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Friday, December 12th, 2008

that’s deep, man

Freiheit ist, wenn man gezwungen wird, sich zu entscheiden.

Thursday, December 11th, 2008

Türhütchenspiel

Ich navigiere nach Sternchen. Der Regen hat mir die Brille vollgekleckert, aber das hundertfache Spratzeln im Weihnachtsbaum vor dem Gebäude ist nicht zu übersehen. Auf den Stufen winkt mir ein Türhüter zu, schnell falte ich das Rad zusammen und folge dem Wink, Türhüter lässt man nicht warten.

Drinnen blockiert ein Kinderchor meinen Weg. Hinter dem Kinderchor ein Beamtenheer in Weihnachtsmützen, und hinter dem Heer ein zweiter Kinderchor. Den Bewegungen von Mund und Kinderkörpern nach zu urteilen wird da in der Lobby gesungen, wegen heftigen Heergeschnatters ist aber nichts zu hören. Mein Gerichtssaal ist 105, ich habe noch fünf Minuten und ignoriere also Heer und Chöre. Ein grosses Schild zeigt nach 104. Für den Anfang nicht schlecht. Ich eile pfeilwärts.

Der Gang endet an der Tür zu 104. In der anderen Richtung werden die Nummern kleiner, in der Mitte springt ein Kinderchor, also weiche ich klug in den ersten Stock aus. Der Amerikaner sagt zweiter Stock dazu. Hier huschen Aktenträger von Tür zu Tür, zu schnell, sie anzusprechen, aber vor dem Büro eines Herrn Mayor steht ein Geheimagentlookalike und bewacht. Wo denn Raum 105 sei, frage ich. Er guckt. Ich wiederhole. Er guckt immer noch. 104, sagt er, ist da unten. Er zeigt auf den Boden. Er macht eine Pause. 106, sagt er, ist da hinten rechts unten. Da müsste dann auch 105 sein. Kinderchor, sage ich, Blockade. Er zeigt mir eine Umgehung und eine andere Treppe.

Der Gang, in den der Treppenschacht sich öffnet, endet an der Tür zu Raum 106. In der anderen Richtung werden die Nummern grösser. Ich betrete Raum 106 und frage die hinter einer enormen Theke verschwindende Rezeptionistin nach Raum 105. In diesem Gebäude, sagt sie, gibt es keinen Raum 105. Vorladung sage ich und wedle mit dem Zettel. Oh, sagt sie, ein Strafzettel. You want the court. Next building. Kurze Pause. Kinderchor, sage ich. Sie zeigt mir eine Umgehung und einen anderen Ausgang.

Draussen kleckert mir Regen auf die Brille. Es ist jetzt fünf Minuten zu spät, und das Rad in meiner Hand etliche Kilo zu schwer. Gerichtsgebäude. Ich stehe vor dem Securitycheck, lese Schilder, um sicherzugehen, dass es hier einen Raum 105 gibt, man weiss ja nie heutzutage. Can I help you, Sir, fragt eine Polizistin, in eigenartiger Mischung von Fürsorge und Misstrauen. Ich habe aber mittlerweile eine 105 auf dem Schild gefunden und trete an den Metalldetektor. I need to go in, sage ich ein bisschen sinnlos. Was sollte ich sonst hier wollen? Knüppelsuppe?

Sie guckt mein Rad an, dann mich. Dann einen dicken Beamten, der hinter ihr auf der Treppe steht. What should I do with the wheelchair, fragt sie den Beamten. Der Beamte starrt. Show me, sagt er schliesslich. It’s a bike, sage ich, und zeige ihm das Fahrrad. Just bring it through and step out again. Der Metalldetektor piept einmal beim Reingehen und einmal beim Rauskommen. Ich lege meinen restlichen Metallkram in ein Plastikkörbchen, gehe unbepiept durch den Detektor, sehe zu, wie das Körbchen unbeobachtet durch die Durchleuchtung rollt, während die Durchleuchterin sich um das Befüllen der Körbchen derer kümmert, die nach mir kommen. Ich klaube meine Sachen auf, nehme meinen Rollstuhl und gehe wohin der Pfeil mit der 105 drauf mich schickt.

