oder jedenfalls das Gefühl des Erlebnisses zu haben. Möglicherweise ist das Kennenlernen der Fremde ja ebenso unmöglich, wie einem Japaner unmöglich ist, die R- und L-Raute zu unterscheiden, aber herrje, versuchen kann mans doch wenigstens.
Aber nichts da. Beim Chinesen auf Spadina sitzen die Chinesen und speien gemütlich die Knorpel auf die Tische, im Latino-Supermarkt von Jersey City shoppen die Latinos in sauber nach südamerikanischem Land geordneten Regalreihen, wie zu Hause in der alten Heimat, und deutsche Besucher sind begeistert, wenn es irgendwo Bratwurst gibt und richtiges Bier. In New York!

Aber wer braucht Bratwurst, wenn er Internet hat? Man kann mich unter die Hippies werfen und unter die Homies, dachte ich, es bleibt immer der Rückzug in die Online-Horde, in die Ersatzfamilie, anstelle der dysfunktionalen echten. Nur dass diese Horde aus Einsen und Nullen besteht, und nicht aus Menschen, und lange Ketten aus Einsen und Nullen summieren sich für den sozialen Instinkt zu einem Nichts. “Was fehlt: Fernlausen” schrieb K. jüngst in eine dieser virtuellen Hütten; denn dem bloss geschriebenen Wort ohne persönliche Rückkopplung, ohne Achselgeruch und Augenrollen und Mundwinkelzucken, fehlen Bindungskraft und affektive Eindeutigkeit. Man kann das lange ignorieren, ein Fortschritt gegenüber der guten alten Zeit, in der Exilanten gleich nach Ankunft in Finsternis versanken. Aber irgendwann wird die Rechnung trotzdem fällig. Und dann helfen nicht mal mehr Käseknacker.

Igitt.

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