(to be continued)

Wednesday, December 10th, 2008

Vor dem Gesetz

Morgen trete ich beim städtischen Gericht zum Termin an. Am Tag als Obama zum obersten Hab-Dich-Lieb-Bärchi von der ganzen weiten Welt gewählt wurde, wollte ich, viel bescheidener, einfach nur mit meiner Monatskarte Zug fahren. Das erste Drehkreuz sagte: Karte doof. Das zweite sagte: Karte grade erst benutzt. Das dritte sagte das auch. Der Zug stand schon da, jemand ging durch den Behinderteneingang und ich witschte hinterher, bevor er sich wieder schloss, wie ein Wiesel so flink. Es witschten aber auch drei bullige Polizisten, und zwar er-, und zwar mich. Sie schrieben Lügen auf einen Zettel (“actor entered fare zone without attempting to make posted payment”), streckten die Pistolenseite ihrer Hüfte in die kühle Luft und schickten mich in die Nacht. Ich würde dann von ihnen hören. Bzw vom GESETZ. Muaha. Ha.

Einem Kollegen war exakt dasselbe passiert, ein paar Tage vorher, und als ich vor einer Woche die Vorladung bekam und ihm davon erzählte, wunderte er sich, dass er noch keine hatte. Er rief beim Gericht an und staunte nicht schlecht: ein Haftbefehl war schon ausgestellt. Wegen Nichtdurchziehens einer bezahlten Monatskarte. Es mag ja gegen die Beförderungsbedingungen verstossen, aber ist es nicht wichtiger, dass der Geist des Gesetzes rhabarber kompott?

Gestern im Schnapsladen dann las ich auf einem Plakat, dass man Minderjährigen doch bitte keinen Alkohol kaufen solle, denn: It’s not only illegal, it’s also wrong!

Und so gab alles doch noch einen schönen Sinn.

Ich dreh mich schon gar nicht mehr um wenn ich von hinten angesprochen werde, aber diesmal hab ich nix verstanden und muss doch. Is that a Brompton, fragt der stämmige Schwarze. Yes, sage ich, it is. How is it for bigger people? fragt er. Us bigger people, meint er vermutlich.

Das ist immerhin zweites Level der Fahrradverehrung. Menschen, die von Klappfahrrädern wissen und praktische Fragen haben anstelle der Frage nach dem Herkunftsplaneten des UFOs. Well, sage ich, it’s fine for me. Die Sattelstange gebe gelegentlich ein wenig nach, aber ansonsten sei alles gut am Rad. Ja, auch der Reifendruck sei mir durchaus gewachsen.

Die Rolltreppe endet mit der üblichen Frage nach dem Preis, dann hebe ich das Fahradpaket übers Drehkreuz und geh auf den leeren Bahnsteig. Zug grade weg. Kein Problem. Buch.

That folds up tight sagt der beleibte Schwarze als er sich neben mich setzt. Yes, sage ich, ohne aufzublicken, and it folds really quick. I never had a Dahon, but these are much better designed for folding up. Ich ramble noch ein paar Sätze weiter und blicke nun doch auf, und da sitzt ein ganz anderer dicker Schwarzer und guckt als werde er grade in Reaktion auf eine kurze Bemerkung mit rätselhaftem Zeug zugequatscht.

Ich bin dann still und er telefoniert und ich lese im Buch.

Friday, November 28th, 2008

politics and sausage

More important than seeing
something made
is seeing it
unmade

For what matters most
is was hinten
rauskommt.

Saturday, November 22nd, 2008

Newark, Ironbound

Bike pushed past the ghosts of cars,
Asphalt cracked like glass,
Grasses grew and withered on the faults
Drying in the sun.

The sun sets down,
mud of poisoned river.
I shiver with anticipation,
Of winters yet to come.

Come back from Rite Aid,
Two plastic bags lend meaning,
leans against the wind
and treads on parallel path.

To me this place is wasteland,
decaying, battered, polluted,
Displaying spoils of battle
She wanders to her home.

Thursday, November 20th, 2008

Anfang und Ende

Am Ende, wenn es von den Stühlen klatscht und aus den Gängen fragt, stehen immer ein paar auf und gehen, schnell, und ohne zurück zu blicken, woandershin, wo es interessanter ist. Manchmal kommt auch jemand, setzt sich einen Vortrag lang, steht auf, geht wieder. Der Laserpointer wird warm und feucht, der Punkt möchte ein Diagramm entlangwandern auf der Leinwand oder auf der Stirn der Moderatorin funkeln einen anarchischen Moment lang, aber ich lass ihn nicht. Jetzt hat jemand Gesichtern den Mund übermalt, durch einen verwaschenen hautfarbenen Fleck, und gleichzeitig noch die Stimmen verrauscht. Wenn man sich das ansieht, sagt er, als Film, dann guckt man den Gesichtern mit dem Mundfleck und den verrauschten Stimmen direkt unter die Nasenspitze – und wirklich wachsen da abwechselnd blaue Bällchen in den Nasenlöchern – weil man die Lippenbewegungen noch ein bisschen sehen kann zwischen Nase und Mundfleck. Ich höre aber kaum hin, gleich bin ich selber dran, es klatscht, es fragt, ich gehe die drei Treppen nach oben und überblicke meine Untertanen. Zwanzig sind noch da, nein, achtzehn, grade gehen noch zwei. Ich drücke auf das Slideshowsymbol und hebe den Pointer, der jetzt kühl ist und trocken. „This”, sage ich, “is what we wanted to tell you about today.” And so it begins.

Wednesday, November 19th, 2008

Memento

Wie das wäre, wenn man nicht wüsste, wie es gestern war, hat man ja ganz gut in diesem Film da gesehen: man liefe mit Tätowierungen durch die Gegend und wäre an allem selbst schuld (vereinfacht dargestellt). So ging es dem Patienten N.M. in den fünfziger Jahren, nachdem das Rauszupfen des hinteren Teils seines Temporallappens die Epilepsie nicht heilte und das Doktorenteam dann auch noch den Hippocampus, das sogenannte Seepferdchengehirn, rauszupfte. Das Seepferdchengehirn ist wichtig fürs Erinnern, und N.M. konnte von diesem Moment ab keine neuen Erinnerungen mehr anlegen. Das ist vermutlich ungefähr so furchtbar, wie es klingt, zum Beispiel, weil er sich Preisänderungen nicht merken konnte, und die Inflation ihm vermutlich bei jedem Einkauf von neuem das Gefühl gab, fürchterlich betrogen zu werden. Immerhin sind die endlosen Versuche, die mit ihm unternommen wurden, sicher besser zu ertragen, wenn jeder Tag der erste ist. Ganz schön ausserdem die kleine Geschichte, in der N.M. über Tage hinweg lernte, einen Stern im Spiegel nachzuzeichnen. Er habe erwartet, sagte er nach drei Tagen üben, dass dieses Spiegelzeichnen schwieriger sei – er erinnerte sich nicht mehr, das gelernt zu haben.

Wednesday, November 19th, 2008

Spieglein, Spieglein

Ich habe, und ich sage das vorerst ohne Wertung, in den vier Tagen der Konferenz bislang noch keinen einzigen Kurzvortrag gehört und kaum Poster gesehen. Ich war bei den Buchhändlern, aber nur, um ein Buch mit Konferenzrabatt zu kaufen, das ich sowieso wollte, und ich habe mir viele der Grossvorträge angesehen, im Raum mit den 10 Grossleinwänden, vorgetragen von einer Ameise am Horizont. Heute zum Beispiel ging es um Spiegelneurone, die entdeckt wurden, als ein verkabelter Affenkopf nicht nur knisterte, wenn er sich selber was in den Mund schob, sondern auch, wenn der Versuchsleiter dem Affen das Leckerli wegfrass. Dieselbe Zelle reagierte auf “Nahrung in den Mund stecken”, egal, wers tat. Man staunte.

Mittlerweile kennt man viele Sorten dieser Neuronen, und die interessanteste Seite dieser, äh, vielschichtigen Medaille ist, dass dieses Spiegelsystem bei Autisten offenbar versagt. Sieht ein Autist jemand anderen etwas tun, fühlt sich das kein bisschen so an, als täte er das, und weil diese Neuronen auch Absichten und Gefühle spiegeln – was sich natürlich bei gegenseitigem Feedback dann ganz schön hochspiegeln kann -, sind für den Autisten dann andere Leute nichts als Zombies. Or so the story goes.

Mit anderen Worten: die Mirrorneuronen in meinem eigenen Kopf sind der Grund dafür, dass Ihr alle keine Zombies seid. Eat that, Philosophie.

Saturday, November 8th, 2008

On a rainy day in November

Necks stretched long,
Ruffled feathers sparing me a wary eye
little minds accept the offering,
me moved, yet silent, still.

From above an apparition,
brown, wet, a twitching tail,
drops among them,
– in avian surprise
they scatter and are gone.

Stepping close I lift a finger,
imagine furry warmth,
but seeing this the stranger startles,
and drops the seed, and lifts his tail,
hisses something in a foreign voice,
and flees me for the freezing rain.